Unter beispiellosen Sicherheitsvorkehrungen wegen der Corona-Pandemie sind Cassidy, Iwanischin und Wagner zur Internationalen Raumstation ISS geflogen. Psychologen haben der Erde Tipps übermittelt, wie man Extremsituationen in Isolation und Quarantäne meistert. Foto: dpa

Mission SARS-CoV - Wie wir mit der Isolation fertig werden

Madrid – sk. Astronauten der Internationalen Raumstation ISS und Wissenschaftler in der Antarktis in...

Madrid – sk. Astronauten der Internationalen Raumstation ISS und Wissenschaftler in der Antarktis in der Station Dome Concordia (Dome C) haben zwei Dinge gemeinsam: erstens sie sind isoliert, und zweiten sie sind einander die nächsten Nachbarn, etwa 400 Kilometer trennen sie. Zu weit für ein Balkongespräch, trotzdem aber hat die Europäische Raumfahrtgesellschaft ESA die beiden Einsiedlergemeinschaften miteinander in Kontakt gebracht und die psychologischen Folgen einer derart extremen Isolierung untersucht – und zwar über Jahrzehnte hinweg. Die Erkenntnisse haben nun in Zeiten der Coronavirus-Epidemie die Erdbevölkerung erreicht, die seit SARS-CoV verstärkt unter Symptomen wie Depression, Angstzustände, negativen Emotionen wie Gereiztheit und Schlafproblemen leidet. Selbst Astronauten fällt es nicht immer leicht, mit der Isolierung fertig zu werden. In ihrem “confinamiento” kämpfen sie auch mit Langeweile, Kopfschmerzen, Müdigkeit oder Motivationslosigkeit. Mancher Forscher im ewigen Eis tendiert wie mancher Coronavirus-Einsiedler dazu, sich in der endlosen Einsamkeit zu vernachlässigen oder einen Bauch anzufressen. “Wichtig ist, sich auf die Gegenwart zu konzentrieren und sich nicht ständig mit einer unsicheren Zukunft zu beschäftigen, immer nur das im Blick haben, was man kontrollieren kann, nicht das, worauf man keinen Einfluss hat. Angstzustände können leicht außer Kontrolle geraten, wenn man sich den ganzen Tag über die Zukunft sorgt”, sagt die Psychologin Emma Barrett und Spezialistin für Extremsituation von der Universität Manchester. Was Psychologen vermehrt als Folgen der langer Isolierung feststellen ist ein gewisser Abbau kognitiver Fähigkeiten. Eine Art mentaler Winterschlaf, während dem es manchen schwer fällt, sich an bestimmte Dinge zu erinnern oder bestimmte Aufgaben zu erledigen. Diese Verlangsamung von Körper und Geist bringen Psychologen mit den eingeschränkten Stimulationen in Verbindung. Es handelt sich um eine Art Schutzmechanismus in chronischen Stresssituationen – nach dem Motto Augen zu und durch. Dagegen kann man aber angehen, etwa in dem man sich eine Routine angewöhnt, sich Ziele setzt und sich körperlich betätigt. Bei Experimenten für die Simulation einer Expedition zum Mars hat man acht Freiwillige 520 Tage isoliert. Ausdauer-Sportarten wie Laufen und Radfahren erhöhten die psychologische Anpassungs- und die kognitive Leistungsfähigkeit der Probanden, Kraftsport dagegen nicht. Ein Tagebuch führen gilt auch als hilfreich, da man darin seinen Emotionen freien Lauf lassen kann. Empfohlen wird auch das Schreiben langer Briefe oder ausführlicher Emails, in denen man in sich selbst schaut und ausdrückt. Whatapps oder Surfen in den Sozialen Netzwerken gelten als oberflächlich und weniger hilfreich. Astronauten legen auch großen Wert darauf, dass jedes Mitglied der Crew einen eigenen Rückzugbereich – so klein er auch sein mag – hat, der von allen anderen respektiert wird. Das Konfliktpotential in isolierten Gemeinschaften gilt als extrem hoch. Schon eine insignifikante Änderung etwa seiner Frühstücksgewohnheiten kann in endlose Diskussionen münden. “Alle bemerken wirklich alles”, berichtete die Doktorin Beth Healey, die ein Jahr für ihre Studien in der Dome C verbrachte. Da sind Toleranz und Dialogfähigkeit gefragt. “Man bemüht sich sehr um Freundlichkeit”, bestätigt auch Psychologin Barrett. Stets wird gemeinsam gegessen, man unterdrückt den Drang, jemanden zu meiden. Und man feiert. Geburtstage oder das Erreichen kleiner Ziele. Feste spielen eine ganz bedeutende Rolle und helfen dabei, Momente der Entspannung zu genießen. “Diese Leute schätzen die positiven Aspekte ihrer Situation, eine gute Tasse Kaffee, ein Lächeln. Sie fixieren sich auf ganz kleine Errungenschaften und feiern ihre kleinen Siege in der Gruppe”, sagt Barrett. Humor spielt dabei auch eine entscheidende Rolle. Nicht umsonst gilt er als die beste Medizin.  Denn er regt nicht nur die Kreativität an, sondern er baut soziale Spannungen und Konfliktpotential ab. Den heute üblichen kleinen nächtlichen Feiern auf dem Balkon oder den Spaziergängen mit dem Hund misst Psychologe Larry Palinkas von der kalifornischen Universität große Bedeutung zu. “Mich überrascht dieser Tage wirklich, welche Kreativität die Leute an den Tag legen, um im Kopf gesund, glücklich und mit den anderen verbunden zu bleiben. Die sozialen Kontakte sind auch wenn sie kurz sind sehr wichtig, weil sie das Gefühl vermitteln, dass man nicht der einzige ist, der solche Veränderungen bewältigen muss.”

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare