Palme mit Verkehrsschild und Müll auf Grünanlage in Torrevieja.
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Albtraum unter Palmen: Vermüllte Grünfläche in Torreta. Das Rathaus Torrevieja sieht sich nicht zuständig, ein Gericht gibt ihm Recht.

Torreviejas Residenten

Torreviejas Wohnsiedlung Torreta: Eins, zwei, drei – der Traum ist vorbei

  • vonMarco Schicker
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Eine Ferienwohnung in den Urbanisationen Torreta von Torrevieja war einst das große Glück für Fernseh-Spanien und das kleine Paradies für viele Ausländer. Dann kam der Verfall und Torreta wurde zum Themenpark der Krise Spaniens. Ein Ortstermin, 40 Jahre und neun Millionen Euro später.

  • Torrevieja und die Urbanisationen in Torreta wurden einst durch eine spanische TV-Show berühmt.
  • Verfall und Finanzkrise setzten Torrevieja besonders zu: Torreta verfiel, auch wegen der Untätigkeit des Rathauses von Torrevieja.
  • Torrevieja schaut nur zu: Seit Jahrzehnten kämpfen die Einwohner Torretas um Gleichbehandlung - und neun Millionen Euro, auf denen sie sitzenblieben.

Torrevieja – „Eins, zwei, drei... ein Apartment in Torrevieja!“ Wenn Freitagnacht der Hauptpreis der spanischen TV-Show „Un, dos, tres, responda otra vez“ aufgedeckt wurde, jubilierte das Publikum, und das Gewinnerpaar fiel sich in die Arme, weinend vor Glück. Der Spruch wurde zum geflügelten Wort für den Traum des kleinen Mannes vom Platz an der Sonne Spaniens. Die Show im spanischen Fernsehen lief von 1972 bis in die 90er. Der Erfinder, Narciso „Chicho“ Ibáñez, erlangte große Berühmtheit. Er verstarb 2019 84-jährig.

Torreta in Torrevieja: Verfallen, leer oder besetzt

Der Weg führt in die Urbanisationen Torreta I+II zwischen rosafarbener Lagune und Freizeitbezirk mit Carrefour und Habaneras-Center. Vor 40 Jahren begann hier der Unternehmer Julio Quesada mit seiner spanienweit bekannten Manoli S.A. Siedlungen aus dem Boden zu stampfen. Billige, fix hochgezogene Bungalows in einer Gegend, die nicht einmal richtig erschlossen war, ringsum Melonenfelder und Brachen, die rosafarbene Lagune in Sichtweite sumpfte mitunter in den Fundamenten durch. Später kam noch Torreta III hinzu, das bis heute mit der Stadt darum kämpfen muss, überhaupt als Stadtviertel anerkannt zu werden. Doch dazu später mehr.

Der große Moment: In der TV-Show „Un, dos, tres, pregunta otra vez“ wird ein Bungalow in Torrevieja / Torreta verlost.

Der clevere Quesada stellte der TV-Show je eine Wohnung zur Verfügung und bekam dafür satte Werbung: Jede Woche hörten Millionen von seinen Apartments und träumten noch nachts davon. Nicht in jeder Sendung wurde indes der Hauptpreis gezogen. Torrevieja, so erzählen Alteingesessene, hatte da noch einen anderen Ruf.

Nationale Prominenz urlaubte hier, selbst die Moderatorin der Show, Mayra Gómez-Kemp. Die Sendung lockte ganz Spanien an. Die Bungalows waren bescheiden, 50 Quadratmeter mit zwei kleinen Zimmern, Balkon zum Sonnen, manchmal ein kleiner Garten. Der Bau-Boom richtete städteplanerisch und ökologisch Spanien viel Schaden an, ja definierte sein Schicksal als Billigziel. Aber er demokratisierte die Urlaubsfreuden im Land, das unter Francos Planwirtschaft zu den Schlusslichtern Europas zählte. Familienväter, die einst kaum genug zu essen auf den Tisch bekamen, leisteten sich nun eine Zweitwohnung am Meer. Jedenfalls redeten die Banken ihnen das ein.

Ungepflegte Grünanlagen gehören in Torrevieja nicht nur in Torreta zum Stadtbild. Oft sind Kompetenzstreits zwischen Urbanisationen und Stadt dafür verantwortlich.

Heute sind viele der Häuser verfallen, leer, besetzt, oder warten auf einen „Investor“. Vor der Finanzkrise 2008 verkauften sie sich für um die 120.000 Euro, sogar aus zweiter Hand und 30 Jahre alt, heute hängen sie als „Renovierungsschnäppchen“ für 30- bis 40.000 Euro in Schaufenstern der Immobilienmakler.

Torreta: Themenpark des Niedergangs von Torrevieja

Was die Journalisten von „El Mundo“, „El Español“ und anderen in Torreta als pittoreskes Szenarium des Verfalls illustrieren, ist indes in großen Teilen von Torreviejas Zentrum und den älteren Urbanisationen Alltag.

Mit der Finanzkrise schnellte in Spanien die Arbeitslosigkeit nach oben, Alteingesessene und Ausländer der ersten Stunde gingen, genauso Jugendliche. Neue Nachbarn kamen, auch zwielichtige Gestalten. Drogendelikte gehören zum Stadtbild wie Armut. Brüchiger Asphalt, Dreck, wilde Mülldeponien am Straßenrand, Flutschäden, Risse in Mauern fallen den Kollegen aus Madrid auf. Der Container des Sex-Shops Blue Pacific ersetzt sozusagen das Kulturzentrum. Es fehle nur ein Dornbusch wie im Western, um das Bild abzurunden.

„Verwahrlosung, Kakerlaken, Besetzer“ - Der TV-Kanal La Sexta über den Niedergang Torretas (spanisch)

Torreta ist der Themenpark der Krise in Spanien. Einen Gewinner der Show fand die Presse nicht. „Dafür gibt es Ratten, groß wie Ihr Kopf“, ruft eine Nachbarin einem Reporter zu. Drogenverkauf auf offener Straße hätten sie heute, „sowas gab es einst gar nicht“, sagt sie und erzählt nostalgisch von der „kleinen, lustigen, eingeschworenen Gemeinschaft“, die Torreta gewesen sei. Philosophie aus dem Straßenverkehrsamt: „Torreta/Cementerio“ (Friedhof) steht auf einem Schild. Als ob das noch einen Unterschied macht. Ein Revival der TV-Schau 2004 scheiterte kläglich. Ein, zwei, drei – der Traum war vorbei.

Neun Millionen Euro: Torrevieja kommt billig davon

Die jetzigen Bewohner empfinden ihr Torreta dennoch als ihre Heimat, sogar als schön und das hat man zu akzeptieren, denn letztlich ist Heimat dort, wo man gerne ist, wo die Seinen leben. Und so reklamieren Bewohner von Torreta III, die Urbi, die seit Anfang der 80er Jahre unmittelbar an der rosafarbenen Lagune von Torrevieja errichtet wurde, städtebauliche Nacharbeiten der Stadt. Dabei ging es um „Basisdienstleistungen“ wie die Asphaltierung der Straßen, Straßenlaternen, die Schaffung und Pflege von Grün- und Gemeinschaftsflächen, aber auch um die Instandhaltung der Drainage- und Abwassersysteme, die hier besonders wichtig ist.

„Nicht Teil von Torrevieja“: Gericht erteilt Bewohnern von Torreta III endgültige Abfuhr

Denn Torreta III wurde auf einem Feuchtgebiet, einem Saladar errichtet. Zunächst 700 Wohneinheiten zog der Promoter Masa schnell und billig hoch, wie es in Torreta Tradition war, heute stehen rund 200 Immobilien davon zum Verkauf. Damit die Urbi überhaupt bewohnbar blieb, übertrugen die Finca-Verwalter einen Großteil der unvermeidlichen Erhaltungskosten, auch jene, die eigentlich der Stadt zufallen, auf die Schultern der Eigentümergemeinschaften, also der Bewohner. Auf neun Millionen Euro summierte sich das über die Jahre, und die Nachbarschaftsvereinigungen klagen seit über einem Jahrzehnt diese Summe vom Rathaus ein, nebst der Forderung, sich endlich um die sogenannte Reurbanisation Torretas zu kümmern.

Straßenzüge in Torreta in Torrevieja wurden teilweise nicht einmal asphaltiert, weil die Stadt sich dafür nicht zuständig sieht.

In erster Instanz gewannen sie vor einem Gericht in Elche, doch das Oberlandesgericht Valencia gab wiederum der Stadt Recht. Die Urbanisation sei verwaltungstechnisch nie als solche in die Stadt eingegliedert worden, mithin könne sie auch kein Geld für städtische Aufgaben einklagen. Sogar Spaniens Oberster Gerichtshof musste eingeschaltet werden, der Anfang Oktober 2020 dem Rathaus letztinstanzlich Recht gab.

Zwar wurden die Defizite und Leiden der Bewohner gewürdigt, rechtlich sei da aber nichts zu machen. Die jetzt regierende PP-Regierung im Rathaus hatte, als sie von 2015 bis 2019 in der Opposition war, die Bewohner von Torreta III lautstark unterstützt, sie sogar mit bedruckten T-Shirts im Plenum des Rathauses aufmarschieren lassen. Jetzt aber, wo man wieder an der Macht ist, will man davon nichts mehr wissen und versteckt sich hinter dem Urteil des Supremo.

Torreta III sich selbst überlassen: Polizei zuckt mit den Schultern - Bürgermeister von Torrevieja will "Deal"

Dabei müsste im Stadtrat lediglich der Plan General revidiert und per Beschluss Torreta III als Wohnviertel darin verankert werden, das es seit den 80er Jahren ist. Immerhin hat die Stadt die Straßen darin zum Verkehr freigegeben, es gibt Wasser- und Stromanschluss, Müllabfuhr – und die Grundsteuer wird natürlich auch pünktlich eingehoben. Nur die Rechte von echten städtischen Bewohnern, die gesteht man den Torretianern bis heute nicht zu. Das macht sich unter anderem auch in der mangelhaften Polizeipräsenz bemerkbar.

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Mehrere Leser der Costanachrichten beklagen nächtliche Festivitäten auf öffentlichen Plätzen mit viel Lärm und Müll im Viertel, auf die die Ortspolizei nur mit Schulterzucken reagiere, Corona hin, Corona her. So ähnlich hält es auch Torreviejas Bürgermeister Eduardo Dolón. Er hatte im Januar eine Kommission eingesetzt, die eine „außergerichtliche“ Lösung – also am Ende einen Deal – mit den Bewohnern finden sollte, bisher aber nicht fand.

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