Entwurf eines Hochhauses für Torrevieja.
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Neu-Benidorm? So könnte eines der Höchhäuser in Torrevieja aussehen.

Stadt(ver)planung an Costa Blanca

Torrevieja wird Benidorm: Widerstand gegen Hochhäuser am Strand

  • Marco Schicker
    VonMarco Schicker
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Zwei geplante Hochhäuser am Strand im Zentrum von Torrevieja werfen ihre Schatten voraus. Wütende Anwohner fürchten um einen liebgewonnenen Park, aber es geht auch um Selbstbestimmung. Mehr als ein Dutzend Hochhäuser könnten Stadtbild und Tourismus in Torrevieja radikal verändern. Wem gehört die Stadt?

Torrevieja – Ob Torrevieja "schön" ist, sei dahingestellt, aber „die Menschen, auch die Ausländer, sind nach Torrevieja gezogen, weil es eben nicht wie Benidorm aussieht", so die zentrale Anklage einer Bürgerbewegung, die in diesen Tagen einen 30 Jahre alten Kampf wieder aufnimmt. Die Befürchtung, dass die von der PP-Stadtregierung forcierten Hochhaus-Projekte von der Playa Acequión bis zur Cala de Palangre - im Gespräch sind bis zu 15 Wohn- und Hoteltürme, das Leben der Stadt und sein Tourismus-Modell radikal verändern, Torrevieja zu "Neu-Benidorm" werden könnte, treibt Anwohner auf die Palme.

Hochhäuser in Torrevieja: Freier Meerblick für Käufer und Hotelgäste

Die ersten Auswirkungen dieser Planungen liegen derzeit im Rathaus und im Internet zur öffentlichen Begutachtung aus. Die zwei 28-stöckigen Hochhäuser im Viertel El Acequión - eines für Ferienewohnungen, das andere als Hotel geplant - werfen sozusagen ihre Schatten voraus, denn im von der Stadt schon genehmigten "Vorprojekt" ist auch eine „Remodelation“ des bei den Anwohnern beliebten Parkes Doña Sinforosa vorgesehen, der unmittelbar vor der kommenden Baustelle liegt. Eine Initiative von Anwohnern verlangt, dass der etwas wild aussehende, aber charmante historische Park möglichst unangetastet bleibt, vor allem aber, dass mehrere alte und sehr hohe Eukalyptus-Bäume nicht „umgesetzt“ werden, damit die neuen Bewohner der ersten Hochhäuser Torreviejas den Meerblick genießen können.

Der wilde Charme des kleinen Parks Doña Sinforosa könnte bald Geschichte sein. Die Anwohner in Torrevieja wehren sich.

Der Vorwurf ist nicht aus der Luft gegriffen, weil genau diese „Umsetzungen“, die nach Auffassung der Grünen biologisch und technisch kaum möglich seien, im ausliegenden Projektplan beschrieben bzw. angedeutet seien. Danach würden die zwei 82 Meter hohen Türme künftig von einem sauber gefegten Park vom Strand Acequión im Zentrum von Torrevieja getrennt sein, der nur noch 8.000 Quadratmeter Grünfläche – viel weniger als jetzt – umfasse und „ein neues Image“ bekomme. Die Mauer, beziehungsweise der Zaun würden verschwinden, breite Wege angelegt und Wildwuchs beseitigt, angrezende Straßen auf Kosten des Parks verbreitert.

Wem gehört Torrevieja? Bürger gegen Hochhäuser, Kampf um alten Stadtpark

Doch die Mauer, so die Anwohner, würde Kinder davon abhalten, auf die Straße zu laufen, die kleine alte Bühne, das Wasserbecken und der Wildwuchs hingegen wären das Merkmal des Parks, der eines der wenigen grünen Refugien der Stadt sei und von „Generationen geliebt“ werde. Die "Integration" sehe eher nach Kahlschlag aus, so ihre Kritik.

Bürgermeister Eduardo Dolón sah sich angesichts des Proteststurms zu Klarstellungen genötigt. Er ließ ein Video verbreiten, auf dem er erklärte, dass „kein Baum gefällt oder verlegt“ werde, obwohl genau Letzteres im öffentlich einsehbaren Plan, der bereits von der Stadt genehmigt wurde, vorgesehen ist. Alles werde „einfach nur schöner“, so der Stadtchef, für den der Eingriff privater Investoren in den öffentlichen Raum aber grundsätzlich kein Problem darzustellen scheint.

Geht es nach dem Vorprojekt, wird aus dem wilden charmanten Park eine glattgebügelte, „integrierte“ Grünfläche, dominiert von zwei Hochhäusern.

Die linksliberalen Oppositionsparteien PSOE, Suena Torrevieja und Los Verdes schließen sich hingegen den Protesten der Anwohner an und bezichtigen Dolón, dem man bei keiner Aussage über den Weg trauen könne, der Lüge. Das Projekt sei ihm seit Jahren Herzenssache, obwohl es urbanistisch Torrevieja in eine völlig verfehlte Richtung bringe und das urbane und soziale Gleichgewicht des Viertels gefährde. Außerdem habe er die Anwohner vor vollendete Tatsachen gestellt und verhindert so einen Dialog. Das Verzeichnis über die schützenswerten Bäume der Stadt, in dem auch zwei Eukalyptus-Bäume des Doña Sinforosa aufgeführt seien, hielte Dolón zudem unter Verschluss.

Torrevieja soll nicht Benidorm werden: 30 Jahrer alter Widerstand flammt auf

Die Bürgerbewegung hat weniger politische Argumente, dafür nachvollziehbare: „Die Menschen, auch die Ausländer, sind nach Torrevieja gezogen, weil es eben nicht wie Benidorm aussieht. Wir wollen hier diese Hochhäuser nicht, es wäre dann eine andere Stadt“, heißt es auf Facebook. Dort tauchen Aufkleber aus dem Jahre 1991 wieder auf: "Finger weg von Doña Sinforosa" heißt es dort. Schon damals sollte der Park neuen Bauten weichen. „Integration“ nennt die Projektstudie von Baraka, dem Bauherren, das Vorhaben heute. „Einverleibung“ und „Aneignung“ beklagen hingegen die Nachbarn, die als Geschädigte notfalls vor Gericht ziehen wollen. Wem gehört die Stadt, den Bürgern oder den Bauträgern?

Neu-Benidorm? So könnte eines der Höchhäuser in Torrevieja aussehen.

Der Park ist übrigens nach einer Dame, Doña Sinforosa Ayuso, benannt, die aus Madrid stammte, einen Exportbetrieb für Obst unterhielt und mit einem hohen Offizier verheiratet war. Sie ließ ein hier stehendes altes Haus mit großem Garten Anfang des 20. Jahrhunderts renovieren und betrieb den „Salón Sevilla“, einen gesellschaftlichen Treffpunkt. Sie wurde beliebt im Viertel, weil sie die Kinder aus der armen Nachbarschaft in ihrer Finca spielen ließ. Bei ihrer Beerdigung 1929 sollen tausende Menschen die letzte Ehre erwiesen haben. Im Bürgerkrieg wurde aus der Villa ein Nothospital mit 200 Betten, später ein Kurheim, ab den 60ern der kleine städtische Park, der den Spirit der alten Finca erhalten hat, nun aber dem stylischen Konzept und den Vermarktungsplänen der Hochhaus-Erbauer im Wege steht.

Es gibt starke Argumente dafür, dass das Tourismuskonzept Benidorms, in die Höhe zu bauen und auf Hotels statt nur wie Torrevieja, auf Ferienwohnungen zu setzen, etwas nachhaltiger sein könnte als der massive Flächenverbrauch der Urbanisationen von Torrevieja und Orihuela Costa, wo etliche Wohnungen über Monate leer stehen. Doch beide Konzepte einfach zu addieren, muss im Chaos enden, dem weder die städtische Infrastruktur, noch die Geduld der Bewohner gewachsen ist, vor allem, wenn man ihre Mitsprache nur als formale Last statt als ein Grundrecht ansieht.

Zum Thema: Letzte grüne Meter an Costa Blanca in Gefahr - Gericht weist Küstenschutzplan Pativel ab, Orihuela Costa und Torrevieja planen nicht nur neue Urbanisationen, sondern gleich ganze Stadtviertel.

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