LGBT-Urlaub in Spanien

Alicante: Gay-Touristen in Spanien „bunte Fische“- LGBT-Briefmarke 2020

  • vonStefan Wieczorek
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Alicante ist ein Gay-freundliches Ziel für den Urlaub. Am 1. Juli wird in Spanien die Homo-Ehe 15 Jahre alt. Doch sexuelle Diskriminierung bleibt aktuell.

  • Gay-Touristen in Alicante und Co. willkommen, aber in Spanien weiter Vorbehalte gegen „bunte Fische“.
  • Spanien feiert 15 Jahre Homo-Ehe 2020 - wegen Coronavirus keine Gay-Party an der Costa Blanca
  • LGBT-Briefmarke aus dem Urlaub 2020: Rechtes Spanien poltert, Gay-Szene prangert Homophobie an.

Alicante - #PecesDeColores - bunte Fische - lautet ein Motto des LGBT-Sommers 2020 - in Alicante und ganz Spanien. Es ist der Titel eines Songs von Amaral, der die wahre Geschichte von Gabriel erzählt, eines transsexuellen Jungen, der nach langem Kampf seine gewünschte Identität im Personalausweis bestätigt bekam. Um den 28. Juni begehen in weltweit diejenigen, die - wie Gabriel - anders als hetero lieben, ihren „Orgullo“ - Stolz. Im Jahr des Coronavirus ist es in Spanien ein leises Fest, ausgerechnet im Jahr großer Gay-Jubiläen.

Wichtige DatenLGBT in Spanien
28. Juni 1977:Erste Orgullo-Parade in Barcelona.
26. Dezember 1978:Homosexualität ist keine Straftat mehr.
1. Juli 2005:Homo-Ehe wird eingeführt.

Spanien begeht 2020 ein eigenes LGBT-Jubiläum: Vor 15 Jahren, am 1. Juli 2005, führte Präsident José Luis Zapatero (PSOE) die Homo-Ehe ein - Spanien war damit das dritte Land der Welt. Zahlen des Statistikamts INE lassen vermuten, dass man 2019 die 50.000-Marke der Homo-Ehen knackte. Längst gilt etwa die Costa Blanca als „Gay friendly“-Ziel für Touristen. Portale wie Gayvalencia und Tourismusinfos großer Städte wie Alicante bieten Broschüren und Angebote für schwule, lesbische, bi- und transsexuelle Urlauber an.

Gay-Grüße aus Alicante: Spanien stellte 2020 eine LGBT-Briefmarke vor.

Gays lieben Urlaub in Alicante: LGBT-Fahnen sind in Spanien Normalität

Der 28. Juni war in Spanien und auch weltweit ein bedeutender LGBT-Gedenktag. Vor 50 Jahren, am 28. Juni 1970 in New York, demonstrierten erstmals Homosexuelle in der Christopher Street. Dort hatten sich ein Jahr zuvor Besucher des Stonewall Inn die Gewalt-Razzien der Polizei nicht mehr gefallen lassen - und zurückgeschlagen. Die Gay-Szene verließ den Untergrund und fightete sich an die Oberfläche. 1977 in Barcelona, im zweiten Jahr nach Franco, demonstrierten am 28. Juni erstmals "bunte" Spanier dafür, wahrgenommen zu werden (Tweet unten).

In Sachen LGBT und Akzeptanz von Homosexuellen und Co. hat sich in Spanien viel getan - gerade in Tourismus-Zonen wie die Costa Blanca. Hier scheint selbst das konservative Spanien den sexuellen Wandel akzeptiert zu haben. In der PP-geführten Stadt Alicante entstand 2019 ein LGBT-Stadtratsamt. Regenbogenfahnen am Rathaus sind Normalität. Auf dem Stadtfest, den Hogueras fehlt Homo- oder Trans-Symbolik auch nicht, bieten sich die bunten Figuren von androgynen Wesen geradezu an, diverse Liebe anzudeuten - allerdings ohne erzkonservativen Augen wehzutun.

In Spanien kam 2020 eine LGBT-Briefmarke für "Gay Pride"-Jubiläum heraus

Doch in Spanien drückt sich LGBT nicht so frei aus, wie es scheint. Homophobie sei weiter real, klagen Gay-Organisationen. Fälle wie der Angriff 2019 auf ein Homo-Paar bei Alicante, wobei ein Opfer ins Krankenhaus kam, seien keine Ausnahmen, sagt José Luis Más, Direktor des Festivals „Diversa“. Schlimmer wögen Fälle im Alltag, homophobes Mobbing an Schulen etwa. Der von Amaral besungene Gabriel sagte : „Es geht um viel mehr, als dass mein Name im Ausweis steht. Es geht darum, wie Lehrer in der Schule mit einem umgehen, wie man auf der Straße angeschaut wird.“

Angedeutete Homo-Liebe: Alicante-Stadtfest im Sommer 2019.

Doch wo beginnt Homphobie? Für LGBT-Aktivisten bereits bei kritischen Meinungen wie zuletzt zu einer „Gay Pride“-Widmung der spanischen Post. Sänger José Manuel Soto kritisierte auf Twitter, dass in Spanien Briefkästen mit der LGBT-Fahne bemalt wurden und eine bunte Briefmarke herauskam. In der Coronavirus-Krise „hatten wir kein Geld für Masken, Atemgeräte, Tests - weshalb viele starben, und nun, inmitten der Krise, schmeißen wir mit Geld um uns, um dem LGBT-Kollektiv Ehre zu erweisen“, schimpfte Soto und erhielt von rechter Seite flammendes Lob.

Stiftung erinnert in Alicante: In Spanien wurden bis 1978 Homosexuelle verhaftet

Gay-Aktivisten und linke Gruppen dagegen waren wütend auf Sotos LGBT-Kritik. 12.000 Euro hatte die Post für die Widmung nur ausgegeben - ein im Vergleich lächerlicher Wert. "Homophob" seien Sotos Unterstellungen. Der Sänger habe die Spanier geweckt, die Homosexuelle am liebsten wieder verhaftet sähen. Am 26. Dezember 1978 hörte in Spanien die Homosexualität auf, kriminell zu sein. Nur die Älteren in Spanien erinnern sich noch daran. Doch gerade in der Generation der Senioren seien Menschen mit LGBT-Neigungen heute aufgeschmissen.

Davor warnte auf dem Festival „Diversa" 2019 in Elche bei Alicante die Fundación 26 de Diciembre, eine Stiftung, die den Bau eines LGBT-Altersheims in Madrid plant. In diesem sollen homosexuelle, aber auch heterosexuelle Senioren zärtlicher betreut werden als in heutigen „Gefängnissen“, wie Vorsitzender Federico Armenteros die geläufigen Altersheime bezeichnet. Das LGBT-Altersheim in Spanien scheint auch dem Ruf der Homosexuellen zu entsprechen, besonders feinfühlig zu sein. Aber ist diese Mutmaßung nicht schon homophob?

LGBT-Senioren in Spanien sind oft verloren und brauchen Zärtlichkeit.

LGBT längst LGBTIQ+: Lesben, Schwule, Queers, Bi-, Trans-, Pan-, Omni-, Asexuelle,...

Schubladendenken lehnen immer mehr LGBT-Mitglieder ab. Immer abenteuerlicher wird indes die Definition ihres Kollektivs. Das in diesem Artikel verwendete Etikett „LGBT“ für Lesben, Schwule, Bi- und Transsexuelle ist eigentlich längst Vergangenheit. Häufiger liest man in Spanien von „LGBTIQ+“, wobei etwa Queers, inter-, pan-, omni- oder asexuelle Menschen mitgezählt werden . Macht ein gemeinsames Kollektiv - mit meist männlichen Homosexuellen als Wortführer - da noch Sinn?

LGBT-Autor José Luis Serrano, den wir 2018 auf dem Festival „Diversa“ in Alicante trafen, sagte: „Etiketten helfen, etwa im Kampf für Menschenrechte. Aber sie verkürzen auch, grenzen ein. Man muss sie ablegen können“. In seinen Romanen verschwimmen die Grenzen zwischen sexuellen Identitäten. „Hetero-Identität ist sehr brüchig“, sagt Serrano. Eine ähnliche Vision hat Mar Sáez, Fotografin aus Murcia, deren Bilder von homo- und transsexuellen Menschen in Spanien Aufsehen erregten. „Eher als für LGBT Rechte einzufordern, wollte ich etwas sichtbar machen“, sagte sie uns zur Fotoserie "Gabriel".

Transsexueller Gabriel: Fotoserie von Mar Sáez bewegte ganz Spanien.

LGBT nur homosexuelle Männer? Fotos von lesbischer Trans-Liebe bringen Kontrast

Der transsexuelle Gabriel (ein anderer, als der "bunte Fisch" von Amaral) weinte, als er das fertige Buch von Mar Sáez in den Händen hielt. Die Fotografin hatte dokumentiert, wie aus Isabel ein Er wurde. Das Fotobuch über den Geschlechtswechsel ging in ganz Spanien um. Mit der Reihe „Vera y Victoria“ (Video ganz oben) war Sáez in die Welt der sexuellen Diversität eingetaucht. Sie begleitete zwei Frauen: eine, die immer eine war, und eine, die zu einer wurde. Die schwarzweiß-Serie ist ein Kontrast zum knalligen Regenbogen-Look. Auch, weil Sáez auch mal Frauen zu LGBT-Protagonisten machte.

Statt nach außen getragener LGBT-Lust betonte Sáez die Dramatik der Momente – und zwischenmenschliche Gefühle von Anspannung über Frust bis Versöhnung. „Es ist die Geschichte einer Beziehung mit Höhen und Tiefen aus dem echten Leben. Identifizieren kann sich jeder – ob Gay oder Hetero.“ Auf eine intime Reise nahmen Vera und Victoria die Fotografin mit, wobei nicht einmal die Bettszenen am persönlichsten wirken, sondern etwa ein Bild, auf dem die eine der anderen vom Straßenboden aufhilft. Monatelang durfte Sáez das lesbische Paar begleiten.

 „Etiketten helfen, etwa im Kampf für Menschenrechte. Aber sie verkürzen auch, grenzen ein. Man muss sie ablegen können“

José Luis Serrano (LGBT-Autor)

LGBT-Rechte: Geschlechts-OPs in öffentichen Kliniken, Strafen für Homo-Therapien

„Ich war neugierig auf Transsexualität, die etwas Unbekanntes für mich war“, erklärt die Fotografin aus Spanien, die 2019 das Album in Hongkong ausstellte. Gerade entsteht Sáez’ neue Serie „Trans“ mit Porträts von Menschen, die ihr Geschlecht selbst wählten. „Es sind konkrete Leben“, sagt die Fotografin, die viele emotionale Dankeschöns erhalten habe. „Eigentlich bekam ich nur positive Reaktionen, auch von Menschen außerhalb LGBT“, sagt Sáez. „Aber ich vermute, dass es auch negative Reaktionen gab.“ In Murcia weiß man, dass sich die Stimmung drehen kann – das prangerte auch die „Orgullo“-Parade 2019 an.

Nebenan, in Andalusien, regiert der rechtskonservative Pakt mit Beteiligung der LGBT-feindlichen Vox. Ein „homophober Diskurs“ flamme neu auf, warnen linke Aktivisten. Das Kollektiv bangt in Spanien um seine Errungenschaften. Etwa um das Gesetz in Murcia, das 2016 Geschlechtsoperationen in öffentlichen Kliniken ermöglichte. Das Land Valencia ging mit LGBT-Rechten 2018 weiter als alle anderen Regionen: Ein Amt für historische Erinnerung zu homophober Gewalt entstand. Und harte Sanktionen gegen LGBT-Phobie mit Strafen bis zu 120.000 Euro für Versuche, das Kollektiv zu therapieren.

Rechte Jungs: In Spanien nehmen LGBT-feindliche Emotionen zu.

Kind mit LGBT-Neigung? Papst empfiehlt Eltern in Spanien „Spezialisten“

Vox und Co. reagieren immer erzürnter auf solche LGBT-Vorstöße. Die Kirche bleibt, im Vergleich zu anderen katholischen Ländern, eher still. Die Unbeholfenheit der Kirche mit dem Thema LGBT führte Papst Franziskus höchstpersönlich im März 2019 vor. Im spanischen TV-Talk „Salvados“ nach Homo-Liebe gefragt, forderte er zwar, Schwule und Lesben nicht zu verstoßen, empfahl aber Eltern „Spezialisten“ aufzusuchen, wenn sie an Kindern „etwas Seltsames“ feststellten. Vor vier Millionen Zuschauern hatte das Papst-Wort sicher Gewicht in nicht wenigen Haushalten.

Welche „Spezialisten“ das etwa in Alicante sein könnten, ist nicht nur mit den neuen Gesetzen gegen LGBT-Phobie fraglich. Denn öffentlich bekannt werden Angebote für Homosexuelle, die zu Hetero wechseln wollen, in Spanien eigentlich nicht – es sei denn, LGBT-Netzwerke decken sie im Internet auf. In Alcalá de Henares etwa soll eine Kirchengemeinde Therapien für Homosexuelle angeboten haben. Ähnliche Vorwürfe entstanden 2019 ums „Zentrum für Familienorientierung“ des Bistums Cartagena – und in Valencia um die Gruppe Verdad y Libertad (Wahrheit und Freiheit).

Kritik an LGBT: „Homosexualität ist keine Krankheit, ein Coming-Out ist aber möglich“

Ein besonderer Fall ist Elena Lorenzo, Coachin aus Madrid, die auch in Alicante Einheiten anbot. Laut linksalternativem LGBT-Netzwerk Marea Arcoíris lud sie auf Gay-Portalen zur Heilung von Homosexualität ein. Die Region Madrid kündigte 2019 rechtliche Schritte gegen sie an. Doch es war offenbar ein Fake-Konto, und laut Lorenzo kam es zu keiner Klage. „Homosexualität ist keine Krankheit, also nicht zu heilen“, sagte sie. Man könne die Orientierung aber, wenn man es wünsche, „hinter sich lassen, wie man beim Coming-Out das Leben in Heterosexualität hinter sich lässt“.

LGBT-Parade in Benidorm: Repräsentativ für homosexuelle Liebe?

Der „Homo-Lobby“ in Spanien warf Lorenzo vor, „nur für einige zu sprechen, und vielen Homosexuellen zu schaden“. Dass Menschen, die LGBT nicht glücklich mache, existierten, betont die Coachin mit Videos auf ihrer Webseite. Zu Wort kommt dort etwa María und schildert ihre gescheiterte Beziehung mit Elena, oder Ángel das Ringen mit seiner Orientierung. Doch sprechen diese Menschen – anders als die, die Mar Sáez fotografierte oder Amaral besingt – mit dem Rücken zum Betrachter, mit verzerrter Stimme. Diese „bunten Fische“ bleiben - anders als Gabriel und Gabriel, Vera und Victoria - im LGBT-Aquarium unter Wasser.

LGBT-Touristen in Alicante: Eher „Cruising“ als Homo-Ehe, eher Männer als Frauen

Trotz Coronavirus wird 2020 für Touristen wieder ein LGBT-Sommer in Alicante. Etwa die Playa del Rebollo in Elche gilt als Gay-Strand schlechthin an der Costa Blanca. „Voller Männer und Sexualverkehr“ sei dort der Wald an den Dünen, preist das LGBT-Portal Entendemos. Nicht die Homo-Ehe, sondern das „cruising" - die Suche nach Sexualparntern - bestimmt weiterhin den LGBT-Urlaub. Sicher schwimmen da nicht alle „bunten Fische“ mit. Aber sie sind eben nur stille Fische im Wasser. Übrigens: 2018 überholten in Spanien erstmals weibliche Paare die Männer bei homosexuellen Ja-Worten.

Wenn du meine innere Kraft spüren würdest, die Sprache meines Körpers verstehen würdest, dann würden meine Stunden nicht mehr deine Zeit anzeigen, und du würdest nicht zurückhalten, gegen was es kein Mittel gibt“.

„Peces de colores“, „bunte Fische“ der Gruppe Amaral ist im Sommer 2020 eine LGBT-Hymne in Spanien. Die Tänzerin im Video ist die heterosexuelle Sängerin Eva Amaral. Das Lied, das die Transsexualität nicht explizit nennt, rief ganz überraschende Reaktionen hervor. Verschiedene„bunte Fische“ aus Spanien meldeten sich zu Wort: Menschen, die sich nicht verstanden fühlen und kaum eine Lobby haben. Unter anderem teilte die Gruppe einen Tweet, in dem „Peces de colores“ auf Menschen mit Autismus bezogen wurde.

Wir sind bunte Fische, die sich begegnen,
im Kreis schwimmend, in einer Welt in Schwarz und Weiß.“

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