Demonstration mit mehreren hundert Geschäftsleuten aus der Tourismusbranche in Benidorm.
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Benidorms Tourismus-Branche kämpft um ihre Existenz. Wie in ganz Spanien fehlt es an Urlaubern.

Beispiel Benidorm an der Costa Blanca

Spaniens Tourismus-Branche kämpft um Existenz: ohne Urlauber kein Geschäft

  • vonJudith Finsterbusch
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Spanien muss dieses Jahr praktisch ohne Urlauber auskommen. Für den Tourismus-Sektor bedeutet das einen Kampf um die Existenz - etwa in Benidorm an der Costa Blanca.

Benidorm - Ein elektrischer Stuhl, auf dem ein Mann sitzt, bereit für seine Hinrichtung. Die Sonne scheint von einem unverschämt wolkenlosen Himmel über der Costa Blanca, am Hebel des Stuhls steht ein weiterer Mann, der über Leben oder Tod entscheiden muss, „Gobierno“ steht auf seinem T-Shirt. Regierung. Das Oberteil des zum Tode Verurteilten trägt den Schriftzug „Empresario“, Unternehmer. Diese Szene war Teil einer Demonstration in Benidorm, zu der die Einzelhändler gemeinsam mit Gastronomen, Hoteliers, Apartmentvermietern, Reiseagenturen, Campingplätzen und allen Gruppierungen, die sonst noch vom Tourismus leben, aufgerufen hatten. Denn sie alle haben ein Problem: Ohne Urlauber steht ihr Geschäft still, die Tourismus-Branche kämpft in ganz Spanien seit Beginn der Coronavirus-Epidemie um ihre Existenz. Noch dramatischer sieht es mit dem Nachtleben aus. Pub- und Disko-Besitzer durften seit Monaten nicht mehr öffnen.

BenidormStadt in Spanien
Fläche38,51 km²
Höhe15m
Bevölkerung67.558 (Stand 2018)

Existenzkampf für Spaniens Tourismusbranche: Frühestens Ostern wieder Urlauber

700 Fahrzeuge aus dem Bereich Tourismus vom Sightseeing-Bus über den Wassersportverleih mit seinen Kajaks auf dem Anhänger bis hin zu Taxen oder Disco-Kleinbussen fuhren bei der Demonstration lärmend durch Benidorm. Das Motto: „Erte o Muerte“, Erte (Kurzarbeit) oder Tod. „Wir brauchen dringend eine Verlängerung der Ertes bis Ostern“, sagt Raúl Parra, Vorsitzender des Einzelhandelverbands Aico. Denn in Benidorm bedeutet die „neue Normalität“ praktisch für die gesamte Geschäftswelt einen Kampf um die Existenz. „Unsere Hoffnung ist, dass sich die Lage bis Ostern entspannt und zumindest die Urlauber aus Großbritannien wieder nach Spanien reisen dürfen“, sagt Parra.

Kurz nach der Demonstration in Benidorm kam immerhin eine kleine Erleichterung für den Tourismus-Sektor: Die Ertes dürfen bis 31. Januar verlängert werden. Aber: „Die Einigung kam in letzter Sekunde, am letzten Tag des Monats, wenn wir Unternehmer mit Gehältern, Steuern und Sozialversicherung beschäftigt sind. Am Dienstag war der Stand der Dinge noch, dass die Ertes am Mittwoch auslaufen und wir am Donnerstag unser Personal wieder hätten einstellen müssen“, so Parra. In Benidorm derzeit ein Ding der Unmöglichkeit – und das wird sich auch nicht ändern, bis wieder Urlauber kommen können. Denn die Stadt an der Mittelmeerküste Spaniens lebt ausschließlich vom Tourismus.

Existenzkampf der Tourismus-Unternehmer in Spanien: Ohne Urlauber bleiben Läden zu

40 Prozent der Läden sind in der Bettenburg geschlossen, im britischen Viertel Rincón de Loix sind es laut Aico 70 bis 80 Prozent. Die Besitzer bangen um ihre Existenz. „Benidorm hat 70.000 Einwohner, der Einzelhandel und die Gastronomie sind aber für 500.000 Menschen ausgelegt, die hier normalerweise ihren Spanien-Urlaub verbringen. Nur von den Einheimischen zu leben ist hier nicht machbar“, meinte auch Javier del Castillo vom Gastronomenverband Cobreca. Zumal die meisten Einwohner Benidorms im Tourismussektor arbeiten – beziehungsweise jetzt eben nicht arbeiten und somit auch nur wenig Geld ausgeben.

Der Schuldige steht für Benidorms Geschäftsleute aus der Tourismus-Branche fest: Der, der am Hebel sitzt, also die Regierung von Pedro Sánchez. „Wir fordern staatliche Hilfen, zum Beispiel Gelder für die Mieten der Geschäftsräume oder eine Senkung der Mehrwertsteuer in der Gastronomie. Auch müssen dringend Lösungen gefunden werden, damit Urlauber aus dem Ausland weiterhin in bestimmte Regionen Spaniens kommen können. Zum Beispiel nach Benidorm, wo wir wie an der gesamten Costa Blanca nur sehr wenige Coronavirus-Fälle haben“, meint Parra.

Benidorm sucht jetzt verzweifelt nach Alternativen, um die Geschäftswelt und die Tourismus-Maschinerie - und somit die Stadt - am Leben zu halten. Mit dem Rathaus wollen die Einzelhändler in Benidorm zumindest Kampagnen ausarbeiten, um Wochenend-Urlauber aus Spanien anzulocken. „Wir werden weiterkämpfen, bereiten uns aber auch darauf vor, uns an das schlimmste Szenario anpassen zu müssen“, sagt Parra. Immerhin hat die Benidormer Geschäftswelt mit ihrer Protestaktion für den Tourismus eines erreicht: Der elektrische Stuhl und der „Erte o Muerte“-Doppeldeckerbus flimmerten am Dienstag über alle spanischen TV-Bildschirme. Ein kleiner Trost für die Unternehmer, die um ihre Existenz fürchten.

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