Ein Bagger holzt Bäume auf einer Mandelplantage an der Costa Blanca ab.
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Xylella fastidiosa befällt Mandelbäume an der Costa Blanca, die dann abgeholzt werden müssen.

Bakterium Xylella wütet seit drei Jahren

Costa Blanca: Xylella-Plage zerstört Mandelbäume

  • vonJudith Finsterbusch
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Tausende Mandelbäume an der Costa Blanca sind dem Bakterium Xylella fastidiosa zum Opfer gefallen. Der erste Befund war vor drei Jahren in Guadalest, seitdem wurden 75.000 Bäume zerstört.

  • Bakterium Xylella fastidiosa befällt an der Costa Blanca vor allem Mandelbäume.
  • Die Landesregierung setzt im Kampf gegen Xylella auf großflächiges Abholzen von Mandelbäumen.
  • Mandelbauern entlang der Costa Blanca sehen durch Xylella ihre Existenz in Gefahr.

Benimantell - Eine grüne Schleife hängt neben einer schwarzen an dem vergitterten Fenster. Am nächsten Haus das gleiche Duo, hier und da ein Protestplakat, das an einem Balkon sanft im Wind schaukelt. Ein stiller Aufruhr, der nicht so recht zu den alten Lieferwagen passen will, die über die Straßen von Benimantell rumpeln – und noch weniger zu den Seniorinnen, die mit ihren Einkaufstrolleys zwischen den Häusern entlangschlurfen und jeden Fremden neugierig beäugen. Doch seit zwei Jahren gehört der Protest zur Idylle im Guadalest-Tal im Hinterland der Costa Blanca hinzu. Die Anwohner protestieren gegen die Abholzung ihrer Mandelbäume, die von dem Feuerbakterium Xylella fastidiosa befallen sind.

BakteriumXylella Fastidiosa (Feuerbakterium)
KlasseGammaproteobacteria
OrdnungLysobacterales
FamilieLysobacteraceae
GattungXylella
ArtXylella fastidiosa

Die Bewohner wollen mit den Schleifen und Plakaten ein Zeichen gegen das Vorgehen der Landesregierung im Kampf gegen Xylella fastidiosa, auch Feuerbakterium genannt, setzen. Hier, im Guadalest-Tal, wurde vor drei Jahren der erste Xylella-Befund auf dem spanischen Festland nachgewiesen. Seitdem hat es unschöne Begegnungen zwischen Landwirten und Guardia Civil gegeben, schwere Maschinen lärmen fast täglich auf den Mandelbaum-Plantagen, zu dem stillen Protest haben sich lautstarke Demonstrationen entlang der ganzen Costa Blanca gesellt.

Xylella: Bagger zerstören die Mandelbaum-Idylle an der Costa Blanca

Die Bauern wehren sich dagegen, dass ihr Lebenswerk und das ihrer Vorfahren dem Erdboden gleichgemacht wird, weil die Antwort der Landesregierung auf Xylella das radikale Ausreißen der Mandelbäume an der ganzen Costa Blanca ist – sowohl gesunder als auch kranker.

Um die Bauern an der Costa Blanca zu verstehen, führt die Reise zunächst zur Wurzel allen Übels, auf jenes Mandel-Feld in Guadalest, auf dem Xylella zuerst nachgewiesen wurde. „Wir merkten schon seit einigen Jahren, dass die Bäume kränkelten, hatten aber keine Erklärung dafür“, erinnert sich Carmen Solbes. Sie und ihr Mann bewirtschafteten jene Plantage und wandten sich schließlich an das OCA-Büro in Callosa d’en Sarrià, eine Zweigstelle des Landesagrarministeriums. Irgendwann nahmen die OCA-Mitarbeiter Proben – und Solbes hörte vier Jahre nichts mehr von dem Thema.

Xylella trocknet Mandelbäume aus

Bis zu jenem Abend vor dem Fernseher. „Wir schauten eine Reportage über Xylella auf den Balearen, und es fiel uns wie Schuppen von den Augen“, erinnert sich Solbes. Das langsame Sterben der Bäume nach dem Befall kam Solbes nur allzu bekannt vor: Die Mandelbäume trocknen nach und nach aus, zunächst verfärben sich die Blattspitzen bräunlich, als letztes stirbt der Stamm. Auch beim OCA hatte man die Doku gesehen, und plötzlich ging alles ganz schnell. „Am 6. Juli 2017 kam die Bestätigung, dass unsere Bäume von Xylella befallen sind“, sagt Solbes.

Drei Wochen nach dem ersten Befund wurde ein zweiter Xylella-Befall festgestellt, dieses Mal im benachbarten Benimantell. Die Landesregierung schickte die ersten Bagger Richtung Costa Blanca, die der Bakterie den Garaus machen sollten, indem sie kranke Mandelbäume ebenso herausrissen wie deren gesunde Nachbarn im Umkreis von 100 Metern. Von „brotes“, Ausbrüchen, spricht die Landesregierung seitdem jedes Mal, wenn sie neue positive Testergebnisse veröffentlicht. Zwölf solcher brotes sind bekannt.

Abholzen als einziges Mittel im Kampf gegen Xylella

75.000 Mandelbäume auf 4.770 Plantagen hat das valencianische Landesagrarministerium seit Ausbruch der Plage abgeholzt. Von Xylella befallen sind Mandelbäume auf einer über 130.000 Hektar großen Fläche. Dabei konzentriert sich die Plage auf die traditionellen Mandelanbaugebiete in den Kreisen Marina Baja und Marina Alta an der Costa Blanca sowie El Comtat weiter im Hinterland.

Am Anfang waren die Mandelbauern noch damit einverstanden, die Bäume herauszureißen, um ein Ausbreiten der Plage zu verhindern, sagt auch Landwirt Silvestre Ponsoda. Bis die Bauern sahen, dass sich die Bakterie längst ausgebreitet hatte und nicht mehr unter Kontrolle zu bringen war. Seitdem fordern die Landwirte an der Costa Blanca über den Xylella-Betroffenenverein Axfa, vom Vernichtungsplan zum plan de contención, dem Eindämmungsplan, überzugehen.

Von Menschen wie Landwirt Silvestre Ponsoda hat die Xylella-Plage das Leben verändert.

Mandelbauern fordern Kontrollen gegen Xylella

Dieser sieht vor, nur kranke Bäume zu vernichten, und im Umkreis von 100 Metern um einen Xylella-Befall strenge Kontrollmaßnahmen durchzuführen sowie die Felder mit Insektenschutzmitteln zu behandeln. Die Landesregierung hält allerdings am plan de erradicación, dem Vernichtungsplan, fest. Die Entscheidung, ob eine Region die Vorgehensweise bei der Bekämpfung ändern darf, fällt die EU. Den Antrag muss aber die Landesregierung stellen.

„Die Gelder, die Valencia aus Brüssel bekommt, müssten in die Forschung und in Hilfen für die Bauern investiert werden, nicht in die Zerstörung“, meint Ponsoda. Die Landwirte pochen darauf, die Xylella-Bekämpfung bei der Wiesenschaumzikade anzusetzen, jenem Insekt, das die Bakterie überträgt. Dessen Larven wachsen im Unkraut heran, die erwachsene Zikade fliegt zum Mandelbaum und infiziert diesen mit Xylella.

Xylella lässt Hinterland-Touristen an der Costa Blanca ausbleiben

Ein Besuch mit Landwirt Ponsoda auf einem der gerodeten Felder in Benimantell: Vereinzelt sind Baumstümpfe zu sehen, überall sprießen neue Triebe aus den Resten der befallenen Mandelbäume, zerhäckselte Zweige liegen auf dem Boden. „Um die mit Xylella befallenen Pflanzen wirklich zu vernichten, müsste man die Bäume inklusive der Wurzeln herausreißen und dann verbrennen“, sagt er.

Der Spanier ist mit seinem alten Kastenwagen eine Anhöhe hinaufgefahren, von der aus sich ein Überblick über ganz Benimantell bietet. „Das hier, das war die größte Mandelplantage im ganzen Tal“, sagt Ponsoda und zeigt auf eine kahle Fläche unter sich. 1.000 Mandelbäume hätten hier gestanden, alle wegen Xylella abgeholzt. Im Februar werden hier keine zartrosa Blüten mehr die Touristen anlocken, die anschließend in einem der Restaurants essen.

Die Landwirte würden sich wünschen, dass sich die Tourismusbranche an der Costa Blanca dem Protest der Bauern anschließt – bislang Fehlanzeige, zumal sich die gerodete Landschaft nach drei Jahren noch nicht allzu stark bemerkbar macht. „Das Tal ist nach wie vor grün, weil zwischen den Mandelbäumen fast überall Oliven stehen“, erklärt Ponsoda. Irgendwann werden die knorrigen Bäume die Xylella-Löcher aber nicht mehr überdecken können.

Xylella hat das Leben im Hinterland der Costa Blanca verändert

Die Plage verändert das Leben der Dorfbewohner schleichend. „Die Mandel war einst die Königin in Benimantell, sie wurde hier schon immer angebaut, hat dem Hinterland der Costa Blanca Reichtum beschert“, sagt Ponsoda. Heute sind die wenigsten Mandelbauern hauptberuflich als Landwirte tätig, die meisten haben die Felder von ihren Vätern und Großvätern geerbt. „Die Ernte ist für uns ein Einnahmeplus, von dem wir eine Reise, ein neues Auto oder die Reparatur am Haus bezahlen“, sagt Ponsoda. Geld, das jetzt wegen Xylella in den Kassen fehlen wird.

Im Winter kriecht Xylella bis in die Wohnzimmer der alten Steinhäuser. „Jedes Jahr muss ich Mandelbäume fällen, weil sie krank, alt oder vertrocknet sind. Mit dem Holz habe ich immer den Winter über den Kamin befeuert“, sagt Ponsoda. Feuerholz, das er jetzt kaufen muss, denn die herausgerissenen Bäume dürfen die Bauern nicht mitnehmen. Auch die Nachbarn könnten bald andere sein, im Tal haben sich Lateinamerikaner niedergelassen, die die Felder bestellen oder zumindest zur Ernte herkommen. „Ich stelle jede Saison zwei bis drei Erntehelfer ein. Ohne Bäume kann ich mir das künftig sparen“, sagt Ponsoda trocken.

Xylella-Abholzung von Mandelbäumen etwas reduziert

Immerhin haben die Bauern jetzt einen kleinen Etappensieg eingefahren: Die Landesregierung hat beschlossen, nicht mehr im Umkreis von 100 Metern um einen von Xylella befallenen Mandelbaum sämtliche Vegetation, die anfällig für Xylella ist, abzuholzen. Sondern "nur" noch in einem Radius von 50 Metern.

Was ist Xylella fastidiosa?

Die Wiesenschaumzikade hinterlässt Schaum auf den von Xylella befallenen Pflanzen.

Nachgewiesen wurde das Feuerbakterium Xylella fastidiosa erstmalig 1970 in Kaliforniern, auch wenn schon seit 1890 von einer Krankheit mit den gleichen Symptomen die Rede war. Mit fastidiosa, multiplex, shandy und pauca gibt es vier Unterarten der Bakterie, die sich bei Temperaturen zwischen 25 und 28 Grad optimal entwickelt. Unter 15 und über 34 Grad ist die Bakterie nicht mehr aktiv.

Die Costa Blanca hat noch Glück im Unglück: Hier kommt lediglich die Unterarnt fastidiosa vor, die hauptsächlich Mandelbäume befällt. Ganz anders ist die Situation auf den Balearen: Dort kämpfen die Behörden gegen drei Xylella-Typen, die 21 Pflanzenarten befallen haben. Darunter die für den Export so wichtigen Mandelbäume und Weinreben. Erster Befund war im Oktober 2016 auf drei Kirschbäumen in einem Gartencenter auf Mallorca. In Italien sind vor allem Olivenbäume betroffen.

Die Ausbreitung von Xylella erfolgt vor allem über den Pflanzenhandel, die Übertragung durch Insekten. Die Larven wachsen zum Beispiel auf Unkraut heran, erst die erwachsene Zikade fliegt zum Baum. Ist die Bakterie dort angelangt, haftet sie sich an die Zellwände, vermehrt sich und setzt Fasern frei. Anschließend bilden sich Kristalle, die die Gefäße verstopfen. In der Folge trocknet die befallene Pflanze aus, angefangen bei den Blattspitzen über die Äste bis hin zum Stamm. Der Nachweis der Bakterie ist äußerst kompliziert, zumal sie sich ständig verändert und immer wieder Mutationen auftauchen. Und das schlimmste: Es gibt keine Behandlung.

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