Juliabend in Alicante: Kunden als Könige oder als Gefangene eines zerstörerischen Systems? Foto: Ángel García

Kaiser auf Kleiderbergen

Noch bis 5. September läuft der Sommerschlussverkauf – Vom unethischen Geschäft mit den Klamotten S...

Noch bis 5. September läuft der Sommerschlussverkauf – Vom unethischen Geschäft mit den Klamotten Stefan Wieczorek. Was wäre, wenn Andersens Märchen „Des Kaisers neue Kleider“, spanisch „El rey desnudo“, im Jahr 2019 spielen würde? Zum einen wäre dem veräppelten Herrscher noch größere Häme sicher – dank Smartphones und Sozialen Netzwerken. Vielleicht bekäme er aber auch Lob. Schließlich nahm er – da seine Tracht ohne Stoffe auskam – vom globalen Textilmarkt Abstand. Und dass mit der Branche etwas gewaltig nicht stimmt, bemerken immer mehr Menschen. In der Stadt fällt das zunächst nicht groß auf. In Alicante drängen wochentags wie am Wochenende Massen durch die Shopping-Straße Maisonnave. Bis 5. September laufen die „Rebajas“, also der Sommerschlussverkauf. Die Jäger der Schnäppchen verzichten lieber auf Fragen wie „Unter welchen Bedingungen wurde das hergestellt?“ oder „Was passiert damit, wenn es nicht verkauft wird?“, wenn sie ein von fünf auf 2,50 Euro reduziertes Hemd oder Kleid anlächelt. In den Kaufhäusern wie El Corte Inglés, der auch am Sonntag, 25. August, ganztägig öffnen wird, siegen Look und Wohlfühlfaktor. Ins zweite Glied rücken die älteren Kleider im Schrank, die noch vor Kurzem in der Einkaufstüte Freude brachten. Schuld ist ein Verkaufsmarketing, das in seiner List den Schneidern aus Andersens Märchen in nichts nachsteht. Unsichtbar ist hier aber nicht die kaiserliche Kluft, sondern – das meint die Fair-Trade-Vereinigung Setem aus Madrid – ein Schmutz ethischer Art, der an den Kleidern hängt.

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