hafen torrevieja salz verladestation
+
Die Salzverladestation aus dem 18. Jahrhundert im heutigen Sporthafen von Torrevieja. Salz und Torrevieja sind fast ein Synonym geworden.

Torrevieja und sein Hafen

Segler, Salz und Habaneras: Torreviejas Hafen als Kronzeuge einer Stadt

  • vonMarco Schicker
    schließen

Torreviejas Geschichte berichtet von Piraten, Salzbergen, Schmugglern, Schiffbau, Schiffbruch und anderen Brüchen. Über Meilensteine, Katastrophen, Exzesse und eine ungewisse Zukunft.

  • Bis 1800 war Torrevieja eine Ansammlung von Fischerhütten und eine Salzverladestation.
  • Ab 1830 entwickelte sich eine imposante Schiffsbautätigkeit.
  • Die ersten Ausländer waren schwedische Segler, die in den 1960er Jahren kamen und blieben.

Torrevieja - Wo heute Spaziergänger und Jogger die lange Mole Dique de Levante mit den tückischen Holzbohlen ablaufen, auf leise vor sich hin schaukelnde Hobby- und Sportboote des Club Náutico schauen und an Katzenkolonien vorbeigehen, spielt sich seit Jahrhunderten die bewegte Geschichte Torreviejas ab. Die Stadt ganz im Süden der Provinz Alicante hat Ambitionen, dem Hafen wieder seine angemessene Rolle als Zentrum der Stadt zuzugestehen, nachdem man ihn über Jahrzehnte auf einen „Parkplatz“ für schwimmende Wohnmobile reduziert hatte.

Vorstadt Torrevieja: Erst Napoleon, dann Erdbeben

Bis ungefähr 1800 war Torreviejas Küstenlinie eine Ansammlung von Fischerhütten und eine Salzverladestation, die 1777 unter viel älterem königlichem Privileg entstand. Der Salzabbau in den beiden die Landschaft prägenden Lagunen prägte die Gegend schon seit Jahrhunderten. Die schwer zu schützende Küste wurde häufig von Piraten heimgesucht, dann folgte der Spanische Erbfolgekrieg, bis es nichts mehr zu holen gab. 1803 erhielt Torrevieja eine Art Stadtrecht, 1805 eine 50 Meter lange Mole für die Verschiffung von Agrargütern der Vega Baja, seit 1806 gab es eine Zollstation, ein Jahr darauf folgte ein Marinestützpunkt, der zunächst aus drei Beobachtern bestand.

Doch dann kam Napoleon (1808-1813) und 1829 das große Erdbeben. Erst gegen 1830 kehrten allmählich Ruhe und staatliche Strukturen ein, Torrevieja bekam eine richtige Stadtverwaltung.

Die Menschen überlebten vorher wie nachher durch Fischerei, Landwirtschaft und Schmuggel. Die Salzwirtschaft hatte Bestand, reich wurden durch sie nur wenige, was bis heute gilt. Auch die neue Verladeanlage eines französischen Konzerns steht nie still und die Reste der alten sind heute noch zu sehen, gleich neben Club Náutico und Touristenbüro am Hafen.

Von der Brücke wurde das Salz auf die Kähne darunter getippt. Die Salzverladestation in Torrevieja ist nach 250 Jahren noch relativ gut erhalten.

Relativ gut erhalten ist die Holzbrücke, von der man das Salz, das man auf Wägelchen aus den Salinen von Torrevieja an der rosa Lagune heranschaffte, in die darunter wartenden Boote kippte. Das Wirtschaftsgebäude von 1777 daneben ist leider bis auf die Grundmauern ruiniert, soll aber restauriert werden wie bereits der Zollturm. Einen Teil der Anlage hat man als „Eras de la Sal“ zu einem Open-Air-Veranstaltungsort gemacht, Spiel- und Kultstätte des jährlichen, ureigenen Habaneras-Festivals. Die Salinen von Torrevieja bieten Führungen mit dem Touristenzug an.

Torrevieja war eins bedeutender Schiffbaustandort

Dort, wo die „Bella Lola 2“, die Bronzestatue von der Mole in die Ferne winkt, bis zur Cala Cornuda im Norden, erlebte Torrevieja ab 1830 seinen größten Boom. Neben dem Neubau der Stadt entwickelte sich eine imposante Schiffsbautätigkeit. Vor allem auf mittelgroße Segler zum Warentransport im Mittelmeer spezialisierten sich die Torrevejenser. Und selbst als anderswo schon auf Dampf umgestellt wurde, hielt man hier am Segel fest, die Navigationskünste waren landesweit gefragt.

Der Frachtensegler Salinero, einst Stolz der Segelflotte in Torrevieja. Um 1930.

Der örtliche Seemann Francisco Rebollo Ortega hat sich zum Chronisten dieser Zeit und seiner Stadt gemacht. In seinem Blog, wo er viele Geschichten, Dokumente und Daten gesammelt und bewahrt hat, berichtet er: „Am Ende des 19. Jahrhunderts kauften Torrevejenser Reeder Segelboote aus Katalonien, Valencia und Galicien auf, die dort gegen Dampfschiffe ausgetauscht wurden, und so hatte die Stadt in den 20er Jahren (des 20. Jahrhunderts) im spanischen Mittelmeer die größte Segler-Flotte“.

Ein erstes Achtungszeichen setzte man 1849 als man den dreimastigen Schoner „Nuestra Señora del Carmen“ vom Stapel ließ. Rund 200 Reeder, Bootseigner, ein Vielfaches an Matrosen und Tagelöhnern bevölkerte in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts die Stadt, alle auf der Jagd nach Aufträgen. Dabei hatte die Stadt gerade 6.000 Einwohner, auf je 20 kam ein Boot. Zwielichtige Hafenkneipen fungierten als Heuerstellen – und nicht alle Ware war legal.

Die Fischereiflotte von Torrevieja ist über die Jahre geschrumpft, hofft aber durch Fischerei-Tourismus und eine neue Auktionshalle auf eine gute Zukunft.

Hafenstadt ohne Hafen

Ähnlich erging es dem Hafen. Denn zunächst gab es gar keinen. Fast ein Jahrhundert kämpfte die Stadt um die Errichtung eines regulierten, staatlich anerkannten Hafens. Immerhin gab es ein Bürgertum, eine Kaufmannschaft, das Casino etablierte sich als kulturelles Zentrum und die Casinogesellschaft Torrevieja ist noch heute der größte Kulturverein der Stadt. Doch die Küste blieb ein wildes Lager von teilbefestigten Stegen der Schiffsbauer und Landestellen der Fischer, wo das Recht des Stärkeren regierte.

PR-Filmbericht der Provinzverwaltung Alicante über Torrevieja:

Die Archive belegen Petitionen seit dem Jahr 1878 und 1915 gab es sogar eine Großdemonstration der Bürgerschaft, bis im gleichen Jahr endlich der Ministerrat in Madrid dem Bau eines Hafens mit einem Real Decreto zustimmte. Doch da war es für eine Positionierung im Markt schon viel zu spät. Der Großteil des Salzhandels wurde über Alicante abgewickelt, die Fischer in Santa Pola waren besser organisiert und den Warenverkehr gewannen Valencia und Cartagena bereits lange zuvor.

Rum, Syphilis und Habaneras

So blieb Torrevieja nur die Nische eines mobilen, schnellen Kleinhandels, die Konterbande – und die Karibik. Tatsächlich blieb die Segelei über den Atlantik noch eine Weile „sicherer“ und ökonomischer als die Überfahrt in Dampfschiffen, die reparaturanfällig und wegen des benötigten Treibstoffs teuer war. Die Torrevejenser Segelexperten waren dabei besonders gefragt, „fünf bis sechs Monate dauerte eine Über- und Rückfahrt in die Karibik“, so der Chronist Rebollo.

Bella Lola 2, Statue auf der Mole in Torrevieja.

Neben Rum und Syphilis brachten die Seeleute auch Musik mit. Die Habaneras, die zuerst in den Bars Havannas erklangen, sind das melancholische Erbe dieser Zeit, das man seit fast 70 Jahren jeden Sommer am Strand und im Hafen von Torrevieja mit einem internationalen Festival ehrt. 2020 musste es wegen Coronavirus ausfallen. Dazu kommen Chöre von den Philippinen bis aus China und den Einheimischen regelmäßig die Tränen. Dass die Hymne der Stadt eine schwermütige Habanera, ein karibischer Blues ist, versteht sich von selbst.

Iberisches Bermuda-Dreieck

Der Strand namens Los Náufragos, „Die Schiffbrüchigen“, - Torrevieja hat noch verrücktere Strandnamen - liefert einen Hinweis. Von La Mata bis Cabo de Palos am Südende des Mar Menor befindet sich ein regelrechtes spanisches Bermudadreieck, in dem hunderte Segelboote und andere Schiffe verschwanden und mit ihnen ihre Besatzungen. Viele zerschellten an den Felsen vor dem heutigen Strand der Schiffbrüchigen als sie bei Sturm und tückischen Strömungen nicht mehr navigierbar waren. Am spektakulärsten war natürlich der Untergang der Sirio 1906, die vor Cabo de Palos unter italienischer Flagge auf Grund lief und kenterte. 400 der 800 Passagiere und Besatzungsmitglieder ertranken, Überlebende strandeten in Torrevieja, von Fischern dorthin gerettet.

Die nächste Welle der Zerstörung ging von Deutschen aus. Deren U-Boote machten im Ersten Weltkrieg Jagd auf britische und französische Versorgungsschiffe, hunderte wurden auch im Hoheitsgewässer des offiziell neutralen Spanien versenkt. Torrevieja lag mitten im Aufmarschgebiet. Beim Kaffeetrinken auf der Terrasse des Casino konnte man Dutzende deutscher U-Boote „Luft holen“ sehen.

Das Casino ist so ziemlich die einzige physische Konstante im Hafenviertel von Torrevieja geblieben. Dieses wurde im Bürgerkrieg von den italienischen Faschisten im Auftrag Francos mehrfach bombardiert, wirtschaftliche Agonie und der übliche Überlebenskampf der Bevölkerung folgten.

Denkmal für ersten „Guiri“

Bis in den 50er und 60er Jahren schwedische Segler in La Mata anlegten und beschlossen, hier zu bleiben. Damals noch ein echtes Abenteuer. Dem ersten „Guiri-Siedler“, dem Schweden Nils Gäbel, ist an der Torre del Moro sogar ein Denkmal gewidmet. Viele Nordlichter, dann auch aus deutschsprachigen Landen, sollten folgen und mit ihnen Latinos und Maghrebiner, die sie bedienen. Ab den 90er Jahren entstand die bis heute größte russischsprachige Gemeinde auf spanischem Boden, viele angelockt vom nicht endenden Bauboom.

Arm und ärmer: Geteilte Stadt

Die Stadt haben alle nachhaltig um- und zugebaut und verändert. Sie ist dreigeteilt: Einheimische, in- und ausländische Gastarbeiter, Residenten, die sich – in der Mehrheit – meistens höflich gegenseitig ignorieren, auch, weil viele die Sprachbarriere nie überwunden haben. Der Hafen hat sich diesem Gemenge angepasst: Links und rechts von Stränden und den sogenannten Naturbädern (Betonverschalungen in den Felsformationen) flankiert, die im Sommer den Inhalt von Sardinendosen imitieren. Torrevieja ist eine der ärmsten Regionen Spaniens, nach Einkommen der regisrtierten Bewohner. Die Sozialausgaben der Stadt sorgen dafür, dass das so bleibt, auch sie sind mit die niedrigsten im ganzen Land.

Ein Meer aus Booten und Ferienwohnungen. Torrevieja, von der Dique de Levante aus gesehen.

Die Fischereiflotte reduzierte sich mittlerweile auf ein halbes Dutzend Schiffe, die in einer heruntergekommenen Lonja ihre Ware umschlagen, daneben ein „schwimmendes Museum“ mit einem U-Boot als Attraktion. Ansonsten: Kleinjachten und die Segler von Hobbykapitänen, soweit das Auge reicht, Ruder- und Segelvereine, mit teils internationalem Renommee, Drachenbootclubs, umstellt von Bars, Verleihstationen und einem Rummelplatz, der einmal im Jahr einer andalusischen Feria weicht, sowie der Hippie-Krämermarkt.

Urbanistischer Schiffbruch: Mit Volldampf in die nächste Krise?

Zigtausende Residenten, eine Halbwelt und noch mehr Touristen „liegen“ im Hafen Torrevieja. Ob die Stadt dadurch eine Perspektive gewonnen oder ökologischen oder urbanistischen Schiffbruch erlitten hat, darüber braucht man nicht einmal mehr streiten. Denn der Exzess scheint unumkehrbar. Geht es nach aktuellen Plänen, kommen in den nächsten Jahren nochmals 8.000 neue Wohnungen hinzu und 20.000 auf die rund 82.000 (offiziellen) Einwohner drauf.

Torrevieja kann also gar nicht anders als – wie immer – zu versuchen, das Beste oder zumindest das Erträglichste aus dem Gegebenen zu machen, eine echte Opposition zum Exzess hat sich hier nie gebildet. Dass der Schock der Coronavirus-Pandemie ein grundsätzliches Umdenken bewirken würde, war bei manchem vielleicht eine Hoffnung. Die Politik der Stadtregierung liefert dafür keinerlei Anzeichen. Im Gegenteil: Volle Fahrt in die Zukunft, weiter unter Volldampf, nicht nur mit Segeln. Bis zum nächsten Schiffbruch.

Das könnte Sie auch interessieren

Mehr zum Thema

Kommentare