Ein Reinigungstrupp reinigt mit Rechen die verschmutzten Strände am Mar Menor.
+
Immer wiederkehrendes Bild am Mar Menor: Verschlammte Strände

Kettenreaktion am Mar Menor

Ökokatastrophe im Mar Menor wird zur Wirtschafts- und Tourismuskrise

  • Sandra Gyurasits
    VonSandra Gyurasits
    schließen

Die Verschmutzung des Mar Menor ist längst nicht mehr nur eine Umweltkrise. Auch die Wirtschaft bekommt die Folgen zu spüren: Weniger Feriengäste, fallende Immobilienpreise und leere Fischernetze.

Cartagena – Die Ökokatastrophe im Mar Menor an der Costa Cálida ist nicht nur eine Umweltkrise. Das Desaster an der Mittelmeerküste von Spanien schnürt auch der Wirtschaft, dem Tourismus, dem Immobilienmarkt und den Fischern in den Mar-Menor-Gemeinden die Luft ab, so wie den Fischen, die im August tonnenweise tot an die Ufer gespült wurden, weil es keinen Sauerstoff im Binnenmeer mehr gibt. Das Massensterben löste eine Kettenreaktion aus. Die Hotels leerten sich, Urlaube wurden gecancelt, Segelkurse abgesagt und die Fischernetze blieben leer.

Mar Menor
Fläche170 km²
Mittlere Tiefe4 m
Als Welterbestätte ernannt4. Oktober 1994
InselnIsla Mayor, Isla del Ciervo, Isla Perdiguera, Isla Rondella, Isla del Sujeto

Auch die vielversprechende Saison der Riesengarnelen konnte die Verluste bei weitem nicht wett machen. Gerade einmal ein Kilogramm des wertvollen Krustentieres lieferten die Fischer nach einem harten Tag Arbeit im Hafen ab. Auch die Goldbrassen, die sich normalerweise in großen Mengen im November im Mar Menor tummeln, ließen sich nicht blicken. Man könne den Meeresgrund nicht einmal in zwei Meter Tiefe sehen, klagen die Fischer, die einen Großteil ihrer Einnahmen verloren haben. Durch die Einleitung von nitrat- und phosphathaltigen Abwässern aus den umliegenden Anbaufeldern vermehren sich die Algen explosionsartig, trüben das Wasser und nehmen den Meeresbewohnern Licht und Sauerstoff.

Ökokatastrophe im Mar Menor: Verschlammte Strände verderben Immobilienpreise

Doch das ist nicht die einzige Bedrohung, der das Mar Menor ausgesetzt ist. Bei starken Regenfällen werden Süßwasser, Schlamm und Schwermetalle aus den Minen der Sierra Mineras in die Lagune gespült. Die Folgen bekommt vor allem der südliche Teil des Mar Menor zu spüren, wie Los Urrutias oder Los Nietos in Cartagena. An den Ufern der Strände bilden sich große Mengen an Schlamm, die den Urlaubern den Badespaß verderben und den Immobilienbesitzern die Preise. An den Fassaden der Apartmenthäuser hängen viele „se vende“ Schilder (zu verkaufen). Sie könnten auch gleich durch „se regala“ (zu verschenken) ersetzt werden, beschweren sich die Besitzer.

Die Immobilienbranche klagt über das drei Jahre geltende Bauverbot am Mar Menor zum Schutz der Lagune. Nach Meinung der Bauunternehmer könnten Touristen durch neue Hotels wieder angelockt werden. Doch Investoren stehen derzeit nicht gerade Schlange. Die letzte größere private Investition wurde 2016 von der Hotelkette Roc getätigt. Sie steckte sechs Millionen Euro in das Hotel Doblemar, ein Komplex mit 500 Zimmern auf La Manga. Derzeit sind die meisten Hotels geschlossen. Der Winter ist die Zeit der ausländischen Residenten.

Ökokatastrophe im Mar Menor : Nicht alle Landwirte sinde gleich – ein Beispiel

Die Bilder der von toten Fischen bedeckten Strände am Mar Menor schockierten über die Grenzen Spaniens hinaus und führten zu massenhaften Urlaubsstornierungen im September. Die Touristen buchten Apartments auf der Landzunge La Manga mit Blick auf das Mittelmeer und nicht auf das Mar Menor, berichteten Ferienvermieter der Zeitung „La Verdad“. Die Branche wies auf die Bedeutung des Tourismus am Mar Menor hin, der 11,6 Prozent zum Bruttoinlandsprodukt der Region Murcia beitrage, die Landwirtschaft nur 4,6 Prozent.

Dabei gilt die Agrarindustrie als die „Hauptschuldige“ der Ökokatastrophe im Mar Menor. Dass nicht alle gleich sind, zeigt das Beispiel von Víctor Fernández Henarejos aus Los Alcázares. Der 57-jährige Landwirt erntet nur einmal im Jahr Brokkoli, während die Kollegen das Land in Campo de Cartagena mit bis zu drei Ernten ausbeuten. Dafür wird Fernández als der „Dumme vom Land“ bezeichnet, wie er selbst der „La Verdad“ erzählt.

Ökokatastrophe im Mar Menor : Umweltkrise hat direkte Auswirkungen auf den Tourismus

Er überlässt sein Land ab Mai den Brachschwalben, die zu dieser Zeit aus Afrika zurückkehren, um am Mar Menor zu nisten. Er halte sich an die Vorgaben und nutze auf den nahe der Ufer gelegenen Feldern nur organischen Dünger. Seinen Angaben zufolge gibt es heute rund 50.000 Hektar Anbaufläche, die vorher nicht existierten. Das bedeute auch eine Menge Wasser und Dünger, um drei Mal im Jahr zu ernten. Die Folgen hat der Landwirt am eigenen Leib zu spüren bekommen. Wegen der Verschmutzung des Mar Menor sind die sechs Ferienwohnungen, die er in einer Anlage am Mar Menor besitzt, ohne Gäste geblieben.

Das könnte Sie auch interessieren

Mehr zum Thema

Kommentare