Eine Impfspritze mit einem Tropfen an der Spitze der Nadel.
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Bis zum Sommer will man eine Herdenimmunität erreichen, doch die Rückschläge mit den Impfstoffen von AstraZeneca und Janssen erschweren das ohnehin nicht einfache Unterfangen.

Kampagne bleibt holprig

Corona-Schutzimpfung in Andalusien: Herdenimmunität bis zum Sommer?

  • José Antonio Nieto
    VonJosé Antonio Nieto
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Die Durchimpfung der Bevölkerung muss in Andalusien noch weiter beschleunigt werden, wenn man die Urlaubssaison retten will. Doch die Impfkampagne muss immer wieder neue Hürden überwinden.

Sevilla – In Andalusien sind bislang 2.047.287 Coronavirus-Schutzimpfungen verabreicht worden (Stand 15. April). Von allen erhaltenen Impfdosen sind bereits 90,9 Prozent aufgebraucht worden. 1.485.858 Personen haben zumindest eine Impfspritze bekommen, 561.429 von ihnen haben sogar schon beide zur Immunisierung erforderliche Dosen erhalten. Bei knapp 8,43 Millionen Einwohnern ist dies nicht allzu viel, etwa 17,6 beziehungsweise rund 6,6 Prozent der Bevölkerung. Positiv ist indes, dass zumindest die Durchimpfung der älteren Bevölkerung, einschließlich der ausländischen Residenten, recht weit fortgeschritten ist, in der Altersgruppe der über 80-Jährigen konnte sie sogar schon fast abgeschlossen werden. Mit der Immunisierung der 70- bis 79-Jährigen, die ab Mitte April vorgesehen worden war, konnte daher zehn Tage früher bereits begonnen werden. Ebenso wie die über 80-Jährigen wird diese Altersgruppe mit den Impfstoffen von Pfizer oder Moderna geimpft.

Corona-Schutzimpfung in Andalusien: Senioren und Risikopatienten an der Reihe

Noch früher als die 70- bis 79-Jährigen kamen in Andalusien die 55- bis 65-Jährigen an die Reihe, da für diese das Vakzin von AstraZeneca vorgesehen worden war, das in Spanien zunächst nur an Personen bis 65 Jahre verabreicht werden durfte. Die Immunisierung der unter 60-Jährigen musste indes ausgesetzt und durch die Altersgruppe der 66- bis 69-Jährigen ersetzt werden, da mit AstraZeneca nun nur noch Personen zwischen 60 und 69 Jahren geimpft werden dürfen. Dafür hat man in Andalusien bereits begonnen, Risikogruppen mit schwerwiegenden Leiden zu impfen, und zwar mit den Vakzinen von Pfizer und Moderna. Dazu gehören etwa Dialyse-Patienten, Personen mit transplantierten Organen oder die auf eine Organtransplantation warten, Krebspatienten allerdings abhängig von der Art und dem Stadium ihrer Krebserkrankung, HIV-Infizierte sowie Personen mit besonderer Immunschwäche. Geimpft werden zurzeit außerdem noch Personen mit Down-Syndrom, die über 40 Jahre alt sind.

Jede Woche werden in Andalusien inzwischen an die 350.000 Personen geimpft. Das Tempo konnte im Vergleich zu den vorangegangenen Monaten zwar schon deutlich erhöht werden, reicht aber noch immer nicht aus, um bis zum Sommer die ersehnte Herdenimmunität zu erreichen. Und genau davon hängt es ab, ob man die touristische Hochsaison wird retten können, von der die regionale Ökonomie hochgradig abhängig ist. Zumal der Sektor schon im letztjährigen Sommer drastische Einbußen wegstecken musste und das Weihnachts- wie das Ostergeschäft gar noch schlechter verliefen. Mit dem jetzigen Impfrythmus, klagt der andalusische Ministerpräsident Juanma Moreno, werde man die Herdenimmunität nicht vor Jahresende erreichen. Um den Sommer zu retten, müssten pro Woche mindestens 500.000 Personen geimpft werden.

Im Prinzip machbar, denn in den Monaten April bis Juni sollten Andalusien sechs Millionen Impfdosen erreichen. Zum Vergleich: Seit Beginn der Impfkampagne Ende Dezember bis 31. März waren in der Region erst 1,6 Millionen Impfdosen ausgeliefert worden. Und mit einer Immunisierung von 50 Prozent der Bevölkerung bis Ende Juni, meint zumindest der andalusische Tourismusminister Juan Marin, könnte die Urlaubssaison bereits ganz passabel verlaufen. Auf dem Weg dahin muss nach den Rückschlägen mit AstraZeneca aber erneut ein Stolperstein aus dem Weg geräumt werden: die bis auf Weiteres ausgesetzte Auslieferung des Vakzins von Janssen. Eine erste Sendung mit 26.150 Impfdosen hätte Andalusien Mitte diese Woche erreichen sollen. Und mit dem Impfstoff von Janssen hätte die Impfkampagne richtig Fahrt aufnehmen können, da von diesem nur eine Dosis gespritzt werden muss.

Beschleunigung der Impfkampagne: Partielle Herdenimmunität mit nur einer Dosis?

Darüber, wie man dessen Ausfall kompensieren könnte, hat man sich im andalusischen Gesundheitsministerium Gedanken gemacht. Dabei ist man auf eine mögliche, aber doch umstrittene Lösung gestoßen. Diese bestünde darin, die zweite Spritze der Impfstoffe von Pfizer und Moderna, die 21 beziehungsweise 28 Tage nach der ersten gesetzt wird, zeitlich hinauszuzögern, auf bis zu zwei Monate. Auf diese Weise würde man schneller einen hohen Bevölkerungsanteil erlangen, der zumindest mit einer Dosis geimpft ist. Als Argument hierfür wird herangezogen, dass mit der ersten Dosis bereits ein Immunisierungsgrad zwischen 70 und 80 Prozent erreicht wird. Auf diese Weise könnte man bis zum Sommer zwar keine vollständige, aber wenigstens eine partielle Herdenimmunität erreichen. Das spanische Gesundheitsministerium scheint von dieser Idee allerdings nicht viel zu halten. 

Mit Massenabfertigungen im Drive-In-Verfahren hat die Impfkampagne in den letzten Wochen Fahrt aufgenommen, aber noch immer nicht genug, um den Impfplan zu erfüllen.

Einigen muss sich das spanische Gesundheitsministerium mit jenen der Regionen auch noch darauf, was mit jenen Personen unter 60 Jahren geschehen soll, die bereits die erste Spritze von AstraZeneca bekommen hatten und auf die zweite warten, die in diesem Fall erst nach drei Monaten verabreicht wird. Betroffen sind hiervon insbesondere Berufsgruppen wie Lehrer oder Polizisten, die als prioritäre Kollektive in der Impfkampagne direkt nach den Bewohnern und Betreuern von Seniorenresidenzen an die Reihe kamen. Sollen sie für die zweite Dosis einen anderen Impfstoff verabreicht bekommen oder nur mit einer Dosis auskommen, die ihnen bereits eine relative Immunisierung bietet? Oder doch eine zweite Dosis des Impfstoffes von AstraZeneca erhalten? Die andalusische Landesregierung will diese Option offen halten, allerdings auf freiwilliger Basis, also wenn ein Betroffener es so wünscht.

Angst vor AstraZeneca-Impfstoff: Zurückweisung hält sich in Andalusien in Grenzen

Gestützt wird diese Alternative auch von der andalusischen Ärztekammer. Diese hält es nämlich für sehr unwahrscheinlich, dass bei einer Person, die nach Erhalt der ersten Spritze mit dem Impfstoff von AstraZeneca keine nennenswerten Nebenwirkungen hatte, die zweite Dosis eine schwerwiegende Reaktion hervorrufen könnte. Auch in der Bevölkerung sind die Ressentiments gegen das Vakzin von AstraZeneca wieder deutlich zurückgegangen. Als sich die negativen Schlagzeilen um AstraZeneca häuften, lehnten zunächst bis zu 20 Prozent der einbestellten Personen eine Impfung mit dem Vakzin ab. Mittlerweile ist ihr Anteil wieder auf sechs Prozent gesunken. Nicht vor dem Impfstoff müsste man Angst haben, manifestiert immer wieder auch der andalusische Gesundheitsminister Jesús Aguirre, sondern vor dem Coronavirus.

Zum Thema: Unabhängig von Multis und EU-Bestellchaos: Spanien entwickelt eigene Impfstoffe.

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