Spanischer Nahverkehrszug fährt durch eine Station bei Madrid.
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Einen Nahverkehrszug, Cercanía, wünschen sich Orihuela und Torrevieja vom AVE an die Costa Blanca.

Zug nach Torrevieja

Torrevieja per Bahn: Süden der Costa Blanca mit Hoffnung auf Zugverbindung

  • vonMarco Schicker
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Die Touristenhochburgen im Süden der Costa Blanca, Torrevieja sowie Orihuela Costa, wollen eine Bahnverbindung mit dem AVE in Orihuela. Wie realistisch sind die Pläne und warum führen sie nicht bis Alicante?

Torrevieja - Die Idee, Torrevieja wieder an das Eisenbahnnetz anzuschließen, keimt alle paar Jahre einmal auf. Zum Einen aus Nostalgie über die alte Eisenbahnlinie, die Salzzüge, die Waren und Personen bis Anfang der 70er Jahre entlang der heutigen Vía verde an der rosa Lagune von Torrevieja gemütlich über die Dörfer bis nach Alicante brachten, zum anderen aus einer dringenden Not: Jedes Jahr werden die Staus auf den Hauptzubringern nach Torrevieja, der Nationalstraße 332 und der CV-95 länger.

Torrevieja: Immer mehr Menschen und Autos - Zug nach Alicante zu aufwendig

Denn das Konvolut aus Urbanisationen in Torrevieja und dem mit ihm fast verschmolzenen Orihuela Costa wächst dann von rund 120.000 auf mindestens eine halbe Millionen Menschen an. Neue Bauprojekte werden in den kommenden Jahren zigtausende neue Residenten und ihre Autos in den Süden der Costa Blanca bringen, der urbanistisch bereits völlig übersättigt ist. Doch gerade erst wurde die Verdopplung der Fahrspuren der N-332 als Umgehung Torreviejas von Madrid blockiert. Das Projekt findet in der Hauptstadt keine Fürsprecher und daher auch kein Geld.

Der Bahnhof Torrevieja war am Ende seiner Dienstzeit Anfang der 80er Jahre bereits verfallen.

Der Schienenweg von Torrevieja nach Alicante, gar zum dortigen Flughafen, scheint ohnehin versperrt zu bleiben, zu kleinteilig und kompliziert erschien Planern die Rekonstruktion der alten Bahnstrecken, zumal sie jetzt durch mehrere Naturparks wie die Lagunen und Bauland für neue Makrourbanisationen wie La Hoya führen müssten. Auch hält die Autobahn AP-7 dem Verkehr noch halbwegs Stand, durch Orihuela Costa auch Dank der höchsten Autobahnmaut pro Kilometer in ganz Europa.

AVE in Orihuela: Torrevieja und Orihuela Costa wollen Bahnanschluss ans Renfe-Netz

Die bevorstehende Anbindung von Orihuela an das Netz der Hochgeschwindigkeitszüge des AVE der spanischen Eisenbahn aber brachte eine Studiengruppe der Universität Alicante (UA) auf eine naheliegende und mehrfach verlockende Idee: Orihuela Stadt mit einer Trasse parallel zur CV-95 mit Torrevieja und Orihuela Costa zu verbinden.

Die Akademiker der UA rechneten bereits aus, was die rund 17 Kilometer lange Linie, die als Nahverkehrszug Cercanía konzipiert ist, kosten würde: 277,6 Millionen Euro wären nötig für die Infrastruktur, Schienen, Enteignung und Kauf von Grundstücken sowie für die Bahnstationen Bigastro-Jacarilla, San Miguel und den Endbahnhof. Der soll so liegen, dass er sowohl für Reisende von und nach Orihuela Costa wie auch von und nach Torrevieja gut erreichbar wäre.

Endstation Torrevieja: Fahrgäste sollen zwischen Hospital und Aldi abgeladen werden

Zwei Standorte für den Bahnhof hat man in Torrevieja im Visier, beide liegen unweit des Krankenhauses Torrevieja und der Großurbanisation Los Balcones am Kreisverkehr CV-95/N-332 (beim Aldi). Die Station läge dann zwar nahe an den Stränden von Punta Prima und den südlichen Stränden Torreviejas am Palmeral Lo Ferrís, allerdings auch rund zwei Kilometer vom Zentrum der Salzstadt entfernt.

Die alte Bahnstation von Torrevieja steht heute mitten in einem Wohngebiet und dient als Ausstellungsraum für Bahnnostalgiker. Eine Wiederbelebung ist höchst unwahrscheinlich.

Die Überlegung: Strandbesucher aus Orihuela Stadt könnten sich im Sommer für den Zug, statt die überfüllte CV-95 entscheiden und umgekehrt wäre das riesige Einzugsgebiet Torrevieja / Orihuela Costa mit einer S-Bahnfahrt von 20 Minuten ans AVE-Netz angehängt, Madrid käme in eine Reise-Reichweite von etwas über drei Stunden, ein Argument, das auch für Renfe/Adif, die spanische Bahn, attraktiv sein könnte, um die nicht so billigen Züge mit Fahrgästen zu füllen.

Tausende Madrilenen haben Zweitwohnungen an der südlichen Costa Blanca, die dann viel schneller erreichbar sein könnten, wenn die Anbindungen entsprechend justiert würden. Der AVE-Bahnhof Orihuela Miguel Hernández sollte bis Ende des Jahres ans Netz gehen, Corona verzögerte den Endausbau, bis Mitte 2021 sollen die Züge aber ins Rollen kommen.

Mit der Bahn nach Torrevieja: Mediterraner Korridor bleibt in weiter Ferne

Diese Woche präsentierten die beiden Bürgermeister optimistisch die Bahnstudie der UA, "die Antworten auf die großen Anforderungen der Vega Baja" gebe, wie Emilio Bascuñana für Orihuela zum Ausdruck brachte. Er werde "diese Idee nach Valencia und Madrid tragen". Das Projekt einer Eisenbahnverbindung nach Orihuela Costa und Torrevieja sei "eine Riesen-Sache für den ganzen Kreis und ist total machbar, außerdem haben wir das im Süden Valencias verdient", ergänzte etwas burschikoser Eduardo Dolón, Stadtchef von Torrevieja.

Auch der dritte PP-Politiker im Bunde, der Präsident der Provinzverwaltung Alicante, Carlos Mazón, freut sich schon auf mehr Waren, Tourismus, Umsätze, Wohlstand für alle und "großartige Zeiten". Reden, die an die Einweihung der ersten Eisenbahnlinien vor nun bald 200 Jahren erinnern. Damals erwähnte auch niemand die Umwelt.

So weit - also bei der Einweihung - ist man in Torrevieja/Orihuela Costa aber noch lange nicht. Einen Zeitrahmen konnten die Politiker wegen der Abhängigkeit des Projektes von höheren Entscheidungsebenen logischerweise nicht umreißen. Von weiterführenden Träumen eines "Küstenzuges" als Teil des mediterranen Korridors, der vor allem in Wahlkämpfen immer mal wieder als Geisterzug aus den Rhetorik-Tunneln der Parteistrategen schießt, will man lieber gar nicht erst sprechen.

Mit dem Zug nach Torrevieja: "Restesammler" und Salzzug durch die Vega Baja

1884 wurde Torrevieja mit einem 27 Kilometer langen Teilstück nach Albatera ans spanische Eisenbahnnetz angeschlossen, sogar ein Minister aus Madrid ließ sich zu diesem Anlass einmal hier blicken. Dazu gehörten auch die Haltestellen Los Montesinos, Rojales-Benijófar, Dolores, Almoradí, Callosa und schließlich Albatera-Catral, wo es mehrere Umstiegsmöglichkeiten gab, nach Murcia, Alicante, nach Albacete und somit nach Madrid und sogar eine Verbindung bis Granada gehörten damals dazu. Doch weniger für Fernreisende, sondern vor allem für Bauern und Kleinhändler war der Zug durch die Vega Baja nützlich, um zu den Markplätzen in Alicante zu gelangen.

Die Bürgermeister von Torrevieja und Orihuela, Eduardo Dolón und Emilio Bascuñana präsentierten im November 2020 das Projekt der Uni Alicante zu einer Zugverbindung.

Doch die spanische Staatsbahn vernachlässigte die Linie, zu ihren Hochzeiten gab es drei Verbindungen täglich, nachts fuhren Waren, vor allem Salz und ein "Restesammler". Die schlechte Wartung der Schienen ermöglichte selbst Mitte des 20. Jahrhunderts nur Geschwindigkeiten von 35 bis 40 Stundenkilometer. Nach und nach wurden in den 60er Jahren Stationen geschlossen, 1970 der Personenverkehr gänzlich eingestellt, 1986 lösten Lkw und Schiff auch die Salzzüge endgütlig ab. Die alte Bahnstation in Torrevieja wurde Teil eines Platzes mit Park und sporadisch als Eisenbahn- und Salzmuseum sowie für andere Ausstellungen genutzt.

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