Corona-Krise und Natur

Coronavirus und das Mar Menor: Eine Lagune liegt im Sterben

  • vonSandra Gyurasits
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Europas größtes Binnenmeer kann bald nicht mehr: Die strikte Ausgangssperre während der Coronavirus-Krise hat zwar vielerorts der Umwelt eine Atempause verschafft, das Mar Menor aber leidet weiter.

  • Das Mar Menor hat sich trotz reduzierter menschliche Aktivität nicht erholt.
  • Schlamm und grüner Glibber am Küstenstreifen im Süden der Lagune.
  • Weiterhin fließen belastete Abwässer in das Binnenmeer.

Cartagena - Wenn die Coronavirus-Krise überhaupt etwas Gutes bewirkt haben sollte, dann für die Umwelt. Flora und Fauna scheinen sich während des strengen Ausgangsverbots erholt zu haben. Die Schadstoffbelastung in der Luft ist deutlich gesunken, seltene Vögel kehren zurück und bauen Nester, Delfine lassen sich vor der Küste blicken. Nur ein Ökosystem, das ums Überleben kämpft und nichts dringender braucht als Erholung, scheint von dem Lockdown nicht zu profitieren.

Das Mar Menor ist bei Touristen wegen des Klimas beliebt.

Es geht um eines der größten Binnenmeere in Europa, das Mar Menor im Norden der Region Murcia. Die schmale Landzunge La Manga trennt das Binnen- vom Mittelmeer und ist bereits seit den 60er Jahren eine beliebte Touristenhochburg. Das Mikroklima, kurze milde Winter und warme Temperaturen, der hohe Salzgehalt in den Lagunen und der Heilschlamm in San Pedro del Pinatar, mit dem sich Touristen von oben bis unten einreiben, haben den Ruf, gesundheitsfördernd zu sein.

Coronavirus-Krise: Mar Menor profitiert nicht von der Erholungspause

Doch dem „Juwel der Natur“, wie das Mar Menor gerne genannt wird, geht es schlecht. Auch die strikte Reduzierung menschlicher Aktivitäten während der Covid-19-Krise konnte nicht verhindern, dass weiterhin nitrathaltige Abwässer aus den umliegenden landwirtschaftlichen Feldern in die Lagune fließen. Die Schadstoffe, werden durch einen erhöhten Grundwasserspiegel in das Mar Menor gedrückt und gelangen durch mehrere Ramblas in das Binnenmeer.

Die Folgen sind derzeit wieder sichtbar und riechbar, vor allem am Küstenstreifen im Süden des Mar Menor. Schlamm, Schaum und eine grüne glibbrige Schicht auf der Wasseroberfläche aus sich zersetzenden Algen verbreiten ein unansehnliches Bild und üblen Geruch. Lust, hier einen Fuß ins Wasser zu setzen, dürfte wohl niemen haben. Das Phänomen ist nicht neu. Schlamm sammelt sich am Uferrand, trocknet, häuft sich an, bildet eine Barriere und verhindert die natürliche Bewegung des Wassers.

In dem stehenden Gewässer beschleunigt sich bei einer Wassertemperatur von derzeit 23 Grad Celsius der Fäulnis-Prozess der Algen, bei dem Schwefelwasserstoff freigesetzt wird. Das giftige Gas riecht bereits in geringsten Mengen nach faulen Eiern. Im Freien stellt es aber keine Gefahr für die Gesundheit dar.

Auf der Wasseroberfläche am Ufer in Los Urrutias hat sich eine grüne Schleimschicht gebildet.

Mar Menor: Zu viel Algen und Schlamm verderben Badespaß

Die nitrathaltigen Abwässer sind zusätzliche Nährstoffe für Algen, die sich explosionsartig vermehren. Besonders betroffen von Schlamm und Glibber sind die Playas Punta Brava, Los Urrutias und Estrella de Mar, aber auch Los Nietos, Buchten in Santiago de la Ribera in San Javier sowie Lo Pagán und Villananitos in San Pedro del Pinatar. In den vergangenen Sommern sei das Baden schon schwierig gewesen, kritisieren die Nachbarschaftsvereinigungen. Doch in diesem Jahr sei es unmöglich. Der schlammige Boden und die Algen seien nicht nur abstoßend, sondern stellten auch eine Rutschgefahr dar.

Das Mar Menor war im Sommer 2016 in die internationalen Schlagzeilen geraten, nachdem sich das sonst kristallklare Wasser in eine grüne Suppe verwandelte. Besucher, Anwohner, Hoteliers, Einzelhändler, Naturschützer und Politiker waren geschockt. Letztere wiederholen seitdem mantramäßig, die Rettung des Mar Menor habe oberste Priorität, kein einziger Tropfen Schadstoff soll mehr in die Lagune gelangen und Umweltschutz stehe über allem. Anschließend schieben sich Zentral- und Landesregierung gegenseitig die Verantwortung zu. Und passiert ist nichts. Das Mar Menor liegt weiterhin im Sterben.

Mar Menor in Gefahr: Die Tourismusbranche zittert

Seit Jahrzehnten fließen belastete Abwässer in die Lagune. Eine florierende Landwirtschaft, die Jobs und Einnahmen schafft, stand jahrzehntelang über Umweltschutz, der auch von der Politik eher als Bremse für die Wirtschaft gesehen wurde. Doch nun geht es einem zweiten wichtigen Standbein der Wirtschaft an den Kragen, der Tourismusbranche, die ohne schwer gebeutelt ist von der Coronavirus-Krise und negative Schlagzeilen über das Mar Menor gar nicht gebrauchen kann.

Die Zeitung „El País“ über den Kollaps des Mar Menor:

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