An einem Weg in Spanien stehen drei Menschen, eine ältere Dame, ein junger Mann, ein älterer Herr.
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Aus Afrika nach Valencia: Amadou Baldé mit spanischer „Familie“.

Migranten an Costa Blanca

Spanien im Flüchtlingsboot: Wie mein Bruder aus Afrika es bis Valencia schaffte

  • vonStefan Wieczorek
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Vom Migranten aus Guinea, der nach Spanien übers Meer kam und sich in Valencia für Frieden einsetzt. Dank einem Rentner-Paar mit Herz für Afrika.

  • Mit 56 Afrikanern stieg Amadou Baldé aus Guinea 2018 ins Flüchtlingsboot. Heute lebt er in Valencia.
  • In Spanien litt der Migrant am Leben ohne Papiere. Ein Rentner-Paar half ihm in Barcelona.
  • 2020 hält der Politikwissenschaftler, der Vater und Bruder verlor, Vorträge zur Migrationskrise.

Valencia - Mindestens 50 Migranten starben am 6. August 2020, weil ihr Boot auf dem Seeweg aus Afrika vor den Kanaren kenterte. Vier Tage später hatten weitere 50 Afrikaner in Cádiz Glück. Ihr Flüchtlingsboot erreichte das Festland von Spanien. Für sie endete der Drahtseilakt auf dem Meer, aber nicht das Abenteuer, in Europa anzukommen. Das weiß Amadou Baldé, der auf einer solchen patera mit rund 50 Mann vor zwei Jahren Cádiz erreichte und sich heute in Valencia für die NGO „Bewegung für den Frieden" engagiert. Zum UN-Weltfriedenstag am 21. September stellen wir den 30-Jährigen aus Guinea vor.

GuineaLand in Westafrika
PräsidentAlpha Condé
HauptstadtConakri
Unabhängigkeit 2. Oktober 1958 (von Frankreich)
AmtsspracheFranzösisch

Als Flüchtling nach Spanien: Amadou Baldé hilft nun Migranten aus Afrika in Valencia

„57 waren wir an Bord“, präzisiert der Migrant, als gehöre die Zahl der Menschen auf seinem Flüchtlingsboot zu seinem Personalausweis. 28 Jahre war Amadou Baldé alt, als der Afrikaner die längsten 24 Stunden seines Lebens erlebte. „Nur“ 24 Stunden dauerte die Fahrt von Kontinent zu Kontinent, in der Nussschale über das hochgefährliche Wasser, weil einige Leute an Bord den Kompass gut lasen und so die Anweisungen derer befolgen konnten, die sie in Marokko ins Boot gesetzt hatten. Mit festem Blick nach vorn, gerade wie eine Kompassnadel - so schafften die 57 Migranten die Überfahrt.

Wir schaffen das.“ Wurde für die Menschen im Flüchtlingsboot auch der vor fünf Jahren von Angela Merkel formulierte Satz wahr? An ihn erinnerten in den vergangenen Wochen vor allem deutschsprachige Medien, aber auch - im Zusammenhang mit dem verbrannten Flüchtlingslager in Moria - die internationale Presse. Von Jahr zu Jahr, in der die Migrationskrise nicht gelöst bleibt, zeigt sich: Merkels Satz ist europäisch, ja global. Nur von Europa als Gemeinschaft sei die Krise zu bewältigen, heißt es in Ländern am Mittelmeer wie Spanien. Merkel habe mit dem Satz Afrikaner eingeladen, toben dagegen bis heute rechte Parteien.

Migrant in Spanien mit neuer Familie: Zwei Rentner voller Leidenschaft für Afrika

Amadou Baldé aus Guinea scheint es tatsächlich geschafft zu haben. Nach zwei Jahren in Barcelona wohnt der 30-Jährige heute in Valencia, hat Papiere, um zu arbeiten, spricht als Experte auf Veranstaltungen über die Migrationskrise und ist für die Hilfsorganisation Movimiento por la Paz - Bewegung für den Frieden - tätig. Die Sprache – sowohl die spanische als auch die katalanische – ist für ihn kein Problem mehr. Und: Er hat in Spanien eine Familie.

Video von der "Bewegung für den Frieden": Auswirkungen der Coronavirus-Krise auf Migranten, vor allem Frauen:

Wir treffen Amadou Baldé bei Valencia, im Hinterland der Costa Blanca. Hier haben Roberto Llorens und Rosa Vercher ein Ferienhaus. Afrika ist für die beiden Rentner aus Barcelona die Leidenschaft. Fünf Jahre ihres Lebens verbrachte das Ehepaar als Unternehmer und Botschafter in Benin. Danach gründeten Llorens und Vercher 2009 die Hilfsorganisation Abló Pkédé, mit der sie sich vornahmen, Entwicklungshilfe in unterschiedlichen Teilen Afrikas zu betreiben.

Ich schwöre dir, Bruder. Wenn du hier in Spanien keine Papiere hast, ist es Wahnsinn. Du hast keinen Seelenfrieden. Wie sollst du dich da auf die Integration konzentrieren?“

Amadou Baldé, 30, Flüchtling aus Guinea, Aktivist in Valencia

Im Rahmen von 50 Projekten in Afrika seit ihrer Gründung baute die NGO Abló Pkédé aus Spanien für 160.000 Euro Brunnen, Schulgebäude oder soziale Treffpunkte in Benin, Gambia, Togo, Senegal oder Guinea. Derzeit sammelt die Hilfsorganisation des Rentner-Paars Geld, um bedürftigen Familien in Ruanda Ziegen zu kaufen – dort eine Lebensgrundlage. Zufällig traf das in Sachen Afrika gut vernetzte Paar den Migranten in Barcelona und führte ihn dort zu „Hospitalaris“, einem Programm der Jesuiten zur Aufnahme von Flüchtlingen in Katalonien.

Hospitalaris: Integration von Migranten in Familien in Barcelona.

Als Flüchtling nach Spanien: Baldé erlebte Bürgerkrieg, Tod des Vaters und Militärregime

Amadou Baldé erhielt durch „Hospitalaris“ ein gesellschaftliches Umfeld und dann auch Papiere, die ihm eine Identität in Spanien verliehen. „Es war alles aber ein sehr langer Prozess“, sagt der Mann, der wie ein Sohn am Tisch mit Llorens und Vercher sitzt. Die Gründe für seine Flucht waren politischer und ethnischer Natur, sagt Baldé und fängt zu erzählen an:. „Ich wurde 1990 in Guinea geboren, mein Volksstamm sind die Peulhs“, sagt der Afrikaner. Bei der auf Deutsch „Fulbe“ oder „Fula“ genannten Gruppe handelt es sich um ein altes Nomadenvolk aus Westafrika, das heute jedoch überwiegend an festen Orten lebt.

Im Falle von Baldés Familie in Guinea ist der Wohnort die Hauptstadt der Republik, Conakri. „Als ich zwei Jahre alt war, verlor ich meinen Vater“, erzählt der Afrikaner. „Er starb in unserem Nachbarland Sierra Leone im Bürgerkrieg. Ab da musste meine Mutter mit drei Kindern die ganze Verantwortung für die Familie tragen. Später half ihr mein älterer Bruder dabei.“ 18 Jahre war Amadou Baldé alt, als der nächste Schlag für die Familie und das ganze Volk folgte: 2008 übernahm das Militärregime CNDD die Macht. Video: Junge Menschen in Guinea und ihr Traum vom Leben in Europa (2016).

Flüchtling aus Afrika verlor Vater und Bruder - „Was die Regierung sagte, war nicht, was sie tat“

Auf den Putsch folgten Proteste. Eine politische Bewegung forderte in Guinea Demokratie und Zivilrechte. Das Regime antwortete mit Gewalt und Blutvergießen. „Im Fußballstadion, das heute nach dem 28. September benannt ist, töteten sie 150 Menschen. Über 200 Frauen vergewaltigten sie. Es gab große Probleme.“ Baldés Drama: Unter den Gefallenen war seine zweite Vaterfigur – sein großer Bruder. „Ich sagte mir: Mein Leben ist nicht wichtiger als das meines Bruders. Ich wollte mich nun mehr im politischen Leben und für soziale Gerechtigkeit engagieren. Also studierte ich politische Philosophie und schloss den Studiengang 2015 ab.“

Inzwischen kehrte scheinbar Frieden in Guinea ein. Alpha Condé wurde der erste frei gewählte Präsident in der Geschichte des Landes. Doch der politische Kampf war nicht beendet. „Der Präsident sprach viel von Gerechtigkeit und Rechtsstaat, aber mit der Zeit verstand ich, wie viele andere Leute auch, dass seine Regierung nur das Volk spaltete, und was sie sagte nicht dasselbe war, was sie tat.“ Unter Condé schwellten laut Amadou Baldé alte ethnische Konflikte an. „Das Volk des Präsidenten, Mandinka, bedrohte mich, es kam zu Repressionen, auch starben Menschen.“

Flüchtling mit Maske: Corona hat Migrationskrise zugespitzt.

Einsame Flucht - „Du kannst Mutter oder Schwester nicht sagen: Ich will übers Meer nach Europa.“

Für Baldé, ein entschiedener Kritiker des Präsidenten, wurde die Lage in Guinea gefährlich. Der Entschluss zur Flucht reifte im Afrikaner, der Blick ging nach Europa. „Für mich war Reisen immer ein Traum“, sagt Baldé. „Aber auch für mein Land hielt ich es für nötig, zu erfahren, wie man sich wirtschaftlich, politisch und gesellschaftlich entwickelt.“ Seine Entscheidung zur Flucht war jedoch einsam. Die Familie wusste nichts. „Du kannst doch deiner Mutter oder Schwester nicht sagen: Ich will über das Mittelmeer nach Europa“, erklärt Baldé. „Jeder weiß, was auf der Überfahrt passieren kann, wie viele Menschen dabei sterben.“

Doch die Risiken der Flucht nach Europa begannen bereits vor der Haustür. Auf der Route aus Guinea bis zur Küste waren für den Afrikaner 5.000 Kilometer Luftlinie zu bewältigen. Fünf Monate dauerte für Amadou Baldé die Reise bis zum Mittelmeer. „Mit so ziemlich jedem Transportmittel“ war er unterwegs, und schlief oftmals auf dem Boden. Woher wusste er, wie es weiterging? „In jedem Land gibt es Menschen, die dich beraten können“, erklärt der Flüchtling. Fünf Monate Reise. Fünf Monate Zeit, sich innerlich auf die Grenzerfahrung schlechthin vorzubereiten: Die Bootsfahrt nach Europa.

Per Flüchtlingsboot nach Spanien - Festes Ziel Europa, und altes Leben ablegen

Wie bereitete sich Baldé auf die nahende Fahrt auf dem Flüchtlingsboot nach Spanien vor? „Du musst gewissermaßen das Leben ablegen – und den Kopf auf das eine Ziel fixieren, anders geht es nicht“, sagt Baldé und macht mit der Hand an der Stirn eine Geste, die eine Linie nach vorn zieht. Fest nach vorn. Dahin ging der Blick auch noch, als er kurz vor dem ersten Ziel - dem Mittelmeer - zurückgeworfen wurde. „In Marokko nahm mich die Polizei fest. Die Beamten nahmen mir Geld und Handy weg und ließen mich hinter der Grenze in Algerien zurück.“

Das Erlebnis mit der Polizei in Marokko sei nicht außergewöhnlich. Vielen Flüchtlingen aus Afrika ergeht es laut Baldé im Maghreb so: „Die Polizisten wissen, dass Dunkelhäutige wie ich nach Europa wollen. Sie werden bezahlt, damit sie uns aufhalten, und nehmen sich, was sie wollen.“ Kam es zu Gewalt?, fragt die CBN. Baldé: „Sie waren sehr brutal.“ Die Verletzungen brachten ihn jedoch nicht vom Weg ab. „Jeder weiß, dass, wenn es dem Körper schlecht geht, man einen Arzt sucht“, sagt der Afrikaner. „So ist es auch mit der Seele. Wenn sie bedroht ist, suchen wir einen Ort, um sie zu retten. Deswegen wollte ich nach Europa.“

August 2020: Polizist inspiziert Boot, auf dem 15 Afrikaner tot vor Gran Canaria trieben.

Ins Flüchtlingsboot und aufs Meer: Extreme Situation, nahende Panik, nach 24 Stunden Erlösung

Baldé stand auf und betrat erneut Marokko. Nun nahm er – mit 56 weiteren Menschen mit „festem Blick nach vorn“ – das Boot nach Europa. Baldé erinnert sich, wie hinter ihm das Land verschwand, und fortan nichts als Meer war. Dieser Moment – eine erste große Probe für die Nerven der Bootsinsassen. Nun wurde jede Welle, die das Bötchen zur Seite neigte, zur Todesgefahr. Ganz präsent wurden plötzlich die TV-Bilder, die jeder an Bord auf dem Weg zum Meer so gut es ging verdrängt hatte: Bilder von umgekippten Booten auf hoher See, daneben die Zahlen der Toten, die es nie mehr nach Europa schaffen werden.

Herzklopfen, das hatte Baldé inmitten des Mittelmeers, blieb aber sonst ruhig, sagt er. „Ich schaute auf den Kompass. Die Nadel zeigte die richtige Richtung an. Der Kurs stimmte.“ Einige Menschen auf dem kleinen Flüchtlingsboot jedoch hielten es kaum aus. Einige waren nah an der Panik. „Jeder erlebt eine solch extreme Situation anders. Und es waren schließlich 57 Individuen an Bord“, sagt der Afrikaner. Stunden vergingen, und wurden immer länger. Glücklich die, die bei Nacht schlafen konnten. Irgendwann schrie jemand etwas: Land war am Horizont erschienen. Spanien. Das Ende der Reise?

Junge Afrikanerin in Spanien: Ohne Papiere, Opfer des Menschenhandels.

Auf Flüchtlingsboot Spanien erreicht - und nun? Ein neuer Ozean ist das Milieu der „Papierlosen“

Die Ankunft in Europa entpuppte sich für den Flüchtling als neuer Ozean. Keinerlei Kontakte hatte Baldé, höchstens Spanisch-Grundkenntnisse. „Doch wen sollte ich ansprechen – und wie? “, fragt er. Da war er, im Milieu der „Papierlosen“, voller Menschen ohne Dokumente, und allzu oft ohne jedes Gesetz. „Ich schwöre dir, Bruder“, sagt Baldé zum CBN-Reporter, „wenn du hier in Spanien keine Papiere hast, ist es Wahnsinn. Es ist als würdest du leben, ohne deine eigene Adresse zu kennen. Du hast keinen Seelenfrieden. Wie sollst du dich da auf die Integration konzentrieren?“

Das Gespräch mit Amadou Baldé pausiert. Nein, das geschilderte Gefühl kennt der deutsche „Bruder“ nicht. Ganz wie der Afrikaner migrierte der Europäer zwar mit 28 Jahren nach Spanien. Doch er flog bequem hin, und offene Arme erwarteten ihn. Wie es wohl wäre, sich auf einmal auf einem fremden Kontinent - zum Beispiel Afrika - ganz ohne Kontakte wiederzufinden? Ein Glück, dass der afrikanische Bruder nie den „festen Blick nach vorn“ ablegte. Aus Cádiz, wo er im Boot Land erreichte, zog er weiter, gen Norden, in die Stadt zweier Rentner, die daran glaubten, dass einer wie er es schaffen kann.

Hintergrund: Unter Corona spitzt sich Migrationskrise zu - Tragödie unter der Maske

Über 20.000 Migranten verloren laut Internationaler Organisation für Migration (IOM) seit 2014 ihr Leben im Mittelmeer. Viele sterben unbemerkt auf Booten, die den Kurs verloren. Von 800 solcher „unsichtbaren Opfer“ geht IOM im Corona-Jahr aus und warnt: Die Pandemie habe die Routen nach Europa noch gefährlicher gemacht. Strenge Corona-Vorschriften und Lockdowns lassen die Armut in Entwicklungsländern wachsen. Hilfswerke in Spanien, zum Beispiel Asti in Alicante, dagegen schlagen wegen erschwerter Integration der Migranten durch die Coronavirus-Krise Alarm. Menschen ohne Papiere und Kontakte rutschten leicht in Drogen und Kriminalität ab oder würden Opfer des Menschenhandels.

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