1. Costa Nachrichten
  2. Costa Cálida

Bauern in Lorca außer sich: Protest gegen Auflagen bei Schweinezucht

Erstellt: Aktualisiert:

Von: Sandra Gyurasits

Kommentare

Ein Schwein reckt dem Betrachter seine rosa Nase entgegen.
Bauern protestieren in Lorca gegen die Einschränkungen für Schweinezuchtbetriebe. © Bernd Thissen/dpa

Bauern aus Lorca rasten bei Protest gegen Einschränkungen bei der Schweinezucht aus und stürmen das Rathaus. Später stellt sich heraus: Sie waren falsch informiert.

Lorca – Wer von Águilas nach Lorca in Südosten von Spanien fährt, kann es riechen, wenn er sich der Stadt nähert. Der Geruch nach Schweinen liegt in der Luft. Die intensive Schweinezucht spielt eine wichtige wirtschaftliche Rolle in der mit 96.000 Einwohnern drittgrößten Stadt in der Region Murcia. Doch nun sollen die Viehbetriebe aus der Nähe des Stadtzentrums verbannt werden. Die von Sozialisten (PSOE) und Liberalen regierte Stadtverwaltung hat eine entsprechende Änderung in dem Flächennutzungsplan von Lorca (PGOU) vorbereitet, über die am 31. Januar in einer Plenumssitzung abgestimmt werden sollte.

Doch dazu kam es nicht, denn die Nerven der Bauern lagen blank. Eine Demonstration vor dem zum Rathaus gehörenden Zentrum für lokale Entwicklung lief aus dem Ruder. Der Verband der Viehzüchter (Acega) hatte zu dem Protest gegen die Einschränkungen aufgerufen, an dem Bauern sowie Vertreter der oppositionellen Volkspartei PP und der rechtsgerichteten Vox teilnahmen. Etwa 30 Landwirte überwanden die Absperrung der Stadtpolizei und drangen gewaltsam in das Rathaus-Gebäude ein.

Lorca
Höhe353 m
Fläche1.675 km²
Bevölkerung93.079 (2018) Instituto Nacional de Estadística
Provinz

Sie gelangten in den vierten Stock, wo sich Lorcas Bürgermeister Diego José Mateos (PSOE) mit Vertretern des Landwirtschafts-Sektors beriet. Die aufgebrachten Bauern versuchten den Plenarsaal zu stürmen, missachteten die Anweisungen der Polizei, beleidigten Politiker und drohten, das Gebäude niederzubrennen. Es kam zu Handgemengen und Schubsereien mit Beamten, Stadtvertretern, Journalisten und Bürgern, die an der Plenarsitzung teilnehmen wollten. Aus Sicherheitsgründen wurde die Veranstaltung abgesagt. Erst kürzlich hatte Spaniens Konsumminister Alberto Garzón für Zoff gesorgt, nachdem er auf die negativen Auswirkungen der Massentierhaltung auf Umwelt, Gesundheit und Tierwohl hinwies und zu weniger Fleischkonsum aufrief. 

Bauern in Lorca außer sich: Schweinezuchtbetriebe müssen mindestens 1.500 Meter von Wohngebieten entfernt sein

Hintergrund der Eskalation: Im Juli 2020 hatten Rathaus und Landwirte eine Vereinbarung getroffen. Demnach dürfen Mastanlagen nur noch in einem Abstand von 1.500 Metern von bewohnten Ortskernen, Schulen oder Gesundheitszentren sowie 500 Meter von Wasserläufen und 100 Meter von Ramblas entfernt gebaut werden. Nach eineinhalb Jahren Verhandlungen sollten die Regelungen nun genehmigt werden. Doch die Bauern warfen dem Rathaus vor, die Maßnahmen hinter ihrem Rücken verschärft zu haben und sowohl neue Viehzuchtbetriebe als auch Erweiterungen ganz zu verbieten, was nach Angaben des Rathauses nicht zutrifft.

Lorcas Bürgermeister Mateos bezeichnete den Vorfall als Angriff auf die Demokratie und verglich ihn mit der Erstürmung des Kapitols, dem Sitz des US-Parlaments im Januar 2021. PP-Oppositionsführer Fulgencio Gil, der ebenfalls an der Demo teilnahm, ergriff dagegen Partei für die Bauern. Das Land sei explodiert, weil sich die Viehzüchter von Mateos ungerecht behandelt, getäuscht und betrogen fühlten, twitterte er. Der Landesministerpräsident Fernando López Miras  (PP), verurteilte derweil den Gewaltakt und rief zum Dialog auf.

Bauern in Lorca außer sich wegen Einschränkungen bei Schweinezucht: Ziegenbauer entschuldigt sich

Einer der ersten, die am Überfall beteiligt waren und sich zu Wort meldeten, war Pedro Giner, der in Lorca Ziegen züchtet und den mehrfach preisgekrönten Ziegenkäse El Roano herstellt. Giner entschuldigte sich in aller Öffentlichkeit. Er bereue den Angriff, er sei falsch informiert gewesen. Man habe ihm gesagt, in der Plenarsitzung werden Themen erörtert, die den ganzen Tierhaltungssektor bedrohten. Die Lage der Viehzüchter sei ohnehin schon sehr angespannt wegen der steigenden Preise für Futtermittel und Strom. Da sei die Situation eskaliert. Inzwischen wurden sieben Verdächtige festgenommen und mit Auflagen wieder auf freien Fuß gesetzt. Ihnen wird Angriff auf Behörden und Störung der öffentlichen Ordnung vorgeworfen.

Eine Gruppe von Männern steht vor einem Gebäude in Lorca, im Hintergrund sind Spanienfahnen.
Bauern protestieren in Lorca gegen Auflagen für Schweinezuchtbetriebe und bekommen Unterstützung von der Opposition. © Partido Popular Lorca

Welch starkes Gewicht der Viehzuchtsektor in Lorca hat, zeigt sich an der Anzahl der Betriebe. Einem Bericht der „La Verdad“ zufolge wurden im Jahr 2021 2.040 Anlagen in Lorca registriert, das entspricht einem Drittel aller Betriebe in der Region Murcia. Allein 663 sind Schweinemastbetriebe, der Rest verteilt sich auf Ziegen, Schafe, Rinder, Geflügel, Bienen und Kaninchen.

Bauern protestieren in Lorca: Betroffene klagen über unerträglichen Gestank

Was es bedeutet, direkt neben einer Schweinezucht zu wohnen, hat eine Betroffene der Zeitung „La Verdad“ geschildert. Der Gestank sei unerträglich. Man könne keine Wäsche aufhängen, und wenn man zu Hause bei geschlossenen Fenstern am Esstisch sitze, sei es, als ob man mitten im Schweinestall zu Mittag isst. Die Zuchtbetriebe hätten sich immer weiter in Richtung ihres Hauses ausgebreitet, berichtet die Frau.

Die Nachbarschaftsbewegung Salvemos El Consejero setzt sich für den Schutz von Ökosystemen ein, die von intensiv betriebenen Mastbetrieben bedroht werden. Das Problem sei, dass die Menschen in Lorca mit der Schweinezucht aufwachsen, sagte der Sprecher der Plattform Agustín Aznar. Sie züchten Schweine und leben von diesem Geschäft. Früher hätten ihre Familien zehn, 20 oder 50 Schweine gehabt. Heute sind es bis zu 2.000. Die Schweinefarmen seien quasi in die Häuser gezogen. Man könne nicht mehr atmen, sagte auch Aznar. Lorca sei eine der größten Gemeinden Spaniens, da gebe es genügend Land für Viehzuchtbetriebe unter den besten Bedingungen und ohne die Umwelt zu verschmutzen. Es gehe darum, ein Gleichgewicht zwischen Schweinesektor und Anwohnern zu finden, aber nicht darum, die Schweinezucht zu verbannen.

Auch interessant

Kommentare