Plastik-Flamingos in Torrevieja.
+
Torreviejas letzter Schrei - oder ein Schrei nach Hilfe? Plastik-Flamingos am Kreisverkehr, „Gartenzwerge mit Flügeln“ als Stadtverschönerung verkauft.

Sommer 2021

Torrevieja goes Las Vegas: Laute, leise, grelle Töne einer Touristen-Stadt

  • Marco Schicker
    VonMarco Schicker
    schließen

Während Spanien über die Frühaufsteher von Torrevieja lacht, die vor Sonnenaufgang die Strände stürmen, erinnert die Stadt an echte Opfer, die Corona-Opfer nämlich. Mit der Nächstenliebe nehmen es aber manche Zeitgenossen bis heute nicht so genau. Und: Was sollen die Hello-Kitty-farbenen Flamingos am Kreisverkehr eigentlich?

Torrevieja - "Ihr seid in Einsamkeit gegangen, doch ihr bleibt für immer in unserer Erinnerung.“ So lautet die Inschrift an einer von weitem fast unscheinbaren Plastik, die dieser Tage an der Strandpromenade Torreviejas eingeweiht wurde. „Gewidmet den Opfern von Covid-19, Torrevieja“, heißt es dort weiter. Zu sehen sind die stilisierten Umrisse zweier Menschen, die sich umarmen, just also jenen Gestus menschlicher Nähe ausüben, der uns allen in der Hochzeit der Pandemie verwehrt war, dessen Abwesenheit aber wohl niemanden so schmerzte wie die unmittelbar Betroffenen und ihre Angehörigen. Ohne eine letzte Umarmung aus dem Leben gerissen zu werden, in vielen Fällen sogar ohne ein Streicheln der Hand, ja ohne einen letzten Besuch, Blick und Gruß.

Statue für Coronavirus-Opfer von Torrevieja: Umarmung muss nicht physisch sein

„Seelenumarmung“ heißt die Statue zum Gedenken an die Covid-19-Opfer an der Strandpromenade von Torrevieja.

Diese Brutalität der Pandemie, die allein in der Stadt Torrevieja bisher rund 120, landesweit über 90.000 Todesopfer forderte, wird in der kleinen Statue am Strand zu mehr als einer Erinnerung an die Opfer. Die „Seelenumarmung“ wie der Künstler Pepe Miralles aus Crevillente sein Werk nennt, ist auch ein Mahnmal an die noch gebotene Vorsicht gegenüber dem Virus und möglicherweise auch ein Denk-mal darüber, wie wir als Menschen miteinander generell umgehen, ob krank oder nicht. Wie wichtig kann eine Umarmung sein und sei diese auch nicht physisch, sondern manifestiert sich vielleicht nur in einem behutsamen, solidarischen Umgang miteinander.

Zugegeben, diese weiterführende Interpretation entstammt den Gedanken des Autors, nicht des Auftraggebers. Die Stadt ließ mitteilen, dass später, „sobald die Umstände es zulassen“, ein „großer Würdigungsakt“ an dieser Stelle abgehalten würde. Für die Opfer, ihre mitleidenden Angehörigen, aber vor allem auch an die vielen Helfer, die unter eigenem Risiko die anderen Menschen durch diese Zeit brachten. Teil des Gedenkens in Torrevieja wird auch das Pflanzen eines Olivenbaums in jedem Schulzentrum sein, erklärt die Stadt, zusammen mit Aktivitäten, die das Geschehene und die Lehren aus der Pandemie der jungen Generation vermitteln sollen.

Inzidenz über 400: Strandparties in Torrevieja verfehlen Wirkung nicht

Doch vor dem Gedenken an Vergangenes tut auch Torrevieja, wie der gesamte Kreis Vega Baja, gut daran, die Gegenwart zu meistern. Denn die Covid-Infektionszahlen steigen in den beiden Gesundheitsbezirken Orihuela und Torrevieja stark, wenn auch – wegen der gut voranschreitenden und nachweislich sehr wirksamen Impfung – mit kaum noch tödlichen und sehr wenigen schweren Verläufen. Allerdings habe sich die Zahl der Covid-Patienten in den drei Krankenhäusern der Vega Baja und Elche von Juli auf August nahezu verdreifacht, wenn auch auf niedrigem Niveau. 90% der Eingelieferten sind Ungeimpfte. Zudem wird unter den Massen an Touristen kaum getestet, weshalb nicht die absoluten Zahlen, wohl aber die Tendenz eine Aussagekraft entwickelt.

Torrevieja, die Playa de Los Locos. „Immerhin gibt es Parzellen“.

Der Gesundheitszbezirk Orihuela meldete am 1. August eine Inzidenz von 438 Fällen auf 100.000 Einwohner binnen 14 Tagen, der Gesundheitsbezirk Torrevieja 445, allein hier wurden binnen einer Woche 388 Neuinfektionen nachgewiesen. Angesichts der Bilder von Stränden, Vergnügungseinrichtungen und Bars kein Wunder. Die Inzidienz in der Stadt Torrevieja stieg vom 25. Juli zum 1. August von 312 auf 371, in Guardamar von 351 auf 453, in Orihuela von 261 und in Elche von 351 auf 453.

Tapas vor Leben: Lokale und Gäste in Torrevieja blockieren Rettung und Feuerwehr

Die feinsten Tapas und doch völlig geschmacklos: Während Spanien sich noch immer über Videos aus Torrevieja amüsiert, die Touristen beim Sturm auf die Strände noch vor Sonnenaufgang zeigen, hat die Überfüllung der Stadt mitunter ernste Konsequenzen: Am vorigen Donnerstagabend hat eine Frau in ihrer Wohnung in Torrevieja das Bewusstsein verloren. Doch der angeforderte Rettungswagen blieb an der Plaza de Oriente im Herzen Torreviejas stecken. Nicht im Stau, sondern in Tischen, Stühlen und Gästen von Lokalen. Nach Angaben von Augenzeugen brauchte es mehrere Minuten, bis Personal und Gäste auf das Blaulicht so reagierten, dass der Krankenwagen passieren konnte. „Niemand ließ sich beim Essen stören“, schildert eine Anwohnerin auf Facebook die Szene.

Über 50 Tische stehen weit gestreut auf dem Platz vor der modernistischen Kirche, die Straße drumherum wurde für den Sommer extra für den Verkehr gesperrt, damit die Gastronomen mehr Platz erhalten, um ihre Verluste auszugleichen. Auch die alten Stellbegrenzungen für Tische wurden aufgehoben, um Sicherheitsabstände zu gewähren. Allerdings: Der Weg für Notfallfahrzeuge ist freizuhalten, wies die Stadt an.

Schon vor einigen Tagen musste die Feuerwehr ebenfalls feststellen, dass die Lokalbesucher offenbar wenig Mitgefühl für Notlagen von Mitbürgern entwickeln und wurde Minuten aufgehalten, um einen Elektrobrand in einer Wohnung löschen zu können. In dem Fall musste erst die Ortspolizei den Weg freimachen und holte sich dafür teilweise Beleidigungen der Gäste ab, die ein paar Minuten auf ihre Tapas und das Bier warten sollten. Die Polizei hat die städtische Raumordnung außer Kraft gesetzt und die Lokale nun angewiesen, permanent eine Rettungsgasse freizuhalten.

Essensauslieferer in Torrevieja von Auto überrollt

Am Montagabend wurde an der Avenida Desiderio Rodríguez ein Essensauslieferer auf seinem Moped umgefahren und teilweise überrollt. Der Autofahrer beging Unfallflucht. Der Motorradfahrer blieb bewusstlos auf der Straße zurück, Augenzeugen holten Hilfe und konnten der Polizei das Kennzeichen des Fluchtfahrzeugs geben.

Flamingos im Kreisverkehr: Stadtverschönerung oder Disneysierung?

Mit stylischen Neonlichtern leuchtet die Pergola den Paseo Vista Alegre in Torrevieja aus.

Wer kauft eigentlich diese neonfarbenen 2-Euro-Shirts und Badeanzüge beim Kik und ähnlichen Krämern? Und wer trägt sie? Die Antworten darauf finden Sie in Torrevieja. Die Stadt hat sich dieser Leitkultur angepasst: Die stilisierten Salzblöcke am Kreisverkehr der CV-905 und N-332 an der Einfahrt zu Torrevieja sind seit kurzem von einer Flamingokolonie besiedelt. 18.500 Euro ließ sich die Stadt diese „Verschönerung des Stadtbildes“ mit 28 Flamingos aus Polystyrol und Fieberglas in Hello-Kitty-Anstrich (siehe unser Titelfoto) von je über zwei Meter Höhe kosten. „Gartenzwerge mit Flügeln“ nennt sie ein wütender CBN-Leser, „die perfekt das intellektuelle Niveau dieser Stadtregierung spiegeln“. Nicht nur, dass die Vögel einfach „kitschig und geschmacklos“ seien, wäre das Geld für „bessere Straßen“ viel nützlicher angelegt, beklagt sich der Leser, der „aus nachvollziehbaren Gründen“ anonym bleiben will. Vielleicht hat die Stadt ja die Flamingos aus Plastik ja aufgestellt, weil die echten Flamingos in der Lagune von Torrevieja La Mata wohl bald endgültig das Weite suchen werden. Unumstritten schöner und irgendwie auch sinnvoller ist indes die neue Neon-Beleuchtung am Paseo Vista Alegre, die 22.500 Euro kostete.

Hafen als Vergnügungspark: Millioneninvestition soll Torrevieja zu Las Vegas machen

Disney genügt nicht, es soll wohl Las Vegas werden: Valencias Landesregierung liegt ein konkreter Projektvorschlag für den Bau der „Unterhaltungszone“ im Hafen von Torrevieja vor. Wie berichtet, stehen dem Hafenareal zwei große Investitionsprojekte bevor: Für rund fünf Millionen Euro öffentlicher Gelder wird derzeit der alte Salzhafen zum Dreh- und Angelpunkt einer Art maritimen Stadtzentrums mit Museum, Promenaden, Kulturzentrum, während das Gebiet zwischen Fischereihafen und Hippiemarkt – im Moment ein gigantischer Parkplatz – auch durch private Investoren zum Unterhaltungspark ausgebaut werden soll.

Dem Hafenamt und der Landesregierung liegt nun erstmals ein konkreter Plan des Investors Inmuebles y Negocios del Sol vor. Hinter dem steht der 32-jährige Unternehmer aus Cox, Enrique Riquelme, der mit Cox Energy und seinen nachhaltigen Energieprojekten als Durchstarter der Szene gilt. Riquelme geht über die Gedankengänge von Hafenamt und Stadt noch weit hinaus und will 30 Millionen Euro in das Areal stecken und es offensichtlich komplett in einen Vergnügungspark verwandeln, in denen Torreviejas Fischer und Schiffe nur mehr ambientale Dekoration darstellen. Im Projektantrag, dem Stadt, Land und Küstenamt Madrid zustimmen müssten, ist unter anderem die Rede von: Hotels, Rummel, Bowlingbahnen, Kinos, Gastrozone, Geschäften. Der Parkplatz soll unter die Erde verlegt werden, dort wo derzeit der Rummelplatz steht – unterirdische Parkplätze sind eine Spezialität des Unternehmers. Außerdem sollen die drei alten Verwaltungsgebäude des Hafens – in einem sitzt die Guardia Civil – verschwinden, wünscht sich der Investor. Laut Riquelme solle „der Charakter des Ortes respektiert“ werden, der von den Fischern geprägt ist. Die alte Lonja würde aber verschwinden.

Das Valencia unterstehende Hafenamt will es ohnehin eine Nummer traditioneller und kleiner. Kommerzielles Entertainment dürfe nur ergänzend zur eigentlichen Funktion eines Hafens installiert werden, nicht aber das Image des Bereiches völlig auf den Kopf stellen. Torrevieja versuche indes wieder, „sein Stadtzentrum in den Hafen zu verlängern“. Solche Versuche gab es schon früher. Anfang der 2000er versenkte der später in anderer Sache zu drei Jahren Haft wegen Amtsmissbrauch verurteilte Bürgermeister Pedro Hernández Mateo, PP, 600.000 Euro Steuergeld, als er den Stararchitekten Santiago Calatrava mit einer Studie beauftragte, die nie Aussicht auf Umsetzung hatte.

Geplant waren eine riesige Shopping- und Entertainment-Mall. Mit dem Machtwechsel in Valencia nach links, bekam die Pflege des traditionellen Antlitzes und der Schutz der alten Gewerke zwar wieder mehr Priorität, Zählbares entstand dafür – außer einer neuen Eisfabrik für die Fischer – in Torrevieja nicht.

Genug des Torrevieja-Bashings - für heute - Hier folgt nun der ultimative Beweis, dass Torrevieja doch eine Kulturstadt, auh was: -metropole ist. Unsere Veranstaltungstipps für Torrevieja im August.

Das könnte Sie auch interessieren

Mehr zum Thema

Kommentare