Bürgermeister von Malaga vor einem Stadtmodell.
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Málaga hat Pläne: Bürgermeister de la Torre rechnet fix mit der Expo 2027.

Städte und Menschen

Boom-Town Málaga: Investitionen, Renditen und Verdrängung

  • Marco Schicker
    VonMarco Schicker
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Die zwei Urban Sky-Hochhäuser, die gerade auf den Markt geworfen werden, sind wie ein Fingerzeig: Málaga will hoch hinaus, mit der Expo 2027 als Krönung. Doch die Ambitionen haben auch Kehrseiten.

Málaga – Die beiden Urban Sky-Hochhäuser, mit 30 Stockwerken die bisher höchsten in Málaga, sind zwar erst zu einem Viertel gebaut, aber bereits zu 70 Prozent verkauft. Das meldet das Immobilienunternehmen AQ Acentor und belegt damit den anhaltenden Nachfrageboom für teuren Wohnraum in Málaga Stadt, wo gleichzeitig seit zwei Jahren der höchste Mietanstieg in ganz Spanien registriert wurde, einige Viertel aber auch das Potential haben, zu Armen-Ghettos zu verkommen.

Das Hochhausprojekt Urban Sky in Martiricos, unweit des Rosaleda-Stadions am Guadalmedina-Fluss in Málaga, ist nicht unumstritten, stellt es doch einen Präzedenzfall für kommende Urbanisierungsprojekte dar, sowohl kommerziell wie ästhetisch, aber auch, was die Auswirkungen auf eine angespannte Infrastruktur und die Verdrängung ärmerer Bevölkerungsschichten hat, die hier seit Generationen leben.

High Tech und Hotels: Málaga richtet Blick auf die Expo und hohe Renditen

Nach Meinung von Kritikern, sowohl aus der urbanistischen Fachwelt, der linken Opposition als auch von Anwohnern, ist Málagas Stadtentwicklung „außer Rand und Band“ und „in sozialer Schieflage“. Die Stadt Málaga investiere zwar viel, aber praktisch nur, um den Boden für jene zu bereiten, die ohnehin Geld haben. Allerdings boomt die Stadt wirtschaftlich enorm, angetrieben durch hohen Zuzug von Ausländern, High-Tech-Unternehmen, Logistik-Projekte im Umland wie der 100 Hektar Trockenhafen bei Antequera, aber auch die Aussicht auf Mega-Events wie die Expo 2027, deren Effekte die Grundstücks-, Miet- und Eigentumsmärkte bereits jetzt einpreisen, obwohl Málaga nächstes Jahr überhaupt erst seine Bewerbung abgeben kann.

Schwindelerregend: Die Urban Sky Hochhäuser und die Pläne der Boom-Town Málaga.

PP-Bürgermeister Paco de la Torre (was passenderweise Turm heißt) aber hat bereits ganz neue Stadtviertel im Visier und große Visionen: Málaga würde – nach Madrid und Barcelona und noch vor Valencia – das dritte große Wirtschaftszentrum Spaniens werden. Das Gerangel um die Filetstücke ist im Gange. Auf dem früheren Repsol-Gelände sind bereits die nächsten drei Wolkenkratzer geplant, acht weitere Projekte in luftiger Höhe stehen vor der Genehmigung, während in El Perchel oder Sant Julia „Altmieter“ mit üblen Methoden aus ihren Wohnungen gedrängt werden. Die Stadt wirkt überall wie eine Art Makler mit, heikle Bande und Nahbeziehugen zwischen Verwaltungsangestellten und Privatwirtschaft eingeschlossen.

Während um einen riesigen Hotel-Neubau im Stile arabischer Emirate direkt im Hafen von Málaga noch gestritten wird, erteilt die Stadtverwaltung fast im Wochenrhythmus neue Hotel-Lizenzen in und um das historische Zentrum, sogar in historisch bedeutenden Gebäuden wie zuletzt in einem Palacio aus dem 18. Jahrhundert. Der Rest ist ohnehin schon in AirBnB-Hand. Auch die bunkerähnliche ehemalige Post-Zentrale, mehrfach zum hässlichsten Gebäude Spaniens gewählt, wird nun aufwendig in ein Hotel konvertiert werden. Denn sie steht unmittelbar am Zentrumsbezirk am Flussbett, dass mit vielen Millionen zu einer Flaniermeile umgewandelt wird – nach dem Vorbild des Turia in Valencia.

Urban Sky Málaga: Wette auf die Zukunft

Das Urban Sky-Projekt macht auch klar, dass die neuen Häuser nicht für die spanischen Normalbürger konzipiert sein werden. AQ Acentor wirft 250 Eigentumswohnungen auf den Markt, weitere 200 sollen vermietet werden, die Etagen 0 bis 13 des Nordturms werden zum Hotel mit 260 Zimmern. Die Preise sind hoch: So werden Studio-Apartments von gerade 43 Quadratmetern für knapp 230.000 Euro angeboten, eine Wohnung mit drei Schlafzimmern gibt es ab 600.000 Euro. Über die Quadratmeter-Preise für die exklusiven Loft-Wohnungen schweigt sich der Entwickler aus.

„Als eine Wette auf die Zukunft Málagas“ preist er seine Wohnungen an, die vor allem mit etlichen Extras wie Concierge, Dachterrassen samt Fitnessstudios, Pools und anderen Annehmlichkeiten punkten. 180 Millionen Euro Investition kostet die Entwickler ihre „Wette“, die aufgrund der Umstände als gut abgesichert gelten darf.

Altes Kloster restauriert - Heiraten in der barocken Bacardi-Fabrik

Der Zufluss von privaten Investitionen aktiviert auch die Stadtkasse und erhält alte Baudenkmäler, die teils seit Jahrzehnten verfielen. Sechs Jahre und sechs Millionen Euro hat es gebraucht, um das 500 Jahre alte Kloster San Andrés zu restaurieren und künftig als Stadtbibliothek, Kultur- und gemischtes Vereinszentrum betreiben zu können. Jetzt konnte es fertiggestellt werden. Der einstige Konvent der Barfüßigen Karmeliterinnen aus dem 16. Jahrhundert, seit 1836 profanisiert, stand kurz vor dem totalen Verfall. Während der Renovierung wurden wertvolle Fresken aus dem 18. Jahrhundert freigelegt, ältere Strukturen sind mit Glasböden geschützt und sichtbar gemacht.

Das Konvent von San Andrés wurde renoviert. Doch im Viertel El Perchel wird bald vor allem abgerissen.

Die andere Seite der Medaille: Der Gebäudekomplex von San Andrés liegt im Stadtteil El Perchel, der derzeit unter massivem Gentrifizierungs-Druck steht. Anwohner, die sich üblen Räumungsmethoden ausgesetzt sehen, sehen die Instandsetzung daher mit gemischten Gefühlen, denn ihre Häuser würden gleichzeitig dem Verfall und dem Zugriff von Spekulanten preisgegeben, die das hübsche Kloster sozusagen als Bonus bekämen. Gentrifizierung über den Denkmalschutz. Während nämlich ein neues Kulturzentrum in alten Mauern - unter Stadtaufsicht - entsteht, soll ein anderes, das alternative Kulturzentrum "La Casa Invisible" geschlossen werden. Selbstbestimmung hat der Bürgermeister nicht auf dem Plan, schon gar nicht, wenn "Habenichtse" sie reklamieren. Am 7. Mai will sich "die Unsichtbare" zusammen mit den betroffenen Anwohnern von El Perchel und Santa Julia lautstark auf einer Demo äußern.

Kein Platz für alternative Kultur in Málaga? Kulturzentrum „La Casa Invisible“.

Mit rein privaten Mitteln hingegen soll der seit dem Rückzug des Namensgebers 2008 geschlossene „Cortijo Bacardi“, ein malerisches altes Franziskanerkloster und Herrenhof aus dem 17. und 18. Jahrhundert in Málagas Bezirk Churriana bald wieder geöffnet werden. Der Unternehmer José Luis Ramos, dem auch das Restaurant Baños del Carmen gehört, hat es gekauft, einschließlich der städtischen Zusage, hier Hochzeiten, Kongresse, Konzerte und andere Feste „unter den Maßgaben des Denkmalschutzes“ veranstalten zu dürfen.

Die Gebäude im feinsten ländlichen Barock dienten eine Weile der Zuckerfabrik und waren später Produktionsstätte des Rum-Riesen Bacardi. Das Ensemble sei in gutem Zustand, im filigranen Patio und den Gärten muss der Investor noch nacharbeiten. Die alte Bacardi-Fabrik wäre der angemessene Ort für die Feiern der Schönen und "Reichen", die, zum Beispiel, jetzt die Urban Sky Hochhäuser zu beziehen. Das gemeine Volk feiert hingegen wieder auf dem Campo, wie es das immer tat. Ist auch schön und nicht so teuer.

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