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Dach und Tafel: Eine Weihnachtsgeschichte aus Málaga - noch ohne Happy End

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Von: Marco Schicker

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Dach der Kathedrale von Malaga.
Mit solchen Fotos wirbt die Diözese Málaga in der Spendenkampagne zur Erhaltung der Kathedrale. © Álex Zea/dpa

Während Málagas größte Armenküche ums Überleben kämpft und sogar hungrige Kinder wegschicken soll, kassiert die Kirche Steuer-Millionen für ein schmuckes, neues Dach auf der Kathedrale.

Málaga - Nein, man sollte das Eine nicht gegen das Andere aufwiegen, das Engagement für die Nothilfe für Bedürftige nicht gegen den ebenso nötigen Schutz von einmaligem Kulturerbe ausspielen. Das sagte ich mir immer wieder, wenn die beiden Themen, - das marode Dach der Kathedrale von Málaga und die Notlage der Suppenküche Miraflores -, aufkamen. Und das war oft in den letzten Wochen. Doch es gelingt mir nicht. Kirche und Stadtverwaltung machen in Málaga klar, wo ihre Schwerpunkte liegen, stellen sich bloß. Sie schaffen die Fakten. Ich schreibe sie auf. Schon allein damit ergreife ich Partei. Objektivität gibt es nur in der Mathematik. Im Zweifel für den Schwächeren. Das ist ein gesundes Credo, nicht nur für Journalisten. Es ist ein uraltes. Auch ein christliches. Eigentlich.

Armenküche in Málaga betreut 600 Kinder - jeden Tag

„Wenn du Kinder fragst, was sie sich zu Weihnachten wünschen und sie sagen: ‚Essen‘. Wirklich, das bricht mir das Herz“, erzählt Emilio Gómez und ergänzt, dass sein Verein mittlerweile rund 600 Kinder in Málaga betreut. Jeden Tag. Eine Subvention der Junta, der Andalusischen Landesregierung über 90.000 Euro rettet die Tätigkeit der größten Tafel Málagas, des Comedor de Miraflores. Aber höchstens bis Februar, vielleicht bis März 2023. Gómez stellt klar: „Die Landesregierung hat die übliche Subvention für kommendes Jahr lediglich vorgezogen“, mehr Geld als sonst gibt es von dort also nicht, obwohl seit Monaten der Andrang steige.

Er erwartet nach wie vor ein Zeichen, eine Lösung von Seiten des Rathauses Málaga: „Seit Monaten sind wir in den roten Zahlen“, erklärt er, der es über Jahre geschafft habe, mit einer ausgeglichenen Bilanz zu wirtschaften. Nun habe er all seinen Besitz für einen Dispo-Kredit verpfändet: „Mein Haus, mein Auto, alles gehört der Bank“, zitieren ihn die Zeitungen in Málaga. Das Problem ist seit Monaten in der Öffentlichkeit präsent. Die Sach- und Geldspenden halten dem wachsenden Andrang aufgrund der Inflation in Spanien, vor allem der Teuerung bei Lebensmitteln, nicht Stand, sie hätten sogar nachgelassen. Ist sich jeder selbst der Nächste? Vor allem an Geldspenden fehle es, mit denen sein Verein flexibel auf den Bedarf reagieren könne. Auch die Stromrechnung der Großküche zahle sich nicht von selbst.

Soziale Tafel in Málaga.
Freiwillige des Vereins „Yo Soy Tú“ in der Volksküche in Málaga. © comedorsocialyosoytu.com

Der Trägerverein der Tafel, die eigentlich fast ein Sozialzentrum ist, heißt „Yo soy tú“, übersetzt: Ich bin du. Ein Bekenntnis zur Emapthie, zur Nächstenliebe. Er betreut täglich rund 2.000 bedürftige Menschen vor allem der Stadtteile Bailén-Miraflores und Palma-Palmilla in Málaga. Aber er schaut eben nicht auf die Herkunft. Neben einer warmen Mahlzeit täglich und Lebensmittelausgaben nach Bedarf, bieten derzeit 72 Freiwillige auch Hilfe bei der Beschaffung von therapeutischem Gerät, Medikamenten oder Amtsgängen an. Warum die Stadt diese Arbeit nicht unterstützt? Sie seien in Gesprächen, formuliert der Vereinschef vorsichtig.

Suppenküche in Málaga vor dem Aus: Schließung im Februar 2023 droht

Beim letzten Termin im Oktober musste er sich von den Rathaus-Funktionären, einschließlich der Sozialstadträtin, vorwerfen lassen, er fördere das Schulschwänzen, wenn er Kindern während der Schulzeit Essen ausgebe. „Ich schicke keinen Hungernden weg, erst recht kein Kind“, habe er den Funktionären geantwortet. Dass sein Verein betont „überparteilich und nicht konfessionell“ ist, mag eine weitere Hürde für substantielle Förderungen sein, die sonst in Málaga auffallend oft ins kirchliche Umfeld fließen. Der Comedor bietet auch Halal-Gerichte an, fragt nicht nach Papieren, ist also ein Albtraum für Menschenverächter und Verwaltungsmenschen gleichermaßen. Aber er liefert auch an Menschen mit eingeschränkter Mobilität nach Hause. Damit stellt er sich in gewisser Weise in Konkurrenz zu kommerziellen Anbietern, die von der Stadt bei Sozialfällen beauftragt und natürlich bezahlt werden. Kommt die Blockade vielleicht daher?

Mittlerweile kämen „Kunden“ aus anderen, ebenfalls sozial angespannten Stadtteilen Málagas, weil die dort geförderten Tafeln mit 100 bis 150 Plätzen viel zu klein seien. „Wenn die Stadt nicht hilft, ist im Februar bei uns Schluss“, resümiert Emilio Gómez traurig. „Wo gehen diese Menschen dann hin?“ Er warte „jeden Tag auf einen Anruf“ aus dem Rathaus, man könne über alles reden, aber man müsse dann auch mal handeln. Im Moment sei es ihm aber nur wichtig, „dass jeder zumindest ein Weihnachtsessen bekommt“. Und die Kinder vielleicht auch ein kleines Geschenk dazu.

Millionen Steuergelder für Kathedrale: Kirche bettelt trotzdem um Spenden

Szenenwechsel, aber die Bühne bleibt die gleiche: Dass das lange vernachlässigte Dach der bauhistorisch bedeutenden Kathedrale von Málaga repariert gehört, darüber sind sich Kirche, Staat, Stadt und Bürger einig. Doch die massive Werbekampagne, mit der die Diözese jetzt, mitten in der Weihnachtszeit, bei den Einwohnern um Spenden „per PayPal, Bizum und Überweisung“ anklingelt, stößt bei vielen sauer auf. Sowohl in Sozialen Netzwerken, in Zeitungen oder im lokalen Fernsehen machten – auch sich als gläubige Katholiken bezeichnende – Einwohner ihrer Wut Luft.

Rund 17 Millionen Euro wird das neue Dach für die Kathedrale, die sich offiziell im Eigentum der Kirche befindet, kosten. Eine Million davon übernimmt das Rathaus Málaga, weitere 3,25 Millionen steuerte die Provinzverwaltung Málaga bei, beachtliche 5,3 Millionen Euro kommen dafür von der Landesregierung in Sevilla. Die gleiche, die der Tafel für 2.000 Menschen die 90.000 Euro Subvention für 2023 etwas früher auszahlte.

Platz an der Kathedrale von Málaga.
Málagas Kathedralen-Dach ist in die Jahre gekommen. © Marco Schicker

Alle diese Gelder für das Dach der Kathedrale kommen also aus Steuern der Bürger Andalusiens. Die Diözese habe zudem einen Kredit über 3 Million Euro aufgenommen, der Bischof musste dafür aber nicht sein klein Häuschen verpfänden. Nun fehlen ihr immer noch drei bis vier Millionen, „weil die Materialpreise durch die Inflation gestiegen sind“. Was die Kirche denn mit den ganzen steuerfreien Eintrittsgeldern der Kathedrale und den Einkünften aus hunderten Liegenschaften mache, die auf ihren Namen im Grundbuch stehen, fragen Bürger. Zumal die Gelder für Caritas und andere kirchliche, wohltätige Werke ebenfalls aus Steuermitteln kommen und dort vor allem für Personalkosten und „Strukturen“ ausgegeben werden. Ein Fakt, den die Katholische Kirche auch in Spanien selbst gerne unter ihre Beistelltischchen am Altar fallen lässt.

„Unsere Kosten sind auch gestiegen, wir helfen über Lebensmittelspenden (recogida de alimentos in den Supermärkten, Anmerkung) zu Weihnachten den Ärmsten, während die Kirche bei uns betteln geht“, schimpft ein, nach eigener Aussage, „treuer Gläubiger“. Das Problem: Es fehlt an Transparenz. Die juristische Sonderstellung der Kirche, die praktisch nur dem Vatikan rechenschaftspflichtig ist, macht es für Außenstehende unmöglich, ein wahrhaftiges Bild über die Finanzlage des Bistums Málaga oder der Kirche in Spanien insgesamt zu erhalten. So kann es schon sein, dass Klöster und Pfarreien völlig verarmt sind, aber irgendwo gehen die Einnahmen doch hin?

Spendenaufruf für Kathedrale in Málaga: Was bleibt für die Armen?

Dass der Bischof von Málaga die Steuerzahler aber nun sozusagen doppelt zur Kasse bittet, einmal über die Subventionen von Stadt, Provinz und Land und nun noch über private Spenden, halten viele angesichts der sozialen Lage vieler Malagueños für unverschämt. Die in Málaga regierende PP, die „Volkspartei“ stellt zudem derzeit Stände und Zelte auf Weihnachtsmärkten und im Zentrum der Stadt auf, um die Spendenkampagne der Kirche zu unterstützen. Eine maßgebliche Subvention oder gar ein planbares jährliches Budget und damit die Rettung der größten „Tafel“ der Stadt, die ja im Grunde auch ihre Arbeit macht, verweigert sie aber seit langem. Warum? Ein Warum, dass wir uns täglich in vielen Städten fragen können, in Spanien, in Europa, in der ganzen Welt. Es wechseln nur die Zutaten, mal sind es Militärausgaben gegen Sozialwohnungen, mal Golfplätze statt Schulen.

Freiwillige der Tafel von Malaga.
Der „comedor social“ bereitet bis zu 2.000 Essen am Tag für Bedürftige zu, ist aber nun selbst in der Krise. © comedorsocialyosoytu.com

Das Rathaus, das mit Herz und Seele lieber bei der Weltausstellung Expo 2027 in Málaga zu sein scheint, verweist auf städtische Angebote, die „einen wirklichen Ausweg aus der Armut“ anstrebten. Das ist schön, aber kurzfristig unrealistisch und ungenügend, wie ein Blick auf Málagas Straßen zeigt. Oder auf die täglichen Schlangen am Comedor Social de Miraflores. Bei Hunger hilft erstmal nur: essen. Die Tafel will helfen, keine ideologischen Debatten führen oder die Defizite der Politik korrigieren. Und ich will in diesem Artikel auch nicht auf die Tränendrüse drücken. Wer bei Kindern, die zu Weihnachten Hunger haben müssen, nicht windelweich wird, dem ist sowieso nicht mehr zu helfen.

Kirche und PP könnten in Málaga einfach für beides gleichzeitig sammeln, denke ich mir ganz unobjektiv, für das Dach und die Tafel. Oder? Vielleicht würde das so manchen Bürger sogar noch viel eher zu einer dann vielleicht größeren Spende anregen? Oder aber zum tieferen Nachdenken. Dach oder Tafel. Kirche oder Mensch. Warum eigentlich oder? Vielleicht ist es genau diese Frage, die Kirche und PP vermeiden wollen. Ein gewisser Jesus, wir feiern bald seinen Geburtstag, hat sie gestellt und selbst beantwortet. Nur seine Antwort hat nicht allen gefallen. Damals nicht und heute erst recht nicht. Frohe Weihnachten!?

Zum Thema: Morenos Steuergeschenke für Reiche in Andalusien: Eine Ohrfeige für die Armen.

Wer dem Verein „Yo soy tú“ und damit der Tafel Málaga spenden oder sonst helfen möchte (als Partner oder Helfer) und kann, findet alle Daten auf deren Webseite. Direktüberweisungen sind möglich auf: CAIXABANK: ES98 2100 8986 9302 0000 4089, UNICAJA: ES51 2103 3056 8100 3000 6794 oder mit dem spanischen Handy-Bezahlsystem BIZUM an: 02662

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