Krise in Spaniens Gastgewerbe

„Jetzt zu öffnen, wäre Selbstmord“: Spaniens Gastronomen stehen wegen Coronavirus-Krise vor einer Zeitenwende

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Bekannte Lokale in Benidorm haben sich der „Se traspasa“-Protestbewegung angeschlossen.
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Neue Abstands- und Hygieneregeln stellen das Konzept der spanischen Bar vor die Existenzfrage und damit ein Stück der Seele des Landes. Mit Kritik an der Regierung, verzweifelten Aktionen und kreativen Einfällen wehrt sich die Branche auch an der Costa Blanca gegen den Untergang. Dabei sind einige Probleme hausgemacht.

  • Terrassen mit halber Besetzung rechnen sich für viele Wirte nicht.
  • Gastwirtschaft fordert schnellere Öffnung und Extrahilfen von der Regierung.
  • 800.000 Gastro-Mitarbeiter in Spanien in zeitweiser Arbeitslosigkeit.
  • Brauereien fordern Gäste zur Unterstützung der Bars auf.

Torrevieja/Benidorm - „Die Terrassen mit beschränkter Besucherzahl zu öffnen gleicht einem Selbstmord“, kommentiert Joaquín Guillamó, Präsident der Hoteliers- und Gastwirtevereinigung Torreviejas und der Vega Baja (AEHTC) die Bedingungen, unter denen ab 11. Mai Lokalterrassen wieder öffnen dürfen. „Außer für die Lokale, die große Terrassen mit Meerblick haben, ist es für den großen Rest einfach nicht rentabel.“

80 Prozent der Restaurants und Bars der Provinz Alicante verfügen über Terrassen mit weniger als 15 Tischen, viele sogar nur fünf oder sechs. Zwar ruderte die Regierung zurück und erlaubt schon ab 11. Mai eine Belegung von 50 Prozent, statt der zuvor verkündeten 30 Prozent. Doch das versöhnt die Wirte nicht. Wegen des einzuhaltenden Sicherheitsabstandes zwischen den Tischen könnten die meisten Lokale nicht einmal diese limitierte Platzzahl anbieten.

Viele Gastwirte fordern daher von den Rathäusern, die Ausdehnung der Terrassen unbürokratisch zu ermöglichen, was technisch oft gar nicht möglich ist. Denn die Tische stünden dann auf der Fahrbahn oder in der Einfahrt des Nachbarn oder vor den Auslagen anderer Geschäfte. Das Konfliktpotenzial kann man sich ausmalen.

Es rechnet sich einfach nicht

„Doch unsere Strom-, Wasser-, Gas- und Personalkosten und die Steuern können wir nicht halbieren wie die Platzzahl“, protestieren die Gastronomen. Raymond Kearney, Präsident des Zusammenschlusses von Geschäftsleuten in Orihuela Costa, Avanza und The Strip Business Association, meint: „So, wie das jetzt geplant ist, wird es 90 Prozent der Unternehmen, die an Orihuela Costa mit dem Tourismus und der Gastronomie zu tun haben, töten“.

Er rät den Kollegen, das Lokal am besten ganz geschlossen zu halten und fordert die spanische Regierung auf, die Gastronomie möglichst gleich in Phase 3 des Deeskalationsplanes zu überführen. „Es rechnet sich einfach nicht, einen Kellner und einen Koch einzustellen, wenn auf der Terrasse nur acht Personen gleichzeitig sitzen dürfen“, so Kearney, der es immer noch nicht fassen kann, dass „man in nur acht Wochen den ganzen Tourismus in Spanien verloren“ habe.

Protestwelle von Salamanca bis Benidorm: „Bar abzugeben“

Noch drastischer machen die Wirte in der anderen Touristenhochburg Alicantes, Benidorm, auf ihre Lage aufmerksam. Seit einigen Tagen hängen an den geschlossenen Jalousien oder Gittertüren vieler Bars des britischen Ferienparadieses Schilder mit der Aufschrift „Se traspasa - razón aquí“, Bar abzugeben - den Grund sehen Sie hier. Selbst in der berühmten Tapas Alley, von der man weiß, dass sie immer gut läuft, sieht man viele dieser Schilder. Die Aktion startete in Salamanca und verbreitete sich über Elche bis in die Marina Baja.

Die Barlandschaft in Benidorm wie in ganz Spanien wird sich verändern.

Pablo González, Chef der Gastronomenvereinigung Abreca/Cobreca erklärt: „Das ist eine der wenigen Formen, die uns als Protest bleiben angesichts der fortgesetzten Misshandlung der Gastronomie durch Teile der Regierung“. Er ergänzt: Mit 70 Prozent weniger Einnahmen „könne man nicht nur die Rechnungen nicht bezahlen, sondern auch keinen angemessenen Service am Gast bieten“.

Verlängerung der ERTE gefordert

Sein Kollege von Abreca, Javier del Castillo, findet es außerdem „infam, dass unsere Mitarbeiter noch immer nicht ihr Arbeitslosengeld kassiert haben und wir gezwungen werden, zu öffnen, ohne die Kosten decken zu können“. Beide fordern ebenso wie die Kollegen in Torrevieja: eine schnellere und allgemeinere Öffnung der Gastronomie, eine Verlängerung der Mietmoratorien, Steuerstundungen und sogar direkte Subventionen.

Außerdem sollte man „uns nicht im Unklaren über die ERTEs lassen“. Die zeitweise Arbeitslosengeldzahlung wegen einer Freistellung durch „höhere Gewalt“ gelten offiziell nur so lange, so lange der Alarmzustand anhält. Doch mit der „neuen Normalität“ werden längst noch nicht alle Gäste zurückkehren können, von ausländischen Touristen ganz zu schweigen. Daher solle der Staat solange ERTE zahlen, bis die Gastronomen Kellner und Köche wieder einstellen können. Bis Mitte Mai sollen übrigens alle, die ab März ins ERTE geschickt wurden, ihr Geld erhalten.

Was wird aus dem Nachtleben in Sevilla? Die historische Bar Las Claveles.

Land der Kellner: Mitarbeiter kontern Wirten

Doch genau von den Mitarbeitern im Wartestand mussten sich speziell die Gastronomen von Benidorm und Torrevieja heftige Kritik gefallen lassen. Auf Facebook erklärten viele, dass sie die Sorgen der Gastronomen zwar verstehen, sie aber nicht wegen des ERTE, sondern vor allem wegen des Geizes ihrer ehemaligen Chefs materielle Not leiden. Denn „wie viele von euch haben uns auf 20-Stunden-Basis angestellt, aber 50 oder 60 Stunden in der Woche schuften lassen, um den Mindestlohn zu umgehen?“ fragt einer, dem viele zustimmen. Erhielte man nämlich die 75 Prozent Arbeitslosengeld auf das tatsächlich gearbeitete Volumen, käme man besser über die Runden. „Jahrelang habt ihr von dem System profitiert, wo es kaum echte Arbeitsinspektionen gab und jetzt soll der Staat für eure Versäumnisse einspringen“, ruft die Stimme im Internet quasi für ein ganzes Land der Kellner.

Die Brauerei Mahou/San Miguel erklärt ihre Solidaritätsaktion #ahoramasquenunca

Mittlerweile hat sich die größte Gewerkschaft CC.OO. der Forderung angeschlossen, die ERTEs in der Gastronomie zu verlängern. Laut deren Angaben hätten 125.000 Gastronomiebetriebe 800.000 Mitarbeiter in die zeitweise Arbeitslosigkeit geschickt. Wie immer der Ausweg aus der Krise der Gastronomie verlaufen wird, klar ist, dass eine faire Bezahlung weder mit Preisen von einem Euro für das große Bier zu machen sein wird, noch mit einer so lasch agierenden Administration. Wie für die ganze Wirtschaft, braucht auch die Gastronomie so etwas einen „New Deal“.

Soli-Aktion: Brauereien verkaufen Bier, das man (noch) nicht trinken kann

Zwei Großbrauereien Mahou/San Miguel (Danone) und Cruzcampo (Heineken) haben Initiativen gestartet, die an die Solidarität der Kunden appellieren und den Bars so eine Art Überlebenshilfe gewähren sollen. Natürlich ganz im eigenen Interesse, denn das Fassbier stapelt sich in den Lagern und ohne Bars sind auch die größten Braukonzerne aufgeschmissen. #AhoraMásQueNunca heißt die eine, „Jetzt mehr denn je“ und #fuerzabar die andere. Über die Webseiten der beiden großen Brauhäuser kann man „dort, wo du die vorletzte Runde bestellt hast, die nächste bestellen“. Man wählt seine Lieblingsbar aus und bestellt und bezahlt das Bier. Trinken darf man es dann später. Hoffentlich bald.

Dass Spanien das Land mit der höchsten Bardichte der Welt ist, umschreibt nur statistisch den Stellenwert dieser Institution. Die nackten Zahlen sind schon beeindruckend genug: 315.000 gastronomische Betriebe hat das Land, auf 150 Menschen kommt ein Lokal in Spanien. 1,7 Millionen Menschen arbeite(te)n als Kellner, Köche, Küchenhilfe. Weitere zwei Millionen Arbeitsplätze in Landwirtschaft, Service, Lebensmittelindstrie, bei Transportfirmen, Zulieferer aller Art, hängen direkt von der Gastronomie ab. Zusammen macht das 18 Prozent aller Beschäftigten aus, die fast ein Drittel der spanischen Wirtschaftsleistung erbringen, wie das Beratungsunternehmen KPMG errechnet hat. 2019 waren das 338 Milliarden Euro, davon fallen 123,6 Milliarden Euro direkt auf die Einnahmen der Lokale, etwa ein Drittel davon, rund 40 Milliarden, stammt vom ausländischen Tourismus.

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