Ein Kellner auf einer Terrasse in Spanien.
+
Kellner suchen sich in Spanien immer häufiger andere Branchen.

Sommer in Spanien

Spaniens Kellner auf der Flucht: Costa del Sol sucht händeringend Personal für Hauptsaison

  • Marco Schicker
    VonMarco Schicker
    schließen

„Sie wollen Sklaven, keine Kellner“: 15.000 Servicekräfte für die Urlaubssaison 2022 fehlen allein an der Costa del Sol. Auf den Baleareninseln Mallorca und Ibiza, den Kanaren oder an der Costa Blanca sieht es nicht viel besser aus. Miese Arbeitsbedingungen, explodierende Mieten und Corona-Umdenken verschärfen den Personalmangel. Mehr Gehalt zahlen wollen aber die wenigsten Arbeitgeber.

Málaga – „Hier gilt meist die 60/40/12-Regel“, erklärt Ricardo Gómez. „60 Stunden arbeiten, 40 Stunden bezahlt bekommen, aber für 12 angemeldet sein“. Mit Glück kam er so auf einen Nettomonatslohn von rund 1.000 Euro, „vom Trinkgeld sah ich fast nichts“. Von zwei zusammenhängenden Tagen frei, wie sie im Kollektivvertrag des Gastgewerbes für Málaga vorgeschrieben sind, können Kellner wie Ricardo nur träumen. „Sie wollen Sklaven, keine Mitarbeiter“, so sein Resümee, dabei ist Ricardo einer der wenigen Gelernten der bis zu 100.000 Servicekräfte, die in den 12.600 Gastronomiebetrieben und 500 Hotels entlang der Costa del Sol in der Hochsaison benötigt werden.

Costa del Sol fehlen 15.000 Servicekräfte: Spaniens Jugend hat genug von unmöglichen und illegalen Arbeitsbedingungen

„Málaga hat landesweit einen der besten Kollektivverträge“, rühmt sich die Branche, „doch junge Leute sehen das Gastgewerbe nicht mehr als Branche, in der man aufsteigen kann“, bedauern die Arbeitgeberverbände gleichzeitig. Ricardo schult sich zum Webdesigner und -programmierer um, im Home Office, „nie wieder Kellner“, ist seine Motivation. „Lieber würde ich auf dem Bau arbeiten“, erklärt er der CSN bestimmt.

An den Ricardos und Ricardas verzweifeln gerade die Wirte und Hoteliers von Málaga. Bis zu 15.000 Bedienungen, Küchenhelfer, Barkeeper würden kurz vor dem heißen Sommer, der Corona und alle Verluste wettmachen soll, fehlen. Und das allein an der Costa del Sol. Die Situation in anderen spanischen Urlaubsregionen ist nicht besser, wie Benidorm an der Costa Blanca zeigt. Keine Neuigkeit im „Land der Kellner“ und der prekären Arbeitsverhältnisse? Doch die Lage wurde verschärft durch Corona, die bei vielen Gastroarbeitern zum Umdenken führte, die familiäres Leben an Abenden, Wochenenden und Feiertagen schätzen lernten und sich daher in anderen Berufen umsehen. Von unbezahlter Mehrarbeit, unwürdigen Arbeitsbedingungen, Hitze, Lärm und mitunter erniedrigenden Chefs, die sie erst kaputtarbeiten, um sie nach Saisonende zu entsorgen, haben sie genug.

Kellner in Spanien: "Sechseinhalb-Tage-Wochen sind keine Ausnahme"

„Viele Arbeitgeber halten sich nicht an die Regeln, Überstunden, Feiertagszuschläge werden einfach nicht bezahlt, viele Bereiche sind ein echter Dschungel, sogar Sechseinhalb-Tage-Wochen eher die Regel als die Ausnahme, die jungen Leute drehen dieser Situation vermehrt den Rücken“, schätzt Lola Villaba von der Gewerkschaft CC.OO. die Lage ein. Sie bestätigt, dass „die Diskrepanz zwischen Arbeitsverträgen und Arbeitsrealität“ enorm hoch sei, trotz eines neuen Arbeitsrechts, das befristete Verträge stark reglementiert.

Miese Arbeitsbedingungen und schlechter Lohn: Spaniens Kellner kehren dem Beruf den Rücken.

Hinzu kommt, dass die massiv steigenden Mieten in und um Málaga die Provinz für Saisonkräfte aus anderen Regionen Spaniens immer unattraktiver mache. So fände man „vor allem für die Spitzenzeiten kaum noch ausreichend Leute“, meint Javier Frutos, Präsident der wichtigsten Hoteliers- und Gastrovereinigung Málagas Aehcos. Er spreche jedoch für die „Betriebe, die sich an die Normen halten, sie müssten noch mehr dafür werben, dass wir ein Sektor sind, wo man eine gute Karriere gestalten“ könne.

Die Löhne zu erhöhen, um sie dem tatsächlichen Arbeitsaufwand anzupassen und die Jobs so attraktiv zu machen, kommt nur wenigen Betrieben in den Sinn, denn die Inflation habe Material- und Betriebskosten schon bis zum äußersten ausgereizt, man könne schon jetzt längst nicht alles an die Gäste weitergeben. Kellnern mehr Gehalt zu zahlen, war auch die knappe Antwort der spanischen Regierung auf einen Hilferuf der Branchenverbände. Zeitarbeitsfirmen wie Adecco oder Randstad sollen die Personalnot für diesen Sommer an der Costa del Sol lösen. Die Probleme der Branche lösen sie nicht.

Zum Thema: Drei Gänge Spanien - Das Menú del día gestern und heute

Kommentare