Zwei Polizisten der Guardia Civil von Alicante laufen in ein Feld
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Diese Polizisten der Guardia Civil sind nicht auf der Flucht sondern im Einsatz. Im Süden Alicantes allerdings ist der vielen zu gefährlich und anstrengend geworden.

Guardia Civil Alicante

Torrevieja und Vega Baja: Polizisten auf der Flucht - „Wer kann, der geht“

  • vonMarco Schicker
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Überarbeitung, Unterbesetzung, immer mehr Gewaltdelikte: Exodus bei der Guardia Civil im Süden der Provinz Alicante. Torrevieja und Callosa de Segura als Hot-Spots.

  • Rund 200 Polizisten fehlen der Guardia Civil in der Vega Baja. Dutzende Versetzungsanträge in Torrevieja und Callosa verschärfen die Lage.
  • Spaniens Innenministerium hat Mannstärke jahrzehntelang nicht an den Bedarf angepasst. Delikte in Torrevieja und Umgebung werden mehr verwaltet als aufgeklärt.
  • Torrevieja hätte laut Gesetz Recht auf einen Stützpunkt der Nationalpolizei. Kurzfristige Lösungen für Personalmangel in Vega Baja nicht in Sicht.

Torrevieja/Orihuela - „Der Kreis Vega Baja ist zusammengebrochen“, „die Kollegen wollen nur noch weg“. Diese desaströse und für die Bürger nicht sehr beruhigende Einschätzung stammt von Cristian Martínez, dem Provinzsekretär von Jucil, dem Betriebsrat der Guardia Civil. Allein in der Vega Baja mit den Hauptstützpunkten in Torrevieja und Callosa de Segura würden der Guardia Civil rund 200 Einsatzkräfte fehlen. „Die Kriminalität, vor allem auch die Gewaltdelikte nehmen jedes Jahr zu, aber wir arbeiten seit Jahrzehnten mit dem gleichen Personalstand“, kritisiert Martínez.

Zu wenig Polizisten für zu viel Kriminalität: Guardia Civil im Süden von Alicante ist völlig überlastet

Die Arbeitslast bei der Guardia Civil sei so hoch, dass „immer mehr Kollegen die Versetzung aus der Vega Baja beantragen.“ Er selbst wolle nach Murcia zurück, rund 60 Versetzungsanträge sollen zur Zeit beim Regierungsbüro der Provinz Alicante liegen. Über diese Außenstelle der Madrider Zentralregierung entscheidet das spanische Innenministerium über die Versetzungen.

Zwar wurden auch 90 Nachrücker angekündigt, um die Abgänge aufzufangen, aber „nicht mal die, die hier wohnen“, wollten noch hier arbeiten, so Martínez. Allein aus dem Stützpunkt in Callosa de Segura gehen im September sieben Kollegen weg, 14 neue sollten kommen, nun werden noch sieben angekündigt. Wie viele dann wirklich kommen, erfahren die Kollegen erst am Tage des Dienstbeginns.

Römische Amphoren aus dem 1. Jahrhundert dienten in Santa Pola (Alicante) in Spanien als Deko in einem Fischgeschäft. Die Polizei hat damit andere Pläne.

Torrevieja hat ebenfalls mit vielen Ausfällen zu tun, krankheits- oder altersbedingt oder weil die Gardisten weg wollen. Selbst der Kommandant von Torrevieja zog einen Bürojob in der Personalstelle in Madrid seinem Kommandoposten vor und verabschiedete sich kürzlich. In Torrevieja wurde der Personalstand aber auch durch Selbstverschulden der Guardia Civil reduziert: Über die Jahre mussten immer wieder Polizisten aus Torrevieja, manchmal in Gruppenstärke, wegen Involvierung in kriminelle Machenschaften abgezogen werden.

„Oft ruft man uns während des Einsatzes schon zum nächsten“

Cristian Martínez, Betriebsrat der Guardia Civil Vega Baja

Der Personalmangel bei gleichzeitig gestiegenem Arbeitsaufwand bedeutet indes, „dass wir manche Fälle gar nicht richtig bearbeiten können, weil wir oft schon während eines Einsatzes zum nächsten gerufen werden“, erklärt der Betriebsrat der Guardia Civil. Von Prävention oder Bürgerservice brauche man gar nicht erst sprechen. Im Inneren der Vega Baja, also Callosa, Almoradí, Cox oder Bigastro seien gewaltbereite Jugendliche und aggressiver Drogenhandel ein zunehmendes Problem.

Polizei in Torrevieja und Vega Baja: Fälle kommen zu Protokoll - und dann oft in die Ablage

In den Küstenregionen wie Guardamar, Torrevieja oder Orihuela Costa seien auch der Drogenumschlag, aber sonst eher Betügereien, Einbrüche und Besetzungen von Ferienhäusern in den zahlreichen Urbanisationen die typischen Delikte. Wie kürzlich bei einer Hausbesetzung mit Diebstahl und Vandalismus in der Urbanisation Blue Lagoon geschehen, bleibt der Guardia Civil oft nicht viel mehr als die Fälle zu protokollieren - und abzulegen. Denn auch die Policia Judicial, die Kriminalabteilung der Guardia Civil, "hat genauso viele Mitarbeiter wie vor 20 Jahren, genau 20" für einen Landkreis mit 350.000 Einwohnern.

Das Problem: Die Guardia Civil von Torrevieja, rund 70 Mann, sei nicht nur für die 84.000-Einwohner-Stadt Torrevieja, sondern auch für 40.000 Bürger entlang von Orihuela Costa, San Miguel de Salinas und andere kleine Orte zuständig, die teilweise nachts nicht einmal eine Ortspolizei betreiben können.

Dabei muss die Guardia Civil neben der „gewöhnlichen Kriminalität" eine Vielzahl von Feldern beackern, die teils absurde Einsätze hervorbringen, die aber alle Zeit und Personal in Anspruch nehmen, von illegalem Fischfang, über römische Amphoren in einem Fischgeschäft in Santa Pola bis hin zu dem Autor eines skurrilen Videos in Torrevieja zum Thema Coronavirus. Doch dann können die Polizisten es schlagartig wieder mit einer gut ausgerüsteten Armee von Drogenhändlern mit eigener Bootswerft zu tun bekommen, Torrevieja ist einer der wesentlichen Drogenumschlagplätze Spaniens. Für Einbrüche und anderen "Kleinkram" bleiben dann keine Kräfte mehr.

Von Torrevieja bis Orihuela Costa: Guardia Civil muss auch noch National- und Ortspolizei aushelfen

Mit über 80.000 Einwohnern hätte Torrevieja laut Gesetz Anspruch auf einen Stützpunkt der Nationalpolizei, eigentlich war die Guardia Civil ja für den ländlichen Bereich vorgesehen (Hier alles zur Geschichte und den Aufgabengebieten der Guardia Civil). Doch dafür hat das Innenministerium derzeit schon gar keine Kapazitäten. In Orihuela Stadt gibt es die Policía Nacional zwar, aber die ist ebenfalls so unterbesetzt, dass sie die Guardia Civil von Torrevieja um Hilfe bitten muss, um den riesigen Küstenbezirk Orihuela Costa irgendwie mitzubetreuen. Wenn die Guardia Civil aus San Miguel oder Jacarilla ausrückt, muss sie ihre Posten schließen, weil dann niemand mehr da ist.

Im April führte die Guardia Civil von Torrevieja den 62-jährigen Mann ab, der in einem Video drohte, die ganze Stadt mit dem Coronavirus anstecken zu wollen.

Immer mehr der Uniformierten der drei Polizeieinheiten in der Vega Baja sind zudem Praktikanten, Polizeischüler und Anfänger oder aufgrund von Gesundheitszustand oder Alter nur innendiensttauglich. „Das ist ein surrealer Zustand, hinzu kommt, dass wir Wenigen dann die neuen Kollegen auch noch selbst einarbeiten sollen“, beklagt sich Cristian Martínez, der frustriert resümiert, dass es verständlich sei, dass Polizisten, die ihrer Aufgabe nicht mehr nachkommen können, lieber nach einem anderen, geordneteren Standort Ausschau halten. „Wer kann geht weg.“

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