Kolumnistin und Musikerin wurde 91 Jahre alt

Kleine Hommage an große Frau: Edith Kühn ist gestorben

  • vonStephan Kippes
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Edith Kühn ist am Mittwoch mit 91 Jahren gestorben. Die Musikerin prägte als Chorleiterin und Kolumnistin die Costa Blanca.

  • Erfolge feierte sie mit dem Coral Internacional Marina Alta und der Zusammenarbeit mit Josef Lammerz.
  • Deutschen kennen ihre Kolumne Ediths Ecke, wo viele ihre Sorgen und Nöte los wurden.
  • Ihre letzten Jahre verbrachte sie zurückgezogen von der Öffentlichkeit.

Benissa/Senija – Ihr Körper hat Edith Kühn losgelassen. In der Nacht von Dienstag auf Mittwoch fühlte die überzeugte Buddhistin und frühere Leiterin des Coral Internacional Marina Alta dann keine Schmerzen mehr. Wohl aber alle, die die 91-Jährige kannten, die ehemaligen Chormitglieder, ihre Skatfreunde, die Leser von Ediths Ecke und viele Deutsche, die hier an der Costa Blanca verwurzelt sind. Man muss nicht wie Edith Kühn an Wiedergeburt glauben, aber wenn irgendwo ein schlohweißer Spitz mit dem Schwanz wedelt, kann man ihm mit einem Gedanken an sie antworten.

Edith Kühn kam 1996 an die Costa Blanca

Edith Kühn kam 1996 an die Costa Blanca: Die frühere Konzertpianistin sprach bis zu ihrem letzten Tag kaum ein Wort Spanisch, aber schimpfte gern übers Valenciano. Sie hatte etwas von einer Diva an sich, ohne dass es aufgesetzt wirkte. Mal war sie mehr wie Elizabeth Taylor, mal mehr wie Oscar Wilde. So färbte sie sich mit 90 Jahren lila Strähnen in ihr weißes Haar und in einem Käfig auf ihrer Finca saß immer ein Vogel aus Plastik, den manchmal ein Wurf von Straßenkatzen argwöhnisch beäugte. Vor ihrem letzten Auftritt vor vier Jahren bei den Literaturfreunden, den man in dem Video sehen kann, verschwendete Edith Kühn weniger Gedanken an ihr Repertoire oder ihren Rollstuhl als an ihre Frisur. Eitelkeit lag Edith Kühn fern, sie hatte auch im vollbesudelten Sommerkleid diese gewisse Klasse.

Edith Kühn in ihrer Zeit als Chorleiterin

Ich hielt sie zuerst für ein Paradebeispiel für so viele Ausländer, die im Alter vereinsamen, etwas sonderbar werden und wollte darüber einen Artikel schreiben. Und sie fand es zum Kotzen, dass die heutige Gesellschaft ständig versuche, alte Menschen zu bevormunden. Wir haben uns immer gut verstanden. Sie war eloquent, blitzgescheit und vielleicht der größte Sturkopf an der ganzen Costa Blanca. Einfach ein unheimlich wertvoller Mensch, der in keine Schublade passte. Aber bei jedem Versuch eines Artikels ließ Edith Kühn einen Sektkorken knallen.

Edith Kühn zog sich aus der Öffentlichkeit in die Einsamkeit zurück

Bei unserem ersten Treffen lotste sie mich nach Senija, nach der Bar nach links und über acht Bodenschwellen nochmal nach links den Berg hoch. Da war man dann im Nirgendwo, zwischen Senija und Benissa in einem ehemaligen Haus für Landarbeiter. Sie nannte es ihr Paradies und erzählte von zwitschernden Vögeln rund um ihren Teich, ich sah eine umgekippte Pfütze, ein vor Feuchtigkeit muffendes Gemäuer mit einer mehr oder weniger überdachten Terrasse unter einem ehemals weißen asbest-verdächtigen Wellblechdach voller schwarzem Schimmel, umgeben von einem riesigen naturbelassenen Grundstück mit einer alten Dame mittendrin, die sich nur mit einem Rollator fortbewegen geschweige denn bücken konnte.

Vor vier, fünf Jahren begann Edith Kühn sich langsam aus der Öffentlichkeit zurückzuziehen. Das Klavier der einst international tätigen Konzertpianistin stand unbenutzt im Wintergarten der Finca in Senija. „Die Finger machen nicht mehr so mit wie früher“, sagte sie. Deswegen rührte sie es gar nicht mehr an. Sie musste das gute Stück an ihren Hausherrn vermachen, weil sie die Miete nicht mehr aufbringen konnte. Ihr Haus glich einem Sammelsurium ihrer bewegter Vergangenheit, der Buddha im Wohnzimmer, das Florett hingt an der Wand wie all die Bilder über große Auftritte. Auch von der Chorleitung hatte sie sich 2008 bei ihrem 80. Geburtstag zurückgezogen. „Ich wollte aufhören, wenn ich auf der Höhe bin,“ sagte Edith Kühn, die neben Musik buddhistische Philosophie und Belletristik studiert hatte. Einsam fühlte sich Edith Kühn aber da oben nicht, nur allein – und das wollte sie auch sein.

Edith Kühn war der Chormusik eng verbunden

Edith Kühn spielte viele Jahre Klavier mit der Mainischen Philharmonie und später auch mit internationalen Musikgruppen. Ihre Leidenschaft aber galt der Chormusik, ihre klassische Ausbildung konnte sie nie davon abhalten, immer wieder Elemente des Jazz und vor allem der Swing- und Big- Band-Musik einfließen zu lassen, Sie bildete die Barbershop-Herren aus, sang und spielte mit dem Coral Teuladina und organisierte ein Freundschaftskonzert in Sankt Oswald in Österreich. Sie pflegte über 17 Jahre eine enge Freundschaft mit dem Organisten und Komponisten Josef Lammerz und dirigierte sein berühmtes „Te Deum“. Mit ihrem Coral Internacional Marina Alta und den vielen Benefizkonzerten erlangte Edith Kühn viel Ansehen in der Region.

Das Video zeigt die Uraufführung von „Te deum“ von Josef Lammerz 1993.

Selten kam es seitdem vor, dass internationale Residenten in so großer Zahl das öffentliche und kulturelle Leben bereicherten. Damals stellte Edith Kühn ein dreitägiges Musikfestival für Chöre, Tanz- und Musikgruppen für das Rathaus Teulada zusammen, zu dem an jedem Tag 600 Besucher kamen und damit mehr als das Rathaus überhaupt fassen konnte. Daneben prägte Edith Kühn auch die „Costa Blanca Zeitung“ mit, las dort Korrektur und schrieb die Kolumne „Ediths Ecke“ und auch Gastbeiträge für die „Frankfurter Allgemeine Zeitung“ und natürlich für die „Costa Blanca Nachrichten“.

Mit Ediths Ecke wurde sie zur Kummerkastentante der Costa Blanca

Lange bevor Facebook, Internet und Co. sich durchsetzten, schlugen viele Deutsche die Zeitung auf, um zu sehen, mit welchen Geschichten die Kummerkastentante diesmal wieder in Ediths Ecke herkam. Packte wieder ein Resident aus, der sich in seine Stieftochter verliebt hatte und nicht wusste, wie er das seiner Frau erzählen sollte? Man hat Storys von ihr bekommen, die man einfach nicht glauben konnte. „Ich schwöre Stein und Bein, dass alle wahr sind“, sagte sie. 15 Jahre lang wusch sie geplagte Residenten-Seelen in der Zeitung rein, Seitensprünge, Nachbarschaftskriege und Haustiergeschichten. „Man muss sich das Vertrauen erwerben, damit die Leute einen anschreiben und ihre Probleme auch erzählen.“ Sie erzählte gern von dem Deutschen, dessen Hund sich beim spanischen Nachbarn die Hühner holte. Der verlangte daraufhin einen Euro pro Federvieh, den der Deutsche auch bereitwillig zahlte. Das Motiv für sein Wutschreiben an Edith lag darin, dass er die toten Hühner trotz Bezahlung nicht ausgehändigt bekam. „Ich hab ihm dann gesagt, er soll seinem Nachbarn die Hühnersuppe gönnen.“

Irgendwann konnte sie sich vor Rückenschmerzen nicht mehr ins Auto setzen. Also sollte ich ihr dabei helfen, es zu verkaufen. Es tat weh, ihre Isolierung zu besiegeln. Die acht Bodenwellen zwischen ihrem Haus und dem Dorf würde sie niemals alleine überwinden können. Sie wusste das auch und wollte trotzdem bleiben. Niemand vermochte sie zu überreden, in die Stadt, nach Els Poblets, zurück nach Deutschland oder in eine Seniorenresidenz zu ziehen. Und es tat weh, ihren Willen zu akzeptieren.

Hans Hieser kümmerte sich bis zuletzt um sie

„Es ist nicht leicht, allein alt zu werden, auch noch in einer wirren Zeit, in der ein Virus die Welt durcheinander bringt. Fast täglich haben wir telefoniert und Mut gemacht, viel mehr war aufgrund der Einschränkungen und wohnlichen Gegebenheiten nicht möglich,“ sagt Hans Hieser, der sich bis zuletzt rührend um sie kümmerte.

Edith Kühn scheute sich davor, sich anzumelden und das Gesundheitszentrum geschweige denn einen Arzt aufzusuchen. Sie muss sehr gelitten haben und konnte nur mit Alkohol ihre Schmerzen betäuben. Der lebensfrohe und gütige Klang ihrer Stimme schwang auch in den schwierigsten Momenten mit. Wir werden ihn vermissen.

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