Interview mit einer Schulleiterin

Schule in Corona-Zeiten in Spanien: „Risiko null gibt es nicht“

  • vonAnne Götzinger
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Selten war ein Schuljahresbeginn in Spanien mit so viel logistischem Aufwand verbunden wie im Corona-Jahr 2020. Für Schulleiter und Lehrer stellt dies eine enorme Herausforderung dar.

Sant Joan d’Alacant – Ruhige und erholsame Sommerferien hatte Enri Rodríguez Payá dieses Jahr nicht. Sie ist Sportlehrerin und Schulleiterin der Grundschule Cristo de la Paz in Sant Joan d‘Alacant an der Costa Blanca, wo es viel zu organisieren gab, um die Schule Covid-19-sicher zu machen. Die CN sprachen mit ihr über den schwierigen Start in das besondere Corona-Schuljahr 2020/21 in Spanien.

Schulleiterin und Sportlehrerin Enri Rodríguez musste in ihrer Schule unzählige Covid-19-Maßnahmen umsetzen.
Mit welchen Gefühlen haben Sie dieses Schuljahr begonnen?

Enri Rodríguez: Ich habe es wie alle angefangen, mit großer Freude. Es stimmt, es ist ein sehr schwieriges Jahr, doch die, die wir Lehrer mit ganzem Herzen sind, haben immer Lust, in die Schule zurückzukehren und mit den Kindern zusammen zu sein. Dieses Jahr mehr denn je, da das letzte Schuljahr eben so seltsam endete. Deswegen versuchen wir, dass alle Kinder wieder eine Normalität haben. Es ist richtig, es ist eine neue Normalität, aber wir gehen es mit Freude an, vor allem für die Kinder.

Welche Maßnahmen mussten Sie in Ihrer Schule einführen?

Es sind Maßnahmen, die das Landeserziehungsministerium im sogenannten Plan de Contingencia festgelegt hat. Es gibt jetzt überall Plakate in der ganzen Schule, man muss über sehr viel informieren, etwa was die maximale Personenzahl in einem Raum angeht. Es galt, die Laufrichtung auf dem Boden zu markieren, den Pausenhof und die Klassenstufen zu teilen, die Schulkantine und alle anderen Räume an die Vorgaben anzupassen. Die Toiletten wurden bestimmten Klassen zugeordnet, den Schülern müssen wir eintrichtern, möglichst keine Treppengeländer zu benutzen. Es wurden unterschiedliche Uhrzeiten zum Betreten und Verlassen des Schulgeländes eingeführt, und ich könnte noch vieles, vieles mehr aufzählen. Um das Ganze etwas freundlicher zu gestalten, haben wir zum Beispiel bei der Abtrennung der Schulhofbereiche keine Zäune, sondern Blumenkübel mit Pflanzen aufgestellt.

Wie sieht es mit dem Thema Hygiene aus?

Das Rathaus hat uns eine zusätzliche Reinigungskraft zur Verfügung gestellt, um während des ganzen Schultages von 9 bis 17 Uhr einen Extradienst auszuführen. Die Toiletten werden dreimal täglich gereinigt, Geländer, Türklinken, Versammlungsräume, alles wird regelmäßig desinfiziert. Wir haben zudem einen Covid-Bereich, in dem eine Person mit Symptomen isoliert werden kann, bis sie abgeholt oder medizinisch versorgt wird.

Wie beurteilen Sie die Information und Unterstützung, die die Schulen vom Landeserziehungsministerium erhalten haben?

Wir haben uns allein gelassen gefühlt. Es stimmt natürlich, diese Situation ist für alle neu und hat uns alle unvorbereitet getroffen. Wir müssen uns daran anpassen, was uns Valencia vorschreibt, nachdem die Regierung auf Präsenzunterricht gesetzt hat. Das Schlimmste dabei war, dass die Vorgaben täglich, teils sogar stündlich geändert wurden. Es war sehr anstrengend. Wir hatten manchmal viele Stunden investiert, in Infrastruktur, Pläne, Material, etc., und dann haben sie die Vorgaben am nächsten Tag wieder geändert.

Was erwarten Sie von den Familien?


Verständnis. Es gibt viele Familien, die verständnisvoll sind, doch es gibt einen kleinen Teil, der es nicht ist. Und das führt dazu, dass unsere Arbeit noch schwieriger wird. Einige verstehen nicht, dass nicht wir die Maßnahmen ausgewählt haben, sie wurden uns auferlegt. Egal ob wir mit ihnen einverstanden sind oder nicht, die Schule muss diese Maßnahmen durchsetzen. Dass viele das nicht verstehen, ist eines der Dinge, die mir am meisten zu schaffen machen. Ich wünsche mir Verständnis, denn entgegen dem, was einige denken, wird in den Schulen ohne Pause gearbeitet. Ich habe Arbeitstage von zehn oder zwölf Stunden und vernachlässige meine eigene Familie, um mich um die anderen zu kümmern. Das Risiko null gibt es nicht. Aber es gibt es weder in den Schulen, noch auf der Straße, noch in der Bar, noch bei den außerschulischen Aktivitäten, noch bei Familientreffen. Aber wir befinden uns in einer neuen Normalität und müssen mit ihr leben.

Auf einer Skala von eins bis zehn: Wie müde sind Sie?

(lacht) Das ist eine gute Frage. Ich bin vor allem psychisch erschöpft. Die Last, die wir Schulen und insbesondere die Schulleitungen zu tragen haben, ist sehr schwer. Und die Leute verstehen das nicht und wissen es nicht zu schätzen. Wir erwarten eine Unterstützung von der Gesellschaft, die wir nicht erhalten. Das Schönste, denn natürlich gibt es auch die gute Seite, sind die Kinder, ihre Gesichter. Wenn sie abgeholt werden und sagen, „Mama, hol mich nicht so früh ab, ich will noch in der Schule bleiben“ – das ist für mich das Schönste, was es gibt. Mit wie viel Freude sie ihren Rucksack packen, um wieder in die Schule zu gehen. Das „Wieder-zur-Schule-gehen-wollen der Kinder“ macht, dass wir weitermachen.

Rubriklistenbild: © Ángel García

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