Blick über den Molinete und seine Ausgrabungen in Cartagena.
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Der Molinete in Cartagena: Die Neubauten kommen immer näher, rechts die römischen Ausgrabungen, bei denen man auch Mauern aus punischer Zeit fand, doch Hinweise auf den Asdrúbal-Palast bisher nicht.

Stadtgeschichte in Gefahr

Cartagena: Streit um Neubauten an Ausgrabungsstätte

  • vonMarco Schicker
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Der Streit zwischen Archäologen, Historikern, Stadt Cartagena und Kulturministerium ist absurder als mit Elefanten über die Alpen ziehen zu wollen. Ist am Molinete-Hügel im Zentrum von Cartagena ein Palast der Karthager aus der Zeit Hannibals zu finden oder kann man dort ruhig 120 Eigentumswohnungen errichten?

Cartagena – Cartagena ist eine der ältesten durchgehend bewohnten Städte Europas, seit über 3.000 Jahren haben hier Zivilisationen ihre Spuren hinterlassen. Wo immer ein Spaten in die Erde gestochen wird, stößt man scheibchenweise auf Vergangenheit. Doch weder die Stadt, noch die Region Murcia kommen hinterher, alle denkbaren und erwünschten Grabungen zu finanzieren und personell zu besetzen.

Die Ruine der romanischen Kathedrale thront über dem Teatro romano aus dem 1. Jahrhundert in Cartagena.

Am prominentesten sichtbar sind die römischen Ruinen des wundervoll erhaltenen Teatro Romano nahe des Hafens von Cartagena aus dem ersten Jahrhundert, die erst seit den 90er Jahren des 20. Jahrhunderts erschlossen werden, heute aber einen wichtigen Teil der Identität Cartagenas ausmachen. Einen kleinen Teil des römischen Erbes zeigt das Augusteum, das selbst über römischen Villen mit Bädern, Mosaiken, Statuen errichtet wurde. Derzeit buddeln Experten unter der Stierkampfarena einen großen Circo aus, in dem Brot und Spiele serviert wurden, auch blutige, wie die kürzlich freigelegten „Umkleidekabinen“ der Gladiatoren belegen, und der wohl bis zu 2.000 Sitzplätze hatte. Über eine Million Euro kostet die zweite Grabungsstufe, die das Ensemble zugänglich machen soll. Das einzige archäologische Unterwassermuseum Spaniens, maritime Geschichte und Ruinen wo man geht und steht, zeichnen Cartagena aus. Zum Thema: Einschiffen mit Cervantes - Rundgang durch eine 3.000 Jahre alte, junge Stadt.

Cartagena: Mauern, Spuren, Artefakte aus 3.000 Jahren

Doch Cartagenas Geschichte begann bekanntlich weit vor den Römern. Die Namen der Stadt: Mastia, Mastia de Tarsis, Qart Hadasht, Cartago nova, schließlich Cartagena erzählen von den Iberern, vom vergessenen Tartessos, dem verwunschenen Reich des Silberkönigs, Phöniziern und vor allem ihren verfeindeten Verwandten, den Karthagern, die hier versuchten, Fuß zu fassen als die Römer das legendäre Karthago (im heutigen Tunesien) in den drei punischen Kriegen attackierten und schließlich dem Erdboden gleich machten, um die Seehoheit auf dem Mittelmeer zu sichern. Qart Hadasht, das "neue Karthago", sollte die alte Metropole der Karthager spiegeln, der natürliche Hafen war ideal dafür und General Asdrúbal der Schöne ließ ab 227 v.Chr. in wenigen Jahrzehnten eine befestigte Stadt errichten, die vermutlich mehrere Paläste enthielt. Als die Stadt fertig war, kamen die Römer.

Der kleine Hügel Molinete im Zentrum der Stadt und heute umstellt von Wohnbauten aus dem 19. Jahrhundert bis in die 90-er Jahren ist ein Konzentrat dieser Geschichte. Auf und in ihm legte man eine römische und griechisch inspirierte Kultstätten aus dem 1. Jahrhundert frei, eine namensgebende Mühle aus dem 16. Jahrhundert und fand Gebäudereste und Mauern aus allen Epochen bis ins 20. Jahrhundert, einschließlich der punischen. Freigelegt wurden aber auch Zisternen und andere Strukturen, die den Verdacht nahelegen, hier könnte früher eine noch viel größere Bebauung gestanden haben, eine Festungsanlage aus der Zeit der Karthager, womöglich einer der lange gesuchten Paläste von General Asdrúbal, dem Gründer und Erbauer „Neu-Karthagos“ im 3. Jahrhundert vor unserer Zeit und verwandt mit dem legendären Hannibal.

Morbider Charme und ein kopfloser Kaiser Augustus auf der Plaza San Francisco in Cartagena.

Dessen Entdeckung wäre eine Sensation. Doch einen wissenschaftlichen Nachweis gibt es dafür bis jetzt nicht und der Stadtarchäologe von der Universität Murcia, José Miguel Noguera, der am Molinete mit seinem Team gräbt, hält die Mutmaßungen einiger seiner Kollegen für völlig übertrieben. Darunter auch jene von Iván Negueruela, Direktor des archäologischen Unterwassermuseums von Cartagena und ein Kenner der Historie der Stadt. Dieser wirft der Stadt vor, seit Jahren die Stätte mit Müll zuzuschütten, um so systematische Erkenntnisse im wahrsten Sinne zu begraben. Man könne keinen Nachweis erbringen, wenn man nicht systematisch forscht. Dass etwas da sein muss, will man durch Mauern aus punischer Zeit, aber auch durch zeitnahe Schriften des griechischen Historikers Polibio belegen können, der 150 Jahre vor unserer Zeit - also nur rund 80 Jahre nach den Ereignissen - von der Stadtgründung durch Asdrúbal dem Schönen während der Eroberungszüge in Iberien berichtet und von "wunderschönen Königspalästen" in Qart Hadasht.

Romanze auf dem Molinete. Der zentral gelegene Hügel in Cartagena birgt römische Baudenkmäler, die alte kleine Mühle, die ihm den Namen gab und bietet eine gute Sicht über die Stadt.

Und die Stadt? Sie will mehrere Grundstücke am Fuße des Hügels versteigern, 120 Wohnungen sollen dort entstehen, die bereits getätigten Ausgrabungen würden nach den Vorgaben dabei zwar sichtbar bleiben, „aber nur, wenn die Leute in die Keller und Garagen der neuen Anwohner steigen“, so Negueruela. Er hat sich über die Geschichtsvergessenheit des Rathauses Cartagena jetzt in Madrid beschwert und das Kulturministerium auf seine Seite gezogen. Das fordert eine „vollständige Dokumentation“ an und will bald eine Expertenkommission entsenden, die dann bewerten soll, ob sich weitere Grabungen lohnen und der Wohnungsbau daher unterbunden werden sollte.

Die Grabungen im Hintergrund (grüner Zaun) sind geschützt, doch viele Grabungsstellen des Molinete in Cartagena sind ungeschützt.

113 Archäologen sprangen nun ihrem Kollegen aus Murcia in einem offenen Manifest bei und verbitten sich die Einmischung der Ministerialbeamten. Es sei nicht deren Sache, archäologische Erkenntnisse zu bewerten (ist es aber doch), die bisherigen Grabungen hätten belegt, dass es an diesem Ort keinen Palast gebe. Dass Archäologen riskieren, dass eine wichtige Grabungsstätte mit Neubaten versiegelt wird, nur, um dem ihnen übergeordneten Fachministerium eins auszuwischen, das ist eine besondere Qualität des Zunftsstolzes. Denn allein die schon freigelegten Strukturen aus römischer Zeit, für Cartagena sozusagen Altneubauten, würden einen völligen Baustopp für alle Zeiten in dem Areal rechtfertigen.

Panoramablick über Römertheater und Hafen von Cartagena auf die Anlagen des Arsenals, der Marineakademie der spanischen Armee.

Die Stadt könnte auch einen Mittelweg gehen und den reizvollen, aber teils verwahrlosten Molinete zum geschützten Park erklären, die Archäologen wie die Gärtner ihre Arbeit machen lassen und so auch einen neuen touristischen Anziehungspunkt schaffen, eine Art archäologischen Lehrpfad mit Blick über Stadt und Hafen.

Cartagena ist eine einzige archäologische Fundgrube. Blick von einer alten Säule auf dem Molinete zu einem anderen Hügel.

Denn allein in Cartagenas unmittelbarem Zentrum gibt es über 200 leerstehende und verfallende Häuser und Grundstücke, um die man sich eher kümmern sollte, bevor man den Molinete verkauft - vielleicht findet sich der Palast ja unter einem von denen. Doch dazu müssten aber stolze Archäologen von ihrem hohen Ross steigen, die Stadt ihre Baupolitik grundsätzlich überdenken und Ministerialbeamte vom Bestimmer zum Vermittler werden: Hannibals Elefantentour war dagegen ein Spaziergang und die punischen Kriege nicht mehr als ein launiges Armdrücken unter Freunden.

Zum Thema: Einschiffen mit Cervantes - Rundgang durch eine 3.000 Jahre alte, junge Stadt.

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