Auf einem Stuhl im Garten sitzt eine ältere Dame und lächelt.
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Schweizerin Lilly Böhler: An der Costa Blanca wurde sie 100 Jahre alt.

Leben in Spanien

Geborene Aufsteh-Frau: Schweizerin von der Costa Blanca wird 100 Jahre alt

Ein Schweizer Club in Spanien feiert sein ältestes Mitglied: Was Lilly Böhler über das Leben in der Schweiz und in Spanien, damals und heute erzählt. Und warum sie ohne Angst durch die Corona-Krise geht.

Rojales - Sie überlege noch, ob sie nicht noch lerne, mit dem Smartphone umzugehen, sagt Lilly Böhler. Mit dem Computer könne sie das ganz gut, aber das Digitale sei noch nicht ihr Ding. „Und überhaupt!“, fügt die Schweizerin hinzu: „Was heißt digital genau? Das hat mir noch keiner richtig erklären können.“ Ich bin etwas sprachlos. Die Dame, die ich anrufe, feiert in Spanien an der Costa Blanca ihren 100. Geburtstag. Ja klar, sagt die Schweizerin, sie sitze gerade vor dem Computer und designe die Menükarte für ihren Geburtstag, den sie mit dem Schweizer Club in Rojales begeht.

Club Suizo de RojalesSchweizer Kollektiv im Süden der Costa Blanca
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Schweizerin von der Costa Blanca wird 100 Jahre alt: Gestatten, Lilly Böhler

Am 7. August 1921, ein Sonntag, wurde Lilly Böhler im Frauenspital Basel geboren. Mit vier folgte der erste Umzug. Noch nicht nach Spanien, sondern zunächst nach Zürich, wo die Schweizerin all ihre Schulen besuchen, Ausbildungen absolvieren, heiraten, ihre Kinder großziehen und arbeiten würde. Heute jedoch wartet, am obersten Treppenabsatz ihres Hauses in der Urbanisation Ciudad Quesada im Süden der Costa Blanca, eine vor Charme sprühende, 100 Jahre gewordene Schweizerin.

„Ich bin ja nicht fromm, aber irgendwie empfinde ich es schon als Wunder...“

Lilly Böhler, 100-jähriges Geburtstagskind von der Costa Blanca

Als Fünfjährige habe Lilly Böhler in der Schweiz noch einen Schemel gebraucht, um mit dem Wandtelefon telefonieren zu können. Aber da musste man an einer Kurbel drehen, dann habe das Fräulein vom Telefonamt die Verbindungen gestöpselt, und die kleine Lilly staunte, wenn aus dem schwarzen Kasten die Stimme der Großmutter ertönte. Sie erlebte die Zeiten mit, in denen man mitten in der Stadt auf der Straße spielen konnte, der Milchmann die Kannen auf dem Handwagen durch die Quartiere zog und man noch andächtig vor einem Radio saß und staunte. 100 Jahre und was für Änderungen ihrer Lebenswelten.

Ein Magnet zum Auswandern an die Costa Blanca: Die Urbanisation Ciudad Quesada von Rojales.

Lilly Böhler, ob Spanien oder Schweiz: Seit 100 Jahren ihrer Zeit voraus

Jetzt überlegt die Schweizerin von der Costa Blanca tatsächlich, noch die digitale Telefonie zu lernen, „weil so viel, auch amtliches von Behörden oder Spitälern, heute auf diesem Weg kommuniziert wird.“ Lilly Böhler, heute glücklich mit ihrem Leben in Spanien, besuchte die Handelsschule in Zürich, lernte Maschineschreiben und Stenographie und arbeitete als Sekretärin bei einem Anwalt und bei einem Architekten. Dann baute sie mit ihrem ersten Mann eine Modefotografie-Agentur auf.

In der Schweiz lernte sie ferner das Fotografieren, kaufte sich eine Spiegelreflexkamera, lernte Entwickeln und Vergrößern und richtet im Badezimmer eine eigene Dunkelkammer ein, um sich und ihre Kinder nach der Scheidung durchzubringen, neben einer Halbtagsstelle bei der Bank. Damals schon war Lilly Böhler ihrer Zeit voraus. Sie blieb nicht einfach, weil es sich nicht gehörte, sich scheiden zu lassen. Die Partnerschaft lief nicht gut, also ging man besser getrennte Wege.

Sieben Jahre später lernte sie ihren zweiten Mann kennen, Hannes, mit dem sie sich einen lang gehegten Traum erfüllte: Ein eigenes Restaurant, das Hot Pot in Zürich, und später noch eines am Üetliberg.

Das Fastnachtsfest des Schweizer Clubs, das ein Herz öffnete

Welche Gefühle begleiten Lilly Böhler zum 100. Geburtstag in Spanien? „Dankbarkeit! Das ist das Wichtigste!“, sagt die Schweizerin sofort. Natürlich waren da auch Enttäuschungen, schwierige Zeiten. Aber sie sei eine Aufsteh-Frau. Ein offener, neugieriger Mensch, ohne Schwierigkeiten, Kontakte zu knüpfen, auf Menschen zuzugehen, sie so zu nehmen, wie sie sind. Aber gleichzeitig sei sie auch kritisch. Freundschaften hätten Bestand, wenn man aufeinander vertrauen könne. Nicht ertragen kann Lilly Böhler Klatsch.

Schweizer Paar zog nach Spanien: Lilly und Hannes, 1968 noch in der Schweiz.

„Ich erwarte Offenheit und Vertrauen, aber ich habe mich auch nie ausnützen lassen“, sagt Lilly. Nur einmal während des Gesprächs huscht ein trauriger Schatten über ihr Gesicht und funkelt eine Träne in ihren Augen: Als sie auf ihren verstorbenen Mann Hannes zu sprechen kommt. Es sei ein „coup de foudre“ gewesen. Liebe auf den ersten Blick. Er sei auch ein guter Vater für ihre Töchter gewesen und wie sie, ein neugieriger, lebensfroher Mensch, immer bereit, neue Wege zu gehen, aufzustehen, wenn etwas nicht klappte.

Nur als Lilly – schon als Rentnerin – Hannes fragt, ob er sich vorstellen könne nach Spanien auszuwandern, kommt ein klares Nein! Es passiert während eines Ferienaufenthalts an der Costa Blanca. Aber lange hält das Nein nicht an. Ein Fastnachtsfest beim Schweizer Club öffnet Hannes das Herz. Er ist es auch, der ein Haus mit der Tafel „Se vende“ findet, man könne es ja mal anschauen.

Noch in den Ferien werden Nägel mit Köpfen gemacht, sie entscheiden sich für ein Haus in Quesada. Im November 1988 übersiedeln sie mit Möbeln, Sack und Pack von Zürich nach Quesada. In das Haus, wo Lilly heute noch lebt.

Leben in Spanien, Leben in der Schweiz: Was anders ist

Als Hannes vor 13 Jahren stirbt, meinen viele, Lilly ziehe es jetzt zurück in die Schweiz. Aber nichts da: „Ich lebe gerne hier. Hier ist mein Lebensmittelpunkt. Meine Freundinnen und Freunde sind hier. Ich reise gerne in die Schweiz, um meine Tochter und ihre Familie zu besuchen, aber dann reißt es mich regelrecht nach Hause, zurück nach Spanien. Ich vermisse gar, gar, gar, gar nichts.“

Lilly hat Spanisch gelernt, zuerst mittels Kassetten, die sie mit Hannes während ihrer Autofahrten abhörten und nachsprachen. Später belegen sie Kurse. Lilly mag die Sommerhitze, das spanische Essen, die spanische Kultur, Offenheit, Gelassenheit. Noch heute kommt ihr das Spanisch ganz flüssig über die Lippen, neben Englisch und Französisch. Was anders ist, hier in Spanien, als in der Schweiz? Ach Gott, sie könne sich kaum mehr erinnern. Die Offenheit sicher. Das Lebensgefühl, das Essen. Die Menschen.

Natürlich, ganz alleine geht es heute nicht. Die Beine wollen nicht mehr so wie früher. Die Arthrose in den Fingern. Lilly macht sich ihr Frühstück zwar selbst, aber um neun Uhr kommt Hilfe, eine Frau, die bei der Körperpflege hilft, beim Einkauf, Kochen, Haushalten. Bis 14 Uhr, dann ist Lilly wieder auf sich allein gestellt. Macht ihre Siesta, liest Zeitung im Internet, führt Tagebuch, oder macht ihre Buchhaltung – auch auf dem Computer. Oder sie chattet mit einer ihrer Töchter in der Schweiz oder Kanada und krault ihre Katze.

Mit 100 Jahren an der Costa Blanca: Lilly Böhler arbeitet gern am Computer.

Gibt es ein Geheimrezept, um 100 Jahre alt zu werden?

Einsamkeit, die kennt Lilly Böhler nur in Bezug auf ihren Hannes. 42 Jahre verheiratet, das mache etwas mit einem. Dieser Mann, ein „Glücksfall“ eines Menschen, er fehlt ihr. Ansonsten sei ihr Einsamkeit ein Fremdwort. So kam die Schweizerin von der Costa Blanca auch durch die Coronavirus-Zeit in Spanien. Sie wolle nicht sagen, dass sie Corona nicht ernst genommen habe. Aber Angst?

Nein, nie. Sie hielt sich in ihrem Wohnort an der Costa Blanca an die Regeln, empfing lange keine Besuche. Das sei unangenehm gewesen, aber kein Drama, sagt Lilly Böhler. Nur als sie nach einer kleinen OP in ein Heim musste, habe es ihr Mühe bereitet. Alles steril. Niemand kam in die Zimmer. Essen wurde von einer maskierten Schwester gebracht. Sie habe es nicht ausgehalten.

Ihr Geheimrezept, um 100 Jahre alt zu werden? Keine Ahnung, sagt Lilly, vielleicht die Lebenseinstellung? Sie könne ja nicht sagen, dass sie ganz gesund sei, bei all den Medikamenten, die sie schlucke: „Manchmal vergesse ich sie auch, aber irgendwie lebe ich immer noch ganz gut.“ Manchmal, wenn sie sich zu schnell hinlege und ihr schwindlig werde, denke sie, wenn jetzt der Moment wäre zu gehen, wäre das „ehrlich gesagt“ auch in Ordnung. Vor dem Tod habe Lilly keine Angst.

Am Schluss bleibe Dankbarkeit, sagt sie wieder: „Ich bin ja nicht fromm, aber irgendwie empfinde ich es schon als Wunder, dass ich noch hier bin und es gut ist. Und dass ich das alles erleben durfte.“ Jetzt wird der 100. Geburtstag an der Costa Blanca gefeiert. Und dann wartet da ja noch die digitale Telefonie.

Der Text ist ein Gastbeitrag des Club Suizo de Rojales (externer Link) und wurde von Charlotte Heer Grau verfasst.

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