Schlechtes Wetter in Spanien

Regen an Pfingsten: Kirche der Patroninnen von Orihuela stürzt ein

  • vonStefan Wieczorek
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Der Regen an der Costa Blanca hat in Orihuela einen Teil der Kirche der Patroninnen zum Einsturz gebracht. Die Stadt ist in Aufruhr, eine Grundsatzdebatte ist entbrannt.

  • In Orihuela stürzte am 26. Mai die Decke der Sakristei in der Kirche Justa y Rufina ein.
  • Stadt fordert Geld vom Land Valencia: Die Kirche ist als Kulturgut (BIC) denkmalgeschützt.
  • Der Einsturz reißt Grundsatzdebatte über Verhältnis von Stadt und Kirche auf.

Orihuela - "Rrrrums", machte es in der Nacht zum Dienstag in der Kirche Santa Justa y Rufina in Orihuela. Wie laut, ist nur zu erahnen. Einen mächtigen Tisch aus Marmor brachten die Trümmer zu Bruch, die von der Decke der Sakristei fielen. Durch ein Loch im Dach scheint nun das Tageslicht in den Raum hinein. Ein Schock für Pfarrer José Luis Satorre, aber auch für die Stadt. Justa y Rufina, die Kirche der beiden Ortspatroninnen, ist eine der ältesten und wertvollsten, die nicht nur Orihuela, sondern auch die Costa Blanca zu bieten hat.

Das schlechte Wetter - der viele Regen der vergangenen Monate - sorgte offenbar für den Einsturz. Zuviel Belastung für das schon seit langem baufällige Dach der edlen Barock-Sakristei, die im 18. Jahrhundert an die nochmal 400 Jahre ältere Kirche drangebaut worden war. Im 14. Jahrhundert, nach der Reconquista, wuchs der Tempel auf den Fundamenten der alten Moschee empor. Geweiht wurde er Justa und Rufina, weil die Christen laut Ortslegende am 17. Juli die Mauren besiegten, also am kirchlichen Jahrestag der heiligen Märtyrinnen.

Bürgermeister in Schock: Regen riss das Dach der Kirche von Orihuela ein.

Bürgermeister kritisiert Land Valencia, Opposition kritisiert Bürgermeister

Vor Pfingsten rührt der Einsturz in der Kirche der beliebten Patroninnen ganz Orihuela auf. Bürgermeister Emilio Bascuñana (PP) machte sich umgehend auf den Weg aus dem Rathaus in die Kirche auf der andere Straßenseite, um das Unglück zu besichtigen - und fand sogleich einen Schuldigen: Das Land Valencia. Dieses habe es versäumt, das wertvolle Erbe „aller Menschen aus Orihuela“ angemessen zu pflegen. Nun müsse die Landesregierung die Reparatur als „oberste Priorität“ betrachten, „um Schlimmeres zu verhindern".

Damit berief sich der Bürgermeister auf den Denkmalschutz Bien de Interés Cultural (BIC), den die Kirche trägt und das Land zur Instandhaltung verpflichtet. Doch sofort erntete auch Bascuñana und seine Ortsregierung Kritik von der Opposition. Denn die PP-C´s-Koalition habe es - mal wieder - versäumt, die Pflege der Kulturgüter der Stadt zu überwachen. Der Vorwurf gegen Bascuñanas Team steht seit Jahren im Raum. Und dafür gibt es allerlei Gründe, wie auch die örtliche PSOE-Chefin Carolina Gracia twitterte:

Orihuela gehe schlampig mit Kulturgütern um: Ein alter Vorwurf

Immer wieder macht das Stadtratsamt für Kulturerbe in Orihuela unrühmliche Schlagzeilen. Mal ist es ein Palast wie der Palacio del Rubalcava, der ohne Ende bröckelt. Oder ein quer übers altehrwürdige Colegio Santo Domingo gezogenes Kabel. Dann die teuer restaurierte Stierkampfarena, die bis heute keinen Nutzen hat. Oder zuletzt der Turm, letzter Rest der Burg, der nach dem Katastophen-Gewitter im September 2019 halb in sich zusammenfiel. Zumindest letzteren hat das Rathaus im letzten Augenblick noch gerettet.

Doch in Orihuela könne es nicht sein, so die Opposition, dass die Regierung immer nur in letzter Not reagiere. Ein vorausschauender Umgang mit den vielen historischen Gütern der beeindruckenden Kreisstadt sei nötig. Nach dem Unglück in der Kirche Justa y Rufina sei das Fingerzeigen auf Valencia auch nicht genug, um den Patroninnen-Tempel zu bewahren. Denn vor der eigenen Haustür, in Sichtweite, geschah der Schaden. Tat das Rathaus genug, um ihn abzuwenden? Durchs Dach der Sakristei hatte es schon eine ganze Weile getropft. (Video: Best of Orihuela)

Das Bistum nutzte die Kirche täglich - und genießt viele Privilegien

Doch auch das katholische Bistum, das in Orihuela im Bischofspalast sitzt, bekam von der Opposition ordentlich sein Fett weg. Wie kann es sein, fragte Linksalternativpartei Cambiemos, dass der Bürgermeister nur Richtung Valencia Forderungen stelle? Die Kirche habe doch erstens tagtäglich Umgang mit dem eingestürzten Bauwerk. Und zweitens genieße sie nicht nur in ganz Spanien, sondern vor allem in einer katholischen Stadt wie Orihuela vielerlei Vorteile beim Besitz von Grundstücken.

„Wir haben eine lokale Elite, die sehr unverantwortlich mit dem Erbe von Orihuela umging“, klagte Cambiemos-Chef Carlos Bernabé, „und ein Bistum, das nicht nur finanzielle Privilegien genießt, sondern den Händlern im Tempel näher steht als den Werten, die es zu vertreten angibt.“ Auf die Händler, die Jesus eigenhändig aus dem Tempel vertrieb, spielte der Linkspolitiker ganz bibelfest an - und auf den regen und obskuren Handel mit Immobilien zwischen dem Bistum und der konservativen Ortsregierung in den letzten Jahren.

Coronavirus: Verschlossene Tür der Kirche des Apostels Santiago in Orihuela.

Kirche erhielt durch nebulösen Austausch öffentliches Grundstück

Unter nebulösen Umständen wechselte etwa 2019 die alte Kirche San Agustín in die Hand der Stadt, worauf sich das Bistum ein lange ersehntes öffentliches Grundstück des Colegio Santo Domingo - Palast der historischen Uni und heutige Grundschule - schnappte. Der plötzlich verkündete Deal überraschte ganz Orihuela. Cambiemos-Stadträtin María García Sandoval sagte nun: „Wir unterstützen die Stadtregierung gern dabei, in Madrid und Valencia Hilfen zu beantragen. Aber dann muss die Stadt und die Elite der Kleriker ihre mittelmäßige Einstellung ablegen.“

Es scheint, dass der Einsturz in Orihuela nicht nur ein Loch im Kirchendach riss, sondern auch eine Grundsatzdebatte neu eröffnete. Und das mitten in der Coronavirus-Krise, die auch das Bistum von Alicante teuer zu stehen kam. Es scheint ein wegweisendes Pfingsten für Rathaus und Kirchenmacht zu werden. Ganz passend zum Fest, an dem eine Gruppe gläubiger Männer sich 50 Tage nach Ostern hinter sicheren Wänden verschanzte, doch dann überrascht wurde von einem „Brausen, wie wenn ein heftiger Sturm daherfährt“ (Apostelgschichte 2,2).

In Orihuela riss der Einsturz dieses Loch in die Kirchendecke.

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