Ein Mann mit Schutzmaske steht vor dem Eingang zu einem Geschäft.
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Die andalusische Landesregierung hat der Bevölkerung ein wenig mehr Freiheiten gewähren wollen, aber auch nicht allzu viele.

Weihnachtslektion gelernt

Coronavirus in Andalusien: Deeskalation mit angezogener Handbremse

  • José Antonio Nieto
    vonJosé Antonio Nieto
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Bei der Lockerung der Corona-Restriktionen will sich die Landesregierung diesmal Zeit lassen. Die bisherigen Mobilitätsbeschränkungen hat sie aufrechterhalten. Bars und Restaurants sollen zwar länger öffnen dürfen, aber längst nicht überall.

Update, 14. März: Der Tenor der Botschaften der andalusischen Landesregierung ist nach wie vor davon bestimmt, höchste Vorsicht walten zu lassen, wenn es um das Thema Deeskalation geht. Andalusiens Ministerpräsident, Juanma Moreno, hat am heutigen Sonntag bekannt gegeben, dass er soziale Aspekte und auch die Wirtschaft berücksichtigen werde, er jedoch für eine gemäßigte Deeskalation plädiere. Der PP-Vorsitzende schickte voraus, dass Gemeinden, Städte und Provinzen, deren 14-Tages-Inzidenz über der von den Experten festgelegten Grenze liegt, nicht mit einer Ausweitung der Mobilität rechnen können. In einem Interview mit dem Radiosender Canal Sur sagte Moreno: „Wir müssen in kleinen Schritten vorangehen. Eine erhöhte Mobilität richtet sich nach der Entwicklung der Inzidenzwerte.“ Auf die Frage zur derzeitigen Ausbreitung des Coronavirus in Andalusien sagte Moreno, dass in der Autonomieregion die Verbesserung der Lage etwas ins Stocken geraten ist. Die Einschränkung der Mobilität und die soziale Distanz bezeichnete er als sehr effektiv. Präzise Schritte seien nun erforderlich. Besorgt zeigte er sich wegen der Impfstofflieferungen, denn im Moment würden nicht die Mengen geliefert werden, die benötigt werden.

Sevilla – Andalusien hat in diesem Winter eine hohe Rechnung bezahlt für die Lockerung der Coronavirus-Restriktionen vor Weihnachten. Die dritte Infektionswelle stellte in der Region die beiden vorherigen in den Schatten. Die 14-Tages-Inzidenz erreichte mit Werten weit jenseits der 900 neue Höchststände, die Auslastung der Hospitäler stellte mit bis zu 4.980 Covid-Patienten und 735 Corona-Infizierten ebenfalls neue Rekorde auf und allein im Februar verstarben 2.036 Personen mit Covid-19, so viele wie in keinem anderen Monat seit Beginn der Pandemie vor einem Jahr. Was nicht zuletzt wohl daran gelegen haben dürfte, dass die dritte Welle, anders als die zweite, beinahe nahtlos an die vorherige angeknüpft hatte, als diese noch nicht ganz abgeklungen war. 

Coronavirus in Andalusien: Fallzahlen sinken weiterhin, aber immer langsamer

Mittlerweile ist die dritte Corona-Welle wieder stark abgeebbt. In den Krankenhäusern der Region befinden sich nur noch 1.502 Covid-Patienten, von denen 354 auf die Intensivstation verlegt werden mussten (Stand 5. März). Und die Infektionsrate der letzten 14 Tage ist inzwischen auf 136 pro 100.000 Einwohner abgefallen, womit Andalusien unter dem landesweiten Mittelwert liegt, der sich auf 153 beläuft. Die Fallzahlen sinken weiterhin, ihr Rückgang hat sich aber in den letzten Tagen im Vergleich zu den vorangegangenen Wochen deutlich abgeschwächt. Und die Belastung des Gesundheitswesens entspricht noch immer in etwa jener, die auf dem Höhepunkt der ersten Welle im Frühjahr vergangenen Jahres erreicht worden war.

Hinzu kommt, das die noch infektiösere britische Variante in Andalusien bereits der dominante Coronavirus-Typ sein soll und dass im Rahmen der Ende Dezember angelaufenen Impfkampagne erst weniger als drei Prozent der andalusischen Bevölkerung immunisiert werden konnte. Aus all diesen Gründen hat das Expertenkomitee, das die Landesregierung in der sanitären Krise berät, von großen Sprüngen bei der Deeskalation abgesehen. Ihrer Empfehlung folgend, hat das Kabinett des Ministerpräsidenten Juanma Moreno mit Wirkung zum heutigen Tag auch nur geringfügige Korrekturen der bisherigen, seit Anfang Januar geltenden  Corona-Regeln vorgenommen. So bleiben zum Beispiel nach wie vor die gesamte Region sowie ihre acht Provinzen untereinander abgeriegelt. Und auch die nächtliche Sperrstunde gilt weitherhin unverändert von 22 bis 6 Uhr.

Coronavirus in Andalusien: Noch 26 Gemeinden isoliert und acht ohne Gastronomie

Gleich geblieben ist ebenso, dass Gemeinden mit einer 14-Tages-Inzidenz über 500 isoliert werden, wovon aktuell nur noch 26 Gemeinden betroffen sind, 25 weniger als noch bis zum gestrigen Donnerstag. Darunter befindet sich keine Provinzhauptstadt mehr und auch keine größere Stadt mit mehr als 50.000 Einwohnern. Und wegen einer Inzidenz über 1.000 müssen derzeit in sieben Gemeinden die Gaststätten sowie die nicht systemrelevanten Geschäfte geschlossen bleiben. Deren Zahl hat sich zum heutigen Freitag um eine erhöht. Die Zahlen werden auch weiterhin jeden Donnerstag geprüft, um zum darauffolgenden Freitag die entsprechenden Restriktionen anzuordnen oder wieder aufzuheben. In Gemeinden mit weniger als 1.500 Einwohnern soll indes nicht mehr nur die 14-Tages-Inzidenz das allein entscheidende Kriterium, sondern auch dessen Entwicklung mit ausschlaggebend sein. Kleine Dörfer beklagten nämlich wiederholt, dass in ihren Ortschaften schon einige wenige Infektionsfälle die Inzidenz in einen vierstelligen Bereich hochschnellen lässt.

Geändert hat sich an den Corona-Regeln zum einen, dass nun wieder sechs statt nur vier Personen aus verschiedenen Haushalten zusammenkommen können, und zwar sowohl in Wohnungen wie auch im öffentlichen Raum. Das gilt zum Beispiel auch für die Außenterrassen von Lokalen, nicht aber für ihre Innenräume, in denen an einem Tisch weiterhin maximal vier Personen zusammen sitzen dürfen. Die zweite Lockerung der bisherigen Restriktionen betrifft die Gaststätten sowie die nicht essenziellen Geschäfte. Diese dürfen nun wieder bis 21.30 Uhr öffnen, allerdings nur in den Gemeinden jener Gesundheitsbezirke, die sich in der Alarmstufe 2 befinden. Für die Gemeinden der Gesundheitsbezirke in Alarmstufe 3 oder 4 gilt nach wie vor, dass Gaststätten und nicht systemrelevante Geschäfte spätestens um 18 Uhr schließen müssen.

Gaststätten und nicht essenzielle Geschäfte können etwas länger als bisher öffnen, aber längst nicht überall in Andalusien.

Coronavirus in Andalusien: Mehr als die Hälfte der Gemeinden bereits in Alarmstufe 2

Für die Zuweisung einer Alarmstufe ist die 14-Tages-Inzidenz eines, aber nicht das einzige Kriterium. Geprüft wird nämlich auch die 7-Tages-Inzidenz, die Inzidenz unter älteren Personen, die Nachverfolgung der Infektionsfälle sowie die Auslastung der Krankenhäuser. Für die Einstufung in Alarmstufe 2 gelten folgende Maßstäbe, wobei von den sechs Indikatoren mindestens drei erfüllt werden müssen, und zwar zwei der ersten vier und einer der beiden letzten. :

  • Die 14-Tages-Inzidenz muss zwischen 50 und 150 liegen.
  •  Die 7-Tages-Inzidenz muss zwischen 25 und 75 liegen.
  • Die Inzidenz unter Personen über 60 Jahre muss zwischen 50 und 100 liegen.
  • Zwischen 50 und 65 Prozent der Infektionsfálle muss man nachverfolgen können.
  • Die Belegung der Krankenhausbetten mit Covid-Patienten muss zwischen fünf und zehn Prozent liegen.
  • Die Belegung der Intenisvbetten muss zwischen zehn und 15 Prozent liegen.

In der Alarmstufe 2 befinden sich derzeit 19 der 34 Gesundheitsdistrikte der Region, die 404 der insgesamt 806 andalusischen Gemeinden auf sich vereinen, darunter auch fünf der acht Provinzhauptstädte – Córdoba, Huelva, Jaén, Málaga und Sevilla. In der Provinz Córdoba befinden sich alle vier und in der Provinz Huelva alle drei Gesundheitsbezirke in der Alarmstufe 2. Hinzu kommen vier von sechs Gesundheitsbezirken der Provinz Málaga, vier von fünf der Provinz Sevilla, drei von vier der Provinz Jáen sowie einer von fünf der Provinz Cádiz. In den drei Gesundheitsbezirken der Provinz Almería und den vier der Provinz Granada müssen die Bars und Restaurants hingegen überall noch spätestens um 18 Uhr schließen. Zwölf der andalusischen Gesundheitsbezirke, die 320 Gemeinden auf sich vereinen, befinden sich aktuell in der Alarmstufe 3 und drei Bezirke mit insgesamt 82 Gemeinden sogar in Stufe 4.

Coronavirus in Andalusien: Ostern nicht zu retten - Hoffnung auf den Sommer

Mit der eingangs erwähnten Erfahrung nach den Lockerungen vor Weihnachten begründet der Sprecher der andalusischen Regierung, Elias Bendodo, weshalb sich das Kabinett diesmal für die Deeskalation mehr Zeit lassen und nur mit kleinen Schritten voranschreiten will. Im Hinblick auf die bald anstehende Karwoche meint Bendodo schließlich, dass nicht die Rettung des Osterfestes Priorität haben muss, sondern die Verhinderung einer vierten Welle. Vorrrangig gelte es nämlich vor allem den Sommer zu retten, der für die regionale Ökonomie eine weitaus größere Tragweite habe.

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