Eine Möwe auf dem Penón de Ifach in Calp.
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Auf Calps Peñón de Ifach ist eine große Möwenkolonie heimisch.

Akrobaten der Lüfte

Möwen in Spanien: Als Fotomotiv geliebt, als Fressfeinde eine Last

  • Andrea Beckmann
    VonAndrea Beckmann
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Für viele sind sie ein Synonym für Freiheit: Möwen gehören an Spaniens Küsten wie das Salzwasser zum Meer. Doch nicht immer und überall sind sie willkommene Gäste.

Benidorm - In der Touristenmetropole Benidorm in der Region Valencia sorgten im vergangenen Jahr Videobeiträge von Möwen, die sich über die Einkaufstaschen von Hausfrauen hermachten, für Schlagzeilen in den Sozialen Medien. Die Aufnahmen, die vage an Alfred Hitchcocks Horrorfilm „Die Vögel“ erinnerten, verunsicherten die Menschen. Vogelexperten beschwichtigten: „Möwen greifen Menschen nicht grundlos an. Nur, wenn sie sich oder ihren Nachwuchs bedroht sehen, sollte man sich vor ihnen in Acht nehmen“. Im Falle der „Angriffe“ in Benidorm hätten sie es lediglich auf Nahrung abgesehen gehabt.

BenidormSpanien
Autonome GemeinschaftValencia
ProvinzAlicante
Fläche 38,51 km2
Einwohner 68.700 (1.1.2019)

Essbares war in der mehrwöchigen Ausgangssperre, während der Benidorm wie ausgestorben war, so rar wie nie geworden. Keine Burgerreste mehr in Abfalleimern, keine Brotkrumen auf Parkbänken und auch keine aufgerissenen Chipstüten auf Bürgersteigen. Benidorm war, wie auch viele andere Küstenorte an der Costa Blanca, Costa Cálida oder Costa del Sol, plötzlich zum Notstandsgebiet für die weit verbreitete Gelbfußmöwe geworden, die sich längst nicht mehr nur mit Fisch, Krebsen, Garnelen und anderem Meeresgetier sowie Insekten zufriedengibt, sondern so ziemlich alles Essbare in sich hineinstopft, das sie finden kann. Die Coronavirus-Pandemie führte dazu, dass sich die Möwen in Benidorm gezwungen sahen, nach alternativen Futterquellen zu suchen. So erklärt es sich, dass sie damit begannen, Jagd auf Einkaufstaschen zu machen.

Costa Blanca: Möwen sind laut, skandalös und können bei Aufzucht ihrer Brut auch aggresiv reagieren

Immer häufiger trifft man die Gelbfußmöwe in Städten und zuweilen auch auf Müllkippen weitab der Küste an, wo sie reichlich Nahrung findet. Sie ist unter den bekannten Möwenarten diejenige, die sich am besten an die Menschen angepasst hat. Ihre ausgeprägte Anpassungsgabe vergleichen Tierforscher mit der von Ratten. Deshalb werden Möwen auch „Ratten der Lüfte“ oder „Ratten mit Flügeln“ genannt.

Möwen sind laut, skandalös und können auch sehr aggressiv sein. Nämlich dann, wenn sie ihren Nachwuchs schützen wollen. Dies stellt zunehmend ein Problem dar. Denn längst baut die Gelbfußmöwe ihre Brutstätten bevorzugt in der Nähe von bewohnten Gebieten, auf Burgmauern, in der Nähe von Aussichtsterrassen und immer häufiger auch auf Balkonen von Privatwohnungen. „Man sollte auf gar keinen Fall selbst versuchen, ein Möwennest zu entfernen“, warnt der Vogelkundler Joan Sala aus Dénia. Sein Rat: „Besser, man wählt die Notrufnummer V 112 oder man holt einen Experten zu Hilfe. Denn wenn Möwen brüten oder ihre Jungen aufziehen, ist es ziemlich riskant, sich ihnen oder ihrem Nest zu nähern“, weiß Sala. Dann sei nicht mit ihnen zu spaßen. „Sich mit einer brütenden Möwe anzulegen, kann schmerzhaft enden“, warnt Sala.

Angriffe in der Brutzeit von Möwen sind keine Seltenheit. Im Naturpark Peñón de Ifach im alicantinischen Calp zum Beispiel gibt es immer wieder Attacken auf Wanderer oder Hunde, die sich zu nahe an ein Nest oder an ein Jungtier heranwagen. Betroffene berichten von hysterisch schreienden Möwen, die sich in Sekundenschnelle und mit rasender Geschwindigkeit auf sie gestürzt hätten. Nicht selten gehen solche Begegnungen zwischen Tier und Mensch blutig aus, denn die Schnäbel der Möwen gleichen gepanzerten Werkzeugen.

Möwen an der Costa Blanca: Die Gelbfußmöwe ist die einzge der hier vorkommenden Art, die keines speziellen Schutzes bedarf

„Möwen sind unerschrocken und nehmen es furchtlos mit wesentlich größeren Lebewesen, sei es Mensch oder Tier, auf“, berichtet Sala. Der Ornithologe spricht aus Erfahrung. Mehr als einmal ist er schon beim Versuch, ein Nest vom Balkon einer Wohnung zu entfernen, von aufgebrachten Möwen angegriffen worden. Der Ornithologe hatte immer Glück, die Attacken gingen glimpflich aus. Er lacht, als er sagt: „Man kann es den Möwen nicht verdenken. Sie tun schließlich nichts anderes, als ihre Nachkömmlinge zu beschützen. Welche Eltern tun das nicht?“

Während fast sämtliche an der Mittelmeerküste vorkommenden Möwenarten vom Aussterben bedroht sind und deshalb unter Artenschutz stehen, ist die Gelbfußmöwe die einzige ihrer Art, die keines speziellen Schutzes bedarf. Dank ihres Anpassungsvermögens vermehrt sich die Gaviota patiamarilla sehr schnell – zum Leidwesen vieler Kommunen, die versuchen, der ausufernden Vermehrung der Seevögel mit den verschiedensten Methoden zu Leibe zu rücken. Nicht nur die rasante Ausbreitung bereitet den Verwaltungen Sorgen, sondern auch der Hang der Möwen zum Bekannten. Sie kehren in der Regel Jahr für Jahr an denselben Brutplatz zurück. Das bedeutet, dass der Bestand der Seevögel an bestimmten Orten explosionsartig steigt, und zwar häufig an Stellen, wo man sie am allerwenigsten haben möchte. Beispielsweise auf Burgen wie etwa dem Castillo in Dénia (Alicante), wo den Verantwortlichen bei der Stadt nicht nur die starke Verschmutzung durch Möwenexkremente ein Dorn im Auge ist – ihr Kot ist penetrant und nur mit großem Aufwand zu entfernen –, sondern auch die zunehmenden Angriffe brütender Möwen auf Burgbesucher. Die sind für die Seevögel nichts anderes als feindliche Eindringlinge.

Möwen können sich dank eines Filtersystems von Salzwasser ernähren.

Möwen: Für Kommunen an der Costa Blanca sind sie zuweilen ein Problem, weil sie in Kolonien häufig an ungebetenen Orten brüten

„Gelbfußmöwen brüten in Kolonien, die sich nicht selten aus mehreren Hundert Paaren zusammensetzen und sich ungebremst vermehren“, weiß Ornithologe Sala. „Sie werden deshalb von den Kommunen häufig als Plage empfunden.“ Um die rasante Vermehrung zu bremsen, hätten die Verwaltungen verschiedene Methoden erprobt. „Ursprünglich ging man dazu über, in der Brutzeit einen Teil der Möweneier zu vernichten“, berichtet Sala. „Bis man dahinter gekommen ist, dass die Möwen nicht untätig blieben. Sie legten einfach neue Eier.“ Man gehe deshalb inzwischen häufig dazu über, die Eier von Möwen mit Paraffinöl zu behandeln. „Das bildet eine undurchlässige Schicht rund um das Ei und macht es steril. Die Möwen merken das scheinbar nicht und brüten, wenn auch erfolglos, weiter.“ Diese Methode sei aber nur an leicht zugänglichen Stellen anwendbar. „Weil diese Maßnahme sehr arbeitsintensiv, teuer und nur schwerlich in großem Maßstab anzuwenden ist, scheint sie nicht sehr effektiv“, erklärt der Experte.

Möwen sind perfekt organisiert, monogam und Paare halten sich ein Leben lang die Treue. Das bedeutet allerdings nicht, dass sie das ganze Jahr zusammenleben. In den Wintermonaten trennen sich ihre Wege. Im Frühjahr ist es das Männchen, das zuerst an den altbekannten Brutplatz zurückkehrt und mit Rufen seine Partnerin anlockt.

Möwen an der Costa Blanca: Ornithologen bescheinigen ihnen eine große Intelligenz und Auffassungsgabe

„Diese Seevögel sind sehr soziale Tiere, die sich in der Gruppe außerordentlich wohlfühlen“, berichtet Sala. „Keine andere Vogelart habe diesen ausgeprägten Gemeinschaftssinn. Möwen zeichneten sich dadurch aus, dass sie gegenseitig aufeinander aufpassen, sehr kommunikativ sind, und sich mit Schreien informieren, wenn Gefahr droht. „Sie sind zudem sehr intelligent“, weiß der Ornithologe. „Studien belegen, dass sie eine große Auffassungsgabe und ein ausgeprägtes Talent haben, zu lernen.“ Außerdem wisse man inzwischen, dass Möwen die Gabe besitzen, sich Dinge zu merken, und ihr Wissen an andere Artgenossen weitergeben.

„Möwen bleiben lange bei den Eltern, sie sind Nesthocker“, erzählt Sala. „Erst wenn sie vier Jahre alt sind, werden sie von ihren Eltern aus dem Nest geworfen.“ Dann sei der Zeitpunkt gekommen, dass sich die Jungtiere einen neuen Ort fern der Kinderstube suchen. „Erst wenn sie geschlechtsreif sind und das erste Mal brüten, kommen sie häufig an den Ort zurück, an dem sie aus dem Ei geschlüpft sind.“

Costa Blanca: Möwen filtern das aufgenommene Meerwasser und scheiden das aufgenommene Salz über die Nasenlöcher aus

Eine weitere Besonderheit, die Möwen auszeichnet, sind Salzdrüsen, die in der Augenhöhle der Tiere sitzen, und wie eine Entsalzungsanlage funktionieren. „Möwen decken ihren Flüssigkeitsbedarf hauptsächlich durch Meerwasser“, erklärt Joan Sala. „Die Drüsen filtern das Salz heraus, das dann über die Nasenlöcher ausgeschieden wird.“

Auch wenn Möwen zunehmend als Plage empfunden werden, so schrumpft mit Ausnahme der Gelbfußmöwe der Bestand der hier beheimateten Arten. Als Grund nennen Tierforscher den Rückgang des Grünlandes, wo Möwen nach Nahrung suchen, aber auch Veränderungen in der Fischerei und nicht zuletzt die Schließung von Müllkippen setzen ihnen zu.

Dies führt dazu, dass Möwen immer mehr menschliches Terrain einnehmen, was vor allem in Tourismusorten nicht gern gesehen wird. In Benidorm hat die Kommune darauf reagiert. Sie hat eine Firma unter Vertrag genommen, die dafür sorgen soll, dass der Bestand der Gelbfußmöwen in der Touristenmetropole nicht ausufert. Zu diesem Zweck werden unter anderem abgerichtete Raubvögel eingesetzt, die die Möwen gezielt vertreiben. Wie etwa von den Dächern von Apartmenthäusern oder Balkonen leerstehender Wohnungen, wo sich die Seevögel nach Auskunft von Umweltstadträtin Mónica Gómez gerne einnisten. „Häufig stehen Wohnungen mehrere Monate leer“, sagt Gómez. „Wenn die Inhaber nach langer Abwesenheit zurückkommen, müssen sie oft feststellen, dass sich Möwen bei ihnen eingenistet haben.“

Außerdem richtet sich die Stadträtin mit dem Appell, Möwen nicht zu füttern, an Tierliebhaber. Damit trage man dazu bei, dass die Population in bestimmten Gebieten wachse und sich die Vögel immer mehr an die Futterquelle gewöhnten, die ihnen Menschen bieten würden.

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