Urlaubssaison in Spanien

Ferien trotz Coronavirus: Costa Blanca rüstet sich für den Sommer

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  • Stephan Kippes
  • Andrea Beckmann
  • Judith Finsterbusch
  • Susanne Eckert
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  • Melanie Strauß

Touristen aus dem Ausland sind für die Costa Blanca die letzte Rettungschance für eine Corona-verkorkste Saison 2020. Doch einige warnen vor Infektionsgefahr, die vom Tourismus ausgeht.

  • Die Öffnung der Grenzen nach Spanien im Juli für Touristen bedeutet für den Sektor die letzte Rettung.
  • Hoteliers und Gastronomen fürchten jedoch das schlechte Image von Spanien wegen der Coronavirus-Pandemie.
  • Tourismus-Sektor erwartet harten Preis- und Konkurrenzkampf wegen großem Angebot bei wenig Nachfrage in ganz Europa nach dem Covid-19-Lockdown.

Dénia/Jávea/Calpe – Diesen Sommer können Urlauber doch ihre Füße in den weißen Sand der Costa Blanca stecken. Totgesagte leben eben länger – all den vielfach ausposaunten Beerdigungen der diesjährigen Sommersaison hat Ministerpräsident Pedro Sánchez in seiner samstäglichen Fernsehansprache eine Absage erteilt, als er die Öffnung der Grenzen für 1. Juli ankündigte. Auch die Quarantänepflicht wird bis dahin aufgehoben. „Wir werden garantieren, dass die Touristen keine Risiken eingehen werden und auch keine Risiken für uns verursachen“, beteuerte der Ministerpräsident. Was für ein Urlaub aber soll das werden, mit Atemschutzmasken statt Feuerwerk, Tapas mit Gummihandschuhen und Eis mit Duft nach Desinfektionsgel?

Coronavirus prägt Spanienbild heute mehr als Strand und Sonne

Beim Gedanken an Spanien kommen vielen eher Bilder der Coronavirus-Krise in den Sinn als von Strand, Sangría und Sonne. Bilder von aus Krankenhäusern rollenden Särgen, überfüllten Intensivstationen, verzweifelten Krankenschwestern und verwaisten Straßenzügen gingen um die Welt. Mit bis zu 950 Toten täglich und über 27.000 Covid-19-Opfern hilft alles Schönreden nichts. Die SARS-CoV-2-Pandemie ist für Spanien eine Katastrophe. Doch sie wütete in Spanien nicht überall gleich, und auch ihre Folgen bemerkt man vielerorts auf unterschiedliche Weise.

Die Costa Blanca bietet viele Reize - doch was für ein Urlaubsziel ist sie im Schatten der Coronakrise?

Trotzdem kann es sich María Ferrer aus Dénia nicht vorstellen, dass ein Ausländer diesen Sommer große Lust auf Spanien oder die Costa Blanca verspüren könnte. „Wir sind in einem Krieg gegen dieses Virus. Da denkt man doch nicht an eine Vergnügungsreise“, meint die Spanierin, die im Gesundheitswesen tätig ist. Internationalen Tourismus im jetzigen Stadium der Pandemie hält sie für verfrüht. „Man sollte nur mit größter Vorsicht unter Leute gehen. Unbeschwert kann man da nicht sein, beim Ausgehen und am Strand gibt es viele Einschränkungen. Mir tut es ja auch leid um die Tourismusindustrie – aber einige karge Monate sind immer noch besser als karge Jahre“, sagt sie.

Corona-Hotspots wie Madrid oder Barcelona lassen sich nicht mit der Marina Alta oder vielen anderen Ferienzielen vergleichen, weder mit der Costa Blanca noch der Costa del Sol und schon gar nicht mit Murcia, den Balearen oder Kanaren. Das Kreiskrankenhaus von Dénia etwa verzeichnete seit Ausrufung des Notstands Mitte März knapp 260 Sars-CoV-2-Infizierte und insgesamt keine 20 Todesopfer – das letzte Leben verlor man am 28. April an das Coronavirus. Einen Kollaps auf den Intensivstationen gab es auch nicht. Nach den heftigen Wochen Ende März, Anfang April glich das Krankenhaus einer Geisterbahn. Die Bewohner mieden die Notaufnahmen aus Furcht vor Infizierung bis sie gar nicht mehr anders konnten. Die allabendliche Hommage für Krankenhauspersonal auf den Balkonen driftete hier schnell in ein soziales Happening ab, mit dem die Einwohner dem strengen Ausgehverbot ein Schnippchen schlugen.

Coronavirus und Grenzöffnung: Viele Familien leben vom Tourismus

Allerdings leben in dem strukturschwachen Kreis fast alle Familien direkt oder indirekt vom Tourismus – völlig egal, ob das Gros der 175.000 Einwohner als Koch, Kellner oder als Taxifahrer, Gärtner, Poolpfleger, Schreiner, Maler oder Handwerker arbeitet. Ihre Rechnung zahlt fast immer ein Tourist. Was in der Corona-Zeit noch schlimmer für sie ist: Ein Großteil der Leute braucht den Sommer, um sich ein Polster für den Winter zuzulegen. Und viele von ihnen brauchen in der Nebensaison die Straße, damit sie ihre Kontakte pflegen können, hier und da bei einem Deutschen oder in der nahen Ferienhaussiedlung die Mauer streichen, eine Pergola bauen oder einen Job verrichten können. In der Marina Alta läuft kein Ford oder Seat vom Band, hier schlagen sich viele als Selbstständige durchs Leben oder müssen eben zusehen, wie die Orangen unter den Bäumen verfaulen.

„Wir hatten seit März nur Kosten und null Einnahmen“, sagt Helena Olthof, die in Dénia die Ferienhausvermietung „Happy in the Sun“ betreibt. Buchungen blieben wegen der Corona-Krise nicht nur aus. Sie musste vielen Kunden obendrein das Geld für die Annullierung ihrer Reservierungen zurückerstatten. All ihre Hoffnungen ruhen auf Juli und August, jedoch dieses Jahr mehr auf spanischen als auf ausländischen Gästen. „Der nationale Tourismus macht aber nur die Hälfte des Sommergeschäfts aus.

Die Konkurrenz wird sehr groß sein. Und obendrein haben viele dieses Jahr kein großes Budget für den Urlaub“, klagt sie. Große Sorgen um das Ansteckungsrisiko macht die Schweizer Unternehmerin sich nicht. Denn der Mindestabstand lässt sich in Dénia mit seinen 15 Kilometern Strand relativ leicht einhalten und auch bei 400 Bars und Restaurants in der knapp 42.000-Einwohnerstadt müssen sich die Gäste nicht auf die Pelle rücken. „Ich glaube nicht, dass ein Risiko besteht, so lange man sich an die Abstandsregeln und andere Sicherheitsregeln hält“, sagt Olthof. Und die geltenden Vorschriften werde sie ihren Gästen natürlich vermitteln.

Coronavirus und Lockerungen: Spanier trauen Frieden noch nicht

Die Spanier scheinen dem Frieden noch nicht zu trauen. Die ersten Lockerungen im Zuge der strengen Ausgehbeschränkungen entluden sich in keinem so großen Ansturm auf Bars oder Restaurants wie das nach wochenlangem Hausarrest zu erwarten wäre. Man hat den Eindruck, die Kleinstadt Dénia erwacht langsam aus einem Winterschlaf. Nur wenige Leute bummeln durch die Straßen oder schlendern über sie Strandpromenaden, viele Lokale haben geschlossen und die Kellner desinfizieren die zwei Meter voneinander entfernten Tische und Stühle häufiger als sie Gäste bedienen.

„In der Marina Alta gibt es so wenig Fälle wie in Nordeuropa. Und trotzdem müssen wir strengste Auflagen erfüllen, die teilweise nicht einmal wir Besitzer verstehen können“, sagte Victor Anibal von der Bar Botánico am Arenal-Strand im benachbarten Jávea. Aus Telefongesprächen mit internationalen Stammgästen hat er das Gefühl gewonnen, Spanien sei „gebrandmarkt“. Der Strand vor seinem Lokal bietet immer noch den Anblick, als sei kürzlich ein Orkan darüber hinweggefegt. Die Promenade wirkt uneben, umgekippte Steinbrocken liegen am Strand herum. Die Spuren des Unwetters „Gloria“ vom Januar zeichnen noch immer das Strandbild. „Die Strände haben alle an Attraktivität verloren, weil das Leben momentan in den Wohngebieten stattfindet“, sagt Ladeninhaberin Joana Mason von der Boutique Indigo. Sie macht ihre Türen nur auf, weil sie auf das Glück hofft, einen guten Tag zu erwischen. „Am Samstag habe ich den Umsatz gemacht, der in der Saison normal wäre“, meint sie erfreut. Dann zuckt sie mit den Schultern. „Zu Hause sitzen ist ja noch schlimmer.“

Viele Strände geben auch ein etwas tristes Bild ab, weil die Städte weit bei den Vorbereitungen für die Sommersaison hinterherhinken. An manchen Stränden verrottet noch immer das Seegras. Vielerorts müssen Fußstege verlegt, Duschen angeschlossen, Umkleiden und Strandbars aufgebaut und die Quallen vor der Küste müssen abgefischt werden. Die spanische Regierung fuhr ja die Wirtschaft am 14. März wegen der Corona-Pandemie einen ganzen Monat herunter. In den 33 Kommunen der Marina Alta stecken fast 12.500 Berufstätige in der Kurzarbeit, allein in Dénia, Jávea und Calp über 60 Prozent.

Coronaviruskrise und Wirtschaftskrise: Calpe hofft auf deutsche Urlauber

Niemand in Calpe rechnet diesen Sommer mit einem Tourismusboom oder den 90.000 Urlaubern pro Woche, die im Juli und August sonst die Stadt unter dem felsigen Wahrzeichen der Costa Blanca, dem Peñón de Ifach, besuchen. Aber immerhin hängen 4.000 Arbeitsplätze in der 30.000-Einwohner-Stadt vom Tourismus ab. „Von einem großartigen Gewinn redet keiner, aber die Menschen müssen ihre Familien ernähren können“, sagt der frühere Tourismusstadtrat von Calpe, Jan van Parijs. Der 64-Jährige vertraut fest auf deutsche Urlauber und ihre Solidarität. „Calpe genießt ein hohes Vertrauen – gerade bei den Deutschen, von denen viele immer wieder kommen und einige mehrere Monate im Jahr in ihren Zweitwohnungen verbringen. Das wird auch nach Corona wieder so sein, das ist unser Ass im Ärmel“, sagt er. Ferner hofft er nicht zuletzt wegen der knappen und teuren Flüge auf Wohnmobil- und Campingurlauber, für die Calpe in den vergangenen Jahren mehrere Stellplätze eingerichtet hat.

Wen es auch immer an die spanische Mittelmeerküste diesen Sommer verschlägt, so ein Urlaub nach der Corona-Krise kann auch Vorteile haben. „Die Menschen müssen auch mal durchatmen“, sagte van Parijs. Die attraktivsten Plätze könnten dieses Jahr nicht so überfüllt sein wie sonst. Ein landschaftlich so traumhaftes Kleinod wie die Granadella-Bucht in Jávea oder das Portixol-Gebiet braucht man normalerweise im August gar nicht erst besuchen, dieses Jahr kann man dort stressfrei baden. Wahrscheinlich können Urlauber diesen Sommer sogar einen Sitzplatz in einer lauschigen Sommernacht in der Tapasmeile in Dénias Loreto-Straße ergattern.

Coronaviruskrise und Auslandstourismus: Was für und gegen Urlaub in Spanien spricht

Die Liste für die Vorzüge eines Sommerurlaubs im Schatten der Corona-Krise ließe sich endlos fortsetzen, vor allem wenn Kinder im Spiel sind. Allerdings sprechen auch Gründe gegen einen Auslandsurlaub. „Spanien macht so viele Vorschriften, dass es einem als Urlauber schwer fällt, sich richtig zu verhalten“, findet Patrick Neudecker. Der Deutsche blieb mit seiner Familie nach einem Aufenthalt im Ferienhaus in Moraira im März hängen. „Der Notstand wurde ausgerufen und nichts ging mehr“, erinnert er sich. Am 24. Juni soll Spanien die „neue Normalität“ erreichen und endgültig die komplizierten Phasen hinter sich lassen, in denen die Regierung graduell die Ausgehsperre und die Einschränkung der Bewegungsfreiheit wegen der Corona-Pandemie lockert. „Es muss für alle ersichtlich sein, was geht und was nicht,“ sagte Neudecker.

Unter all den Verlierern der Corona-Krise meinte man in den vergangenen Wochen einen kleinen Gewinner ausmachen zu können: den Landtourismus. Michael Vietze betreibt ein kleines Gästehaus und Restaurant in Margarides, dem 30-Einwohner-Vorort des Dorfs Planes. 45 Minuten Autofahrt sind es bis zum nächstgelegenen Strand, die Abgeschiedenheit zieht Ausflügler, Wanderer und Naturburschen an – der perfekte Corona-freie Ort fernab vom Massentourismus. Noch hat Vietze seine l’Almàssera geschlossen, am 3. Juli will er wieder öffnen. „Bisher habe ich exakt null Buchungen für die zweite Jahreshälfte.“

In seinem Restaurant setzt der Deutsche auch auf Landsleute und andere europäische Ausländer, die an der Küste ein Haus haben. Viele von ihnen sind Hals über Kopf in ihre Heimat zurückgereist, als die Epidemie Spanien traf. Immerhin hat die Regierung mit ihrer Ankündigung, ab Juli wieder Ausländer ins Land zu reisen, Hoffnungen geschürt. „Ab Mitte September rechne ich wieder mit nordeuropäischen Tagesgästen. Wer hier ein Haus hat, wird sicherlich herkommen, um nach dem Rechten zu sehen“, meint Vietze.

Coronavirus im Sommer: Preisschlacht der Hotelketten wird erwartet

Bis dahin rechnet er mit einer wahren Preisschlacht im Sommer. Die großen Hotelketten an der Küste werden sich gegenseitig unterbieten, um ihre Zimmer zu füllen, denn „jedes leere Zimmer ist ein totes Zimmer“. Und während an der Küste die Gastronomen beginnen, Plastik-Trennwände aufzustellen und mit dem Zollstock durch ihre Speisesäle zu wuseln, hat Vietze in seinem Gasthaus einfach ein paar Tische und Stühle entfernt. „Bei mir war eh schon immer alles locker gestellt.“.

Eine der Fragen, die ihn jetzt noch beschäftigt, ist die, wie locker der Geldbeutel im Zuge der Coronavirus-Krise noch sitzen wird. „Man merkt es jetzt schon deutlich: Kunden, die um die 80 sind, nehmen die Anfahrt vielleicht nicht mehr so häufig auf sich, sind aber sehr spendierfreudig, wenn sie einmal hier sind. Die Generation Mitte 50 bis Ende 70 ist da schon eher zurückhaltender, viele – vor allem Spanier – müssen ihre Kinder und Enkel unterstützen. Und dann gibt es die Generation ab Mitte 30 aufwärts, die entweder einen guten Job oder keinen Cent in der Tasche hat.“

Erste Strände in Spanien und an der Costa Blanca öffnen für Badegäste.

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