Bei Badegästen sehr beliebt

Chiringuitos: Von der Bretterbude zur trendigen Beach Bar

  • vonAndrea Beckmann
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Chiringuitos sind an Spaniens Stränden fast schon so etwas wie ein Kulturgut. Die bei Einheimischen und Touristen gleichermaßen beliebten Strandbars, die ausschließlich in der Hauptsaison öffnen, sind aus dem Tourismusangebot nicht wegzudenken. Die trendigen Lokale blicken auf eine lange Geschichte zurück.

  • Bei spanischen und ausländischen Urlaubern sind Chiringuitos gleichermaßen beliebt.
  • Die trendigen Strandbars nahmen ihre Anfänge in den 1960er Jahren.
  • Etwa 3.000 Chiringuitos genehmigt das spanische Umweltministerium heutzutage Sommer für Sommer an Spaniens Stränden

Oliva - Als Pepe Zaragoza 1968 damit begann, Eimer voller Eiswürfel an die Playa Agua Muerta in dem in der Provinz Valencia gelegenen Küstenort Oliva zu schleppen, war sein Vorhaben eine revolutionäre Idee. In einer notdürftig zusammengeschusterten Bretterbude verkaufte der damals 20-Jährige eisgekühltes Bier und Limonade. Der Spanier verdiente sich so seinen Lebensunterhalt. Und wenn keine Kunden kamen, vertrieb er sich die Zeit mit Angeln. Schnell sprach es sich herum, dass bei „El Fogoso“, „dem Feurigen“, wie er seiner roten Haare wegen genannt wurde, nach Sonnenuntergang frischer Fisch auf den selbst gezimmerten Grill kam. Und für besonders gute Kunden gab es auch schon mal einen Kräuterschnaps.

Land ValenciaSpanische autonome Gemeinschaft
LandSpanien
AmtsspracheSpanisch, valencianisch
Bevölkerung 4,975 Millionen (2019), Eurostat
Autonomie seit10. Juli 1982

Wende der Strandbars: Chiringuitos müssen seit 1990er Jahren schärfere Hygiene- und Sicherheitsbestimmungen beachten

Chiringuitos sind an der Costa Blanca nicht wegzudenken.

45 Jahre später hat Zaragoza längst die Seiten gewechselt. Wenn er nicht seiner Lieblingsbeschäftigung, dem Angeln, nachgeht, findet man ihn im Sommer oft beim Bier in einem der Chiringuitos (Strandbars) von Oliva.

„Als ich damals damit begann, Getränke am Strand zu verkaufen, hielt man mich für verrückt“, sagt Zaragoza grinsend. „Ich habe mich von dem Gerede aber nicht verunsichern lassen. Wenn ich sehe, was aus den merenderos, wie wir die Chiringuitos damals noch nannten, geworden ist, bin ich richtig stolz darauf, einer der Wegbereiter gewesen zu sein.“

Er fühle sich durchaus ein wenig mitverantwortlich, scherzt der Valenciano. Da fällt ihm noch ein: „In den 1990er Jahren gab die Küstenbehörde erstmals eine Studie über die Strandbuden in ganz Spanien in Auftrag und kam zu dem Ergebnis, dass es für den Tourismus förderlich sei, die Qualität der Strandbuden zu verbessern. Touristen stellten immer höhere Anforderungen und gaben sich mit einfachen Bretterbuden nicht mehr zufrieden.“ Zaragoza lacht: „Wir mussten uns ganz schön umstellen. Plötzlich durften die Gäste nicht mehr barfuß bedient werden, und es wurde zunehmend auf Hygiene geachtet.“

Valencias bekanntester Chiringuito: Olivas „Oli-Ba-Ba“ mit Osterinsel-Statuen.

Die Wände aus Holzbrettern, das Dach aus Palmwedeln und einfaches Mobiliar. So sah ein ursprünglicher Chiringuito aus. Doch der Wandel der Zeit hat auch vor den Strandlokalen nicht Halt gemacht. Die einfachen Hütten sind vielerorts trendigen Beach Bars gewichen, die mit immer ansprechenderem Interieur und verrückteren Angeboten aufwarten. Getreu dem Motto: Ein Chiringuito allein macht noch keine lukrative Sommersaison.

Stranbars müssen Strände schützen: Betreiber der Chiringuitos müssen sich an strenge Auflagen der Küstenbehörde halten

Ein Beispiel dafür ist Olivas Oli-Ba-Ba, eines der beliebtesten Chiringuitos der nördlichen Costa Blanca und in coronafreien Zeiten Garant für ausgelassene Fiestas. Vor einigen Jahren gab es mächtig Ärger, erinnert sich die Inhaberin der für ihre legendären Strandpartys, guten DJs und Mojitos bekannten Strandbar, Rosa Just. Die dem spanischen Umweltministerium unterstehende Küstenbehörde (Costas) duldete plötzlich keine auffällige Gestaltung mehr an den Strandbars und ordnete auch die Entfernung der übergroßen Osterinsel-Statuen an, die bis dahin viele Jahre Markenzeichen des Sommerlokals waren. Die Betreiberin und die Gemeinde Oliva legten Einspruch gegen die Anordnung ein. Costas blieb zunächst stur, doch am Ende durften die Kunstfiguren wieder montiert werden. Wenn auch an anderer Stelle des Strandabschnitts.

Mit welchen bürokratischen Hindernissen Chiringuito-Betreiber häufig zu kämpfen haben, ahnt Bettina Ergar nicht, wenn sie in einer der zahlreichen Strandbars der Costa Blanca den Tag ausklingen lässt. Die Urlauberin ist begeistert vom Ambiente dieser typisch spanischen Bars. „Ich genieße jede Minute, die ich in einem Chiringuito verbringen kann“, sagt die Touristin, die ihren Urlaub in Altea verbringt. „Die Kombination aus am Strand sitzen, lecker essen und einen Wein trinken, während man das Meer greifbar nah hat, ist einfach einzigartig.“

Chiringuitos sind an Spaniens Stränden fast schon ein Kulturgut. Eine Umfrage des nationalen Bierbrauerverbands hat ergeben: 47 Prozent der Spanier, die im Sommer an der Küste Urlaub machen, kehren täglich in einen Chiringuito ein. Besonders wichtig bei der Wahl des Urlaubsdomizils sind Strandbars für Basken (86 Prozent), Extremeños (84 Prozent), Valencianos, Andalusier (jeweils 59 Prozent) sowie Katalanen (52 Prozent).

Strandbars in der Kritik: Tage der Chiringuitos schienen gezählt

3.000 Chiringuitos genehmigt das spanische Umweltministerium Sommer für Sommer landesweit. Die Verantwortlichen sind sich der Bedeutung der Chiringuitos durchaus bewusst. Dabei sah ihre Zukunft vor etwa elf Jahren noch alles andere als rosig aus. Die Strandlokale drohten gänzlich zu verschwinden, als sich die Regierung unter José Luis Rodríguez Zapatero (Sozialisten, PSOE) plötzlich auf das Küstengesetz von 1988 besann, das bis dahin nur unvollständig angewandt worden war.

Viele Chiringuitos erfüllten plötzlich nicht mehr die Auflagen. Sie sollten abgerissen und bestenfalls auf die Promenaden verbannt werden. Nach einem Regierungswechsel setzte die Volkspartei PP eine Reform durch und bewilligt nicht nur den Fortbestand von Restaurants und Hotels, sondern auch den der Chiringuitos an den Stränden für weitere 75 Jahre. Ihr Abriss wäre ein herber Schlag für die Küstenregionen gewesen. Auch für so manche Stammkunden, die sich einen Sommer ohne ihren Lieblings-Chiringuito kaum vorstellen mögen.

Strandbars: Chiringuitos ziehen illustre Adelige wie König Alfonso XII. als Gäste an

Chiringuitos hielten an Spaniens Stränden mit den Anfängen des Tourismus Einzug. Meistens handelte es sich um einfach zusammengezimmerte Bretterbuden. Um die hygienischen Verhältnisse wurde nicht viel Aufhebens gemacht. Getränke hielt man in mit Eiswürfeln gefüllten Behältern mehr schlecht als recht kühl. Erst nach und nach entwickelten sich aus den einfachen Behausungen feste Einrichtungen mit sanitären Anlagen. Heute sind Chiringuitos von Spaniens Stränden nicht mehr wegzudenken. Urlauber und Einheimische aller Altersklassen lieben sie.

Kein Vergleich mehr zu den Ursprüngen der Strandbuden. Den ersten Chiringuito beansprucht das andalusische Málaga für sich. Dort soll 1882 Miguel Martínez Soler, Meister im Grillen von Sardinen, das Gran Parada eröffnet haben. Es heißt, dass zu seinen berühmtesten Gästen König Alfonso XII. (1857–1885) gezählt habe. Ihm habe der Grillmeister beigebracht, dass man Sardinen nicht mit Messer und Gabel, sondern „mit den Fingern, Majestät, mit den Fingern“ verspeist.

Schnell wurde das Lokal zu einer der angesagtesten Adressen der höheren Gesellschaft. Erzählt wird auch, dass die spanische Tänzerin Anita Delgado, die aus einer verarmten Familie stammte und im zarten Alter von 17 Jahren mit dem indischen Maharadscha Jagatjit Singh von Kapurthala verheiratet wurde, zu den Gästen gezählt haben soll.

Rubriklistenbild: © Andrea Beckmann

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