Ein Hirte läuft mit seiner Schafsherde durch Berglandschaft.
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Viehzüchter und Hirte Antonio Yeste: Unter seinen Tieren fühlt er sich wohl.

Hüter der Berge

Viehzucht und Schutz gegen Waldbrände in Spanien: Hirten kämpfen auch im Hinterland der Costa Blanca um Existenz 

  • vonAnne Thesing
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Vieh ist mehr als nur Lieferant für Fleisch und Milch. Es hält die Berge der Costa Blanca sauber und vermindert die Brandgefahr. Doch in Spanien fehlen Hirten.

  • Hirten und Viehzüchter können auch im Hinterland der Costa Blanca immer weniger von ihren Einkünften leben, außerdem fehlt es an Nachwuchs.
  • Dabei ist das freie Weiden von Schafen, Ziegen und Co. eine gesunde Alternative zur Massentierhaltung.
  • Ganz nebenbei fördern Hirten mit ihrer Arbeit die Biodiversität und die grasenden Tiere könnten ideal für den Brandschutz eingesetzt werden.
  • In Hirtenschulen soll neuer Nachwuchs auf die Arbeit in Bergen und Weiden vorbereitet werden.

Vall de Gallinera - Wenn seine Schafe und Ziegen fressen, ist Antonio Yeste zufrieden. „Sie machen praktisch nichts anderes“, sagt er lachend. „Sogar im Schlaf kauen sie noch weiter.“ Fressen ist ihr Leben, und damit auch das von Antonio Yeste, der täglich viele Stunden mit einem Teil seiner insgesamt 700 Tiere als Hirte in den Bergen im Vall de Gallinera, im Hinterland der Costa Blanca, verbringt. Damit sie fressen, versteht sich. Wenn eine Stelle abgefuttert ist, geht es an die nächste. Und immer so weiter.

Weidendes Vieh frisst Berge der Costa Blanca sauber: Waldbrände werden vermieden

An diesem Morgen ist Antonio Yeste, den hier in der Marina Alta wegen seiner andalusischen Herkunft alle den „Granadino“ nennen, noch auf seinem Bauernhof. Als er sich dem Stall nähert, springen mindestens fünf Hunde an ihm hoch, einer tollt auf dem Boden mit einer der Hofkatzen herum. Landidylle pur im ursprünglichsten Spanien, das sieht – und riecht – man.

„An den Geruch muss man sich gewöhnen“, gibt Yeste zu, als er die Stalltür öffnet – und damit das Zuhause seiner Tiere, von denen jedoch die meisten schon auf einer eingezäunten Fläche in den Bergen grasen und auf Antonio Yeste warten. Hier im Stall halten sich die Muttertiere und ihre vor kurzem geworfenen Jungen auf, ein Tor führt nach draußen auf den Hof. Die Tiere haben Auslauf und scheinen sich wohlzufühlen. So wie es sein sollte bei der extensiven Viehzucht, die Yeste seit Jahrzehnten betreibt. Wie es allerdings mit seinem Betrieb weitergehen soll, wenn er sich in den Ruhestand begibt, weiß der 61-Jährige noch nicht. Nachwuchs für Hirten und Viehzüchter ist immer schwerer zu finden.

Wenn die Schafe eine Fläche abgefuttert haben, geht es zur nächsten.

Viehzüchter und Hirten in Spanien: Viel Zeit, wenig Geld

„Wenn die alten Viehzüchter in Rente gehen, machen die Kinder normalerweise nicht weiter“, sagt Juan Luis Gimeno, der in der Provinz Alicante als einer der angesehensten Ziegenzüchter gilt und mit seinen 450 Milchziegen, die er in Monóvar hält, noch relativ gut dasteht: Die Ziegen der anerkannten Rasse Murciano Granadinas sind bekannt für ihre reichliche und qualitativ ausgezeichnete Milch. Zudem sind es beliebte Exporttiere – ein Markt, auf den auch Gimeno setzt. 2016 leisteten er und Kollegen Pionierarbeit, indem sie als erste in Spanien Ziegen per Flugzeug in den Iran exportierten.

Der Beruf des Viehzüchters wurde Gimeno im wahrsten Sinne des Wortes in die Wiege gelegt. „Mein Großvater und mein Vater hielten Schafe, und nur zwei oder drei Tage nach meiner Geburt brachte mein Vater mir ein Schaf ans Baby-Bettchen“, erzählt er. Gimeno trat in die Fußstapfen seiner Vorfahren, kann aber auch verstehen, warum viele das nicht tun. „Die Preise auf dem Markt entsprechen nicht den Kosten für die Tierhaltung, was besonders Hühner, Kaninchen, aber auch Kühe betrifft. Das ist das eine“, sagt er.

Das andere sei die hohe Aufopferungsbereitschaft, die der Beruf verlange. „Es gibt keinen Feiertag und keinen Urlaub. Du musst jeden Tag arbeiten und verdienst damit nicht gerade das große Vermögen“, sagt der Ziegenhalter, dessen Arbeitstag zwischen 5.30 und 6 Uhr morgens beginnt und erst am späten Abend endet. „Ich melke die Ziegen, gebe ihnen Futter, mache die Ställe sauber, dazu kommen Extras wie Impfungen, Nägelschneiden und anderes. Nachmittags nehme ich ungefähr 80 bis 200 Tiere mit in die Berge.“ Das sind die Stunden, in denen auch Gimeno Hirte ist.

Worauf Hirten setzen: Natürliche Nahrung und Auslauf statt Massentierhaltung

Rund 90.000 Hirten gibt es laut der Zeitung „El Mundo“ in ganz Spanien. 16 Millionen Schafe und sechs Millionen Ziegen werden gehalten. Im Land Valencia, so die Zeitung „Información“, gibt es knapp 3.000 Viehbetriebe für Kühe, Schafe und Ziegen, 904 davon in der Provinz Alicante. Allerdings, so schreibt „Las Provincias“, ist die Zahl der Schafe in der Provinz allein zwischen 2013 und 2015 von 102.199 auf 80.770 gesunken. Besser scheint es bei den Ziegen zu laufen, vor allem wohl wegen ihrer gefragten Milch. Ihre Zahl steigt.  

Wobei die Tendenz hin zu weniger Betrieben mit jeweils mehr Tieren geht. Zur Massentierhaltung also, mit der Menschen wie Antonio Yeste oder Juan Luis Gimeno nur wenig am Hut haben. „Viele junge Leute kennen doch nur noch Hühnerfleisch, das zur Hälfte aus Wasser und Hormonen besteht. Geschmack hat es nicht“, sagt Yeste. „Meine Tiere ernähren sich natürlich, auf der Weide. Beim industriellen Fleisch ist dafür gar keine Zeit.“

Der „Granadino“ nimmt sich diese Zeit. Und wenn er von den vielen Stunden erzählt, die er mit seinen Tieren in den Bergen verbringt, merkt man, dass er diese Zeit nicht missen möchte.. Obwohl auch er zugeben muss, dass sein Beruf nicht viel Freiraum lässt. „Eine feste Stundenzahl gibt es nicht, alles hängt von den Tieren ab und von der Zeit, die sie zum Fressen brauchen“, sagt er.

Von Vater zu Sohn: Viehzucht und Hirtenberuf als Familienerbe

Woraus genau seine Aufgabe als Hirte besteht? Das sei nicht leicht zu beschreiben, sagt er. „Meine Tiere auf der Weide, das ist wie ein Dorf“, versucht er es zu erklären. „Ich muss sie ständig kontrollieren, damit keins Reißaus nimmt und damit sie das Richtige fressen. Außerdem muss ich schauen, wie es ihnen geht, welche Tiere welche Probleme haben und wie man sie lösen kann. Das hört sich einfach an, ist es aber nicht. Man muss wirklich ein Gefühl und den richtigen Blick dafür haben.“

Auch bei ihm liegt dieses Gefühl in der Familie. Sein Vater arbeitete als Viehzüchter, seine Brüder sind ebenfalls in dem Beruf tätig. Sogar die immer seltener werdenden aufwändigen Weidenwechsel, die so genannten „trashumancias“, hat Yeste von Klein auf mitgemacht. „Wenn es bei uns zu kalt wurde, sind wir mit den Tieren zu Fuß von Granada nach Almería gezogen“, erzählt er. „Wenn es dunkel wurde, haben wir dort geschlafen, wo wir zu dem Zeitpunkt gerade waren. Manchmal draußen, wenn wir Glück hatten, fanden wir einen alten Stall vor“, erinnert er sich. Ein anderes Ziel der Herden aus Granada war die Marina Alta, dorthin ging es allerdings mit Viehtransportern. „Mir gefiel es hier so sehr, dass ich geblieben bin“, sagt er.

Über 40 Jahre ist das her, jetzt hat er hier neben seiner Farm auch ein kleines Restaurant, die Bar la Font in Benissivà, in der seine Frau und seine Tochter in der Küche und hinter der Theke stehen. Welches Fleisch dort auf den Tisch kommt, muss wohl kaum erwähnt werden. Darüber hinaus verkauft Yeste an Fleischereien und andere Restaurants und schafft sich mit dem Verkauf seiner Tierexkremente, die in der Landwirtschaft gerne als guter Dünger genommen werden, ein Zusatzeinkommen.

Immer beim Hirten dabei: die Hirtenhunde.

Hirten und Viehzüchter fördern Wirtschaft, Tourismus und Umwelt

Hirte zu sein, das gilt auch für Antonio Yeste, reduziert sich also längst nicht mehr darauf, mit Stock, Hund und Herde einsame, vielleicht sogar verträumte Tage in den Bergen zu verbringen. Die Hirten von heute leiten ein Unternehmen in einer komplexen Branche – mit allem was dazugehört. Doch trotz aller Zusatzqualifikationen, Nebenverdienste und der Anpassung an neue Technologien: Großverdiener sind unter den Hirten kaum zu finden. Für Antonio Yeste reicht das Geld nicht einmal aus, um sich einen Helfer leisten zu können. „Abgesehen davon ist es auch schwer, Helfer zu finden. Es gibt es kaum noch Menschen, die für diesen Beruf qualifiziert sind“, sagt er, und sein Kollege Gimeno betont: „Um überleben zu können, braucht der Sektor mehr Unterstützung von den Verwaltungen.“

Eine Unterstützung, die die Branche verdient hätte. Denn bei der extensiven Viehzucht geht es um sehr viel mehr als nur darum, das Einkommen der einzelnen Viehzüchter zu sichern. Da ist zum einen der wirtschaftliche Nutzen für die Region. „Der Hirte bringt sein Vieh ins Schlachthaus und schafft damit Arbeitsplätze. Das Fleisch wiederum wird in örtlichen Restaurants konsumiert, was den gastronomischen Tourismus anregt“, sagt Joanma Mesado, technischer Sekretär der Gewerkschaft Unió de Llauradors, gegenüber der Zeitung „Información“.

Noch stärker als der wirtschaftliche schlägt allerdings der Umweltfaktor ins Gewicht. „Die Exkremente der Tiere sind guter Dünger für die Bäume“, nennt Gimeno ein Beispiel. Auch tragen die Tiere durch die Verbreitung der Samen zur Biodiversität bei.

Weidendes Vieh als Brandschutz

Vor allem aber „ist die Existenz von extensiver Land- und Viehwirtschaft die beste Brandvorsorge“, nennt der Landwirtschaftsverband Asaja in einer Mitteilung den wohl positivsten Nebeneffekt grasender Herden. „Doch leider gibt es kaum noch Schafe und Ziegen, die in den Bergen weiden, sich von dem Gestrüpp ernähren und gleichzeitig ihrer so wichtigen Arbeit nachgehen, den pflanzlichen Brennstoff zu entfernen“, so der Asaja-Vorsitzende Eladio Norte.

Hirten als Brandschützer? Spanien mit seinen vielen Waldbränden könnte das gut gebrauchen. „Viehherden hinterlassen die besten Brandschneisen“, bestätigt Juan Luis Gimeno. „Die Schafe futtern vor allem Kräuter und Sprossen, die Ziegen machen sich an die etwas höher wachsenden Pflanzen“, sagt Antonio Yeste. Material, das aus einem kleinen Funken einen verheerenden Waldbrand machen kann, wenn man es unkontrolliert wuchern lässt – wie es in den meisten Bergen der Fall ist. Wo Schafe und Ziegen weiden, wird diese Entwicklung gestoppt und dafür gesorgt, dass sich das Gestrüpp rund um die Bäume gar nicht erst ausbreitet. Dennoch:. „Es gab Zeiten, da wurden wir beschuldigt, selbst Brände zu legen. Generell wurden uns immer sehr viele Steine in den Weg gelegt“, sagt Antonio Yeste.

Doch seit vier bis fünf Jahren, so beobachten er und seine Kollegen, scheint es ein Umdenken zu geben. „Früher wurde nicht einmal Interesse für unsere Arbeit gezeigt, jetzt hört man uns wenigstens zu“, sagt Gimeno. „Den Menschen wird offenbar langsam bewusst, dass das Leben auf dem Land beginnt. Ohne Landwirtschaft gäbe es kein Leben. Technologie, Computer, Kabel oder Fernsehen können wir nicht essen, wir brauchen Gemüse, Käse und Fleisch.“ Es gehe nicht in seinen Kopf, wie man bei zwei Euro für einen Liter Milch Alarm schlagen und zugleich „1.000 Euro für ein Smartphone“ hinblättern könne.

Valencia: Schule für Hirten und Viehzüchter

„Die Viehzucht ist lange Zeit vernachlässigt worden“, gibt Maite Mares von der Abteilung für Technologietransferenz der valencianischen Regierung, zu. Dass sich das ändere, zeige ein Projekt der Landesregierung, das Nachwuchs in die Nutztierhaltung bringen soll. In der sogenannten „Escuela de Pastores“ (Hirtenschule) sollen sich  junge Leute auf die Arbeit in Viehbetrieben vorbereiten und neben Theorie auch frische Stall-Luft schnuppern lassen. „Der Kurs ist keine Lösung für den Sektor“, sagt Mares, „aber er ist ein kleiner Beitrag“. Und er ist ein Zeichen dafür, dass man – endlich – beginnt, die Arbeit der Hirten und deren Nutzen anzuerkennen. Nicht nur in Valencia gibt es diese Hirtenschulen, sondern auch in anderen Regionen Spaniens, zum Beispiel der Extremadura:

In Valencia haben auch absolute Neulinge durch den Kurs bereits den Weg ins Hirtendasein gefunden. Zum Beispiel Pedro Arteaga. „Nachdem ich 20 Jahre vor dem Computer verbracht hatte, wollte ich etwas machen, das mich erfüllt. Ich hatte einen Job und ein gutes Gehalt, aber ich war einfach nicht glücklich“, sagte der damals 41-Jährige nach Abschluss des ersten Kurses gegenüber der Zeitung „Las Provincias“. Stattdessen wollte er seinen Lebenstraum, Hirte und Käseproduzent zu werden, verwirklichen. „Ich will nicht reich werden, sondern gemeinsam mit meinen Schafen und Ziegen Lebensqualität gewinnen“, meint er.

Auch Gimeno lässt die Hirtenschüler für ihren Praxisteil in seinen Betrieb schnuppern. „Eine gute Initiative“, findet er. „Die Schüler, die bei mir waren, waren sehr interessiert, und der eine oder andere wird sicher dranbleiben.“ Eine qualitativ gute Ausbildung, gepaart mit finanzieller Unterstützung, könnte der Branche aus der Krise helfen, ist er überzeugt.

Trauriges Ende im Schlachthaus

Es ist elf Uhr und Antonio Yestes Hunde werden langsam nervös. Auch Hütehunde brauchen den Auslauf und die frische Luft in den Bergen. Der „Granadino“ schließt seine Stalltür, macht sich mit seinen treuen Begleitern, einem Bocadillo und einer Wasserflasche auf in die Berge – und erinnert in diesem Moment doch irgendwie an das romantische Bild eines einsamen Hirten, das wir alle im Kopf haben.

Die kleinen Ziegen und Lämmer lässt er auf dem Hof zurück, bis auch sie reif für die Weide sind. Und wenn sie nach zwei bis vier Monaten reif fürs Schlachthaus sind, was geht dann in ihm vor? „Es tut mir jedes Mal wieder aufs Neue leid“, gibt er zu. Doch auch dieser letzte Schritt ist Teil seines Berufs.

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