Der Fluss Guadalquivir bei Sevilla mit der Torre del Oro im Hintergrund.
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Der Guadalquivir fließt durch Sevilla, daran besteht kein Zweifel. Aber wo entspringt er und wo genau mündet er in den Atlantik? An diesen Fragen scheiden sich die Geister.

Lebensader einer Region

Andalusiens Río Grande: der Guadalquivir - dessen Anfang und Ende umstritten sind

  • José Antonio Nieto
    VonJosé Antonio Nieto
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Der Guadalquivir ist Andalusiens mit Abstand längster Fluss. Über 670 Kilometer erstreckt er sich, oder sogar über 740, je nachdem wo man seine Quelle verortet. Umstritten ist indes nicht nur sein Ursprung. Die Mündung in Sanlúcar de Barrameda wird neuerdings nämlich ebenfalls angezweifelt - von der Nachbargemeinde Chipiona.

Cádiz - Über 670 Kilometer erstreckt sich der Guadalquivir, der mit Abstand längste Fluss in Andalusien. Die Lebensader der Region fließt durch zwei der wichtigsten andalusischen Städte – Córdoba und Sevilla, mit dem direkt am Flussufer gelegenen Torre del Oro. Und er passiert neben diesen beiden zumindest auch noch die Provinzen Jáen, Huelva und Cádiz. Womöglich aber auch noch die Provinzen Almería und Granada, da der Ursprung des Flusses umstritten ist (siehe unten). Einzig die Provinz Málaga würde in diesem Fall in Andalusien vom Fluss unberührt bleiben.

ChipionaAndalusische Gemeinde
Fläche32,92 Quadratkilometer
Einwohner19.068 (Stand 2019)
ProvinzCádiz

Die alten Römer nannten den Guadalquivir Betis und die Bedeutung, die sie dem Fluss beimaßen, verdeutlicht allein schon der Umstand, dass sie ihre Provinz im Süden von Hispania nach dem Fluss Betica nannten. Die Araber bezeichneten ihn wiederum als Wad-al-kabir, woraus schließlich der heutige Name des Flusses abgeleitet wurde. In den spanischen Schulen lernten die Kinder seit eh und je, dass der Guadalquivir in der Sierra de Cazorla der Provinz Jáen entspringt und bei Sanlúcar de Barrameda in der Provinz Cádiz in den Atlantischen Ozean mündet. Die Lehrbücher für Geografie will nun indes ein Mann umschreiben: Luis María Aparcero, Bürgermeister von Chipiona, der Nachbargemeinde von Sanlúcar de Barrameda.

Andalusiens Río Grande: Süßwasser des Guadalquivir reicht ein Stück weit in den Ozean hinein

Chipiona liegt an einer Landspitze, die südwestlich von Sanlúcar de Barrameda in den Atlantik hineinragt. Im Vergleich zur Küste des Nationalparks Doñana, die oberhalb der Mündung des Guadalquivir liegt, ragt Chipiona quasi wie ein überstehender Unterkiefer heraus. Und bis zum Leuchtturm von Chipiona soll noch Süßwasser des Flusses anzutreffen sein, weshalb Aparcero versichert, dass der Guadalquivir zwar an Sanlúcar de Barrameda vorbeifließe, dort aber noch nicht ins Meer münde, sondern eben erst in Chipiona.

Seine gewagte These will der Bürgermeister auf ein wissenschaftliches Fundament stellen. Wofür er eine archäologische Studie der Universität von Granada in Auftrag gegeben hat. Dafür, dass Sanlúcar de Barrameda schon immer als Mündungsort des Guadalquivir galt, hat Aparcero auch eine Erklärung parat. Das heute durch den Tourismus etwas bekannter gewordene und mittlerweile auf 20.000 Einwohner angewachsene Chipiona habe historisch nur eine geringe Bedeutung gehabt und stets im Schatten der größeren Nachbargemeinde gestanden.

Andalusiens Río Grande: Streit um exakten Mündungsort droht Nachbargemeinden zu entzweien

Der Bürgermeister von Sanlúcar de Barrameda, Victor Mora, hält die Äußerungen seines Amtskollegen aus Chipiona für einen Scherz. Die beiden Gemeinden verbinde eine enge Beziehung, die nicht durch ein sinnloses Wetteifern aufs Spiel gesetzt werden sollte. Die guten nachbarschaftlichen Beziehungen will der Bürgermeister von Chipiona nach eigener Aussage auch nicht verderben, dass seine Gemeinde aber in Abhandlungen über den Guadalquivir keinerlei Erwähnung findet, könne er nicht akzeptieren.

Umstritten ist indes nicht nur, wo der Guadalquivir exakt mündet, sondern auch, wo er entspringt. Der herrschenden Meinung, dass sich die Quelle des Flusses bei Quesada in der Provinz Jaén befindet, widersprechen nämlich nicht wenige Wissenschaftler, die sie zwischen den Gemeinden María und Vélez Blanco im Norden der Provinz Almería verorten. Eine vor über vier Jahrzehnten bereits veröffentlichte Studie stützt diese These. Demnach soll der an der alternativen Quelle entspringende Guadiana Menor, der als Zufluss des Guadalquivir gilt, beim Zusammentreffen mit dem aus Quesada kommenden Flusslauf eine größere Wassermenge beisteuern, weshalb eigentlich der aus Quesada kommende Wasserlauf als Zufluss angesehen werden müsste. Zudem wäre der Guadalquivir, wenn denn der Guadiana Menor als sein Ursprung anerkannt werden würde, mit 740 Kilometern um einiges länger.

Zum Thema: Abenteuer am Ufer des Guadalquivir: Ein Tag und eine Nacht in Triana (Sevilla)

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