Der kleine Sporthafen Les Bassetes in Benissa (Provinz Alicante)
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Hoch schlagen bei Unwettern die Wellen an Bauten in unmittelbarer Küstennähe.

Klimwandel schreitet voran

Spanien im besonderen Ausmaße von Erwärmung betroffen

  • Andrea Beckmann
    VonAndrea Beckmann
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Hitzewellen, sintflutartige Regenfälle, steigende Meeresspiegel. Die Folgen der Erderwärmung begleiten uns schon lange. So wie uns nicht erst seit heute die Nachrichten über schmelzendes Eis in Grönland und der Antarktis wachrütteln müssten. 

Seit sieben Jahren beobachtet Javier Caballero ein Phänomen: „Im Winter verschwindet der Strand unter der Wasseroberfläche, während er im Sommer wieder sichtbar ist“, berichtet der Spanier, der in einem Mehrfamilienhaus im Bezirk Cavanna am Mar Menor (Region Murcia) wohnt. Dort schlagen zu dieser Jahreszeit mit voller Wucht die Wellen an die Mauern der Wohnsiedlung. Den Grund dafür kann der Vorsitzende der Nachbarschaftsvereinigung La Manga del Mar Menor nur erahnen. „Ich sehe das als einen Vorboten auf das, was uns der Klimawandel in Spanien noch bescheren wird“, meint der Spanier.

Spanien
HauptstadtMadrid
StaatsformEinheitsstaat auf Basis eines Königreichs
Staatsoberhaupt König Felipe VI.
Fläche 505.970 km2
Einwohnerzahl 47,1 Millionen (2019)

Am Strand La Victoria im andalusischen Cádiz verschlang das Meer im März 2018 alle Tische und Stühle, die die Angestellten der Strandbar El Potito als eine Art Schutzmauer aufgestapelt hatten, um zu verhindern, dass Sturmtief Emma ein Desaster anrichtet. Die Bemühungen waren umsonst, an dem chiringuito in erster Strandlinie entstanden Schäden in Höhe von 200.000 Euro, berichtet der Betreiber Miguel Ángel Sánchez. Das gesamte Gebiet der Extramuros, also außerhalb der Stadtmauern, bekannt für seine zahlreichen Lokale, habe unter Wasser gestanden, erzählt der Gastronom. „Wir haben die Reparaturarbeiten genutzt und die Struktur der Bar mit Holzpfosten verstärkt.“ Doch ihm sei klar: „Wenn die Klimaerwärmung nicht maßgeblich gestoppt werden kann, wird der Meeresspiegel weiter ansteigen, und das dürfte fatale Folgen für unseren Küstenstreifen haben.“ Sánchez versucht es, mit Humor zu nehmen. „Eine Möglichkeit wäre, die Strandbars auf Pfähle so wie in der Karibik zu stellen.“

Spanien zählt zu den Ländern Europas, die am meisten von der Klimaerwärumg betroffen sind

In Cádiz bestehe die Gefahr, dass in 30 Jahren nicht nur Gebiete im Hafen vom Meer verschluckt, sondern auch ganze Stadtteile wie La Laguna oder Puntales dauerhaft überflutet und unbewohnbar würden, befürchtet Javier Benavente von der wissenschaftlichen Abteilung der Universität Cádiz. Düstere Prognosen eines Wissenschaftlers, der bereits seit Jahren die Risiken erforscht, der Cadiz‘ Bucht durch den befürchteten Anstieg des Meeresspiegels ausgesetzt ist.

Es ist fünf vor Zwölf. Spanien zählt zu den Ländern Europas, die in ganz besonderem Ausmaße von der Klimaerwärmung betroffen sind. Vor allem sind es Städte wie Cádiz und Barcelona oder die Kanareninsel Teneriffa, für die der steigende Meeresspiegel eine Bedrohung darstellt.

Die Kraft des Meeres wird an vielen Küstenabschnitten deutlich.

Wissenschaftler prophezeien, dass ein Anstieg der globalen Durchschnittstemperaturen um zwei Grad, der bis Ende dieses Jahrhunderts durchaus realistisch sei, für viele Ökosysteme bereits erhebliche Veränderungen bedeuten würde. Hochrechnungen gehen in nicht allzu ferner Zukunft (2026-2045) von einer Erhöhung des Meeresspiegels um zwischen 17 und 25 Zentimeter an Spaniens Küsten aus, wie dem „Plan de Adaptación al Cambio Climático“ („Plan zur Anpassung an den Klimawandel“) zu entnehmen ist. Bis Ende dieses Jahrhunderts müsse damit gerechnet werden, dass der Meeresspiegel noch schneller ansteige als bisher. Er könnte sich bis dahin um 1,1 Meter erhöht haben, so die Prognose von Íñigo Losada.

In Spanien hat sich der Meeresspiegel seit 1900 um 20 Zentimeter erhöht

Der Spanier gehört einem Expertenteam der Regierung an, das sich mit den Auswirkungen des Klimawandels beschäftigt. Dass der Meeresspiegel immer weiter ansteige, sei eine Tatsache, die niemand mehr leugnen könne. So sei es Fakt, dass sich der Pegel der Meere seit 1900 um 20 Zentimeter erhöht habe. Sollte es nicht gelingen, die Klimaerwärmung zu drosseln, sei damit zu rechnen, dass die Weltmeere schon in absehbarer Zeit Landstriche einnehmen werden, in denen zehn Prozent der Weltbevölkerung angesiedelt sind.

Auch die Weltorganisation für Meteorologie (WMO) mahnt. Bereits zwischen 2021 und 2025 könnte die wichtige 1,5-Grad-Marke bei der Klimaerwärmung überschritten werden, heißt es.

Sich der Ernsthaftigkeit der Lage bewusst, hat Spanien vor wenigen Monaten ein Energiewende-Gesetz zur Erreichung von Klimaneutralität bis zum Jahr 2050 verabschiedet, mit dem die Regierung Sánchez auf erneuerbare Energien setzt. Zentraler Punkt ist ein Verkaufsverbot für Fahrzeuge mit klimaschädlichen Verbrennungsmotoren ab 2040. Nach einer Karenzzeit sollen solche Fahrzeuge ab 2050 nicht mehr auf Spaniens Straßen fahren dürfen. Außerdem müssen spätestens ab 2023 alle spanischen Städte mit mehr als 50.000 Einwohnern Zonen einrichten, in denen es Einschränkungen für klimaschädliche Fahrzeuge gilt.

Spaniens erklärtes Ziel: Ausstoß von Treibhausgas maßgeblich zu reduzieren

Das erklärte Ziel von Spanien: Der Ausstoß von Treibhausgas soll bis 2030 um mindestens 23 Prozent verglichen mit 1990 reduziert werden. Um dahin zu gelangen, soll der Anteil der erneuerbaren Energien an der gesamten Energieversorgung des Landes bis zum Jahr 2030 auf 42 Prozent steigen, bei der Stromproduktion auf mindestens 74 Prozent. Mit dem neuen Klimagesetz will Spanien seinen Beitrag dazu leisten, die Europäische Union bis 2050 CO2-neutral zu machen. Zu dem Ziel einer 23-prozentigen Treibhausgasreduktion bis 2030 hatte sich die Regierung schon Anfang 2020 gegenüber der EU verpflichtet.

Spanien muss handeln. Ein extremer Anstieg des Meeresspiegels würde dramatische Folgen für die knapp 8.000 Kilometer Küste haben, die Spanien nicht zuletzt zu einem der attraktivsten Reiseziele Europas macht. Ein exzessiver Meeresspiegelanstieg würde nicht nur dem Tourismus beträchtlichen Schaden zufügen – dieser stellt mit einem Anteil am Bruttoinlandsprodukt von 14 Prozent in einem Normaljahr einen wichtigen Wirtschaftszweig dar –, sondern auch die Existenz zahlreicher Bewohner bedrohen. Etwa jeder dritte Spanier lebt an der Küste.

Klimawandel Spanien: Erosionsprobleme an Küsten zwingen zu dringendem Handlungsbedarf

Beispiele gibt es wie Sand am Meer. So wie etwa das Schicksal der Küstenbewohner am Strand Les Deveses oder die Problematik am Blay Beach, beides bedrohte Küstengebiete des beliebten valencianischen Urlaubsorts Dénia, seit Jahren die Dringlichkeit zu handeln deutlich macht. Erosionsprobleme haben dazu geführt, dass sich das Meer immer weiter in das Festland frisst. Unwetter richten bisweilen beachtliche Schäden an den in unmittelbarer Strandnähe stehenden Häusern wie in Guardamar an. Sandaufschüttungen sind längst keine dauerhafte Lösung mehr. Der Kraft der zum Teil meterhohen Wellen halten selbst Schutzdämme nicht mehr Stand. Auch Valencias Hafen zählt längerfristig zu den Verlierern der Klimakrise. So rät die Landesregierung inzwischen dringend von den geplanten Erweiterungsplänen des puerto ab.

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