Menschen schlendern an den Höhlenwohnungen von Rojales vorbei.
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Die Höhlenwohnungen von Rojales, cuevas de rodeo, sind zum Teil restauriert und dienen als Ateliers für Künstler.

Vega Baja

Die Siedler von Rojales: Besuch im Hinterland der Costa Blanca

  • vonMarco Schicker
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Rojales? Da sind doch, wie in Torrevieja, nur Beton-Urbanisationen. Keineswegs. Wir führen Sie zur Essenz der Vega Baja im Süden von Alicante und zu ihrer ländlichen Geschichte. Es geht zu einer Brücke durch die Zeiten, zwei Museen, Höhlenwohnungen mit Kunst und einem Park, der in die Zukunft führt.

  • Rojales, nur rund 10 Kilometer von Torrevieja entfernt, ist ebenso geprägt durch seine ländliche Geschichte und die neuzeitliche Bebauung mit Feriensiedlungen und Residenzen.
  • Im Archäologischen Museum und im Museo de la Huerta sowie dem hydraulischen Ensemble am Fluss Segura lässt sich die Geschichte von Rojales hautnah und anschaulich erleben.
  • Die Höhlenwohnungen von Rojales, einst Notlösung von Zuwanderern, sind teilweise zugänglich und ein Kunstzentrum.
  • Der neu angelegte Park El Recorral in Rojales dient nicht nur der Erholung, sondern auch als reiches Habitat für Tiere und Pflanzen, schützt vor Überflutung und nutzt recyceltes Wasser.

Rojales - Die Altstadt und Sierra von Orihuela, die Salinen von Santa Pola, die Dünen von Guardamar, die Lagune von Torrevieja mit den Salzbergen und die Lagune von La Mata mit ihrem Naturpark und den Flamingos, das sind die Blickfänge der Vega Baja, jener Tiefebene, die sich von Alicante bis ans Mar Menor zieht. Ist sie anfänglich noch durch kleinteilige Landwirtschaft geprägt, dominieren weiter im Süden immer mehr schnöde, uniformierte Urbanisationen. Leblose Mahnmale menschlicher Überheblichkeit gegenüber der Natur, die vor allem ausländische und hauptstädtische Residenten ihr Paradies auf Erden nennen. Eine Beschreibung, die leider auf hunderte Kilometer der spanischen Küste zutrifft.

Rojales: Residenzaltourismus von Santa Pola bis Torrevieja nicht mehr als jüngste Episode einer langen Siedlungsgeschichte

Das alte Rathaus von Rojales, heute Archäologisches Museum.

Eigentlich sollte man auf der Nationalstraße N-332 spätestens ab Guardamar dieser zivilisatorischen Hölle entfliehen, einfach nur Gas geben und nicht vor Cartagena, der alten und ewig jungen Römerstadt bremsen. Doch ausgerechnet mitten in ein Paradebeispiel dieser Unkultur der geplant-planlosen Zubetonierung führt Sie unser Ausflugstipp: Nach Rojales, rund 10 Kilometer vor Torrevieja gelegen. Offiziell 17.000 Einwohner (wahrscheinlich eher 30.000), davon zwei Drittel Briten und andere Ausländer.

Die historische Brücke Carlos III. in Rojales.

Ausgerechnet hier in Rojales stoßen wir auf die Essenz der Vega Baja, eine jahrtausendealte Besiedlungsgeschichte, die uns lehrt, dass auch der heutige exzessive Residenzaltourismus nur eine kleine Episode bleiben wird. Spätestens in 100 Jahren wird der Klimawandel ihm hier den Garaus gemacht haben, wenn nicht Plötzlicheres dazwischenkommt, wie einst das große Erdbeben von 1829. Die Vega Baja wird weiterleben. Zwei Museen, eine kleine Altstadt mit einer besonderen Brücke und ein paar Höhlen besuchen wir in Rojales und bekommen dort einen unterhaltsamen Eindruck von Geschichte und Wesen der Gegend vor der britisch-skandinavisch-germanischen Besiedlung.

Zeitreise durch Rojales im Archäologiemuseum

Geprägt ist Rojales, obwohl nicht weit vom Meer gelegen, vor allem vom Fluss, dem Río Segura, der hier die Landwirtschaft ermöglichte. Nachweise menschlicher Besiedlung gibt es aus dem Spätneolithikum bis etwa 3.000 vor unserer Zeit. Eine regelmäßige Niederlassung ist im heutigen Rojales seit dem 4. Jahrhundert vor Christus ablesbar. All das erfährt man an Schaustücken aus dem Alltagsleben der ersten Residenten im Museo Arqueológico Palentológico Algíbes.

Im archäologischen Musem von Rojales geht es Raum für Raum von Millionen Jahre alten Fossilien, über die Urzeit in die Bronzezeit, zu den Iberern, Römern, den Mauren und ihrer Vertreibung bis zur Gründung des christlichen Rojales im 14. Jahrhundert. Passenderweise ist das Museum im alten Konsistorialspalast, also dem früheren Rathaus, untergebracht und erst vor Kurzem renoviert worden. Man findet den knallroten Bau an der zentralen Plaza de España. Wegen der Coronavirus-Einschränkungen ist die Anmeldung des Besuches angeraten: 966 713 273

Rojales: Segura-Fluss als Lebensader und roter Faden der Geschichte

Das restaurierte Herrenhaus einer Finca bei Rojales, heute Museo de la Huerta, in der Vega Baja im Süden von Alicante.

Von dort sind es nur zwei Hausecken bis zum Fluss Segura, den man auf der Brücke Carlos III. aus dem 17. Jahrhundert überqueren kann, seitlich sieht man ein altes Wasserrad und ein paar Stellvorrichtungen zur Stauung und Umleitung des Wassers, die fast 500 Jahre alt sind. Dieses Conjunto Hidráulico, also hydraulisches Ensemble, ist ein zentrales Monument der Geschichte des Ortes, denn diese Technologie, eine Erweiterung der römischen und maurischen Techniken, ermöglichte die Agrarwirtschaft in einer an sich sehr trockenen Gegend durch die gezielte Umleitung und Dosierung des Wassers.

Das alte Wasserrad in Rojales, Teil des hydraulischen Ensembles aus dem 17. Jahrhundert, das für Wasser auf den Feldern sorgt.

Die heutige Fernbewässerung über das Tajo-Segura-System, das Wasser dazu kommt von 600 Kilometer weit weg aus Spaniens Norden vom Oberlauf des Tajo in Kastilien, ist wiederum die Fortsetzung dieser Ingenieurskunst und aufgrund der sich wandelnden klimatischen Verhältnisse auch der Endpunkt ihrer Ausdehnung. Ab jetzt muss es wieder kleinteiliger und nachhaltiger werden.

Museo de la Huerta Rojales: Geschichte erfahrbar gemacht

Leider ist von der Altstadt in Rojales nicht viel mehr übrig geblieben als die Brücke. Daher ziehen wir weiter ins Museo de la Huerta, also das Agrarmuseum, auf halber Strecke zwischen Rojales und San Fulgencio gelgen (auf der CV-905 gen Norden aus der Stadt, diese wird dann zur CV-920, dann kommt ein Schild zum Links-Abbiegen), wo man eine alte Finca mit mehreren Gebäuden, einem Herrenhaus, einer Gesindehütte, Stallungen und einer Ölmühle, sowie einem malerischen Außenbereich ausgebaut hat. In Führungen (Anmeldung unter: 966 715 001) werden alte Techniken und längst ausgestorbene Berufe vorgeführt, einem die Lebensweise in der Vega Baja näher gebracht.

Die Höhlen von Rojales: Von der Notlösung zum Kunstkeller

Zur Stadtgeschichte gehört auch ein Bevölkerungs-Boom ab dem 18. Jahrhundert, der vor allem viele Menschen in die sich langsam industrialisierende Agrarwirtschaft brachte. Ein elendes Leben, aber besser als gar keines. Ein Großteil der Zugezogenen richteten sich im heutigen Süden von Rojales halb unterirdisch ein. Vom 18. bis zum Anfang des 20. Jahrhunderts klopften sie sich Wohnraum in den Fels, später verbargen Anbauten diese Höhlenwohnungen. Eine Tradition, die es auch in Crevillent gibt und vor allem in Andalusien von Guadix bis Granada zu Ruhm gelangte.

Biotop mit wiederverwertetem Wasser: Der Park El Recorral in Rojales.

15 dieser Höhlen in Rojales hat die Stadt seit den 90er Jahren zugänglich gemacht und in ihren ursprünglichen Erbauungszustand zurückversetzt. Daraus enstanden sind die Cuevas de Rodeo, offiziell das Ecomuseo del Hábitat Subterráneo, Calle Cuevas del Rodeo, 4. Kunsthandwerker und Künstler haben heute hier ihre Ateliers, Handwerksmärkte mit Musik, die Rodearte, werden regelmäßig abgehalten, eine Höhle ist der Geschichte dieser Behausungen gewidmet, eine andere dient als Ausstellungsraum.

El Recorral in Rojales: Ein Park als Oase mit weiterführenden Aufgaben

Doch zurück ans Licht: Dass der Park mit den künstlichen Teichen in Rojales El Recorral heißt, wissen die meisten Einwohner gar nicht. Denn zwei Drittel der hier Ansässigen sind Ausländer, meist Briten, bei ihnen ist es einfach der City Park, mit mittelenglischem Akzent ausgesprochen. Viele moserten rum, als vor zwei Jahren hier wie verrückt gebaggert wurde. Künstliche Teiche mitten in der Stadt? Das zieht doch nur Mücken an.

Heute ist man froh, dass es das Projekt gibt, denn Rojales hat sich eine wahre Oase, ein kleines Paradies geschaffen, von dem man nur hoffen kann, dass sich die Betonstädte der Vega Baja, allen voran Torrevieja, ein Beispiel daran nehmen mögen. Dort gibt es zwar den Park Jardín de Naciones, der auch über eine große Wasserfläche verfügt, doch der ist leider ziemlich vernachlässigt. So ein Refugium der Natur ist nicht wenig, in einer Gegend, die von sich stapelnden Urbanisationen zuzementiert wurde.

Außerdem handelt es sich bei dem in Rojales in fünf Teichen aufgefangenen Wasser um aufbereitetes Abwasser, das früher – verbotenerweise – in die Bewässerungskanäle und die Lagunen von Torrevieja und La Mata abfloss. Heute werden aus den 5.000 Kubikmeter fassenden Teichen alle Grünanlagen der Stadt bewässert und das Wasser dient einer unglaublichen Anzahl von Tieren und Pflanzen als Lebensgrundlage - nicht nur Mücken.

Ganz nebenbei fungiert der Park als natürliches Auffangbecken bei Regenfällen, auch wenn Dana und Gloria, die großen Unwetter des letzten September und Januar, etwas zu viel für den Park waren, der danach erst wieder hergerichtet werden musste. Der Unterhalt ist eine Koproduktion der Stadt mit dem Wasserversorger Hidraqua.

Spaziergänger lieben den Park, der immer noch weiter bepflanzt wird und fast subtropisches Flair ausstrahlt. Dabei hat man aber vor allem einheimische Pflanzen der Levante angesiedelt, die anderswo entweder vertrocknet sind oder dem Bauwahn zum Opfer fallen, darunter verschiedene Schilfgewächse, die man sonst aus den Feuchtgebieten kennt, Teichlilien, Seerosen oder den lila blühenden Blut-Weiderich.

Eine Oase in Rojales: Der Park El Recorral.

Etliche Wasservögel haben das Habitat angenommen, darunter seltene Schnepfenarten, Reiher, Enten, Haubentaucher, Blesshühner. Aber auch Frösche und Kröten stimmen ihre Konzerte an, schimmernd leuchtende Libellen wie das Teufelspferdchen schwirren über die Wasseroberfläche.

Große Artenvielfalt im Park von Rojales: Mücken haben keine Chance

Verschiedene Bäume spenden der Szene und den Benutzern des Parks Schatten, halten auch die Erde fest. Je weiter nach außen man im Park geht, umso hitzeresistenter und wassersparender werden die Arten. Hier sind Kaninchen zu Hause und flattern in der Dämmerung Fledermäuse umher. Tagsüber haben die Schwalben die Lufthoheit und Spechte klopfen den Takt. Mücken haben daher wenig Chancen, die Kritiker nichts mehr zu meckern.

Derzeit prüfen Biologen, ob man in den Teichen Fische ansiedeln könnte. Im Auge hat man den cachuelo valenciano, ebenso ein schlanker kleiner Vertreter der Karpfenfamilie wie der barbo gitano oder andaluz. Einige Schilder erklären dem Besucher die Arten und Schulen haben den Park bereits als anschaulichen Lehrpfad entdeckt. Ein Projekt also, das den jahrzehntelangen Freveln an der Natur entgegenwirkt und als kleine Wiedergutmachung ein nachhaltiges Konzept entgegensetzt. Doch kaum verlässt man den Park, drehen sich ringsrum in Rojales, Orihuela Costa und Torrevieja weiter die Baukräne und sich somit alles im Teufelkreis.

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