kinder spazieren an einem Strand in Alicante
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Kinder genießen ersten Ausgang am Boulevard der Playa de San Juan in Alicante.

Angst vor Rückfall bei Coronavirus

Kinderlachen zurück in Spaniens Straßen - Verstöße bei Ausgangsregeln gefährden Pläne für alle

  • vonMarco Schicker
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43 Tage hatten sie „Stubenarrest“, waren die rund acht Millionen spanischen Kinder wegen der Coronavirus-Pandemie in den Wohnungen eingesperrt. Am Sonntag öffneten sich für jene bis unter 14 Jahren nicht nur die Türen, sondern mancherorts regelrecht die Schleusen. Dabei waren Kinder oft vernünftiger als ihre Eltern.

  • Zahlreiche Übertretungen bei Lockerung der Ausgangssperre.
  • Rathaus Alicante warnt Bevölkerung.
  • 740.000 Strafen in Spanien seit 14. März.

Alicante - Lachen, jauchzen, fröhliche Schreie und Gebrabbel in den Straßen - Laute, die man fast vergessen hatte, kehrten am Sonntag in ganz Spanien zurück. Die Kinder dürfen wieder raus. Unter klaren Bedingungen: Bis zu drei Kinder mit einem begleitenden Erwachsenen aus dem gleichen Haushalt. Erlaubt wurde ein Spaziergang für bis zu einer Stunde in einem Radius von bis zu einem Kilometer. Sicherheitsabstände zu anderen Menschen sind zu wahren, Spielplätze bleiben tabu. Persönliches Spielzeug durfte mitgenommen werden, wenn möglich, sollten Schutzmasken getragen werden, vor allem in Städten, wo der Abstand nicht immer zu garantieren ist.

Strandpartys gefährden alle

Doch schon bald tauchten im Internet die ersten Fotos und Videos auf, von Stränden in Cádiz und Barcelona, Innenstädten von Elche bis Salamanca, wo regelrechte Volkswanderungen zu sehen waren, Umarmungen mit Großeltern, ganze Familien auf Ausflug, sogar Picknicks wurden gefilmt. Das Gesundheitsministerium resümierte zwar, dass "im Großen und Ganzen" (Gesundheitsminister Salvador Illa) oder "im Allgemeinen" (Fernando Simón, Leiter des Koordinationszentrums für medizinische Notfälle) die Vorgaben eingehalten wurden, warnten aber dennoch, dass für Verstöße letztlich alle die Zeche zahlen. Denn ein Rückfall bei den Zahlen bedeutet, dass nicht nur die für den 2. Mai in Aussicht gestellte Sport- und Spaziererlaubnis für alle in Frage gestellt wird, sondern die "Deeskalation" des Alarmzustandes insgesamt.

Zusammenschnitt der heftigsten Menschenballungen in Spanien

Hilferuf aus dem Rathaus Alicante

Das Rathaus in Alicante twitterte am Sonntagmittag: "Die Ortspolizei stellt eine Vielzahl von Verstößen des Kinderausgangs fest, wir appellieren an das Verantwortungsbewusstsein. Mehr als ein Kilometer ist nicht gestattet, das Auto darf nicht für Ausflüge genutzt werden, Parks und Strände sind geschlossen." Am Nachmittag verstärkten die Sicherheitskräfte ihre Kontrollen, fuhren die Strände ab, postierten sich an Spielplätzen und hielten zum Teil vollgepackte Autos an. "Wer sich nicht an die Vorgaben hält, riskiert die Gesundheit aller", rief es fast verzweifelt aus dem Rathaus. Im Lokalfernsehen wurden Interviews auf der Straße geführt, Kinder in Elche gezeigt, die ihre eigenen Eltern von anderen Gruppen wegzogen, denn sie hatten ihre Lektion offenbar verstanden.

In sechs Wochen mehr Strafen als in vier Jahren

Seit Ausrufung des Alarmzustandes am 14. März haben die spanischen Sicherheitsbehörden 740.000 Bußgelder für Verstöße gegen die öffentliche Ordnung verhängt, im Schnitt täglich 18.000. Das ist so viel wie in vier Jahren zuvor zusammen, seit 2015 das sogenannte „Ley mordaza“, „Knebelgesetz“, von Mariano Rajoys PP-Regierung in Kraft trat.

Dieses sieht vor, dass bei Verstößen gegen die öffentliche Ordnung, die nicht als Straftat gerichtsanhängig werden, die Polizei und andere administrative Strukturen Bußgelder und sogar Haftstrafen verhängen dürfen, ohne dass ein Richter den Fall bewertet. Gerichte würden danach nur einschreiten, wenn der Bestrafte aktiv Einspruch erhebt. Das "Ley mordaza" wurde als restriktive Polizeistaatsmaßnahme im Nachklang der Wirtschaftskrise vor allem von der damaligen PSOE-Opposition heftig kritisert, die jetzt an der Macht ist. Es würde rechtsstaatliche Normen und die Gewaltenteilung außer Kraft setzen.

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