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Marleny Duarte kann im Moment noch von ihrem Ersparten leben. Wie es nächsten Monat aussieht, weiß sie nicht.

Coronavirus in Spanien

Durch Erte-Verfahren freigestellte Arbeitnehmer warten auf ihr Arbeitslosengeld

  • vonNicolas Hock
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Arbeitsämter stehen von dem Kollaps und haben das Arbeitslosengeld für März noch nicht überwiesen. Tausende von Spaniern, die im Zuge eines Erte-Verfahrens freigestellt wurden, warten auf ihr Geld.

  • Fast vier Millionen Arbeitnehmer befinden sich in einem Erte-Verfahren
  • Arbeitsämter kommen bei der Bearbeitung der Anträge nicht nach
  • Zahlungen für März und April können sich bis Juni verzögern

Málaga - „Die Ungewissheit macht mir so langsam Sorgen“, sagt Marleny Duarte. „Im Moment kann ich zwar noch von meinen Ersparnissen leben, aber lange Zeit kann ich das nicht durchhalten.“ Die 35-Jährige, die in Honduras aufgewachsen ist, aber schon seit 13 Jahren in Málaga lebt, ist am 19. März aufgrund der Coronavirus-Krise von ihrem Job in einem Friseursalon beurlaubt worden und hat seitdem noch keinen einzigen Euro vom Arbeitsamt erhalten.

So wie ihr geht es derzeit fast vier Millionen Spaniern. Rund 450.000 Unternehmen landesweit haben ihre Mitarbeiter im Zuge eines sogenannten Erte (Expediente de Regulación Temporal de Empleo; dt.: Verfahren zur zeitlich begrenzten Regulierung der Arbeit) freigestellt, da sie sich nicht mehr dazu in der Lage sahen, ihnen weiterhin ihre Gehälter zu zahlen. Ein Erte bedeutet, dass der Arbeitsvertrag für eine bestimmte Dauer ausgesetzt wird. Der Arbeitnehmer erhält in dieser Zeit im Normalfall 70 Prozent seines Gehalts vom Arbeitsamt und muss nach Ablauf des Verfahrens wieder von seinem Arbeitgeber eingestellt werden.

Ertes wegen Coronavirus-Krise ausdrücklich erlaubt

Gleich zu Beginn des Notstands hatte die spanische Regierung in ihrem Dekret vom 17. März den Unternehmen die Durchführung von Ertes aufgrund höherer Gewalten für die Dauer des Notstands ausdrücklich gestattet und kurz darauf reguläre Entlassungen wegen der Coronavirus-Krise verboten. Was zum Schutz der Arbeitnehmer und zur Entlastung der Unternehmen gedacht war, hat in der Praxis jedoch einen Haken: Die Arbeitsämter der autonomen Regionen und das staatliche Arbeitsamt Sepe (Servicio Público de Empleo Estatal) kommen nicht mehr nach, da pro Tag bis zu 80.000 Anträge auf Ertes gestellt wurden.

Normalerweise erhalten die durch ein Erte freigestellten Arbeitnehmer ihr Arbeitslosengeld bis zum 10. Tag des Folgemonats, doch meisten Betroffenen haben für den Monat März noch kein Geld bekommen. Arbeitsministerin Yolanda Díaz hatte Anfang April eingeräumt, dass dies passieren könne und den Betroffenen versichert, dass sie den Betrag für den Monat März zusammen mit dem Arbeitslosengeld für April bis zum 10. Mai erhalten werden, doch mittlerweile vermeidet sie es, Stichtage zu nennen, da ungewiss ist, ob diese auch eingehalten werden können.

Geld wird bald ausgehen

„Ich weiß nicht, wann mein Geld kommt“, sagt Fuensanta Naveros. „Wenn ich beim Arbeitsamt anrufe, ist entweder besetzt oder man kann mir keine Auskunft geben.“ Die 55-Jährige ist Angestellte in einem Unternehmen für den Vertrieb von Schönheitsprodukten und wurde bereits in den ersten Tagen des Notstands von ihrer Arbeit freigestellt. Da sie eine kleine Tochter hat und nebenbei noch einen Kredit bedienen muss, kann es bei ihr bald eng werden. „Das letzte, was ich bekommen habe, war das halbe Gehalt für den Monat März, das ich noch von meinem Arbeitgeber erhalten habe“, erklärt sie. „Bis Anfang Mai werde ich noch warten können, aber wenn bis dahin das Arbeitslosengeld noch nicht da ist, werde unter meinen Verwandten und Bekannten fragen müssen, ob mit jemand Geld leihen kann.“

Vielen von Ertes betroffenen Personen geht es genauso. Momentan kommen sie noch über die Runden, doch wenn sich die Arbeitslosengeld-Zahlungen weiter verzögern, werden sie vor Problemen stehen. Die 48-jährige Touristenführerin Alicia López kennt zwei Fälle, die auf kein finanzielles Polster zurückgreifen können.

„Ich habe zwei Freundinnen, die im Zuge eines Ertes von ihrer Arbeit freigestellt wurden, denen es ziemlich dreckig geht und die deshalb auch keine Interviews für Zeitungen geben wollen“, erzählt sie. „Eine von ihnen stand vor der Entscheidung, entweder ihre Miete zu zahlen oder Essen kaufen zu können. Sie hat sich dann für das Essen entschieden“, berichtet Alicia López. „Die andere hat die Hilfe einer Lebensmittelbank in Anspruch nehmen müssen, da sie kein Geld mehr hatte, um für sich und ihre Tochter das Essen kaufen zu können. Ein Bekannter hat ihr von der Lebensmittelbank nicht verderbliche Lebensmittel für einen ganzen Monat mit dem Auto vorbeigebracht. So musste sie wenigstens nicht selbst hingehen, denn sie hätte sich geschämt, selbst nach Almosen fragen zu müssen.“

Zahlungen können sich bis Juni verzögern

Das nationale Arbeitsministerium hat unterdessen eingeräumt, dass sich bei vielen Betroffenen die Zahlungen sogar bis Juni verzögern können. „Wir erhalten ein so hohes Volumen an Anträgen auf Ertes, dass wir saturiert sind und nur langsam bei der Bearbeitung vorankommen“, hieß es vor wenigen Tagen in einer offiziellen Stellungnahme.

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