Ein Erntehelfer mit einem vollen Korb auf den Schultern läuft zwischen einem Orangenfeld und Kisten voller frisch geernteter Zitrusfrüchte.
+
Valencias Zitrusfrüchte sind nicht nur leckeres Obst, sondern auch Forschungsthema.

Perfekte Zitrusfrucht gesucht

Orangen und Mandarinen aus Valencia: Geschichte und Zukunft der Zitrusfrüchte 

  • vonAnne Thesing
    schließen

In Valencia hat die Saison für Zitrusfrüchte begonnen. Doch woher kommt eigentlich die Orange, wie sahen ihre Vorfahren aus und was muss die Mandarine der Zukunft bieten? Das Forschungszentrum Ivia gibt Antworten.

Zwischen Bäumen mit großen und kleinen Orangen, runden und länglichen Zitronen, grünen und orangen Mandarinen sowie allerlei Zitrusfrucht-Kuriositäten steuern Manuel Talón und seine Kollegen auf ihrem Experimientierfeld in Valencia auf ein kleines Gewächs zu, auf das sie besonders stolz sind. An dem Bäumchen hängt eine der ältesten und die größte aller Zitrusfrüchte, die „citrus máxima“, auch Pummelo oder Zamboa genannt. Pampelmuse heißt sie bei uns, wo sie gerne mit der Grapefruit verwechselt wird, die aber nur einer ihrer Nachkommen ist. Das Exemplar, das Talón vom Baum pflückt, hat einen eindrucksvollen Durchmesser von 20 Zentimetern. Besonders gut schmecken würde sie nicht, und die Schale sei sehr dick, meint der Biologe, der die Genom-Abteilung im valencianischen Institut für landwirtschaftliche Forschung (Ivia) in Moncada bei Valencia, nördlich der Costa Blanca, leitet. In Spanien würde sie nicht angebaut, in Asien dagegen sei sie verbreiteter.

Gewächs:Zitruspflanzen
Wissenschaftlicher Name:Citrus
Familie:Rautengewächse (Rutaceae)
Höhere Klassifizierung: Citreae
Ordnung: Sapindales
Rang: Gattung

Orangen, Mandarinen und mehr: Von der Zitrusfrucht Nummer eins bis zu Valencias aktuellen Sorten

Aus Asien stammt sie schließlich auch. Die Pampelmuse ist eine der drei Sorten, die sich vor 7,5 bis 6,3 Millionen Jahren aus der Zitrusfrucht Nummer eins, dem Ursprung aller Zitrusfrüchte wie Orangen oder Mandarinen, entwickelt haben. Dass von dieser heute nicht mehr überlieferten „Ursprungsfrucht“, die vor acht Millionen Jahren im Südosten Asiens wuchs, alles abstammt, was sich Zitrusfrucht nennt und in Spanien, vor allem in der Region von Valencia, wächst, ist eine der Erkenntnisse, die Talón und sein Team vom Ivia im Rahmen einer Studie gewonnen haben.

Im Jahr 2000 begann die Forschergruppe aus Moncada bei Valencia, sich mit dem Erbgut der heute kommerziellen Zitrusfrüchte auseinanderzusetzen, reiste dabei in ihren Reagenzgläsern immer weiter zurück in die Vergangenheit, bis sie vor zirka fünf Jahren auf besagten Ursprung von Orangen, Mandarinen und Co. stieß. Sie veröffentlichte darauf den bisher größten „Stammbaum der Zitrusfrüchte“ und stieß damit auf großes Echo in den Medien.

Warum das alles? „Unser Ziel ist es, die genetische Struktur der heutigen Zitrusfrüchte zu verstehen, um neue, bessere Sorten züchten zu können“, erklärt Talón. Denn die brauche der nicht nur bei den Zitrusfrüchten krisengeschüttelte spanische Landwirtschafts-Markt, besonders auch der aus Valencia, um bei der wachsenden Konkurrenz aus Nordafrika und Südamerika überleben zu können.

Orangen und Mandarinen aus Valencia: 400 Sorten Zitrusfrüchte auf einem Feld

Wieder steuern die Forscher einen Baum an auf diesem gigantischen Feld, das sie „Banco de Germoplasma“, also Saatgut-Bibliothek, nennen. Rund 400 Zitrusfruchtsorten gibt es hier, 200 weitere sind in einer Art Gewächshaus mit Insektenschutz untergebracht.

Hier auf dem freien Feld wachse alle zwei bis drei Bäume eine andere Sorte, sagt der Ivia-Forscher und gibt eine kleine Mandarine zum Probieren. Sie ist saftig und süß, da gibt es nichts zu meckern. „Das ist die beste aller Zitrusfrüchte“, sagt Talón. Valencias Vorzeigeprodukt sozusagen: die Clemenules, eine Variante der Clementine.

Bis in die 50er Jahre habe es in Spanien nur die Clementina fina gegeben, bis ein Landwirt im Ort Nules (Castellón) die mittlerweile weltweit hochgelobte Clemenules entdeckte. „Heute gibt es insgesamt 40 Clementinen-Sorten“, sagt Talón.

Im Volksmund würden sie alle als Mandarinen bezeichnet, sind aber eigentlich nur ihr Nachfahre. Die erste Clementine wurde Ende des 19. Jahrhunderts als zufällige Kreuzung von Orange und Mandarine von dem Mönch Clément Rodier in einem Garten in der Nähe von Oran, in Algerien, gefunden.

Orangen und Mandarinen aus Valencia: Suche nach neuen Zitrusfrüchten

An die Clemenules würde keine Clementine aus den Konkurrenzländern heranreichen, findet Talón und schält sich noch eine zweite. Doch die Frucht hat ein Problem – eins der Probleme, die das Ivia-Team lösen will. Sie ist nur von Mitte November bis Weihnachten reif. „In diesen wenigen Wochen gibt es ein Überangebot an Zitrusfrüchten und die Preise sinken. Das müsste eigentlich reguliert werden“, sagt Talón.

Doch da das nicht so ist, suchen die Forscher aus Valencia andere Wege aus der Clemenules-Krise. Neue Clementinen-Sorten eben, und zwar solche, die all das Gute der Clemenules mit sich bringen, aber früher oder später als sie geerntet werden. So entwickelte das Ivia zum Beispiel die neuen Sorten Nero und Neufina und brachte sie auf den Markt.

Auf dem Feld in Valencia geht es weiter zu einem ganz normalen Orangenbaum. Talón pflückt eine der Zitrusfrüchte und erklärt beim Pellen, sie sei „durch eine Kreuzung von Mandarine und Pummelo entstanden“. Sprich: Die Pollen der männlichen Mandarine haben die Blüten der der weiblichen Pummelo bestäubt. Danach habe es weitere Kreuzungen gegeben, sie habe an Süße gewonnen, im Laufe der Zeit hätten die Landwirte sie perfektioniert.

Die Mandarine (Citrus reticulata) ist also die zweite der drei Sorten, die aus der asiatischen Ursprungsfrucht hervorgegangen sind. „Die damalige ist nicht mit der heutigen Mandarine zu vergleichen“, sagt Talón, „sie war sehr klein, hatte viele Kerne und war sauer“. Kein besonders marktwirksames Produkt also, trotzdem ist sie nicht nur der Vater der Orange, sondern auch Elternteil der heutigen Mandarine, wofür sie sich später mit der süßen Orange eingelassen hat. Ihrem eigenen Sohn also, wenn man es recht betrachtet. Da dieser wiederum auch Sohn der Pummelo ist, sind deren Spuren auch noch in der heutigen Mandarine zu finden. Und während der Kopf eines Laien sich bei diesen Verwandtschaftsbeziehungen zu drehen beginnt, hangeln sich die Forscher aus Valencia gerade an Hinweisen wie diesen von Zitrusfruchtgeneration zu Zitrusfruchtgeneration.

Orangen und Mandarinen aus Valencia: Weg der Zitrusfrüchte nach Spanien

Der dritte Abkömmling der Ursprungssorte war übrigens die Zitronatzitrone, die sogenannte Cidro (Citrus medica). „Sie hat eine sehr gelbe Haut, ist sauer und nicht genießbar. Im Mittelalter wurde sie zur Dekoration oder für Parfüms genutzt“, sagt Talón und zeigt den dazugehörigen Baum. Die heutige Zitrone ist zum Beispiel ein Abkömmling der Cidro, die sich dazu vor rund 1,5 Millionen bis 200.000 Jahren mit der Bitterorange zusammengetan haben soll. Und anders als die Pummelo hat es die Cidro über Indien und Pakistan auch nach Italien und Spanien geschafft.

Und die Orange, wie kam die nach Spanien und nach Valencia? „Halt, nicht so schnell“, wehrt Talón ab und wandert in Gedanken nochmal nach Asien. „Dort gab es vor über 2.000 Jahren erste Hinweise darauf, dass dem chinesischen Herrscher Orangen als Geschenk gebracht wurden.“ Woraus sich schließen lasse, dass die Orange zu diesem Zeitpunkt bereits eine anerkannte Frucht gewesen sei und fortan gesteuert angebaut wurde.

Erst im 16. Jahrhundert kam diese leckere, süße Frucht über Händler und Geschäftsleute in Spanien an. Die Bitterorange dagegen tauchte schon im 9. Jahrhundert in Andalusien auf, die Zitrone im 11. Jahrhundert, die Mandarine soll frühestens im 18. Jahrhundert ihren Weg ans Mittelmeer gefunden haben. „Das alles lief über Generationen“, stellt Talón klar, „es war sicher nicht so, dass ein Mann die Früchte in Indochina in seinen Rucksack gepackt hat und damit nach Spanien gewandert ist“.

Und es war auch nicht so, dass der Mensch von Anfang an bewusst über das Überleben oder Scheitern einer Zitrusfrucht entschieden hat. „Die ersten Kreuzungen waren rein natürlicher Art“, sagt Talón. Bestäubung also. „Als der Mensch kam, wurde selektioniert.“ Und zwar ganz unbewusst: Von der Sorte, von der am meisten gegessen wurde, landeten auch die meisten Kerne auf der Erde und sorgten so für Nachschub.

Bis dann, wie auch bei anderen Nutzpflanzen, die bewusste Steuerung dazu kam, zu der auch das noch heute übliche Pfropf- oder Veredelungsverfahren zählt, bei dem eine beliebte Sorte auf einen resistenten Stamm gesteckt wird. Erste Hinweise für diese Methode gab es in China schon vor 3.000 Jahren. Heute werde bei 80 Prozent der Zitrusbäume Citrange Carizzo als Stamm gewählt. „Der Stamm ist resistent gegen Bodenpilze und daher besonders gut geeignet.“

Mutter der Orange: Manuel Talón vom Ivia in Valencia mit der Pummelo

Zitrusfrüchte aus Valencia: Neue Sorten müssen schmecken

Auch das Ivia in Valencia arbeitet mit der Pfropfmethode, 5.000 Stämme ragen auf einem Feld nahe der Saatgutbank in die Höhe, wo sie mit neu erforschten Sorten bestückt werden. Auf einer weiteren Anbaufläche, dem Experimentierfeld, sind die neuen Bäume schon ein Stück weiter, einige tragen bereits Zitrusfrüchte. „Die Entwicklung neuer Sorten ist ein langer Prozess“, sagt Talón. Erst nach vier oder fünf Jahren, wenn die ersten essbaren Früchte am Baum hängen, wisse man, ob sie schmecken. „Wenn nicht, braucht man gar nicht weiterzumachen“, sagt er. Danach werde untersucht, ob sich die neue Sorte theoretisch auf dem Markt behaupten kann. Insgesamt könne das bis zu 20 Jahre dauern.

Schon allein bei der ersten Hürde für eine neue Sorte, dem Geschmack, wird es kompliziert. „Der Geschmack ist von Land zu Land verschieden“, sagt Talón und greift zu einer Satsuma. Kein Vergleich zur Clemenules, das merkt man schon beim ersten Biss, auch die Gesichter der anderen Probanden bleiben unbeeindruckt, keiner greift ein zweites Mal zu. Wäre ein Engländer dabei, würde die Probe vermutlich anders ausfallen, „sie sind die einzigen, die sie richtig mögen“, sagt Talón. Hier in Spanien möge man ein Gleichgewicht zwischen süß und sauer, abgesehen vom in den meisten Ländern dominierenden Bequemlichkeitsfaktor: „Wir wollen keine Kerne, sie sollen leicht zu pellen und nicht zu groß sein“, zählt Talón die Forderungen des Verbrauchers an Orangen, Mandarinen und Co. auf.

Und der ist nicht der einzige, der fordert. „Der Landwirt will Sorten, die gegen Plagen resistent sind und wenig Wasser benötigen. Das Exportunternehmen legt Wert darauf, dass sie lange Transporte aushalten.“ Und auch der Klimawandel müsse berücksichtigt werden. Eine Studie der Sparkassenstiftung Funcas kam zum Beispiel zu dem Ergebnis, dass in Folge der Erderwärmung schon 2050 keine Zitrusfrüchte mehr in Valencia angebaut werden können.

Die Forscher vom Ivia müssen sich also ranhalten, denn für Spanien und besonders das Land Valencia, wo 60 Prozent der spanischen Zitrusfrüchte angebaut werden, sind sie ein wichtiger Wirtschaftszweig. Wie in dem von Pedro Miguel Chomé koordinierten Buch „Las Variedades de Cítricos“ erklärt wird, nimmt Spanien mit einer Produktion von rund sechs Millionen Tonnen den fünften Platz auf der Welt ein nach Brasilien, China, den USA und Mexiko. Drei Millionen Tonnen werden jährlich ins Ausland gebracht, die meisten nach Deutschland, Frankreich, Großbritannien und in die Niederlande.

Zitrusfrüchte aus Valencia: Herausforderungen für die Zukunft

Und obwohl die Konsumenten in diesen Ländern Spaniens Zitrusfrüchte lieben, müssen die Produzenten hierzulande um ihre Existenz kämpfen - ob dieses Jahr eine Ausnahme wird, wird sich noch zeigen. Denn gerade das verhasste Coronavirus scheint die Nachfrage nach vitaminreichen Nahrungsmitteln wie Zitrusfrüchten in die Höhe zu treiben und könnte auch zu steigenden Preisen bei Orangen, Mandarinen und Co. führen. Doch selbst wenn das so sein sollte, bleibt die Frage, ob höhere Preise für den Verbraucher auch beim Landwirt ankommen. Erfahrungen aus der Vergangenheit stimmen da eher negativ. Die Verkaufsgewinne werden seit jeher ungerecht verteilt, weshalb immer mehr Bauern den Anbau komplett, zumindest aber den nicht rentabler Sorten, aufgeben.

Ob die Entwicklung neuer Sorten Zitrusfrüchte die Branche aus diesem Dilemma herausführen kann? Werden diese neuen Orangen und Mandarinen, sollten sie erfolgreich sein, nicht auch in kürzester Zeit wieder zu einem Überangebot und damit zu einem Preisverfall führen, so wie bei der Clemenules? Zumindest für die Sorten des Ivia sei das ein Problem, gibt Manuel Talón zu. Da das Institut öffentlich sei, dürfe es ihre Nutzung nicht einschränken. „Bei privaten Unternehmen, die neue Sorten entwickeln, müssen Landwirte dagegen für den Anbau dem Club de Variedades beitreten, der ihnen strenge Beschränkungen auferlegt.“

Doch mit welchen Sorten auch immer der Landwirt sich über Wasser hält: Die landwirtschaftliche Produktion, davon ist Talón überzeugt, müsse sich den modernen Zeiten anpassen. „Der traditionelle Bauer, der alleine sein kleines Feld unterhält, hat keine Zukunft mehr“, sagt er. Die Zukunft liege auch bei Orangen, Mandarinen und Co. in großen Parzellen, bei Großunternehmen und Kooperativen, in der Spezialisierung und Forschung. „Wir können heute nicht mehr 50 Jahre von einer Sorte leben, das muss schneller gehen.“

Denn seit die Zitrusfrucht vor acht Millionen Jahren irgendwo in Südostasien das Licht der Welt erblickte, seit Pampelmuse, Mandarine und Cidro für ein weit verzweigtes Netz an Nachkommen sorgten, hat sich einiges getan. Die Pampelmuse von damals würde vermutlich staunen und vielleicht auch gnädig lächeln, würde sie die Forscher bei ihrer eifrigen Suche nach der perfekten Zitrusfrucht beobachten. Denn einer Sache könnte sie sich sicher sein: So alt wie sie selbst wird keine von den neuen werden.

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare