Sierra Nevada: Skifahren bei Nacht.
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Besonders beliebt in der Sierra Nevada: Skifahren bei Nacht. Hier die Pisten Maribel und Río im Abendlicht.

Wintersport in Spanien

Sierra Nevada: Ski-Saison 2021/22 eröffnet - Teures Vergnügen mit doppeltem Ablaufdatum

  • Marco Schicker
    VonMarco Schicker
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Die Saison 2021/22 im Skigebiet Sierra Nevada von Granada ist eröffnet worden. Dank 77 neuer Schneekanonen. Doch den erbarmungslosen Klimawandel interessiert, jetzt wo die Ski-Saison startet, weder Betreiber noch Besucher. Auch Netflix schaut vorbei.

Granada - Am 27. November hat in der Sierra Nevada in Granada die Skisaison begonnen. Bescheiden freilich, mit gerade 8,5 Kilometern befahrbaren Pisten und sechs Liften, und auch am Brückenwochende um den Nikolaus und spanischen Verfassungstag am 6. Dezember, für das bis zu 40.000 Besucher erwartet wurden, waren erst 19 der 133 möglichen Kilometer (mit gut einem Kilometer Gesamtgefälle) freigegeben sowie 12 der 21 Seilbahnen und Skilifte. Gerade fünf Zentimeter Schnee waren bisher vom andalusischen Himmel gefallen, sie wurden von den Kanonen auf 20 bis 40 Zentimeter aufgestockt. Es ist sozusagen die Vorsaison, so richtig losgehen soll es, - wenn Wetter und Schneekanonen mitspielen -, ab dem 18. Dezember, dann sollte das Vergnügen in Weiß aber fast bis Mai möglich sein.

Saison in Sierra Nevada eröffnet: Südlichstes Skigebiet Europas in mythischem Gebirge bei Granada

Die Sierra Nevada bei Granada, in Gänze ein Nationalpark, beherbergt das südlichste Skigebiet Europas und gleichzeitig das am höchsten gelegene Spaniens. Freunde des Skisports, vor allem natürlich Abfahrer, aber auch Langläufer, Schneewanderer, Snowboarder oder einfach Naturfreunde, bewegen sich hier zwischen 2.100 und 3.280 Metern über dem Meer, der höchste Gipfel, jener des Veleta, liegt auf 3.398 Metern. Und auch der Mulhacén, der höchste Berg der Iberischen Halbinsel mit 3.479 Metern, gehört in Sichtweite zum Ensemble, allerdings ohne Skipisten und Liftanlagen. Der Nationalpark Sierra Nevada ist übrigens auch zu den anderen Jahreszeiten sehenswert.

An schönen Tagen schauen die Besucher von hier oben nicht nur auf das mystische Granada, sondern bis Gibraltar und sogar nach Marokko, also Afrika hinüber. Wo sonst gibt es ein Skigebiet, in das man durch Olivenhaine gelangt und in dem man - praktisch im Auslauf - Orangen von den Bäumen pflücken kann? Die Emire von Granada ließen sich früher Schnee von den Bergen bringen, um Sorbets schlürfen zu können. Die hohen Berge als natürliche Festungsanlage sind auch einer der Gründe, warum sich die Herren der Alhambra, diesem Weltwunder, noch bis 1492 hielten. Das Schmelzwasser und die gigantischen natürlichen Wasserspeicher Berg ermöglichten, zusammen mit dem milden Klima im Tal, im Wortsinne eine endlose Blüte der Landwirtschaft. Und die kühle Brise, die allabendlich von der Sierra nach Granada hinunterfällt, ist in den heißen Sommern eine erquickliche Erfrischung.

Skifahren in der Sierra Nevada 2021/22: Teurer Spaß, 210 Schneekanonen, EU-Investitionen, Wettkämpfe, Feuerwehrstation

Pradollano, einer der Ferienorte in der Sierra Nevada, hier 2019. Am Ende der Piste El Río.

All dies interessiert die Skifans heute wenig. Sie brausen im SUV (oder das einfache Volk im stündlichen Bus von Granada) in Tiefgaragen und auf Stellplätze auf über 2.000 Meter und wollen einfach: Fun. Allerdings: Die exklusive Lage und die vielen Angebote lassen sich die Betreiber teuer bezahlen. Der Skipass-Rechner weist derzeit einen stolzen Preis von 475 Euro für Skipässe für zwei Erwachsene und zwei Kinder für drei Tage aus, etwas günstiger noch als die rund 560 Euro, die das zum Beispiel für die Skigebiete im Ötztal (Sölden etc.) in Österreich dieses Jahr kosten würde, doch für spanische Verhältnisse ist Skifahren in der Sierra Nevada ein Luxus für die Betuchten. Und für Ausländer.

Neben den Rennpisten in allen Schwierigkeitsgraden, bietet die Sierra Nevada auch betont familienfreundliche Abschnitte. Hier die Zona Borreguiles im Jahr 2019.

Für die Saison 2021/22 haben der Betreiber, also die Region Andalusien, finanziert vor allem von der EU rund 6 Millionen Euro "in Neuheiten, in die Pisten und in den Servicebereich" investiert. Die Feder-Fonds der EU, genauer das Programm React-UE, zielt dabei vor allem auf Projekte der energetischen Erneuerung ab. Man versucht umweltschonend zu erhalten, was die Umwelt, die der Mensch selbst mit zerstört, bald nicht mehr zulässt. So wurden allein für diese Saison 77 neue Schneekanonen angeschafft, - 210 sind es nun insgesamt - um ein wenig auszugleichen, was die Erderwärmung nicht mehr ausreichend liefert: Schnee. Die sind, so die Betreiber freilich "von der neuesten Generation und mit maximaler Energieeffizienz", hinzu kommen vier Pistenraupen mit Hybridantrieben, die ein Fünftel weniger Kohlendioxid ausblasen. Ohne die Armada der Schneekanonen hätte die Saison noch nicht beginnen können, nirgendwo in Europa.

Schnee- statt Meerblick. Das Restaurant Alcazaba in der Sierra Nevada bei Granada 2019.

Es gibt außer der Lage in Südspanien, nur einen Huckelpistensprung von Afrika entfernt, noch einen exotischen Fakt der Sierra Nevada: Der Betreiber, die Cetursa Sierra Nevada S.A. ist öffentlich, im Eigentum der Landesregierung Andalusien. Die hat in den letzten drei Jahren 25 Millionen Euro in das Gebiet gesteckt. Davon profitieren natürlich die Besucher, aber vor allem die privaten Betreiber von Hotels, Pensionen, Lokalen, aber auch die Firmen, die Serviceleistungen für die Lifte, Parkplätze, Sicherheitsdienste anbieten, genauso wie Skischulen und Leihdienste.

Neben dem Freizeitsport spielt hier oben auch der Vereins- und Wettkampfsport eine große Rolle. An 45 Tagen werden in der Skisaison 2021/22 insgesamt bis zu 4.000 organisierte Sportler Wettkämpfe in der Sierra Nevada durchführen, dazu gehören fünf nationale Meisterschaften von Abfahrt bis Snowboard sowie sechs Rennen des Andalusien-Pokals in verschiedenen Sportarten. Und eine Premiere ist vorgesehen: Die erste Weltmeisterschaft im "Snow Running", einem Laufevent über Schnee, für das die ISF (International Skyrace Federation) die Sierra Nevada als Austragungsort auswählte. Im Anschluss: Tapas in der Altstadt.

Kannibalen in der Sierra Nevada: Netflix stellt Flugzeugabsturz-Drama in den Anden 1972 nach

Eine weitere Neuerung und fast unglaublich: Das Skigebiet bekommt erstmals in der Geschichte eine eigene Feuerwehrstation. Der letzte Stein des Antoßes dafür war der Brand in einer Pension in Pradollano Mitte November, bei dem 13 Menschen ärztlich betreut, ein Kind sogar ins Krankenhaus gebracht werden mussten. Anwohner mussten mit ihren privaten Feuerlöschern heraneilen, um den Brand unter Kontrolle zu bekommen, denn die nächste richtige Feuerwache liegt in Granada, 40 Kilometer Bergstraßen entfernt. Der Beschluss ist nun gefasst, die Provinzverwaltung wird beauftragt, bis zur kommenden Saison eine voll funktionsfähige Feuerwehrstation im Skigebiet zu errichten, die zumindest während der Skisaison auch rund um die Uhr mit Profis besetzt sein soll.

Fun-Sportarten wie Snowboarding legen auch in der Sierra Nevada zu: Superparque Sulayr, dem in diesem Jahr noch Schnee fehlt.

"Filmreif" kommentieren viele Besucher gerne die malerische Lage der Sierra Nevada und ihrer Umgebung. Das blieb auch der Filmindustrie nicht verborgen und so hat sich für diesen Winter der Streaming-Riese Netflix in Granada angesagt und schickt den Regisseur Juan Antonio Bayona, bekannt für die Jurrassic-Park-Fortsetzung 2018, in den Naturpark Sierra Nevada, um dort den berühmten Flugzeugabsturz in den Anden 1972 nachzustellen, den 16 der 45 Passagiere nur überlebten, weil sie zu Kannibalen wurden. 72 Tage dauerte ihr Martyirum, die "Schneegesellschaft", so lautet, nach einem Roman, der Arbeitstitel der neuen spanischen Netflix-Produktion.

Gnadenloser Klimawandel auch in Sierra Nevada: Weniger Schnee, mehr Unwetter, kürzere Saisons

Der Klimawandel in Spanien und Europa macht allen Skigebieten zu schaffen, freilich den tiefer gelegenen früher und stärker als jenen in höheren Lagen. Eine Studie des Observatorio de Cambio Global de Sierra Nevada hat die letzten 50 Jahre der Skigebiete Granadas unter die Lupe genommen und konstatiert rund einen Tag weniger Niederschläge pro Jahr und einen "signifikativen Anstieg der Temperaturen auch in den Höhenlagen, vor allem seit 1970". Der Gletscher unter dem Gipfel des Veleta "ist praktisch Geschichte" und "bis zum Ende dieses Jahrhunderts werden wir um sechs Grad höhere Höchsttemperaturen messen", so die Forscher.

Zwischendurch könne es sogar "mal deutlich mehr Schnee geben", aber in einem kürzeren Zeitraum und von kurzer Dauer, "in Form von regelrechten Schneestürmen". Eine geschlossene natürliche Schneedecke den Winter hindurch wird es hingegen immer seltener geben, die Saison schmilzt an beiden Enden zusammen, so die Einschätzung von María José Polo, Professorin für Wasserwirtschaft und Leiterin des Red Guadalfeo, eines Netzes von Wetter- und Klimastationen in der Sierra Nevada. Sie beunruhigt auch, dass "ein immer größerer Teil des Schnees direkt verdunstet, noch bevor er zu Wasser werden konnte", damit leiden künftig also nicht nur die Skifahrer, sondern auch die Wasserversorgung für Landwirtschaft und Haushalte im Tal. Rund ein Drittel weniger Wasser als noch 1970 leitet die gleiche Menge Schnee heute von der Sierra Nevada ab.

Die Landesregierung, seit sie in Händen der PP und Ciudadanos ist, will über ihre Betreiberfirma Cetursa noch mehr Abschnitte als Skigebiete erschließen, auch tiefer gelegene Regionen - gegen den Rat der Wissenschaftler und zum Entsetzen der Umweltschützer, die auf den Status des Nationalparkes Sierra Nevada verweisen. "Die Kosten zur Erzeugung von Schnee werden gigantisch", warnt Polo und die Saisons dennoch kürzer und kürzer werden.

Tickets, Infos, Öffnungszeiten, Anfahrt, Angebote auf der offiziellen Webseite des Skigebiets Sierra Nevada.

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