Demonstration von Anwohnern gegen die Polizei.
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Valencia: Hausbesetzer werden gewaltsam aus dem Sozialzentrum vertrieben und Anwohner gehen für Betroffene auf die Straße.

Okupas in Spanien

Valencia: Anwohner setzen sich für Hausbesetzer ein

  • vonStella Kirchner
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Valencia geht gegen Hausbesetzer vor und provoziert damit den Ärger der Anwohner. Viele halten die Zunahme von Zwangsräumungen für ungerechtfertigt.

Valencia – Die spanische Regierung verbietet sie wegen des Coronavirus-Notstandes, Valencia führt sie trotzdem durch: Zwangsräumungen von Hausbesetzern. Innerhalb von nur einer Woche hat es in der Stadt zwei Zwangsräumungen gegeben: Hausbesetzer im Viertel Benimaclet in der Nordstadt sind am Montagmorgen von der Polizei aus dem verfallenen kommunalen Sozialzentrum geworfen worden, in dem sie über Monate hinweg einen Unterschlupf gefunden hatten. Zwei Tage zuvor musste eine Mutter von vier kleinen Kindern nach dem Tod der Großmutter der Kleinen aus einer Sozialwohnung ausziehen, die die Familie jahrelang bewohnt hat. Ohne eine alternative Bleibe.

ValenciaGroßstadt in Spanien
Fläche134,6 km²
Bevölkerung2,541 Millionen (2019) Eurostat
ProvinzProvinz Valencia

Valencia: Anwohner demonstrieren für Hausbesetzer

Die Anwohner in den beiden Vierteln demonstrieren gemeinsam mit Menschen aus ganz Valencia gegen die harte Gangart der Polizei gegen die Hausbesetzer im Sozialzentrum und die Familie, die aus ihrer Sozialwohnung ausziehen muss. Sie argumentieren, dass es diesen Menschen gerade inmitten der Covid-19-Krise nur schwer möglich sein dürfte, eine neue Bleibe zu finden. „Es ist eine merkwürdige Doppelmoral, dass die Polizei trotz des Gesetzes ‚España 2000‘ so gewalttätig vorgeht“, lässt der Anwohnerverein des Viertels Benimaclet verlauten, in dem sich das geräumte Sozialzentrum befindet. Das Gesetz, auch als „Hausbesetzer-Gesetz“ bekannt, bestimmt, dass Hausbesetzer innerhalb der ersten 48 Stunden vertrieben werden müssen, weil nach diesem Zeitraum das Recht auf ein Dach über dem Kopf gegen das Eigentumsrecht des Besitzers der Wohneinheit aufgewogen werden muss. Diese Norm gegen Hausbesetzer wurde im Land Valencia bereits abgeschwächt – allerdings zugunsten von Privateigentümern. Das Sozialzentrum wie auch die geförderte Wohnung der Familie sind allerdings in öffentlicher Hand.

Die Betroffenen sind verzweifelt. „Soll ich mit meinen Kindern jetzt unter der Brücke schlafen?“, begründet die junge Mutter gegenüber der Zeitung „Levante“ ihre Weigerung, die Wohnung der Großmutter freiwillig zu verlassen. Doch die Stadt Valencia kennt kein Pardon und hat am Samstag die Polizei in die Sozialwohnung geschickt. Die „Okupas“, so werden Hausbesetzer in Spanien genannt, im Sozialzentrum im Norden von Valencia kündigen indessen an: „Wir kommen wieder“. Und diesen Plan haben sie auch schon am Dienstag, einen Tag nach der Zwangsräumung, in die Tat umgesetzt.

Hausbesetzer in Valencia: Lebensmittelbank in Bank

Auch im Bankenviertel von Valencia liegen Hausbesetzer im Clinch mit den lokalen Behörden. Die linke Gruppierung „Frente Obrero“ hat im Bankenviertel ein leerstehendes Gebäude der Bank Unicaja besetzt, um dort eine Lebensmittelbank einzurichten. Die Vereinigung gibt an, am vergangenen Wochenende täglich über 250 Haushalte mit Lebensmitteln versorgt zu haben. Auch Menschen, die durch Zwangsräumungen ihr Dach über dem Kopf verloren haben, finden hier einen Schlafplatz. Man habe versucht, mit der Stadtverwaltung und Polizei zusammenzuarbeiten, betont die Gruppe. Diese wären aber nicht bereit gewesen, das Projekt zu dulden.

Viele Anwohner von Valencia sind verwundert über die Kompromisslosigkeit der Stadt im Umgang mit Bedürftigen, die öffentliche oder leerstehende Firmengebäude besetzen. Zuletzt hat ein Fall für Aufsehen gesorgt, bei dem fast 50 Familien von einer Bank aus ihren Wohnungen geworfen werden sollten, die nun aber doch noch ein paar Wochen länger nach einer neuen Bleibe suchen können. Derweil werden auf der anderen Seite immer wieder Fälle von besetzten Privathäusern in Spanien bekannt, die die Polizei nicht räumen lässt, angeblich wegen des Rechts der Hausbesetzer auf ein Zuhause.

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