70 Prozent der Stauseen in Spanien können den Bedarf der ihr zugeteilten Region dauerhaft nicht mehr decken. Momentanes Schlusslicht ist wieder La Viñuela in der Provinz Málaga, der die östliche Costa del Sol versorgen soll: 12,7 Prozent. Trotz der starken Niederschläge im März (so viel, wie seit 1980 nicht) und April 2022 akkumulierte das hydrologische Jahr von 1. Oktober 2021 bis 19. Juli 2022 ein Defizit von 26 Prozent gegenüber den Normalwerten, im Schnitt fielen auf jeden spanischen Quadratmeter in dieser Zeit 418 Liter Wasser, 566 hätten es sein müssen. Seit Mai regnete es in 80 Prozent des Landes praktisch überhaupt nicht mehr.
Die Trinkwasserreserven Spaniens lösen sich also in Luft, besser gesagt in Dampf auf. Hinzu kommt ein gefährlicher Cocktail von Exzess und Versagen: Massiver Verbrauch durch eine rekorverdächtige Urlaubssaison, viel zu wenig Niederschläge, hohe Verdunstung durch extrem hohe Temperaturen, aber auch Wasserklau und schlechtes Management in punkto Aufbereitung, Wasserüberleitung und -endverteilung sowie Defizite beim Auffangen, stellen immer mehr Kommunen vor Probleme.
Während an der Costa del Sol das Wasser aus dem Hahn zwar häufig nach Chlor riecht und schmeckt, aber noch ungebremst in Hotels und Ferienwohnungen sprudelt, müssen immer mehr Orte im Hinterland Trinkwasser bereits wieder rationieren. Die 8.000-Einwohner-Gemeinde Archidona dreht den Hahn nachts von Mitternacht bis 7 Uhr früh zu, damit die drei Brunnen sich wieder füllen können. „Unsere Reservoirs registrieren historische Tiefststände“, die Brunnen füllen sich immer langsamer, so Bürgermeisterin Mercedes Montero. Zu allem Unglück hatte auch noch einer der Motoren der Pumpen den Geist aufgegeben. Gleichzeitig steige der Wasserverbrauch „enorm“ an, vor allem für Pools und Pflanzenbeete oder weil viele meinen, täglich ihren Hof abspritzen zu müssen.
Gleichzeitig können in der Axarquía schon seit Juni rund 1.000 Hektar Agrarland nicht mehr bewässert werden, auch, weil die dort quasi in Monokultur angebauten Tropfenfrüchte Avocado und Mango, die rund das Fünfache brauchen wie z.B. Orangen, alles leertrinken. Ebenfalls im Osten der Costa del Sol, an den Stränden von Nerja und Rincón de la Victoria, aber auch in Sanxenxo in Galicien werden Duschen und Fußduschen am Strand abgestellt, immer mehr Strandgemeinden folgen diesem Schritt, in Katalonien ist es in 80 Orten bereits verboten, den Pool neu zu befüllen.
In Casabermeja, im Hinterland von Málaga, dreht das Wasserwerk „einfach mal zwischendurch am Nachmittag das Wasser ab, ohne Ankündigung“, wie mehrere Anwohner berichten, immer dann, wenn Pumpen und Aufbereitung nicht nachkommen. Das führe unter anderem dazu, dass sich Hausbesitzer Depots installieren, um für die Ausfallzeiten gewappnet zu sein und damit das System noch mehr belasten. In Fuente de Piedra mussten bereits wieder Tankwagen anrücken, um das Trinkwasser zu den Menschen zu bringen. Hier ist es weniger der Wassermangel als die zu geringe Kapazität der Aufbereitung, die das Problem verschärft. In Fuente de Piedra müssen aus dem gleichen Grund schon wieder die Tankwagen anrücken, wie in mehreren Dutzend Orten in Spanien.
Viele Aufbereitungsanlagen, auch an der Küste, sind durch den Einfluss von Lobbyisten absichtlich und trickreich so gestaltet worden, dass das aufbereitete Wasser lediglich zum Gießen von Golfplätzen und höchstens noch für die Landwirtschaft benutzt werden kann, nicht aber als Trinkwasser in den Haushalten. Kommt es dann zu amtlichen Einschränkungen, können Felder und Golfplätze trotzdem weiter gegossen werden, weil das aufbereitete Wasser ohnehin nicht als Trinkwasser taugt.
Zwar verfügen immer mehr Hotel-Pools über eigene geschlossene Aufbereitungssysteme und manche sogar über eigene Entsalzungsanlagen, außerdem sollte ein System von „Wasserautobahnen“ lokale Notlagen ausgleichen helfen, ist aber nur teilweise betriebsbereit, weil sich Land und Staat jahrelang um die Finanzierung balgten. Zudem versickern in den Dörfern Málagas mitunter drei von vier Litern Trinkwasser in maroden Rohrsystemen und vorsintflutlichen Pumpstationen. Mehrere kommunale, staatliche und Landesprogramme sollen zumindest das Wassermanagement verbessern. So geht man mit High-Tech-Kameras und Bodenradars jetzt systematisch in den Dörfern gegen Lecks vor und tauscht teils 100 Jahre Rohre aus, vernetzt die Stauseen und will, so wird es zumindest deklariert, die Aufbereitungskapazitäten erhöhen und bis zur Stufe „Trinkwasser“ nachrüsten.
Lokale Zeitungen jubelten im April, dass „Málaga Wasser für acht Monate habe“. Diese acht Monate dauerten indes nur vier. Im Vorjahr zur selben Zeit war der Stausee La Viñuela, der die Axarquía, also den Landkreis rund um Vélez-Málaga mit Wasser versorgen soll, noch zu 28,5 Prozent befüllt, im zehnjährigen Mittel zu 56 Prozent. Ende Juli sind es noch 12 Prozent, aus wasserwirtschaftlicher Sicht ist dieser Stausee "tot". In Córdoba und Jaén ist die Lage ähnlich, stehen die Stauseen bei 20 bzw. 25 Prozent, in Cádiz bei 31.
Es ist nur eine Frage der Zeit, bis auch größere Kommunen, Städte und ganze Regionen den Wassernotstand ausrufen müssen, mit dem ein Verbot des Gießens auch des privaten Gartens sowie öffentlicher Grünanlagen, einer Drosselung des Wasserdrucks bis hin zum Zusperren des Wasserhahns zu bestimmten Zeiten.
Zu Thema: Wie maurische Wassergräben Landwirtschaft und "leeres Spanien" helfen können.