Ein Mann taucht Schifssmodelle in den Salzsee von Torrevieja.
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Salzschiffe, ein selten gewordenes Kunsthandwerk in der rosa Lagune von Torrevieja.

Ausflugstipp Costa Blanca

Torreviejas Lagunen: Wo das Salz in die Tränen kam

  • Marco Schicker
    VonMarco Schicker
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Zwei große Pfützen neben dem Meer, die rosa und die blaue Lagune, sie sind wie flüssige Festplatten der Geschichte der Gegend. Torrevieja wurde auf Salz gebaut, das hier so unstet ist wie feiner Sand. Die letzte Idylle Torreviejas ist in Gefahr. Ein nachdenklicher Ausflugstipp.

Torrevieja - Luis de Santángel, geboren 1435 in Valencia, Finanzier der Katholischen Könige und der „Indien“-Fahrt eines gewissen Christoph Kolumbus, kam auf die Idee, in den Senken im großen Stil Salz abbauen zu lassen. Mal wieder, denn wohl schon Römer, Goten, Mauren schöpften hier das "weiße Gold", wie Reste uralter "Konservenfabriken" für Fisch belegen. Mit dem Gewinn aus dem Salz finanzierten die katholischen Gotteskrieger ihren finalen Kreuzzug gegen die letzte Maurenfestung Spaniens und 800 Jahre Kulturgeschichte. Granada 1492. Das Salz Torreviejas, das damals noch gar nicht existierte, als Würze für Spaniens Schicksalsjahr. Davor und gleich danach stritten sich die Kronen von Aragón und Kastilien herzhaft um diese Gegend, erst nach dem Erbfolgekrieg Anfang des 18. Jahrhunderts waren die Fronten geklärt.

Wasservögel bevölkern die Lagune von Torrevieja.

Die rosa Lagune gehörte seit dem Ender Maurenzeit, hier also ab Mitte des 13. Jahrhunderts sehr lange zu Orihuela, dem mit Alicante mächtigen Doppelbistum, das 30 Kilometer vom Meer entfernt liegt. Durch Zuleitung von Meerwasser durch einen Kanal versuchten die Orihuelanos den Salzgehalt der Lagune so zu senken, dass darin Fische gedeihen konnten. Das gelang nur unter großem Aufwand und war nie rentabel, die Natur versalzte den Leuten immer wieder den Fisch.

Die rosa Lagune von Torrevieja im Wandel der Zeiten

Dieser Kanal de Acequión existiert noch heute, er führt von der gleichnamigen Playa über den Platz der alten Bahnstation zur Lagune. Eine winzige Bogen-Brücke über den Kanal ist, neben dem Maurenturm in La Mata, das mit Abstand älteste Bauwerk Torreviejas. Die Feldsteinbrücke stammt wohl aus dem 17. Jahrhundert, womöglich ist sie noch älter, gehört also eigentlich Orihuela. Sie ist in einem bedauernswerten Zustand, wie alles, was in Torrevieja nicht vordergründig zweckdienlich ist. Sie soll jetzt restauriert werden. Von solchen Ankündigungen allein hätte sich Torrevieja schon ein Dutzend Paläste bauen können.

Torrevieja, das gibt es erkennbar erst ab ungefähr 1830, zuvor waren da nur ein paar Fischerhütten, Bauerngehöfte und einige Verschläge von Salzarbeitern. Die Stadt gründete sich in den Salzboom hinein, ihren Höhepunkt erreichte die Salzindustrie hier nämlich am Ende des 18. bis mit Mitte des 19. Jahrhunderts mit dem Bau der Verladestation, heute die Eras de la Sal neben dem Club Náutico. Sie wird bis 2022 mit Millionen von Stadt, Land und Provinz in eine Art historisches Stadtzentrum mit Event-Charakter reanimiert: die alte hölzerne Salzbrücke mit den Verladeklappen von um 1770 als elegante Promenade in den Sporthafen, das Zollhaus als Konzert- und Eventareal und als „Museum des Meeres und des Salzes“. Mehr zur Restaurierung des Salzhafens von Torrevieja.

Schleppkähne bringen das Salz von den einzelnen Booten in der Saline von Torrevieja an Land.

1871 verkaufte der wieder einmal klamme spanische König fast alle Salinen, behielt nur einige „strategische“, darunter auch jene in Torrevieja und La Mata. Die blaue Lagune sollte sogar trocken gelegt werden, für die Agrarwirtschaft, - die Natur war dagegen. Doch auch der rosa Lagune ging es nicht so gut, die private Konkurrenz und eine Eisenbahnlinie durch die Vega Baja führten dazu, dass die Verschiffung des Salzes ins effizientere Alicante abwanderte, obwohl Torrevieja selbst eine bemerkenswerte Schiffbauindustrie hatte.

Salzindustrie in Torrevieja: "Kinder von nicht einmal zehn Jahren"

Torrevieja verschlief unter staatlicher Ägide die Industrialisierung und die Bevölkerung darbte oder überlebte, je nach dem Stand des Salzpreises an den Weltbörsen. Dem Schriftsteller Eugino Noel aus Barcelona, 1912 auf der Durchreise durch Torrevieja – „diese schöne, eigenartige und arme Stadt, die eigentlich reich sein könnte, wenn der Staat es anders gewollt hätte“ – verdanken wir Schilderungen der Arbeitsbedingungen von damals. Noel beeindrucken hunderte Salzwägen, die zu Zügen zusammengeschlossen werden. Diese Salzbahn tat ihren Dienst modifiziert bis in die frühen 1980er Jahre, Reste davon sind auf der Plaza de la Antigua Estación ausgestellt und ein Teil der Strecke ist heute Vía verde, Wanderweg, der an der Lagune vorbeiführt.

Verlader und Salzschöpfer mit ihren Booten beschreibt der Schritsteller Noel als „schwer gezeichnete, ernste Männer“. – „Wegen der großen Armut wurden Kinder von nicht einmal zehn Jahren mit Hilfsarbeiten beschäftigt, einige lenkten die Kähne, andere kehrten das Salz in die Lagerräume, zehn bis zwölf Stunden am Tag. Der Arbeitstag beginnt um 3 Uhr morgens, wofür die Arbeiter 2,50 bis drei Peseten für zwölf bis 14 Stunden Arbeit kassieren.“ Vielleicht war es damals und hier in Torrevieja, als Tränen anfingen salzig zu schmecken.

Seit 1890 gab es immer wieder Streiks, der Höhepunkt war 1919, als 1.600 Arbeiter die gesamte Saline, den Hafen und die Straßen lahmlegten und es in Folge mehrere ungeklärte Todesfälle unter Gewerkschaftsführern gab. Währenddessen feierte sich die neue Bürgerschicht im Casino selbst, das noch heute der Hingucker der Stadt ist, damals aber in der Landschaft stand wie ein Western-Saloon – und auch so aussieht. Das blieb bis heute so: Hier der Kleinbürger mit seinem Gin Tonic, zwei Straßenzüge dahinter lange Schlangen an den Ausgabestellen der Suppenküchen.

Zum Salz kamen die Touristen: Torrevieja blieb arm

Torrevieja ist auf Salz gebaut. Dass es der Stadt Wohlstand brachte, ist eine Mähr, die heute vom Stadtmarketing romantisch verklärt wird. Das Geld aus dem Salz sackten und sacken Auswärtige ein, für die Salzbauern blieb nur Schufterei und Armut. Ihre kleinen Hütten, von denen noch einige in zentralen Straßenzügen Torreviejas erhalten sind, belegen diese Armut.

Stolze Flamingo-Eltern in der blauen Lagune von La Mata Torrevieja, die als Kindergärtner eingeteilt sind. Eine 600-köpfige rosa Rasselbande zusammenzuhalten, dürfte keine Kleinigkeit sein.

Die sich hielt, sie klebt Torrevieja am Schuh wie Streusalz, trotz Tourismus- und Residenten-Boom. Oder gerade deswegen. Torreviejas Einkommen sind statistisch mit die niedrigsten in ganz Spanien, die Armut in Torrevieja mit die höchste – außerhalb der Residenten-Urbanisationen. Die armen Vorstädte, das ist wundersam, bilden in Torrevieja das Zentrum der Stadt. Es ist das Dienstleistungszentrum für den Residenzialtourismus, der sich in seinen Urbanisationen in Selbstisolation genügt.

In den 1930er Jahren brach bei der Unión Salinera de España die Mechanisierung an, Salzmühlen und Reinigungsbänder von Krupp erhöhten die Qualität und Effizienz, mit Dampf betriebene Fließbänder, sogenannte Volvedoras, brachten das von den Kähnen angelandete Salz ans Ufer und bis zu den Waggons, bis dahin standen die Salineros noch knietief in der Lagune. In der Franco-Ära gab es Modernisierungen, „Deutz“-getriebenen Ernteboote stehen heute als Museumsstücke neben der Fabrik. GPS-gesteuerte Kähne ernten heutzutage das Salz vollautomatisch, Salineros sind zu Ingenieuren geworden.

Schiffe aus Salz: Kunsthandwerk aus Torrevieja

Je nach Wetter produzieren die Salinen von Torrevieja um die 600.000 bis 800.000 Tonnen Salz pro Jahr, Dreiviertel davon geht als Streusalz in den Norden Europas und manchmal, wie im Winter 2021, muss Torreviejas Salz per Notlieferungen sogar Madrid aus der schneereichen Umklammerung der „Filomenas“ befreien. Der Rest der Ernte wird in die Lebensmittelindustrie geliefert, etwa 120 Beschäftigte und ihre Familien leben heute noch vom Salz. Es mutet absurd an, dass genau neben der großen Salzfabrik an der rosa Lagune eine der größten Meerwasserentsalzungsanlagen Europas steht. Hier will man das Salz möglichst kostengünstig los werden, dort kann man gar nicht genug davon bekommen.

Die rosa Lagune von Torrevieja in den Salinen bietet den Hintergrund für tolle Fotomotive. Der Foto-Stopp ist Teil der Führung.

Wer Flor de Sal, Gewürzsalze und andere salzige Mitbringsel sucht, hat in den Salinen im nahen Santa Pola mehr Glück, wo sich die Salzbauern alter Methoden bedienen. Die Umsätze dort bleiben zudem im Land. Torrevieja bietet dafür Salzschiffchen. Salzbauern kamen vor rund 150 Jahren auf die aus der schieren Not geborene Idee, kleine Modell-Gestelle zur rechten Zeit in die rosa Lagune zu tunken, worauf sich die Kristalle an den Formen festsetzen. Dazu braucht es einiges Geschick, dass die letzten Kunsthandwerker heute Schulklassen und in Workshops weitergeben. Ein Salzschiff ist ein echtes Unikat, das Souvenir aus Torrevieja schlechthin.

Torreviejas "Totes Meer": Baden verboten

Verbrannte Erde: So trist sieht es nach dem Brand an der rosa Lagune in Torrevieja aus. Die Ursache: Der Mensch.

Sind Wetter und Winde ungnädig, kann es mitunter passieren, dass die französischen Salinenbetreiber Salz mit Schiffen aus anderen Regionen wie Nordafrika ankarren lassen, um den Bedarf in Europa zu decken. Der Regen ist es auch, der die Farbpalette der rosa Lagune mischt: Ist zu wenig Salz im Wasser, wird die Brühe grau-braun, die rosa Farbe entsteht durch Bakterien, die ein sensibles Milieu von Salz benötigen, um ihre pinkfarbene Pracht zu entfalten, die diese zauberhaften Farbspiele während der Sonnenuntergänge pinselt. Anwohner und Touristen gönnen sich darin immer wieder mal ein rosa Schlammbad, spielen Totes Meer. Es ist verboten und wird seit kurzem auch schon mal bestraft.

Die blaue Lagune ist heute ein Naturpark, voller seltener Wasservögel, Schnepfen, Enten, Reiher, Möwen und von Zeit zu Zeit von Flamingos angemietet, die während der Stille der Lockdowns 2020 fast 1.000 Küken großzogen. Etwas über 300 sind es nochmals 2021 geworden, doch die Kolonie ist stets abflugbereit, die Nationalstraße und der Lärm der Menschen, ihre Hunde und die Selfie-Touristen verleiden ihnen das Paradies. Die Flamingos der blauen Lagune von Torrevieja.

Die Blaue Lagune: Grüne Lunge, Refugium seltener Vögel und exotische Weine

Wanderwege führen um die blaue Lagune, doch nur einige der riesigen Eukalyptusbäume werden stehen bleiben, ein Umforstungsprogramm der Landesregierung will die meisten nicht autochtonen Bäume absäbeln und dem Klimawandel widerständige, ursprüngliche Arten aufforsten. Es gibt geführte Touren, mal für Vogelfreunde, für Familien, mal als Nachtwanderung für Sternengucker und auch für Gourmets. Denn an der blauen Lagune gibt es ein paar Hektar buschige Weinreben, die einen sehr „exotischen“ Moscatel und Macabeo hervorbringen, der teils sogar wie ein Sherry ausgebaut wird. Bereits Anfang August beginnt hier die Weinlese.

Vía Verde und verbrannte Erde: 7.400 neue Wohnungen zwischen den Lagunen von Torrevieja geplant

Das Großfeuer in Torrevieja bedroht nicht nur Bewohner der angrenzenden Wohnsiedlung, sondern auch viele geschützte Tierarten an der rosa Lagune.

An der rosa Lagune entlang führt ein Stück der Vía verde, Vía rosa müsste sie heißen, für Radler und Spaziergänger. Bald soll sie durch die ganze Vega Baja verlängert werden. Im Frühjahr brannte ein Teil der buschigen, schilfigen Vegetation und mit ihr Nester und Küken von Bodenbrütern im hinteren Teil ab, dort wo die Urbanisationen fast in die Lagune wachsen. Menschengemacht war das Großfeuer an der rosa Lagune, sagen die Bomberos. Jemand störte sich an den vielen Mücken.

Menschengemacht ist auch die Gefahr für die Landschaft zwischen den beiden Lagunen, die Torrevieja so einzigartig machen. 7.400 Apartments sollen im Gebiet La Hoya (das Gebiet vom Auditorio am Quirón Salud hangabwärts Richtung rosa Lagune) entstehen, 15.000 neue Einwohner oder Überwinterer brächte das in eine bereits übervölkerte und zersiedelte Gegend, deren Infrastruktur schon heute stets am Rande des Kollapses taumelt. Das Schicksal der Lagunen als landschaftlicher Ruhepol der Zone wird dann be-, weil versiegelt sein. Auch der letzte Ort der Stille in Torrevieja wird so verschwinden. Diesmal nicht durch den König herbeigeführt, sondern durch skrupellose Politiker und Geschäftemacher, die sich wie Könige aufführen.

Tipps für Besuche der Lagunen von Torrevieja

Mit dem Touristenzug geht es in die Salzberge der Salinen von Torrevieja.

Rosa Lagune von Torrevieja: Die „Vía verde“, etwa fünf Kilometer entlang der rosa Lagune, zu Fuß oder per Rad, beginnt an der Brücke an der Plaza de la Antigua Estación. Achtung: Kaum Schatten! Die kleine Bimmelbahn mit ihrer Rundfahrt zur Saline Torreviejas mit ihren imposanten Salzbergen, fährt zumindest bis Ende September täglich mehrmals zwischen 10 und 20 Uhr ab dem Hippie Markt. Wegen der Beliebtheit sollten die Tickets rechtzeitig dort vor Ort erworben werden. Sie kosten 7 Euro pro Person, die Führung dauert ungefähr eine Stunde. Infos zum Besuch der rosa Lagune von Torrevieja.

Blaue Lagune von Torrevieja La Mata: Die verschiedenen Führungen in der blauen Lagune können sowohl im dortigen Interpretationszentrum direkt an der N-332 Höhe La Mata, seit kurzem aber auch in den Touristinfos in Torrevieja (Paseo Vista Alegre, Playa del Cura, Rathaus-Filiale La Mata) gebucht werden. Individuelle Besuche sind ebenfalls möglich. Die Mitnahme von Hunden ist strengstens untersagt, ebenso das Verlassen der Wege, was auch für die rosa Lagune gilt. Das Baden ist in beiden Lagunen verboten.

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