Spanien feiert Weihnachten

Soldat aus Andalusien wollte im Bürgerkrieg nicht töten - Und schoss in die Luft

  • Stefan Wieczorek
    VonStefan Wieczorek
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Im spanischen Bürgerkrieg wurde der junge Spanier gefragt: Bist du für oder gegen uns?“ Doch der Soldat mit Weihnachten im Herzen nahm die Waffe in die Hand und schoss dahin, wo keiner stand. 

Jaén - Gern wird an Weihnachten an das im obigen Video erzählte Weihnachtswunder des ersten Weltkrieges erinnert. Am 24. Dezember 1914 und den folgenden Tagen kam es an der Front in Flandern zwischen Deutschen und Briten spontan zum Waffenstillstand („Christmas truce“). Verfeindete Soldaten tauschten Geschenke und Traditionen aus und spielten Fußball. Weniger bekannt sind solche Episoden aus dem spanischen Bürgerkrieg 1936 bis 1939. Aber sie gab es. Wir stellen einen besonderen Spanier aus Andalusien vor, der - in weihnachtlichem Geiste - sogar während des gesamten Krieges nicht töten wollte.

Spanischer Bürgerkrieg17. Juli 1936 – 1. Apr. 1939
Folgen: Ende der Zweiten Spanischen Republik, Diktatur Francos
Ausgang: Sieg der Putschisten
Ort:Spanien, Spanisches Kolonialreich

Andalusien im Bürgerkrieg: Soldat wollte nicht töten - Und schoss in die Luft

„Das Gewehr zielte bereits auf meinen Vater, als er das Bildchen herausholte...“ Da bricht die Stimme von Ramón López, er senkt den Blick und weint. Es dauert, bis der Spanier wieder spricht. „Verzeihung. Bis jetzt reibt die Geschichte mich auf.“ Wie verständlich. Mit dem 65-Jährigen würden wir heute nicht über das Weihnachtswunder sprechen, wenn der Soldat des Erschießungskommandos seinen Vater im spanischen Bürgerkrieg, getötet hätte. Doch Juan Miguel López starb erst 2005 mit 93 eines natürlichen Todes. Der Andalusier aus Jaén überlebte die Haft und viel später einen gefährlichen Krebs.

Die Familie hatte nicht einmal Platz zum Hinlegen. Da nahm Vater uns Kindern die Decken weg, um sie den Zigeunern zu geben. Dabei war es Weihnachten, und kalt!

Ramón, Sohn von Juan Miguel López, des Soldaten, der nicht töten wollte

Was war das Besondere an diesem Spanier, den wir an Weihnachten vorstellen? Jede Menge, sagt Ramón López „Ich habe so viele Eindrücke von meinem Vater, die mir sagen, dass er jetzt im Himmel ruht.“ Auf die Spur des friedfertigen Soldaten kamen wir durch Bewohner des Einwandererviertels San Antón in Elche. Dort erzählte man uns von einem zugewanderten Mann aus Andalusien, der als Soldat im spanischen Bürgerkrieg in die Luft schoss, um niemanden zu töten. Und der seine letzten Lebensjahre in der Palmenstadt an der Costa Blanca verbrachte.

Ja, das mit den Schüssen in die Luft stimme, sagt Ramón López. „Mein Vater sprach nicht viel vom Bürgerkrieg, aber das hat er uns mehrmals bestätigt.“ Als der Krieg 1936 ausbrach, war Juan Miguel López im Wehrdienst und wurde da fast selbsverständlich auf die Seite der Republikaner berufen. Überzeugt sei er aber nur von einer Idee gewesen: Dass Töten der falsche Weg ist.

Weihnachtswunder aus Andalusien: Juan Miguel López als Palmenträger in Elche.

Besondere Spaniuer: Als Polizist ließ Juan Miguel López Häftlingen Essen bringen

Für eine solche Positionierung hatte der spanische Bürgerkrieg jedoch kein Lager zu bieten. Für Millionen junge Spanier gab es urplötzlich nur die eine Wahl: Bist du für oder gegen uns? Juan Miguel López aber gelang es, eine ganz eigene Antwort auf die Frage zu finden. „Er nahm die Waffe in die Hand und feuerte absichtlich in die Luft oder rechts, links, was weiß ich, damit durch ihn niemand sterben musste“, erzählt der Sohn des friedsamen Mannes aus Andalusien.

Diesem Handeln lag eine typische Haltung von Juan Miguel López zugrunde, meint sein Sohn und begründet das mit weiteren kleinen Weihnachtswundern aus dem späterem Leben des Vaters. So schaffte es der einstige Soldat des Republikaner-Lagers tatsächlich später in Andalusien zum Polizisten der Guardia Civil. Dort, erzählt López Junior, hätte sich sein Vater bei Kollegen, aber auch bei Kriminellen großen Respekt erarbeitet. „Mein Vater wollte, dass niemand unmenschlich behandelt wurde“, erzählt Ramón López. „So weiß ich zum Beispiel noch, dass wir einem Häftling, den er verhaftet hatte, täglich Essen in die Zelle bringen mussten.“

Weihnachtswunder für Zigeunerfamilie: Das Landhaus, das in Elche leerstand

Der Häftling erhielt nicht etwa überschüssiges Essen. „Sondern es waren zwei Portionen extra, die Mutter kochte. Die eine bekam der Häftling, die andere eine arme Frau, die täglich zu uns mit einem Topf kam und Essen mitnahm“, erzählt Ramón López. Vater Juan und Mutter Mariana Padilla harmonierten also, was das gute Herz anging, aber eben nicht immer. „Als wir in Elche an der Costa Blanca wohnten, tauchte im Winter eine Zigeunerfamilie auf. Sie hatten nichts, nicht einmal Platz zum Hinlegen. Da nahm Vater uns Kindern die Decken weg, um sie ihnen zu geben. Dabei war es Weihnachten, und kalt!“ (Unten: alte Fotos aus Elche)

Einen „Riesenärger“ gab es deshalb mit Mama, lächelt Ramón López heute. Letztendlich sprach der Vater mit Bekannten und sorgte für die arme Familie für ein kleines Weihnachtswunder. Denn diese Bekannten aus Elche hatten an der Costa Blanca ein unbenutztes Landhaus, in dem die Zigeuner unterkommen kommten. „Sie blieben lange dort, und waren stets voller Dank für die Geste“, erzählt López Junior.

Als Rentner versorgte Juan Miguel López dann 16 Jahre lang als freiwilliger Aktivist Kranke, fuhr sie sogar in den Pilgerort Lourdes. „Mein Vater war bis zum Ende sehr fromm“, erzählt sein Sohn. Das habe ihm auch das Leben vor dem eingangs genannten Erschießungskommando im spanischen Bürgerkrieg gerettet.

Kein Weihnachtswunder: Im Bürgerkrieg starben bis zu 500.000 Spanier

Denn kurz vor Ende des spanischen Bürgerkriegs fassten die Franquisten den friedsamen Republikaner. Dass er im Krieg nicht töten wollte, wussten die Franco-Soldaten natürlich nicht und stellten Juan Manuel López zum Erschießen an die Wand. Da zog López seine letzte Waffe hervor: ein Heiligenbildchen. „Das hatte er immer bei sich, auch später, bis ins hohe Alter“, sagt sein Sohn. Das Bildchen zeigte Pater Damian de Veuster, einen katholischen Geistlichen aus Belgien, der im 19. Jahrhundert nach Hawaii ging, um Leprakranke zu pflegen – und selbst daran starb.

Dieser Padre Damián war zwar nicht unbedingt ein Modell für Spaniens Faschisten – aber immerhin ein Heiliger der vom rechten Franco-Lager verehrten katholischen Kirche. „Ein Oberst konnte mit dem Bildchen nichts anfangen“, erzählt Ramón López, „aber einer der jungen Soldaten doch. Er überzeugte die anderen, Vater am Leben zu lassen.“ Juan Miguel López überlebte, und durfte später mit seiner Frau und sechs Kindern - erst unter Franco, dann in der Demokratie - ein erfülltes Leben leben.

Für Spanien aber blieb das Weihnachtswunder aus. Bis zu 500.000 Menschen fielen im spanischen Bürgerkrieg, viele von ihnen, weil sie in ein mörderisches Raster zweier Kriegslager gezwängt wurden. Kein Heiligenbildchen rettete sie vor dem Tod. Übrigens brachte auch der legendäre Waffenstillstand 1914 kaum etwas. Bis 1918 forderte der erste Weltkrieg Millionen Menschenleben. „Die, die heute alte politische Lager aufreißen, wissen nicht, was sie tun“, mahnt daher der Sohn des Mannes, der in die Luft zielte.

Sie sind an Schicksalen von Spaniern im Bürgerkrieg interessiert? Dann lesen Sie auch von Miguel Hernández, dem Dichter, nach dem der Flughafen Alicante-Elche benannt wird. Oder von der Attacke auf Alicantes Herz: Der Bombardierung des Platzes an der Markthalle.

Rubriklistenbild: © Familie López (Elche)

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