Panorama zwischen den Lagunen von Torrevieja.
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Genießen Sie die Aussicht, so lange es noch geht. Blick auf „La Hoya“, das Gebiet zwischen den Lagunen, das Torrevieja mit über 7.000 Wohnungen zupflastern will.

Bauwahn an Costa Blanca

Torrevieja: Neue Ferienwohnungen für 20.000 Menschen - Albtraum Betonwüste wird Realität

  • Marco Schicker
    VonMarco Schicker
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Das Mega-Projekt „La Hoya“ in Torrevieja wird gebaut. Es umfasst 7.500 neue Wohnungen für 20.000 Einwohner. Wie soll die schon überlastete Stadt das schaffen? Doch es ist nur ein Projekt des wieder erwachten Bauwahns im Süden der Costa Blanca: Ein Dutzend Hochhäuser an Torreviejas Strandlinie und tausende neue Ferienwohnungen am letzten unbebauten Küstenabschnitt in Orihuela Costa werden folgen.

Torrevieja / Orihuela – Die „Stadt in der Stadt“ wird Wirklichkeit, Torrevieja - derzeit 82.000 gemeldete Einwohner - baut einen neuen Bezirk für über 20.000 Einwohner. Vorige Woche stimmten die Stadträte der Volkspartei PP und die Unabhängige Carolina Vigara (früher Vox) bei Enthaltung aller anderen Fraktionen letztgültig für die Errichtung von 7.500 Wohneinheiten im Sektor 20, La Hoya, von Torrevieja. Die 180 Hektar früheres Agrarland zwischen der Urbanisation San Luis-El Chaparral, dem Naturpark der Lagunen, der Variante der N-332, dem Auditorio Nacional und der Urbi Doña Inés, liegen seit zwei Jahrzehnten brach, so lange rangen mehrere Entwickler um die Bebauung.

Mega-Projekt: Torrevieja baut 7.500 neue Wohnungen mitten auf die letzte grüne Wiese - 20.000 neue Einwohner

Es ist die letzte große, geschlossene Fläche in Torrevieja, die laut dem Flächennutzungsplan (PGOU) bebaubar ist. Der stammt von 1986 und gehörte längst erneuert. Die Aktualisierung zu verzögern, war einer der kalkulierten Tricks der Stadtverwaltung um das Mega-Projekt zu ermöglichen. Denn mit einem neuen PGOU wäre eine derart intensive Bebauung aufgrund neuer, aber zahnloser Landesvorgaben für das Bauen an der Costa Blanca unmöglich. Umweltgruppen konnten mit Unterstützung der valencianischen Landesregierung lediglich kleinere kosmetische Anpassungen durchsetzen, so den Schutz katalogisierter Bäume, einen Anteil Radwege am geplanten Straßennetz sowie ein Auffangsystem für Regen.

Albtraum unter Palmen: Vermüllte Grünfläche in Torreta. Das Rathaus Torrevieja sieht sich nicht zuständig, ein Gericht gibt ihm Recht.

Der von Land und Umweltschützern gewünschte „grüne Korridor“ quer durch das Gebiet fällt indes flach, er hätte zu viel kommerzialisierbare Fläche gekostet. Das Erschließungsunternehmen hat hingegen eine „Grünzone“ von 50 Hektar angrenzend an den Naturpark der Lagunen von Torrevieja und La Mata versprochen, die diesen als Puffer schützen soll. Das neue Viertel soll von einem „großen Boulevard“ durchzogen werden, Zufahrten gebe es dann sowohl vom Parkplatz des Auditorio als auch über einen Anschluss vom Shopping Center Habaneras, der bis La Mata durchgehen soll.

Der PP war dieser epochale Beschluss ganz entgegen sonstiger Gewohnheit nicht die kleinste Pressemeldung wert. Auf Nachfrage spricht sie kleinlaut von Entwicklungssprung und Arbeitsplätzen sowie neuen Geschäftsmöglichkeiten für die lokale Wirtschaft. Auch die zusätzlichen Millionen aus den anachronistischen Kopf-Pauschalen durch jährliche Steuerzuwendungen aus Madrid sowie mehr Grundsteuer (IBI), erwähnt die Stadt nicht.

Albtraum für Torrevieja: Stadt für 20.000 neue Bewohner "einfach nicht gemacht" - Nachfrage ist da

Für die Opposition ist das Projekt ein einziger Albtraum. „Die Stadt (von derzeit gemeldeten 82.000 Menschen, Anm.) ist für weitere 20.000 Menschen einfach nicht gemacht“, sagt Pablo Samper von der kleinen Bürgerpartei Sueña Torrevieja. Schon jetzt bekomme sie das Müllproblem nicht in den Griff, Wasser in der Region wird immer knapper, Naturräume immer kleiner, der Verkehrskollaps sei vorprogrammiert – ganzjährig. Etliche Viertel in Torrevieja seien bereits verwahrlost, „hinzu kommt, dass die Stadt für so ein Viertel mehrere Schulen und ein Gesundheitszentrum, aber auch mehr Polizei und sonstige Dienstleister braucht und auch bezahlen muss. Sind Sie darauf vorbereitet?“ fragt Samper.

Und sein Kollege Navarro von der PSOE fürchtet, „dass dieses Viertel, so wie es jetzt projektiert ist, enden wird wie Torreta III“, jener Urbi, die als Symbol für eine „failed city“ gelten kann. Der Urbanisierer, der auf ein positives Umweltgutachten seines Projekts des Landes Valencia (von 2018) verweist, will das erschlossene Grundstück für 64 Millionen an die Bauherren verkaufen, 30 Millionen davon bleiben als Gewinn. Weitere rund 100-200 Millionen Euro Reingewinn sind für die Errichter und Vermarkter der 7.490 Wohneinheiten möglich. Die Nachfrage ist da, aus dem In- wie Ausland. Dass der Leerstand in Torrevieja ausufert, interessiert den Markt nicht. Doch genau hier hätte der potentielle Kunde einen Hebel in der Hand für nachhaltigere Renovierungen zu sorgen und so die letzten freien Flächen der Region zu schonen. Doch Erstbezug wird bevorzugt.

Torrevieja goes Benidorm: Etliche Wolkenkratzer am Strand

Neu-Benidorm? So könnte eines der Höchhäuser in Torrevieja aussehen.

La Hoya – das größte Bauprojekt der gesamten Provinz Alicante – ist nur der wuchtigste Brocken im urbanistischen Albtraum, der sich an der südlichen Costa Blanca im neuen Bauwahn abzeichnet. Neun Hochhäuser zwischen 20 und 30 Stockwerken sollen allein an die Playa Los Náufragos gestellt werden, die Hälfte davon für Hotelbetriebe. Dabei wird ein ganzes Viertel gentrifiziert und ein 100 Jahre alter Park zerstückelt. Weitere sieben „Wolkenkratzer“-Projekte verteilen sich über das Stadtgebiet, alle in Strandnähe. Bürgergruppen und die PSOE laufen dagegen Sturm. Der Bürgermeister hingegen stellte den Planern ein stadteigenes Grundstück im Nirgendwo zur Verfügung, damit der Investor die Auflagen für den Grünflächenanteil erfüllen kann.

Orihuela Costa: Torreviejas Nachbar pflastert letzte grüne Bucht mit 2.470 Wohnungen zu

Neben Projekten in zweiter und dritter Strandlinie, die sich auf rund 700 Wohneinheiten summieren, steht das Großprojekt Cala Mosca in Orihuela Costa vor der endgültigen Genehmigung, offiziell Sektor D-1 „Alameda del Mar“. 2.274 Wohneinheiten für rund 7.000 neue Bewohner würden den letzten unbebauten Küstenabschnitt Orihuelas versiegeln.

So ein Zufall: Am 10. November brennt es in der Cala Mosca in Orihuela Costa. Kurz davor wurde eine Umweltstudie zur Bebauung abgewiesen.

Ein negatives Gutachten des Umweltministeriums und Straßenamtes in Madrid konnte das Projekt in dem ökologischen Mikroreservat nicht aufhalten. Am 2. September wird es im Rathaus zur Abstimmung gebracht. Warum? „Bekannte Familien und Immobilienfirmen fühlen sich bei uns wie Götter und behandeln die öffentlichen Institutionen wie Bedienstete. Leider vertritt unsere Stadtregierung willfährig deren Interessen, anstatt jene der Bürger und das Recht“, fasst der Abgeordnete von Cambiemos Orihuela, Carlos Bernabé, die Lage, aber auch seine Ohnmacht zusammen.

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