Verse für Corona-Notstand

Miguel Hernández wird 110: Spaniens Universaldichter, einer für den Corona-Notstand

  • vonStefan Wieczorek
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Am 30. Oktober feiert die Costa Blanca den 110. Geburtstag von Miguel Hernández im Corona-Notstand. Der Universaldichter, der eine Pandemie überlebte, doch an Covid-19-ähnlichen Symptomen im Kerker starb, bietet Zeilen für unsere Zeiten. Mit Hernández im Hausarrest.

Alicante – In dunklen Zeiten wie der neue Coronavirus-Notstand in Spanien kann an der Costa Blanca einer nicht fehlen: Miguel Hernández. Mit seiner Poesie spricht der vor 110 Jahren - am 30. Oktober 1910 - in Orihuela geborene Universaldichter bis heute Menschen in unterschiedlichsten Notlagen aus der Seele. Noch kürzlich machten die Texte des Mannes, der 1939 unter Franco geschnappt wurde, weil er illegal die Grenze überquerte, unter heutigen Flüchtlingen, die nach Europa wollen, die Runde. Nun sind seine Gedichte aus der Haft Balsam in der Corona-Krise, etwa für in ihren Häusern oder Regionen eingesperrte Menschen.

Miguel HernándezSpanischer Dichter und Dramatiker des 20. Jahrhunderts
Geboren30. Oktober 1910, Orihuela
Verstorben28. März 1942, Alicante
EhepartnerinJosefina Manresa (verh. 1937–1942)

Miguel Hernández wird 110: Spaniens Dichter für Corona-Notstand blieb nicht gern zu Hause

Ja, Spaniens Universaldichter, der heute 110 Jahre alt werden würde, kannte Lockdown und Quarantäne. „Alles, was Schwalben, Aufstieg, Klarheit, Weite, Luft, Raum, Sonne, flügelschlagender Horizont bedeutet, liegt begraben in der Ecke“, schrieb Miguel Hernández im Werk „Antes del Odio“ („Vor dem Hass“) aus der Zelle an der Costa Blanca, schwächer werdend und keuchend wie ein Covid-19-Erkrankter. Seine Lunge litt schwer. Die Tuberkulose hatte der Dichter aus dem Süden der Provinz Alicante lange mit sich getragen. Im kalten Kerker in Alicante raffte sie ihn 1942 schließlich dahin.

Eine Seuche, wie Spanien sie nun unter Corona erlebt, hatte im kleinen Miguel Hernández tiefe Spuren hinterlassen. 1918 war er just eingeschult worden. Da brach die „spanische Grippe“ aus. Schulausfall, verhüllte Gesichter, der Tod an den Türen – vieles war ähnlich wie heute. Das beschreibt zum Beispiel Historiker Rafael Salinas in einem Buch über die damalige Pandemie, das Ende 2019 in Orihuela vorgestellt wurde. Ob der im Gefängnis eingesperrte Universdaldichter noch an jene Zeit dachte, als er folgende Zeilen dichtete?

Vor der traurigen Girlande, der Kette, die nach stetigem Gefängnis, Mauern, lauerndem Abgrund schmeckt, bin ich aufrecht, fröhlich, frei. Aufrecht, fröhlich, frei, frei – nur aus Liebe“, bekannte Miguel Hernández. „Sie können mich nicht fesseln, nein. Wer sperrt ein Lächeln ein? Wer ummauert eine Stimme?

Miguel Hernández wird 110: Als Spaniens Universaldichter „corona“ bekämpfte

Gegen innere und äußere Mauern kämpfte der Dichter aus Spanien stets an. Erst sprengte der Hirte die Fesseln seiner konservativen Heimatstadt an der Costa Blanca, dann geißelte er das Joch der sozialen Ungerechtigkeit im Land. Als Franco, der die Monarchie zurückbringen wollte, die Republik angriff, ging Miguel Hernández für den Widerstand gegen die Krone – Spanisch: „corona“ – an die Front. Am Ende kam es aber auch mit den Roten, die zu oft das Gegenteil von Freiheit propagierten, zum Bruch. „Schließ’ die Türen, Wächter, schieb’ den Riegel vor, binde den Mensch fest: Seine Seele wirst du nicht fesseln“, schrieb der damals noch begeisterte Republikaner in „Las cárceles“ („Die Gefängnisse“).

„Schatten nur, kein Himmel. Geister und Räume, fassbare Körper in einer Luft, die bewegungslos stillsteht, in diesem Garten der Unmöglichkeiten.“, klagte der inhaftierte Universaldichter Spaniens Jahre später in „Eterna Sombra“ („Ewiger Schatten“).

Miguel Hernández wird 110: Spaniens Universaldichter - einer für Corona-Zeiten

Doch auch am Vers der heutigen Coronavirus-Tage – „Bleiben Sie zu Hause“ – hätte der Dichter aus Spanien wohl schwer zu nagen. Denn schon vor der Haft war Miguel Hernández keiner, der zu Hause blieb. Frau und Kind widmete er – aus der Ferne – rührendste Zeilen, seine Zeit und Kraft gehörten aber der Welt draußen. Er, Universaldichter und Revolutionär, lebte nicht im 21. Jahrhundert, sondern fast 100 Jahre vor Gleichberechtigung und Home-Office. Mit dieser Facette spricht Hernández wohl vor allem zum Mann unserer Tage: auf Facebook bereit, die Welt umzukrempeln, aber Aug’ in Aug’ mit der Familie überfordert.

Miguel Hernández wird 110: Spaniens Universaldichter als Songs auf Youtube

Widmen wir noch denen, die in dieser Zeit des allgemeinen Corona-Arrests die Nähe und Herzlichkeit vermissen, Miguel Hernández’ „Canción última“ („Letztes Lied“):

„Bemalt, nicht leer, ist mein Haus mit der Farbe großer Passionen und Unglücke.
Es kehrt heim vom Jammer, in den es gebracht wurde, mit seinem leerem Tisch, seinem ruinösen Bett. (...)
Doch es werden Küsse über den Kissen erblühen. Um die Körper wird sich das Laken schlingen, nächtlich und duftend.
Der Hass wird sich verlieren dort hinter dem Fenster. Die Kralle wird sanft sein. Bewahrt mir die Hoffnung.“

Neugierig auf Miguel Hernández, den Universaldichter aus Spanien? Dann lesen Sie unsere detaillierte Biographie über den Dichter von der Costa Blanca, der dem Flughafen Alicante bald den Namen geben könnte. Und hier noch ein Musiktipp für den Stubenarrest: Joan Manuel Serrat machte aus Hernández’ Poesie Lieder. Die vertonung des „letzten Liedes“ hören Sie im Video oben. Auf Youtube sind viele weitere Stücke zu finden. Suche: „Serrat Hernández“.

Rubriklistenbild: © Stefan Wieczorek

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