Zitronenernte in Spanien.
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Nicht nur Goethes Italien, auch Spanien ist „das Land, wo die Zitronen blüh‘n“. In der Vega Baja, im Süden von Alicante, beginnt gerade die Erntesaison 2021/2022.

Spainens Landwirtschaft

Zitronen aus Spanien: Gute Preise, aber saure Zeiten in Vega Baja nicht vorbei

  • Marco Schicker
    VonMarco Schicker
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In der Vega Baja beginnt die Zitronenernte, aber auch der Kampf um Absatzmärkte, Wasser, Alternativen und Zukunft. Wenn Dir das Leben Zitronen gibt, dann mach Limonade daraus. Oder eine Tequila-Party.

Orihuela – Auf 110 Millionen Euro schätzt der führende Bauernverband der Provinz Alicante, Asaja, die Verluste der Zitrusbauern im südlichen Einzugsgebiet des Rió Segura während der Corona-Pandemie, doch „es sieht so aus, dass wir einen Teil davon in diesem Jahr wieder gutmachen können“. Zwar hätten die Zitronenbauern wegen der hohen Nachfrage nach „Vitamin-C-reichen Früchten in Nordeuropa“ in der Vorsaison gute Kilopreise erzielt, doch fehlten wegen der Corona-Reisebeschränkungen Erntehelfer, weshalb ein Großteil der Früchte ausgerechnet in einem üppigen Jahr vergammelte. Außerdem zerstörten Billigimporte von der Südhalbkugel, denen die großen Handelsketten den Vorzug gaben, Absatz und Preisgefüge.

Zitronen aus Spanien: Konkurrenz aus Übersee ist erst einmal eingebremst

In diesem Jahr sieht die Welt rosiger aus: Zwar geht die Menge der Zitronen in der Vega Baja zyklisch bedingt und wegen der anhaltenden Unwetterschäden durch DANA und Gloria 2019/2020 deutlich zurück, um bis zu 50 Prozent auf rund 60.000 Tonnen allein bei der Sorte Vera, aber die Kilopreise seien vielversprechend. Die Konkurrenz aus Südafrika und anderen Überseekonkurrenten ist praktisch zusammengebrochen, so dass die gesamte Ernte ihre Abnehmer im Primärmarkt finden wird, hofft Asaja. Es fehlt weltweit an Containern, was den Schiffstransport extrem verteuert hat. Außerdem tauchten in den Kisten von der Südhalbkugel viele Schädlinge auf, die den Import einschränkten. Allerdings ringen auch die Bauern in Spanien mit Plagen an ihren Zitronen - bedingt auch durch den Klimawandel.

Zitronen von Bäumen, die Pulvinaria polygonata, der Wolllaus befallen sind, werden durch die schimmelige Schicht für die Erzeuger in Spanien unverkäuflich.

„Wir sind in einer guten Verhandlungsposition für die Ernte 2021/2022“, meint Asaja, nicht ohne darauf zu verweisen, dass die größten Feinde der Bauern wieder die eigenen Politiker seien. „Die Instabilität der Wasserversorgung“ gefährde die Existenz der Bauern sowie die Versorgungssicherheit der ganzen Region, vor allem, seit die Regierung in Madrid die Überleitungsmengen durch das Tajo-Segura-System reduziert habe.

Bauern in der Vega Baja: Stauts Quo bis zum letzten Tropfen?

Asaja konstatiert, dass die Dekrete der Umweltministerin Teresa Ribera dazu führten, dass „unsere Produzenten nur noch rund die Hälfte der benötigten Wassermengen erhielten“ und es keine Garantien mehr gebe, dass es nicht jedes Jahr weniger werde. „Denn das hat die Ministerin wohl vor.“ Und Asaja hat damit Recht, allein, die Motivation der Ministerin ist nicht Bosheit, sondern die Notwendigkeit, die sich aus dem Bedarf der anderen angeschlossenen Regionen und den Auswirkungen des Klimawandels ergibt. Die Bauern am Mittel- und Oberlauf des Tajo sehen ihr Wasser nach Süden fließen, während sie einzig und allein mit dem Regen auskommen müssen. Der Verteilungskampf ist im vollen Gange und nicht nur ein Problem der Zitrusbauern, er betrifft den riesigen Markt für Olivenöl in Spanien, die Weine Spaniens, immerhin des größten Produzenten der Welt, aber auch die berühmten Orangen aus Valencia.

Madrid fordert den Süden des Landes auf, weniger Wasser und einen anderen Wassermix zu gebrauchen, also mehr entsalzenes, aufbereitetes und aufgefangenes Wasser zu verwenden und endlich von der traditionellen Flutung der Felder (a manta) auf Tröpfchenbewässerung und andere zielgenauere Techniken umzustellen. Asaja hingegen beharrt auf dem Status Quo wie auf einem Naturrecht, das sind 20 Kubikhektometer Wasser vom Oberlauf des Tajo jeden Monat.

Langsames Umdenken in Landwirtschaft: "Europas Gemüsegarten" in der Wüste

Doch dieses Wasser gibt es nicht mehr. Nur sehr langsam beginnt bei den Bauern – mehr als beim Verband selbst – ein Umdenken und Umplanen. Und es sind eher kleinere Betriebe, die sich als Pioniere für den Wandel im „Gemüsegarten Europas“ zwischen der Vega Baja und Almería und mithin in Europas trockenster Region, versuchen: Anstelle wasserintensiver Zitrusfrüchte, Tomaten und Salate stellen sie auf Granatäpfel, Johannisbrotbaum, Artischocken oder Feigen um und versuchen durch Kooperationen und Direktvermarktung eine möglichst lange Wertschöpfungskette zu knüpfen. Doch solche Projekte sind noch in der Minderheit, vor allem die großen Produzenten unter den Zeltplanen kalkulieren in ganz anderen Dimensionen und vertrauen auf ihre Polit-Lobby in Madrid, denn die Nachfrage aus Nordeuropa ist ganzjährig ungebrochen. "Europa isst so Spaniens Wasser auf", beschrieb ein Ökologe einmal den Irrwitz.

Neue Ideen – altes Dilemma: Subtropische Frücht sind keine Alternative

In Murcia laufen erste Experimente mit Agaven, aus denen bekanntlich Tequila gemacht wird. Das alte Sprichwort: „Wenn Dir das Leben Zitronen gibt, mach Limonade daraus“ könnte in der Vega Baja und im Campo de Cartagena dann durchaus auf Tequila abgewandelt werden – Salz gibt es hier ja genug. Für manche scheint die (Tequila)-Party auch nicht aufzuhören: Einige Bauern kamen nämlich auf die grandiose Idee, die latent steigenden Temperaturen für den Anbau hochpreisiger subtropischer Früchte wie Mango oder Avocado zu nutzen. Diese sprießen in der steigenden Hitze zwar prächtig, brauchen aber teils noch mehr und noch besseres (nicht aus Entsalzung) Wasser als Zitrusfrüchte. Das erhöht Gewinn kurzfristig. Doch so landen die Bauern mit neuen Früchten letztlich im gleichen alten Dilemma und irgendwann wieder auf dem harten, ausgetrockneten Boden der Realität. Andere machen es sich leicht und verpachten ihren Boden einfach für Solaranlagen im Orangenhain.

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