Ein Krankenpfleger entnimmt einem Mann Blut für einen PCR-Test.
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Mit einer intensiveren Testfrequenz sollen die Infektionsherde schnellstmöglich unter Kontrolle gebracht werden.

Von der Herdenimmunität ganz weit entfernt

Corona-Infektionen in Andalusien: Neue Ausbrüche an Costa del Sol trüben neue Normalität

  • vonJosé Antonio Nieto
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Andalusien registriert eine Zunahme der Corona-Neuinfektionen in der Region Andalusien. Zuvor waren die Zahlen fast drei Monate lang kontinuierlich zurückgegangen.

  • Nur drei Prozent der Andalusier haben einer Prävalenz-Studie zufolge Antikörper entwickelt.
  • Jüngste Häufung neuer Infektionsherde bereitet den Gesundheitsbehörden in Andalusien sorgen.
  • Notfalls will die andalusische Regierung widerwillige Neuinfizierte zwangsisolieren.

Sevilla �� Nur drei Prozent der knapp 8,43 Millionen Andalusier haben bislang Antikörper gegen das Coronavirus entwickelt. Was nicht zwingend bedeutet, dass sie auf lange Sicht immunisiert sind gegen Sars-CoV-2, zumal bei Covid-19 Patienten mittlerweile festgestellt worden ist, dass sie die Antikörper nach überstandener Krankheit wieder verlieren können. Was aber auch nicht zwingend bedeutet, dass jene ehemaligen Virusträger, die keine Antikörper mehr aufweisen, nicht mehr immun sind. Denn die Zellen, welche die Antikörper herausbilden, könnten die Covid-19-Erfahrung in ihrem genetischen Gedächtnis verankert haben und bei einem erneuten Angriff des Virus die Produktion wieder aufnehmen.

Andalusien weit entfernt von Herdenimmunität gegen Covid-19

Wenn also nur drei Prozent der Andalusier wahrscheinlich immun sind gegen das Coronavirus, bedeutet das im Umkehrschluss, dass 97 Prozent auf jeden Fall noch anfällig sind, sich das Virus einzufangen und daran zu erkranken. Von einer Herdenimmunität ist Andalusien also noch sehr weit entfernt, entfernter auch als die meisten spanischen Regionen. Landesweit haben sich nämlich wenigstens 5,2 Prozent der Einwohner bereits mit Sars-CoV-2 infiziert und Antikörper gegen das Virus entwickelt. Das geht aus einem großen Prävalenz-Test hervor, der über mehrere Monate vom medizinischen Forschungsinstitut Carlos III Im Auftrag des spanischen Gesundheitsministeriums durchgeführt worden ist.

Die erste von drei Auswertungen, die Mitte Mai präsentiert wurde, hatte als Ergebnis hervorgebracht, dass fünf Prozent aller Spanier Antikörper gegen Sars-CoV-2 in sich trugen. Die Zahl hat knapp zwei Monate später nur sehr leicht zugenommen, da 14 Prozent der damaligen fünf Prozent die Antikörper nun nicht mehr aufweisen. In Andalusien ist die Zahl der Personen mit Antikörpern von Mitte Mai bis Anfang Juli etwas stärker angestiegen und zwar von 2,6 auf die erwähnten drei Prozent. Wobei die Unterschiede zwischen den einzelnen Provinzen relativ groß sind und von den 1,2 Prozent in Huelva bis zu den 4,4 Prozent reichen, die in der Provinz Jaén ermittelt worden sind.

Andalusien weist zwar die meisten Corona-Ausbrüche auf, aber nicht die gravierendsten

Wie anfällig Andalusien für eine zweite Infektionswelle sein könnte, zeigt sich auch an der Anzahl der neuen Infektionsausbrüche. In den kaum mehr als zwei Wochen seit dem Ende des Notstands und der Aufhebung der Reisebeschränkungen sind in der Region bereits 15 neue Infektionsherde ausgemacht worden. Andalusien konzentriert fast ein Viertel aller neuen Corona-Infektionsherde in Spanien auf sich, denn landesweit sind bislang an die 70 konstatiert worden. Wobei die Infektionsausbrüche in Andalusien längst nicht so gravierend sind wie etwa jene in Katalonien oder in Galicien, wo einige Gebiete inzwischen sogar wieder abgeschottet werden mussten.

Der zumindest zahlenmäßig schlimmste Infektionsausbruch in Andalusien hat sich in der Stadt Málaga ereignet, wo in einem Auffangzentrum des Roten Kreuzes für Immigranten bisher 108 Personen positiv auf das Coronavirus getestet worden sind. Die Zahl ist seit Tagen konstant geblieben, trotzdem kann eine weitere Erhöhung nicht ausgeschlossen werden, da noch nicht alle Kontaktpersonen der Infizierten einem Test unterzogen worden sind. Dennoch soll von dem Infektionsherd für die Bevölkerung keine erhöhte Gefahr ausgehen, da er räumlich relativ begrenzt ist und alle Virusträger bereits isoliert worden sind.

Den andalusischen Gesundheitsbehörden bereitet vielmehr die Provinz Granada Sorgen. Denn dort befinden sich neun der 15 Infektionsherde der Region, zwei in der Provinzhauptstadt und sechs im Großraum der Stadt Granada. Die neun Infektionsherde haben insgesamt 94 Neuinfizierte hervorgebracht, 33 allein durch einen der beiden Ausbrüche in der Stadt Granada. Als kritisch gilt indes vor allem der letzte entdeckte Infektionsherd in Belicena, einem Vorort der Provinzhauptstadt. Dort sind bislang nur sechs Neuinfizierte aufgespürt worden, diese wohnten indes einer Beerdigung bei, an der sehr viele Menschen teilgenommen hatten, die zum Teil in mehreren umliegenden Ortschaften leben.

Coronavirus in Andalusien: Provinzen im Inland von neuen Infektionsausbrüchen verschont

Vier weitere Corona-Ausbrüche haben sich in Adra (Almería), Algeciras (Cádiz), Casabermeja (Málaga), Lepe (Huelva) und Pulpí (Almería) ereignet. Von neuen Infektionsausbrüchen verschont sind in Andalusien bislang einzig die drei abseits der Küste gelegenen Provinzen Córdoba, Jaén und Sevilla geblieben. Immerhin gelten von den 15 Infektionsherden zumindest sieben bereits als kontrolliert, will heißen, dass keine weiteren Infizierten hinzugekommen sind, nachdem sämtliche Kontaktpersonen der bereits aufgespürten Virusträger einem PCR-Test unterzogen worden sind.

Nachdem sich die Covid-19-Stationen der andalusischen Krankenhäuser nach und nach zusehends geleert hatten, drohen sie sich nun langsam wieder zu füllen.

Für den Sprecher der andalusischen Regierung, Elias Bendodo, ist die jüngste Häufung der Infektionsausbrüche kein ganz so schlechtes Zeichen. Es belege nämlich, dass die Gesundheitsbehörden die Situation unter Kontrolle haben. Die neuen Infektionsherde blieben nämlich nicht mehr unentdeckt und Corona-Infizierte würde man nun rasch aufspüren, um sie isolieren zu können. Zugleich räumt der Regierungssprecher aber auch ein, dass die derzeitige Situation kritisch sei, denn eine zweite große Infektionswelle und ein erneuter Lockdown würde für die Region verheerende Folgen mit sich bringen.

Andalusien mit Notfallstufe 2 bis Ende Juli

Das Sonderkomitee, das von der Landesregierung wegen der Corona-Pandemie eingerichtet wurde und dem Elias Bendodo vorsitzt, hat nach seiner jüngsten Evaluation der Situation dann auch beschlossen, die Notfallstufe 2 zumindest bis Ende Juli aufrechtzuerhalten. Diese Notfallstufe hatte die andalusische Regierung nach dem Ende des am 21. Juni ausgelaufenen Notstands erklärt, um nicht alle bis dahin geltenden Corona-Beschränkungen aufzuheben. An eine weitere Lockerung der seither geltenden Restriktionen ist also vor August nicht zu denken.

Derweil entsendet die andalusische Regierung zwiespältige Botschaften. Einerseits mahnt sie die Bevölkerung zur Vorsicht und zu einem verantwortungsvollen Handeln wegen Corona. Und an die Gemeinden, insbesondere jene an der Küste, appelliert sie achtsam zu bleiben und größere Menschenansammlungen vor allem an den Stränden zu verhindern. Andererseits versucht sie indes die Einwohner zu beruhigen, indem sie versichert, dass die Gesundheitsbehörden in der Lage seien, Neuinfizierte aufzuspüren und auch deren Kontakte rasch zu ermitteln und auf das Coronavirus zu testen.

Präventionsplan soll Corona-Pandemie in Andalusien in Schach halten

Zu diesem Zweck hatte das andalusische Gesundheitsministerium schließlich Mitte Juni bereits einen Präventsplan beschlossen, der unter anderem die Schaffung eines Netzwerks zur Früherkennung neuer Infektionsherde vorsah, in dem die Gesundheitszentren der Region eine entscheidende Rolle spielen. Wird jemand positiv auf Sars-CoV-2 getestet, sollen innerhalb von 24 Stunden alle Personen ausfindig gemacht werden, die in den letzten 14 Tagen Kontakt zu dem Infizierten hatten, um mögliche weitere Infektionsfälle frühzeitig zu erkennen, unter medizinischer Beobachtung zu haben und falls erforderlich in Isolation zu halten.

Zu diesem Zweck sind in 1.104 Gesundheitszentren der Region Corona-Such-Teams zusammengestellt worden, wofür ingesamt 8.104 Pflegekräfte abgestellt worden waren, die bei ihrer Arbeit wiederum mit 450 Epidemiologen kooperieren. Nur wie soll man die Corona-Pandemie in Schach halten können, wenn sich ein Infizierter nicht freiwillig in Quarantäne begeben will oder sich einer Krankenhauseinweisung verweigert, falls diese von einem Arzt angeordnet werden sollte, oder wenn ein Infizierter oder auch eine Kontaktperson nicht ausfindig zu machen ist?

Für solche Fälle hat das andalusische Gesundheitsministerium ein Handlungsprotokoll erstellt, welches notfalls ein Hinzuziehen der Polizei vorsieht, sollte sich ein Corona-Infizierter den Anweisungen der Ärzte widersetzen. Bevor die Polizei einen Infizierten zwangsisoliert oder gar in ein Hospital zwangseinliefert oder auch eine Fahndung nach einem nicht auffindbaren Infizierten oder eine Kontaktperson startet, müssen sich die Gesundheitsbehörden allerdings erst an die Justiz wenden. Denn derartige polizeiliche Interventionen setzten auch in Corona-Zeiten eine richterliche Anordnung voraus.

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