desinfektion der hände auf einem wochenmarkt in spanien
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Abstand und Hygienemaßnahmen auf Spaniens Wochenmärkten, hier in der Calle Teulada in Alicante. Was woanders schnell möglich war, dauerte in Torrevieja einen Monat.

500 Händler „im Stich gelassen“

Wochenmarkt in Corona-Krise: Mercadillo und Habaneras-Center in Torrevieja öffnen wieder

  • vonMarco Schicker
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Auch in Torrevieja startet endlich der Wochenmarkt wieder, mit einem Viertel seiner Kapazität. Warum die Wiedereröffnung sich so lange hinzog, dazu wollte oder konnte das Rathaus keine Erklärung abgeben.

  • Wegen der Corona-Krise öffnen nur 125 der 500 Marktstände an Torreviejas Wochenmarkt
  • Tragen von Atemschutzmasken ist Pflicht am Markt
  • Einkaufszentrum Habaneras soll am 1. Juni wieder öffnen

Torrevieja - Ab Freitag, 29. Mai, ist der Wochenmarkt in Torrevieja nach der Zwangspause durch Coronavirus und einer Extra-Verzögerung durch das Rathaus wieder in Betrieb. Zunächst nur 125 der sonst üblichen 500 Marktstände werden an der Avenida Delfina Viudes neben dem Aquópolis von 8 bis 14 Uhr geöffnet sein, für Lebensmittel und Waren des täglichen Bedarfs. Die Benutzung von Masken ist auf dem Mercadillo Pflicht. Außerdem wird der Stadtbus H wieder fahren, der seit des Coronavirus-Notstandes stillgelegt war. Ob und wann der Wochenmarkt in La Mata, sonst immer am Mittwoch, wieder öffnen darf, hat die Stadt noch nicht verkündet.

Centro Comercial Habaneras: Öffnung am 1. Juni unter strikten Vorkehrungen

Auch das große Einkaufszentrum Habaneras, im gleichen Industriegebiet an der CV-95 in Torrevieja gelegen, wird wieder öffnen, mit Beginn des Eintritts in Phase 2 der Deeskalation, am Montag, 1. Juni. Auch hier gelten viele Beschränkungen: Der Kinderbereich bleibt geschlossen, am Eingang gibt es Einlasskontrollen, um eine maximale Kundenzahl nicht zu überschreiten, Masken und Sicherheitsabstände, die Verwendung von Handschuhen und Desinfektionsgel werden genau kontrolliert werden.

Wochenmarkt Torrevieja: Größter und letzter Markt der Region Valencia

Einen ganzen Monat hat sich die Stadtverwaltung von Torrevieja Zeit gelassen, um den Wochenmarkt wieder zugänglich zu machen, schon seit 30. April war die Öffnung nach dem Deeskalationsplan in der Region Valencia eigentlich wieder möglich. Doch nichts tat sich. Die Wochenmärkte in Orihulea, Guardamar del Segura oder in Pilar de la Horadada funktionieren seit Anfang und Mitte Mai bereits weitgehend problemlos, ebenso in kleineren Gemeinden wie Almoradí, Benijófar oder Rojales.

Markierung der Laufrichtung auf dem Gelände des Wochenmarktes in Torrevieja.

Torreviejas Sicherherheitsstadtrat Antonio Vidal erklärte, dass man zunächst die "Instruktionen der Landesregierung Valencia umsetzen musste, vor allem die Vergrößerung der Abstände zwischen den Ständen." Außerdem mussten auf dem riesigen Gelände - der Wochenmarkt in Torrevieja ist bei voller Belegung der größte im gesamten Land Valencia - umfangreiche Markierungen angebracht werden, um einen gefahrlosen Besucherstrom und die Sicherheitsabstände zu gewährleisten.

Außerdem habe man das Okay der Ortspolizei gebraucht und die Zusicherung, dass sie ausreichend Polizisten zur Verfügung stellt, um die Einhaltung der Vorschriften garantieren zu können, hieß es aus dem Rathaus. Nun sollen aber auch Freiwillige des Zivilschutzes aushelfen.

Opposition Torrevieja: 500 Familien, die vom Markt leben, einfach aufgegeben

Das sind alles Ausreden, meint hingegen die Opposition. Denn alle Märkte mussten diese Maßnahmen ergreifen, teils unter viel schwierigeren Bedingungen, weil die Märkte in engen Straßen abgehalten werden oder auf Plätzen, die nicht nur für Märkte angepasst sind.

Die Stadtpartei Sueña Torrevieja wirft der PP-Stadtregierung vor, "500 Familien, die vom Marktgeschäft leben, einfach aufgegeben zu haben", weil der Stadt die eigene Bürokratie über den Kopf gewachsen sei. Es sei im Gegenteil so, dass Torrevieja im Vergleich zu anderen Gemeinden viel bessere Voraussetzungen habe, um den Markt früher zu öffnen. Denn das Marktgelände mit eigenem Parkplatz, das einst für sagenhafte acht Millionen Euro exklusiv für diesen Zweck errichtet wurde, ist vollständig eingezäunt, die Eingänge sind klar definiert und daher bestens zu überwachen.

Laut Sueña Torrevieja denken viele Familien darüber nach, die bisher vom Markt lebten, sich aus Torrevieja zurückzuziehen. Für sie - wie für viele Standbetreiber von Wochenmärkten in ganz Spanien - geht die Rechnung einfach nicht mehr auf, sie kämpfen um ihre Existenz: Torreviejas Stadtchef hat allen Standbetreibern einen Rabatt von 50 Prozent auf die Standgebühren für das zweite Semester eingeräumt, aber nur dann, wenn sie das erste Semester vollständig bezahlt haben.

Händler sollen für Leistungen zahlen, die nicht erbracht wurden

"Im ersten Semester konnten wir aber nur neun von zwölf Wochen arbeiten und der Mai ging komplett verloren. Wenn wir uns jetzt auf dem Wochenmarkt auch noch abwechseln müssen, arbeiten wir das zweite Semester weniger als die Hälfte der Markttage", rechnet eine Betroffene vor. Sie sollen also für eine Leistung zahlen, die nicht erbracht werden konnte. Hilfe für kleine Unternehmen, die Torreviejas Rathaus sich so groß auf die Fahne geschrieben hat, sieht anders aus.

Bodenmarkierungen auf dem Marktgelände von Torrevieja sollen die Einhaltung der Hygienebestimmungen erleichtern.

Außerdem waren früher die Müllgebühren in den 890 Euro Standgebühren pro Semester enthalten, die seit dem Umzug auf das neue Marktgelände, im Mai 2017, separat kassiert werden. Hinzu komme, dass die Restriktionen und Sicherheitsmaßnahmen an der frischen Luft der Märkte höher seien als in den Supermärkten.

Bürokratie oder Lobbyismus: Gerüchte schießen ins Kraut

Laut Sueña Torrevieja hätte das Rathaus auf Anfragen der Marktständler nicht oder ausweichend geantwortet. Doch vom Marktgeschäft hängt meist die gesamte Familie ab, die außerdem enge Beziehungen zu Lieferanten in der Nähe hat. Also auch die Umsätze der Bauern der Umgebung leiden, wenn die Marktleute nicht oder nur eingeschränkt arbeiten können, denn die großen Handelsketten bedienen sich bei Frischware überwiegend bei überregionalen Großlieferanten.

Warum Torreviejas Bürgermeister Eduardo Dolón (PP) einen Monat brauchte, um einen simplen Wochenmarkt mit reduziertem Betrieb zu organisieren, fragen sich viele in der Stadt. In Internetforen zielen einige auf Streit mit der Ortspolizei über neu anfallende und noch nicht bezahlte alte Überstunden als möglichen Grund für die Verzögerung, andere sprechen von Lobbyarbeit für die großen Handelsketten oder die Geschäfte von persönlichen Bekannten in der Innenstadt. Die Ausreden der Stadt für die lange Verzögerung sind jedenfalls wenig stichhaltig, die Gerüchte schießen daher ins Kraut.

  • Marco Schicker
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