Spanischer Finanzminister Chapapietra.
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Chapapietra nach seiner Ernennung zum Finanzminister Mitte der 1930er Jahre in Madrid.

Stadtgeschichte Torrevieja

Spaniens Premierminister aus Torrevieja: Mann des Ausgleichs

  • Marco Schicker
    VonMarco Schicker
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Joaquín Chapapietra, Nachfahre italienischer Einwanderer, wurde vor 150 Jahren in Torrevieja geboren. Er war für Spanien der richtige Mann zur falschen Zeit. Eine Würdigung.

Torrevieja – Nach ihm ist eine lange Straße und das städtische Kulturinstitut von Torrevieja benannt. Doch die meisten, selbst Einheimische, wissen nicht, wer er eigentlich war, dieser Mann mit dem eigenartigen Namen: Joaquín Chapapietra. In diesem Jahr begeht Torrevieja den 150. Geburts- und 70. Todestag dieses „Sohnes der Stadt“, Urenkel italienischer Einwanderer, die ab Anfang des 19. Jahrhunderts in kleinen Scharen nach Torrevieja kamen, angezogen vom Aufschwung der Schiffsbauindustrie in Torrevieja.

Italiener mischen Spanien auf: Von König Amadeo bis zur "Freien Republik Torrevieja"

Diese italienische Gemeinde, aus der Holzhändler, Navigatoren und Reeder hervorgingen, fühlte sich bald so heimisch in Spanien, dass einige von ihnen Land und Schicksal in die eigenen Hände nehmen wollten. Während der republikanischen Aufstände, die 1873 zur Abdankung des Königs Amadeo I. - der übrigens auch Italiener war - und zur Ausrufung der Ersten Spanischen Republik führten, wurde Concha Boracino Calderon aus Torrevieja, eigentlich aus Umbrien, kurzzeitig „Präsidentin“ des „Republikanischen Kantons Torrevieja“. Eines unabhängigen, revolutionären Staates, der nur ein paar Wochen bestand, so, wie die Kantone von Torrevieja oder Murcia, dieblutig niedergeschlagen wurden. Die heißblütige Italienerin verschwand nach der baldigen Niederlage der Republik, doch ihre Legende blieb, in Torrevieja ist sie eine mythische Heldin der gesamten dortigen Linken, aller beider.

Minister Chapapietra: Sinn für die Nöte des "kleinen Mannes"

Eine Generation später würde ihr Nachbar in Torrevieja, Joaquín Chapaprieta Torregrosa, 1871 als Urenkel italienischer Einwanderergeboren, es mit dem Gang durch die Institutionen gelingen, bis ganz nach oben zu kommen. Er schaffte es zum Finanzminister in Madrid und für wenige Wochen im Jahre 1935 sogar zum Regierungschef, bis dato dem einzigen Spaniens aus der Provinz Alicante.

Chapaprieta war durch und durch Republikaner, aber gleichzeitig ein Konservativer, studierte in Orihuela, Murcia und Madrid Juristerei und heuerte in der Hauptstadt zunächst bei einer angesehenen Kanzlei an. Sein Spezialgebiet waren die Ökonomie und die Staatsfinanzen, gepaart mit einem bis heute seltenen und ausgeprägten Sinn für die Rechte des „kleinen Mannes“, mit dem damals auch die Frauen gemeint waren.

Über drei Jahrzehnte, ab 1898, war er als Abgeordneter im Kongress in Madrid und mehrfach als Minister, mal für Arbeit, mal für Wirtschaft, mal für Finanzen zuständig, wo er erkennen musste, dass ein normales Staatswesen und Fortschritt mit einer Monarchie im Stile der spanischen Alfonsos nicht vereinbar waren.

Mann des Ausgleichs: Chapapietra von der großen Politik in Madrid zurück ins kleine Torrevieja

Chapaprieta, der eigentlich nur helfen wollte, in Spanien eine gewisse fortschrittliche Ordnung und sozialen Ausgleich zu errichten, ohne das System in die eine oder andere ideologische Richtung kippen zu müssen, ging in den Wogen des epischen Chaos unter, das von der Primo de Rivera-Diktatur ab 1923, über Anarchisten-Exzesse, die Richtungskämpfe der Republikaner, die Machtanmaßungen der von Moskau gesteuerten Kommunisten, bis zum Faschisten-Putsch 1936 in Spanien herrschte, dem Auslöser des Spanischen Bürgerkriegs.

Als „Bürgerlicher“ und Intellektueller war Chapaprieta oft der kleinste gemeinsame Nenner der zerstrittenen Republikaner-Fraktionen und wurde so 1935 auch zum Premier, genauer zum Präsidenten des Ministerrates, als man keinen anderen mehr für diesen Posten fand. Zu systematischer Arbeit kam er dabei aber kaum noch. Nur Monate nach seinem Rücktritt im Dezember 1935 putschten die Militärs gegen die verfassungsmäßige Ordnung. Chapapietra, der Unbestechliche, der Integre, geriet bald in Vergessenheit.

Joaquín Chapapietra als Kurzzeit-Regierungschef Spaniens.

Von der Franco-Nomenklatura hielt sich der da schon Mittsechziger Chapapietra fern und erinnerte sich an seine Heimatstadt Torrevieja: Er initiierte die Gründung des Stadtarchivs, gründete eine weiterführende Schule, die auch Stipendien an "Minderbemittelte" vergab (heute die Stadtbibliothek) und half dem Kulturverein Casino aus finanziellen Nöten. Kurz vor seinem Tod, 1951, publizierte er seine Memoiren unter dem Titel „Der Frieden wäre möglich gewesen“, – das: „wenn man solche wie mich nur gelassen hätte“, schwingt unweigerlich mit.

Es wäre interessant zu erfahren, was ein Joaquín Chapapietra über die heutigen Stadtherren seiner Heimatstadt Torrevieja sagen würde, die sich gerade anschicken, den früheren Bürgermeister Hernández Mateo (PP), der wegen Amtsmissbrauch und Günstlingswirtschaft drei Jahre Gefängnishaft verbüßte, mit dem höchsten Stadtpreis zu würdigen, dem Premio Diego Ramírez Pastor, - benannt nach einem Journalisten der Franco-Ära, der ein franquistisches Kampfblatt gründete und als Chef der Journalistenvereinigung von Barcelona maßgeblich für politische Zensur und ideologische Manipulation verantwortlich war.

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