blick über felsen zu palmen der cala lo ferris in torrevieja
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Die Cala Lo Ferrís ganz im Süden von Torrevieja ist das letzte Stück vom Paradies, das der zugebauten Gemeinde geblieben ist.

Strände an der Costa Blanca

Strandgeschichte(n): Woher die Strände in Torrevieja ihre „verrückten" Namen haben

  • vonMarco Schicker
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Schiffbrüchige, Irre, eine Füchsin und ein Pfaffe. Die Namen der Strände Torreviejas locken weniger mit mediterraner Verheißung als mit skurrilen Anekdoten aus der Stadtgeschichte. 

  • Los Locos, Cura, Náufragos: Torreviejas Strandnamen nehmen Bezug auf die Stadtgeschichte.
  • Viele kleine, felsige Buchten verbinden die Sandstrände Torreviejas. Im Süden wartet ein kleines Paradies
  • Torreviejas Strandpromenade ist nach einem hohen Funktionär der Franco-Diktatur benannt.

Torrevieja - Geben uns die Strandnamen entlang der Küste Spaniens und der Costa Blanca oft Versprechungen vom Paradies, geht es in Torrevieja meist prosaischer zu. Die Namen der Strände, Buchten, Promenaden erzählen von Härten des Lebens und viel Geschichte(n). Denn vor allem die Stadtstrände entstanden als Badestrände erst mit Beginn der Touristenwelle ab den 60er Jahren. Davor waren sie wilde Häfen, Fischerbuchten, Angel- und Waschplätze und Umschlagplätze für Schmuggler. In Torrevieja kommen noch die Salzverladestation und ein bedeutender Standort des Schiffsbaus vor allem von Lastenseglern hinzu. Die maritime Geschichte Torreviejas hat sie lange geprägt, bevor die Urlauber strömten.

Jetzt, wo die Strände Torreviejas am 17. Juni wieder öffnen, wollen wir Ihnen einen Überblick über ihre Entstehung und Namensgebung geben.

Die Bucht Cabo Cervera zwischen Torrevieja Zentrum und La Mata. So sah die Küste fast in ganz Torrevieja aus, bevor der Tourismus sie eroberte.

Von Schiffbruch und Psychatrie mit Meerblick

Die Playa de Los Náufragos, also der Schiffbrüchigen, geht auf die Zeit zurück, als die Gegend von Torrevieja von ein paar Fischerhütten, Salzmachern und Bauern besiedelt war und weder Strand noch einen regulären Hafen hatte. Die Levante-Unwetter und tückische Strömungen brachten Schiffe zu Bruch und ihre Insassen ums Leben. Die Reste ihres Wütens spülten sie just in diese Bucht.

Aber woher kommt der Strand Playa de Los Locos, also der Verrückten? Im Jahre 1908 gründete der Murcianer Arzt Mariano Ruiz Cánovas dort, wo heute der Palmeral liegt, eine psychiatrische Klinik, das Sanatorio Virgen del Carmen. Er machte sich einen Namen durch die Anwendung neuer therapeutischer Ansätze auf methodisch-wissenschaftlicher Basis. Das Sanatorium wurde zum Ende des Bürgerkriegs geschlossen, der despektierliche Name des „Strandes der Irren“ blieb.

Die „Verrückten" kommen bald. So leer sieht man die Playa de Los Locos in Torrevieja nur im Winter oder während einer Pandemie.

Mysteriös ist die Playa del Cura, die nicht mit Strand der Heilung, sondern mit Strand des Pfarrers zu übersetzen ist. Auf Seekarten taucht der Begriff erstmals 1870 auf. Angeblich, so lautet die mündliche Überlieferung, wurde eines Tages an diesem Ufer ein Geistlicher angeschwemmt. Der Volksmund hat mehrere Varianten für dessen Tod: Unfall, Suff, Selbstmord aus verbotenem Liebesschmerz.

Kommen wir nach La Mata: Hier ist nichts mit „Töten“ im Spiele, wie man vermuten könnte. Der Biologie Juan Antonio Pujol fand heraus, dass die Bewohner der ersten Fischerhütten ein riesiges Exemplar eines lentisco, eines Mastixstrauches, der sogenannten Falschen Pistazie, als Sehenswürdigkeit priesen, im felsig, salzigen Umland eine Seltenheit von mehreren Metern Höhe. Diese Pflanze nannte man und nennt man auf Ibiza heute noch „Mata“.

An der Playa de Acequión in Torrevieja: Benannt nach dem Verbindungskanal zur Salz-Lagune.

Dann wären da die vielen kleinen Buchten, Calas, hier nur eine Auswahl:

  • Die Cala del Palangre, zwischen Cura und Los Locos, deren Sandstrand bei Unwetter im Meer verschwindet, ist eine Referenz an die Langleinenfischer.
  • Die Playa del Acequión, ein Fleck neben dem Hafen, offiziell gar kein richtiger Strand, bei den Städtern aber beliebt, ist nach der acequia, also dem 500 Jahre alten Kanal benannt, mit dem Meer und Lagune verbunden sind, wo seit Jahrhunderten und noch heute Salz abgebaut wird.
  • Weitere Buchten sind die Cala de la Higuera (Feigenbaum), La Redonda (runde Form), La Zorra (man hat hier einen Fuchs gefunden), Cala de Los Trabajos (Arbeiten, hier wurden Felsen als Baumaterial abgetragen).
  • Zwischen Cabo Cervera und La Torre del Moro befindet sich die Cala del Lobo, die ihren Namen von der Mähnenrobbe (lobo marino, Seewolf) bekommen hat, eine jener Tierarten, die der Mensch in den letzten 60 Jahren von den Küsten des Mittelmeers verdrängt hat.

Strandpromenade an den Stadtbuchten: Falangisten-Funktionär als Ehrenbürger

Ebenfalls eine Geschichtslektion erteilt uns die Strandpromenade mit ihren Badebuchten, den piscinas naturales, die von den Einheimischen einfach Paseo de las Rocas, also Felsenpromenade genannt wird. Offiziell heißt sie Paseo Juan Aparicio. Auf Nachfrage im Rathaus erklärt man uns etwas verschämt, dass es sich um einen Ehrenbürger der Stadt handelt, 1906 geboren, 1987 gestorben. Er habe mit seiner Frau 1956 die Stadtbibliothek gestiftet und 1955 den bis heute stattfindenden Habaneras-Wettbewerb ins Leben gerufen, den Torrevieja über die Stadtgrenzen hinaus bekannt machte.

Die Salzverladestation aus dem 18. Jahrhundert im heutigen Sporthafen von Torrevieja. Salz und Torrevieja sind fast ein Synonym geworden.

Juan Aparicio López war aber noch viel mehr: Mitgründer der faschistischen Gewerkschaft Jons, hoher Funktionär der Falangisten, denen er sogar das Wappen designte und Chef des Presseamtes im Bildungsministerium. In diesem franquistischen Pendant zur Reichspressekammer war er für Publikations- und Berufsverbote zuständig, für die Verfolgung und Verurteilung unliebsamer Journalisten. Als Gründer etlicher Zeitschriften und Präsident der Journalistenschule in Madrid verantwortete er Zensur und die systematische Verbreitung der Franco-Ideologie. Die staatlich mitfinanzierte Nationalstiftung Francisco Franco verehrt ihn bis heute auf ihrer Webseite als einen „führenden Intellektuellen des Befreiungskrieges“ wie man dort das putschende Morden des Spanischen Bürgerkrieges von 1936 bis 1939 und danach huldigend nennt.

Selbst der grüne Bürgermeister José Manuel Dolón 2015-2019 wagte es nicht, die Ehrung dieses Mannes in Frage zu stellen. Für den jetzigen PP-Bürgermeister Eduardo Dolón hat das Thema ohnehin keine Priorität, der weigerte sich sogar die Ehrenplakette für einen seiner wegen Amtsmissbrauch ins Gefängnis gewanderten Vorgänger zu entfernen, obwohl das Transparenz.-Gesetz des Landes Valencia das vorschreibt. Und im Hauptsaal des Club Náutico von Torrevieja prangt bis heute eine große Tafel zu Ehren des Besuchers und Ehrenpräsidenten Francisco Franco in güldenen Lettern und ohne jede Einordnung.

Lo Ferrís - Kleines Paradies mit Palmen

Dass der Paseo Juan Aparicio im Paseo de la Libertad, also dem Freiheitsweg mit seinem Hippie-Markt aufgeht, gibt dieser Geschichte dann doch etwas Versöhnliches. Torreviejas mit Abstand schönster Strand, ist eigentlich gar kein Strand. Die Cala Lo Ferrís besteht aus felsigem Grund an den ein Palmeral, ein malerischer Palmenhain angrenzt, durchzogen von einer Cañada real, einem Viehtriebweg mit könglichem Privileg.

Es gab bis in die jüngste Zeit Versuche, auch dieses letzte kleine Paradies zuzubauen, die Zäune zum wilden Nachbargrundstück, auf dem hunderte Wohnungen errichtet werden sollten, stehen noch. Momentan haben Anwohner und Naturschützer die Oberhand. Eine Garantie für die Zukunft ist das noch lange nicht, selbst der Naturpark der Lagunen von La Mata fürchtet um die Zukunft.

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