Ein Mann im grünen T-Shirt sitzt in einem Weinfeld vor dem Celler Les Freses und zeigt rote Trauben.
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Jaume Soler experimentiert im Weinanbau in der Marina Alta mit Trauben.

Retter vergessener Trauben

Weinanbau Costa Blanca: Botaniker experimentiert in der Marina Alta mit Rebsorten

  • vonAnne Thesing
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Was der Weinanbau an der Costa Blanca zu bieten hat, weiß kaum jemand besser als der Botaniker Jaume Soler. Seine Experimente bringen Schwung in die Welt der Trauben.

  • Der Botaniker Jaume Soler belebt den Weinanbau an der Costa Blanca mit alten Traubensorten, die er zu neuem Leben erweckt.
  • Sein größtes Experimentierfeld liegt bei Dénia in der Marina Alta, am Fuße des Montgó.
  • Knapp hundert heimische und ausländische Traubenvariationen, davon 35 Moscatell-Sorten, wachsen auf seinen Feldern.

Jesús Pobre - Auf den ersten Blick ist das Feld in Jesús Pobre, bei Dénia an der Costa Blanca, eine gewöhnliche Parzelle mit Weinstöcken. Doch wenn man genauer hinschaut, sieht man den Unterschied. Es sind nicht Reben ein- und derselben Sorte, die hier wachsen, sondern fast jede trägt andere Trauben. Kleine, große, rundliche, längliche, weiße, rote. Einige sind schon fast reif, andere brauchen noch etwas Zeit. Einige schmecken kräftig, andere süß, einige haben mehr, andere weniger Säure.

Marina AltaLandkreis in Spanien
Fläche767,2 km²
ProvinzAlicante
Bevölkerungszahl175.156 (Stand 2019)
Gemeinden33
SehenswürdigkeitenPeñón de Ifach und mehr

Weinanbau an der Costa Blanca als Experiment: Kuriose, alte und seltene Rebsorten

Der wohl einzige, der sie auseinanderhalten, benennen und zu jeder von ihr eine Geschichte erzählen kann, ist der Botaniker Jaume Soler. Von der insgesamt zwölf Hektar großen Anbaufläche der am Fuße des Montgó in Jesús Pobre gelegenen Bodega Les Freses durfte er das größte seiner in der ganzen Marina Alta verteilten Trauben-Experimentierfelder abzweigen. Entsprechend der Bedingung, die er stellt, wenn Kunden die Koordinations- und landwirtschaftliche Arbeit seines Unternehmens Serveis Agroambientals Marina Alta S.L. in Anspruch nehmen: Ein Stück des zu bearbeitenden Landes muss ihm für sein Hobby, die Experimente mit Trauben, überlassen werden.

Insgesamt 80 Hektar in der ganzen Marina Alta pflegt, beackert und erntet sein Unternehmen. „Unter meinen 35 Kunden sind große Bodegas wie Les Freses, aber auch Privatleute mit nur bis zu einem halben Hektar großen Grundstücken“, sagt er. Je größer die Gesamtfläche, desto größer der Anteil für seine Experimente, die so ziemlich alles umfassen, was man sich zum Thema Rebsorten vorstellen kann. „Ich experimentiere mit alten Rebsorten, mit besonders seltenen, mit kuriosen und mit ausländischen, ich untersuche, wie verschiedene Rebsorten beim Pfropfen auf verschiedene Unterlagen reagieren, erforsche verschiedenste Moscatell-Varianten und versuche schließlich, die Ergebnisse in Bodegas zu Wein zu verarbeiten“, fasst er zusammen.

Eine ganze Menge Arbeit, für die es auch eine ganze Menge Geduld braucht. Denn wie findet man alte, vom Aussterben bedrohte, extrem seltene oder nicht hier beheimatete Trauben? Indem man sucht – und dabei den Blick eines Botanikers einsetzt, für den eine Weintraube nicht gleich eine Weintraube ist. „Ich suche zum Beispiel auf kleinen, verlassenen Feldern oder hinter alten Landhäusern“, sagt Soler und wird tatsächlich immer wieder fündig. Übrigens nicht nur bei Trauben. „Ich könnte auch zu jedem Kraut, das hier wächst, zwei Stunden etwas erzählen“, sagt er lachend. „Ich bin eben Botaniker, und wollte das schon mit zwölf Jahren werden. Damals hatten wir ein einziges Botanik-Buch im Haus, heute habe ich 7.000.“

Für die einen sind es Weintrauben, für Jaume Soler ist es eine ganze Welt.

Weinanbau lernt aus Plage: Propfen nach der Reblaus-Katastrophe

Doch zurück aufs Weinfeld. Den oft in Vergessenheit geratenen, seltenen Trauben, die er bei seinen Suchaktionen findet, will er beim Überleben helfen, sie für die Zukunft und für außergewöhnliche Weinkreationen erhalten. „Wenn ich etwas Interessantes entdecke, klone ich es, indem ich es auf eine Unterlage pfropfe“, sagt er. Eine Technik, die seit den für europäische Winzer verheerenden Folgen der Reblaus-Plage, die seit 1878 auch in Spanien um sich griff, zur gängigen Methode wurde. „Vorher war das nicht nötig, da wurde der Trieb einfach in den Boden gepflanzt.“

Doch als die aus Amerika eingeschleppte Reblaus in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts in Europa wütete und innerhalb kürzester Zeit den Großteil des gesamten europäischen Rebbestands zerstörte, war das nicht mehr möglich. Die Reblaus hätte den heimischen Wurzeln den Garaus gemacht. Weshalb man die amerikanischen Rebstöcke, die längst eine Resistenz gegen die gefürchtete Plage entwickelt hatten, als Unterlage für verschiedenste europäische Rebsorten nutzte, auf deren qualitative Vorteile man eben nicht verzichten wollte und will.

Und so pfropft und veredelt auch Jaume Soler, um seine auf Feldern gefundenen Kuriositäten zu klonen. Doch wie schon bei der Suche nach ihnen braucht es auch hier Geduld, denn nicht jede Unterlagsrebe bietet die idealen Bedingungen für jede Rebsorte und -variation. Und genau die will Jaume Soler finden. Ein Puzzlespiel, bei dem das Ergebnis sich erst bei der Ernte zeigt.

„Es gibt unglaublich viele Kombinationen. Und genau das macht die Welt des Weins so spannend“, schwärmt der Botaniker, der bei seinen Experimenten mit Bodegas und der Polytechnischen Universität von Valencia zusammenarbeitet. Eins seiner Steckenpferde ist dabei die Vorzeigetraube der Marina Alta schlechthin, der Moscatell. Von den insgesamt 98 heimischen und ausländischen Traubenvariationen, mit denen Jaume Soler auf seinen Feldern experimentiert, gehören 35 zur Moscatell-Sorte.

Moscatell-Mutation: Klon 59 aus Benissa

Wie diese Traubenvariationen, sei es bei  Moscatell oder bei anderen Sorten, entstehen? „Durch genetische Mutationen oder Kreuzungen“, sagt er. Mutationen zum Beispiel können der Traube spontan eine andere Farbe, mehr Säure oder eine andere Größe verleihen. Kreuzungen wiederum können im Laufe der Geschichte auf natürliche oder, seit zirka 200 Jahren üblich, auf vom Menschen provozierte Weise erfolgt sein und zu ungewöhnlichen Kombinationen führen.

Einige Kreuzungen hatten in der Geschichte des Weins Erfolg und wurden irgendwann massenhaft angebaut. Andere waren weniger angesagt und schnell vergessen. Doch das ein oder andere ihrer Exemplare kämpfte sich Jahre, vielleicht sogar Jahrhunderte durch – und wurde im Idealfall irgendwann von Menschen wie Jaume Soler gefunden, die es vom Aussterben retteten. „Im Land Valencia bin ich der einzige, aber in Frankreich zum Beispiel ist diese Art der Forschung sehr verbreitet.“

Wenn er auf eine interessante Traube stoße, schaue er zunächst nach, ob sie schon irgendwo dokumentiert ist, zum Beispiel in historischen Quellen. Keinen offiziellen Nachweis habe er zum Beispiel bei dem von ihm so benannten „Klon 59“ gefunden. Die einzige Referenz sei mündlicher und nicht offizieller Art: So nenne man diese Moscatell-Mutation, die irgendwann von irgendjemandem gefunden, kopiert und angebaut wurde, in Benissa „Uva blanquet“. Bis Jaume Soler sie auf einem seiner Felder neu pflanzte, war sie nur noch vereinzelt und nur in Benissa zu finden.

Andere Trauben wiederum waren schon wissenschaftlich nachgewiesen, bevor Soler sie leibhaftig fand. So die „Moscatell rosa“, auf die er besonders stolz ist. „Bevor wir sie gefunden haben, hatte ich bei einem Botaniker aus dem Jahr 1874 von ihr gelesen. Sie sei die Mutation einer weißen Traube, die plötzlich ins Rosafarbene umgeschlagen sei und von der man dachte, dass es sie nicht mehr gebe.“ Doch vor 17 Jahren wurden Jaume Soler und sein Schwiegervater auf einem Feld zwischen Gata und Jávea fündig. Er klonte sie, im Laufe der Jahre vermehrte sie sich um rund 1.000 Exemplare, 70 Flaschen Wein konnte er schon mit ihr produzieren. Noch nicht genug für den Verkauf, aber schon in zwei Jahren könnte das klappen. Eine Zukunft in der Welt der Moscatell-Weine hat seiner Meinung nach auch der sogenannte Moscatellet, eine Kreuzung zwischen zwei 200 Jahre alten Sorten, von denen er Exemplare in Jalón, bei Alcoy und Elche fand.

Bekannte Traube in der Marina Alta: Moscatell mit dicker Beere

Es könnte also bald Konkurrenz geben für den guten alten, aus der Sorte Moscatell de Alejandría hergestellten Wein, wie wir ihn hier in der Provinz Alicante kennen. Der übrigens auch das Ergebnis einer Kreuzung ist, und zwar zwischen dem „Moscatell de grano pequeño“ (Moscatell mit kleiner Beere) und einer roten Traubensorte aus Griechenland. Zwar wurde er im gesamten Mittelmeerraum angepflanzt, doch da das Anbaugebiet in Ägypten besonders groß war, erhielt er den populären Namen „Moscatell de Alejandría“. Seine korrekte Bezeichnung sei dagegen „Moscatell de grano gordo“, also Moscatell mit dicker Beere.

Auch die wächst natürlich auf den Les-Freses-Feldern, über die Jaume Soler stolz seinen Blick gleiten lässt. Er mag es, seine Experimente zu betrachten, sie anzufassen, zu riechen und zu schmecken. Und ihre Geschichten zu erzählen. Die vom „Raimet de Sant Joan“ zum Beispiel. „Die Traube nennen wir hier so, da sie sehr früh reif ist“, sagt er. Eigentlich heiße sie Madelaine Angevine und werde vor allem in den USA angebaut. „Ein Mann aus Jávea besuchte im 19. Jahrhundert die Weltausstellung in Philadelphia, brachte die Traube mit in die Marina Alta und gab ihr den hier bekannten Namen.“ Jaume Soler fand Exemplare und klonte sie.

Die Belohnung für mühsame Arbeit: Ein Schluck vom eigenen Wein.

Zum Abschluss führt der Botaniker noch einmal durch die Bodega Les Freses – eine der bekanntesten in der Provinz Alicante, deren Weinsektor in diesem Corona-Jahr so schwer zu kämpfen hat. Im Eingang stehen einige der 70 Flaschen des Weins, der aus den von ihm entdeckten Rosa Moscatell-Trauben produziert wurde. Auf dem Etikett steht „Moscatell Soler“. „Der Name kann sich aber noch ändern“, schmunzelt er. Es ist einer seiner „Forschungsweine“, wie er sie nennt.

Doch für heute genug der Experimente. Vorsichtig entkorkt der Botaniker einen Moscatell-Wein und genießt, schweigend, den Geschmack der Trauben – auch wenn er zu diesen sicherlich noch einiges zu berichten hätte.

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