Migrationskrise 2020

Bootsunglück bei Libyen überlebt: Migrant in Spanien hofft auf Arbeit - Küste weiter im Blick

  • vonStefan Wieczorek
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Die Migrationskrise in Spanien und Europa spitzt sich zu. Im Mittelmeer ertrinken viele Migranten aus Afrika. Ein solches Bootsunglück überlebte Edosa Enagbomna aus Murcia. Nun kämpft er sich durchs Meer der Arbeitslosigkeit - ohne die Hoffnung zu verlieren.

Murcia - Über 70 afrikanische Migranten starben am 12. November bei einem Bootsunglück vor Libyen. Ihr überfülltes Flüchtlingsboot kenterte beim Versuch, mit 121 Menschen an Bord - darunter Frauen und Kinder - Europa zu erreichen. Davon berichtete die Internationale Migrationsorganisation (IOM). Fünf weitere Menschen starben beim Bootsunglück, das im obigen Video von Open Arms zu sehen ist. Viele Horror-Szenen dieser Art bietet die Migrationskrise. Doch für viele afrikanische Überlebende, auch in Spanien, sind sie schockierende Erinnerungen, zum Beispiel für Edosa Enagbomna aus Murcia.

LibyenLand in Nordafrika
Hauptstadt: Tripolis
Unabhängigkeit: 24. Dezember 1951
Index der menschlichen Entwicklung: ▲ 0,708 (110.) (2019)

Bootsunglück bei Libyen: Überlebender Migrant aus Spanien hofft auf Arbeit

„Buenos días“, „¿Como estás?, „¿Y tu família?“ Nette Worte erklingen an Straßenmärkten von Murcia oder Alicante, an denen Edosa Enagbomna steht. Der freundliche Migrant ist aber kein Verkäufer. Er bettelt. Was anderes bleibe ihm nicht übrig, sagt der 30-Jährige. Nach drei Jahren in Spanien habe er weiter keinen Job. Enagbomna brauche aber Geld – für die Familie in Nigeria, seine zwei Kinder, die er seit über fünf Jahren nicht in den Arm genommen habe. In einem neuen Meer, dem der Arbeitslosigkeit, scheint der Migrant zu treiben. Warum er die Hoffnung nicht aufgegeben hat? Das versteht man eher, wenn man weiß, was er auf dem Weg aus Afrika alles schon hinter sich gelassen hat - etwa als Überlebender eines drastischen Bootsunglücks bei Libyen.

Anfang 2015 brach der Automechaniker Edosa Enagbomna aus dem Staat Edo in Nigeria auf. So reich an Bodenschätzen die Zone ist, so arm sei der Großteil der auf dem Land beschäftigten Bürger. „Probleme an allen Ecken“ gebe es, sagt der Afrikaner. „Es ist durchaus üblich, dass Menschen verhungern.“ Im Zuge der Welle in der Migrationskrise 2015 entschloss sich der junge Vater – zum Guten der Familie – Europa anzusteuern. Von Libyen aus würde er im Flüchtlingsboot die Insel Lampedusa von Italien erreichen. Den Plan schmiedete Enagbomna wohl wissend, wie viele tödliche Bootsunglücke auf der Strecke geschehen.

In Libyen arbeitete Migrant Edosa Enagbomna vor dem Bootsunglück wie ein Sklave

Libyen-Lampedusa, also die Horror-Route nach Europa, auf der unzählige Migranten aus Afrika ertranken. Bis heute befahren sie unzählige Afrikaner auf dem Weg zu einer besseren Zukunft, wie sie hoffen. Hat es sich nicht bei ihnen herumgesprochen, wie viele Todesopfer durch Bootsunglücke entstehen? Das Meer sei nicht das einzige Problem, erklärt Edosa Enagbomna. „Die Hölle erlebst du bereits in Libyen.“ Dort wurde er auf einem Hof angeheuert. Durch Arbeit würde er sich die Bootsfahrt verdienen. Allerdings: „Gehalten wurden wir wie Sklaven. Mussten auf dem Boden schlafen, hörten nachts und morgens Schüsse: Geschossen wurde auf Menschen, die fliehen wollten.“ Bei dieser Mafia hielt der Afrikaner tatsächlich anderthalb Jahre aus.

Im Laufe von 2016 - die Migrationskrise war im vollen Gange -, erhielt Edosa Enagbomna in Libyen den Lohn doch noch: den Transport im Flüchtlingsboot nach Europa. Das Gefährt: Eine Nussschale von Bötchen, für 80 Menschen gedacht, von 150 befüllt. Nicht einmal Rettungswesten gab es für die Migranten an Bord, „denn dafür hätten wir bezahlen müssen, und wir hatten kein Geld“. Los ging die wackelige Fahrt ins Ungewisse. „Das Wetter war schlecht“, erzählt der Afrikaner, „und das Meer schrecklich“. Als es dunkler wurde, stieg auch die Angst vor einem Bootsunglück. Als Nacht einbrach, war die Stimmung der Panik nahe.

Bootsunglück bei Libyen: Überlebender Migrant - „Die Albträume waren nicht das Schlimmste“

Da passierte vor der Küste von Libyen der Albtraum: Das überladene Boot kippte. Zahlreiche Menschen fielen von Bord – auch Kleinkinder und Babys – und verschwanden im dunklen Nass. Die Schreie der Nacht haben sich bis heute in Edosa Enagbomna eingebrannt. „Ich weiß noch, wie ich dachte: Meine Familie sehe ich nie wieder. Ich betete: Gott, wenn es jetzt geschehen muss, dann soll es sein.“ Doch der Afrikaner schwamm um sein Leben. Eine Hand packte ihn, zog ihn aus dem Meer ins beschädigte Boot. 60, vielleicht 70 Menschen überlebten das Bootsunglück und sahen irgendwann die Küste von Lampedusa. „Die Albträume waren nicht das Schlimmste“, sagt der Migrant in Murcia heute. „Vielmehr, dass Freunde von mir ihr Leben verloren hatten.“

In Europa läuft so vieles besser als bei uns. Das könnt ihr euch gar nicht vorstellen.

Edosa Enagbomna, Überlebender eines Bootsunglücks bei Libyen.

Doch auch das Festland von Europa war längst keine Rettung. Viel zu voll war das Flüchtlingslager auf Lampedusa. Aus Italien reiste der Migrant weiter - über Frankreich bis nach Spanien, „weil man sagte, dass hier die Chancen auf Arbeit besser sind“. Der Afrikaner lächelt, nicht bitter, freundlich wie immer. Auch wenn Edosa Enagbomna die Realität nun kennt, wolle er nicht weg. „Den Ort zu wechseln würde meine Chancen jetzt nicht steigern“, sagt der Afrikaner, der monatelang als Sklave gehalten wurde. Drei Jahre in Spanien seien genug für eine Arbeitserlaubnis. Er wolle es schaffen, sagt er in passablem Spanisch.

Bootsunglück bei Libyen: Überlebender Migrant hofft in Spanien auf Arbeit.

Bootsunglück bei Libyen: Überlebender Migrant - diesmal mit Rettungsweste

Doch das Ankommen in Europa - mit Arbeit und geregeltem Leben - ist auch für überlebende Migranten wie Edosa Enagbomna schwierig. Im Milieu der „Papierlosen“ lauern in Spanien viele Gefahren: Kriminalität, Drogen wuchern. Ein Abrutschen ist leicht, auch als Opfer des Menschenhandels, durch den viele Frauen aus Nigeria in der Prostitution landen. Der freundliche Migrant aus Afrika hat im Kampf gegen das Meer der Arbeitslosigkeit aber eine Rettungsweste, wenn auch sozialer Art: „Ich habe in Murcia gute Freunde, mit einem teile ich mir das Zimmer. Und: Ich gehe dort in die Pfingstkirche, singe da im Chor“.

Aber was treibt so viele Afrikaner zum mörderischen Exodus aus ihrer Heimat an? „In Europa läuft so vieles besser als bei uns. Das könnt ihr euch gar nicht vorstellen“, sagt der freundliche Migrant, und in den Augen von Edosa Enagbomna blitzt für eine Sekunde ein rettender Küstenstreifen auf. Sein Schicksal hat Sie interessiert? Dann lesen Sie doch auch von Amadou Baldé, unserem Bruder, der es im Flüchtlingsboot bis Valencia schaffte. Auch über die aktuelle Lage der Migrationskrise auf den Kanaren lesen Sie auf costanachrichten.com.

Rubriklistenbild: © Stefan Wieczorek

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